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Die subversive Kraft der Bilder: Das filmische Werk Pedro Almodóvars vor dem soziokulturellen Hintergrund Spaniens - mit Exkursen zu Luis Bunuel und zur zeitgenössischen Spanischen Bildenden und Video/Performance-Kunst

Thesis (M.A.), 2003, 112 Pages
Author: Babette Kraus
Subject: Theater Studies

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2003
Pages: 112
Grade: 1,7
Language: German
Archive No.: V14373
ISBN (E-book): 978-3-638-19792-2

File size: 967 KB


Excerpt (computer-generated)

 

Die subversive Kraft der Bilder-
Das filmische Werk Pedro Almodóvars vor dem soziokulturellen Hintergrund Spaniens

Freie wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Grades der Magistra
an der Ludwig-Maximilians-Universität München
im Fach Theaterwissenschaft

vorgelegt von Babette Kraus

München im Oktober 2002

Inhaltsverzeichnis

0. Kurzer Leitfaden durch die vorliegende Arbeit ... 0

1. Einleitung ... 1
1. 1. These, Problematik und methodische Vorgehensweise ... 4
1. 2. Forschungsleitende Fragestellungen und Zielsetzung ... 7
1. 3. ‚Denkrahmen′ und Erkenntnisinteresse ... 8
1. 4. Aktueller Forschungsstand ... 13

2. Versuch einer Annäherung an Subversion ... 15
2. 1. Begriffsdefinitionen: Subversion - subversiv ... 16
2. 2. Subversion - eine kurze Betrachtung ... 18
2. 3. Exkurs I: Das Filmische Werk Luis Buñuels ... 20
2. 3. 1. Filmbeispiel: L′Âge dór [dt. Das goldene Zeitalter] ... 24
2. 3. 2. Filmbeispiel: Las Hurdes / Tierra sin pan ... 29
2. 3. 3. Filmbeispiel: Viridiana ... 34
2. 4. Exkurs II: Zeitgenössische Kunst-Werke ... 43
2. 4. 1. Drei Video-Performances der Künstlerin Pilar Albarracín ... 45
2. 4. 2. Eine Video-Audio-Installation der Künstlerin Ana Laura Aláez ... 51

3. Das subversive Potential im filmischen Werk Pedro Almodóvars ... 56
3. 1. Deconstructing Gender: Geschlechter-Rollen in den Filmen Almodóvars ... 61
3. 1. 1. Weibliche Identität - zwischen Krise und Neubeginn ... 62
3. 1. 2. Männlichkeit im Zeichen der Gefühle: Melancholie, Todessehnsucht und Leidenschaft ... 68
3. 1. 3. Das "Andere" Geschlecht: Transsexuelle Varianten und Travestie ... 73
3. 2. Familienbande ... 78
3. 2. 1. Gegenentwürfe zur traditionellen Familie: Neue familiäre Strukturen ... 78
3. 2. 2. Kontroverse Mutter-Rollen I: Nonkonformität moderner Mutterschaft ... 79
3. 2. 3. Kontroverse Mutter-Rollen II: Zerrbilder der traditionellen Matriarchin ... 85
3. 3. Beziehungsvarianten ... 88
3. 3. 1. Eine düstere Obsession: Liebe im Zeichen des Todes und der Ewigkeit ... 89
3. 3. 2 Das Gesetz der Sehnsucht: Glück ist erzwingbar ... 94
3. 3. 3 Auf der Suche nach der Ersatzfamilie: Die Bedeutung von Freundeskreis und Geistesverwandschaft ... 97

4. Conclusio ... 100

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

 

0. Kurzer Leitfaden durch die vorliegende Arbeit

Zunächst möchte ich einen kurzen Überblick über die Strukturierung der vorliegenden Magisterarbeit geben.
Das erste Kapitel führt an das Thema der Untersuchung heran. Es erläutert mein wissenschaftliches Interesse und meine Vorgehensweise. Zuletzt umreißt es knapp den aktuellen Forschungsstand betreffend des filmischen Werkes Pedro Almodóvars.
Im folgenden Kapitel unternehme ich den Versuch, das Phänomen Subversion differenziert zu betrachten. Nach lexikalischer Begriffsklärung folgen einige kurze Gedanken über das Wesen von ‚Subversion′ im Kontext dieser Arbeit im allgemeinen. Im Besonderen wird dieser Einblick dann anhand zweier Exkurse, einem eher historisch angelegten Exkurs in die Filmkunst Luis Buñuels und einem in die zeitgenössische bildende Kunst, vertieft. Das Kapitel ist wegbereitend für die folgende Untersuchung des almodóvar′schen Filmwerkes auf seine subversive Kraft hin.
Das dritte Kapitel befasst sich mit der Subversion im (?)vre Almodóvars. Die subversive Kraft des filmischen Werkes wird dabei auf inhaltlicher und formaler Ebene betrachtet. Anhand der Filme Almodóvars, die den Corpus der Untersuchung bilden, werden zentrale Themenkreise und formal-ästhetische Besonderheiten und deren subversives Potential detailliert aufgezeigt. Um die subversive Wirkung zu verdeutlichen, werden die notwendigen Rückbezüge zum soziokulturellen Kontext der Filme hergestellt, beziehungsweise auf die soziokulturellen Erkenntnisse der Exkurse verwiesen.
Im vierten Kapitel versuche ich dann abschließend, "die subversive Kraft der Bil-der" zu bewerten.

1. Einleitung


„Das Kino bedeutet eine totale Umkehrung von Werten,
eine vollständige Umwälzung von Optik, Perspektive und Logik.
Es ist erregender als Phosphor, bezaubernder als die Liebe.“


Antonin Artaud

Pedro Almodóvar gilt als einer der herausragendsten und unkonventionellsten Regisseure des post-franquistischen Spanien. Sein filmisches Werk stößt auf kontroverse Haltungen. Es gibt Anlass zu Reflexionen und Diskussionen. Seine Filme inspirieren, amüsieren und schockieren. Sie irritieren, verstören und provozieren. Sie brechen mit Tabus und Konventionen und sie unterwandern die traditionellen Normen.

Besonders die frühen Filme1 Almodóvars zeichnen sich durch einen schrillen, punkigen Stil aus. Ihr Inhalt wirkt provokant und anarchistisch. Diese low-budget Produktionen sind geprägt vom besonderen Lebensgefühl der movida madrileña , einer Subkultur, die sich in den ersten Jahren nach Francos Tod2 in Madrid entwickelte und deren einziger Grundsatz todo valle – ‚alles geht’, lautete. Pedro Almodóvar avancierte innerhalb kürzester Zeit zu einem ihrer schillernsten Vertreter. Almodóvars erste Filme zeigen deutliche Referenzen an diese Madrider Underground-Bewegung. Eine Vielzahl befreundeter Künstler und Künstlerinnen aus diesem Milieu arbeiteten mit und/oder sind auch innerhalb seiner Filme als DarstellerInnen zu sehen, wie beispielsweise die Schauspielerin und Muse Almodóvars, Carmen Maura.3

Seither hat Pedro Almodóvar eine Reihe von Filmen gedreht, denen die speziellen anarchistischen Züge dieser ungezwungenen „Sturm und Drang“ Phase noch immer anhaften. Die Sprache der späteren Filme wirkt wohl subtiler und leiser, zugleich aber ist ihre Formulierung nun viel präziser und intensiver und erzielt daher beim Publikum erst recht eine verstörende und nachdenklich stimmende Wirkung.

Dazu trägt sicherlich auch die ästhetisch-formale Weiterentwicklung der Filmsprache Almodóvars zu seinem sehr eigenen künstlerischen Stil bei, den die Presse schon als almodovarian style bezeichnet. Durch die Besonderheiten dieses Stiles, wie beispielsweise die eigenwillige und instrumentalisierte Verwendung von Elementen der Genres melodrama oder screwball comedy, wird die Wirkung des Filminhalts auf formaler Ebene in adäquater und sinnstiftender Weise unterstützt und weitergeführt.

Interessanterweise werden gerade Almodóvars jüngere Filme auf ‚breiter’ Ebene rezipiert und generell aufgeschlossen und wohlwollend aufgenommen. Die jüngsten Filme werden darüber hinaus mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Beispielsweise hat Almodóvars vorletzter Film Todo sobre mi madre (dt. Alles über meine Mutter) den Oscar für den besten ausländischen Film des Jahres 2000 erhalten. Auch der aktuell laufende Film Hable con ella (dt. Sprich mit ihr) löst ausgesprochen positive Reaktionen aus - sowohl von Seiten des Publikums, als auch der Presse. Die Kritik äußert sich insgesamt lobend bis begeistert.

Mit diesem Erfolg geht aber eine kommerzielle Ausschöpfung und Nutzbarmachung dieses eigenwilligen und ‚unangepassten’ künstlerischen Werkes einher. Neben dem spanischen shootingstar Pedro Almodóvar mussten beispielsweise auch die Regisseure Lars von Trier oder Wong Kar-wai gleiches erleben, deren ebenfalls unkonventionellen und ambivalenten, teilweise schwer zugänglichen ‚Film-Kunst-Werke’ ab den 1990ern große Aufmerksamkeit und breite Resonanz erfuhren. Zu diesem ‚Phänomen’ konstatiert der Kritiker, Autor und Filmdozent Amos Vogel:


[...] dass der heutige Kapitalismus die Fähigkeit besitze, Opposition zu absorbieren, zu pervertieren und gleichzuschalten sowie das oppositionelle Produkt selbst in einen Gebrauchsgegenstand umzuwandeln. Wenn es nicht allzu radikal ist, kann es sogar publiziert werden, wobei es seines kultischen Appeals beraubt und gleichzeitig ideologisch durch die scheinbare Anerkennung neutralisiert wird. Solche Freiheit wirkt als Sicherheitsventil, durch das der Druck radikaler Impulse verpufft.4

Amos Vogel verweist hier auf die Gefahr des Niedergangs eines subversiven Werkes, indem es durch Mechanismen der Einbindung und Akzeptanz seiner Vitalität und oppositionellen Kraft beraubt wird. Unter dem ‚Deckmantel’ des Annehmens eines subversiven Werkes zeigen sich also die subtilen gesellschaftspolitischen Mechanismen der Entmachtung desselben.

Die positive Resonanz ist unter diesem Aspekt kritisch zu betrachten, da sie die Wertigkeit des subversiven Werkes verzerrt und verfälscht. Auch die Annahme bzw. Vereinnahmung des filmischen (?)vres Pedro Almodóvars von Seiten der Medien und der Kritik kann, zumindest teilweise, als intendiert manipulative ‚Inszenierung von Toleranz’ interpretiert werden.

[...]


1 Gemeint sind hier sowohl die nicht kommerziell vertriebenen Kurzfilme Almodóvars, die er Anfang/Mitte der 1970er Jahre meist auf Super 8 Material drehte, als auch seine ersten kommerziell vertriebenen und in Spielfilmlänge auf 16 / bzw. 35 mm Material gedrehten Filme der späten 70er und frühen 80er Jahre

2 Franco verstarb 83jährig am 20. November 1975 in Madrid

3 vgl. zur movida madrileña und zum Einfluss der Subkultur auf Almodóvars frühe Filme auch: Rabe, Cordula: Pedro Almodóvar: Nachfranquistisches Spanien und Film. Aufsätze zu Film und Fernsehen, 53. Alfeld, 1997, S. 60ff.

4 Vogel, Amos: Film als subversive Kunst. Kino wider die Tabus – von Eisenstadt bis Kubrick. Reinbek bei Hamburg, 1997, S. 358.


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