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Chatten im Netz - Sozialpsychologische Anmerkungen zum Verhältnis von Internet und Sexualität

Thesis (M.A.), 2002, 108 Pages
Author: Christiane Pönitzsch
Subject: Sociology - Gender Studies

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2002
Pages: 108
Grade: gut
Language: German
Archive No.: V14491
ISBN (E-book): 978-3-638-19882-0

File size: 720 KB


Excerpt (computer-generated)

Universität Hannover
Psychologisches Institut

Chatten im Netz -
Sozialpsychologische Anmerkungen zum Verhältnis von Internet und Sexualität

Magisterarbeit 

vorgelegt von

Christiane Pönitzsch

Sommersemester 2002

Inhalt

1. Einleitung ... 2

Teil 1: Theorie

2. Sexualität und Identität ... 5
2.1 Was ist Sexualität? ... 5
2.2 Männchen oder Weibchen? - Die Frage nach der Geschlechtsidentität ... 12
2.2.1 Kern-Geschlechtsidentität ... 13
2.2.2 Geschlechtsrolle ... 14
2.2.3 Geschlechtspartner-Orientierung ... 16
2.2.4 Geschlechtsidentität ... 18
2.3 Sexualität und Gesellschaft ... 20
2.3.1 Die neosexuelle Revolution ... 20
2.3.1.1 Die Dissoziation der sexuellen Sphäre ... 21
2.3.1.2. Die Dispersion der sexuellen Fragmente ... 23
2.3.1.3 Die Diversifikation der sexuellen Beziehungen ... 24
2.3.1.4 Sigusch′s Welt ... 27

3. Medien und Identität ... 30
3.1 Die Selbstinszenierung im "real life" ... 30
3.2 Wie Medien soziale Situationen und Rollen verändern ... 33
3.3 Die Auswirkungen der Medien auf die Identität ... 36

Teil 2: Empirische Untersuchungen

4. Im Chatroom ... 41
4.1 Die Bewohner der Webchats ... 41
4.1.1 Zahlen, Zahlen und nochmals Zahlen ... 42
4.1.2 Die Chaträume ... 48
4.2 "Bist Du m oder w?" ... 53
4.2.1 Der Nickname ... 53
4.2.2 Gender-Switching ... 57
4.2.3 "Hallo, darf ich dich kennen lernen?" ... 60
4.3 Fantasie oder Realität? ... 66
4.3.1 90-60-90: Die Selbstbeschreibung im Chat ... 67
4.3.2 Sexuelle Skripts ... 70
4.4 So nah und doch so fern - Nähe und Distanz ... 75
4.4.1 Emotionen im Chat ... 75
4.4.2 Netzbeziehungen ... 78

Teil 3 Schlussbetrachtungen

5. Folgen des Chattens ... 84
5.1 Kann das Chatten Geschlechtsidentitäten verändern? ... 84
5.2 Der Chat: Gefahr oder Chance? ... 87

6. Schlusswort ... 93

7. Literaturverzeichnis ... 96

8. Anhang ... 99

 

1. Einleitung

Wie jedes neu aufkommende Medium ist auch das Internet stark umstritten und wird eher ängstlich betrachtet. Die gute alte Briefpost wird kaum noch benötigt, man muss sich nicht mehr durch Kaufhäuser quälen, um einzukaufen, Dienstleistungen und Waren aller Art können online bestellt und Informationen im Internet abgerufen werden. Selbst zur Befriedigung unserer sexuellen Wünsche müssen wir das Haus nicht mehr verlassen. Pornografische Fotos, Videos und natürlich virtueller Sex in den Chaträumen: Ist es tatsächlich so einfach, per Mausklick zum Orgasmus zu kommen?

Als ich mich vor rund drei Jahren zum ersten Mal in einen Chat eingeloggt habe, war ich schlicht neugierig. Sich mit wildfremden Menschen unterhalten zu können, die kilometerweit entfernt ebenfalls vor dem Computer sitzen, vielleicht sogar in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent, war fast unvorstellbar für mich. Umso überraschter war ich, als ich die dortige Kommunikation verfolgte und feststellte, wie intim und teilweise vertraut die Chatter miteinander umgingen. Es hat keinen Unterschied gemacht, ob ich mich in einem explizit sexuell ausgerichteten oder eher "harmlosen" Chat ohne bestimmten Themenschwerpunkt befand: Neben allgemeinen, freundschaftlichen Gesprächen wurden fast immer auch erotische geführt. Während ich bei den Unterhaltungen über Gott und die Welt das Gefühl hatte, die Chatter würden sich schon ewig kennen und eine kleine, eingeschworene Gemeinde bilden, so schockierte mich anfangs die Offenheit, die bei der sexuell ausgerichteten Kommunikation zu beobachten war. Was genau ging da vor sich?
Wie funktioniert das, Sexualität im Chat?
Diese Frage beschäftigte mich damals; in dieser Arbeit möchte ich Antworten darauf finden.

Um zu klären, was beim Netsex, also dem virtuellen Sex, passiert, werde ich zunächst in Kapitel 2 darstellen, was unsere Sexualität eigentlich ausmacht. Die Menschen in den Chaträumen sehen sich nicht, können sich nicht berühren, einzig mittels Beschreibung von Aussehen und Handlung wird vermittelt, wer sie sind und was sie machen. Sind diese sexuellen Inszenierungen überhaupt Teil der Sexualität? Oder sollte man sie eher dem Spielen mit der Identität, speziell der Geschlechtsidentität, zuordnen? Und was ist mit unserem Sexualverhalten geschehen, wenn es Menschen augenscheinlich befriedigt, sich im Chat sexuell zu inszenieren?

Nicht nur im Internet setzen sich Menschen in Szene, auch in der Realität übernehmen wir diverse Rollen. Medien haben dabei immer schon einen Einfluss ausgeübt, weil sie zu Veränderungen der Gesellschaft und damit auch der Individuen geführt haben. Umgestaltungen im Kommunikationsverhalten und der Zugang zu Informationen wirken sich stets auf die soziale Interaktion aus. Welche Rolle den Medien, speziell dem Internet, bei den Veränderungen von Gesellschaft, Individuen und deren Identität zukommt, werde ich in Kapitel 3 erläutern.

Nach diesen beiden theoretischen Kapiteln wende ich mich in Teil 2 dem Kernstück dieser Arbeit zu: dem Analysieren der Geschehnisse im Chat. Da ich keine großangelegte Studie durchgeführt habe, werde ich neben eigenen Beobachtungen und Untersuchungen auch fremde heranziehen, die weitere nützliche Ergebnisse liefern. Die Betrachtungsweise ist dabei weit gefächert: Nach einer Beschreibung und Analyse der Internet- und Chatnutzer sowie der Chaträume habe ich mich für die Gesichtspunkte der Geschlechterdifferenz im Netz, der Einordnung der Situation im Chat in die Kategorien "real"/"fiktiv" und dem Verhältnis von Nähe und Distanz während des Chattens entschieden.

Die Resultate, die sich aus meinen (und fremden) Beobachtungen in Kapitel 4 ergeben, werde ich dann mit den zuvor entwickelten Theorien über Sexualität, Geschlechtsidentität sowie Medieneinflüssen auf unsere Identität verbinden. Die Folgen, die das Chatten für die Geschlechtsidentität und damit auch die Sexualität haben kann und die Konsequenzen, die sich dadurch für die Gesellschaft und das Individuum ergeben, habe ich nicht empirisch belegt; es handelt sich hier also um eher hypothetische Aussagen.

Mich hat das Thema "Internet und Sexualität" unter dem Gesichtspunkt des Chattens gereizt, da es bisher wenig fundierte Literatur darüber gibt. Die meisten Bücher und Aufsätze, die ich während meiner Recherche entdeckt habe, sind eher unwissenschaftlich und allgemein gehalten, ohne empirische Beobachtungen ergießen sich die Autoren in Spekulationen. Hilfreich waren die Untersuchungen von Nicola Döring und Sherry Turkle, die ich zum Teil für diese Arbeit herangezogen habe. Meine Beobachtungen und Analysen sollen dazu beitragen, Vorurteile zu beseitigen und Licht in das komplizierte Geschehen der Chats zu bringen.
Gerade für Sozialpsychologen eröffnen das Internet und die Chaträume einen großen Untersuchungsraum; zukünftig werden wir hoffentlich genauer wissen, welche Folgen das sexuell motivierte Chatten für die Gesellschaft und die Individuen haben wird.

2. Sexualität und Identität

Wenn Aussagen über das Verhältnis von Internet und Sexualität gemacht werden sollen, so muss zunächst geklärt werden, was überhaupt unter Sexualität zu verstehen ist. Das möchte ich in diesem Kapitel tun.
Zunächst werde ich den Begriff "Sexualität" definieren. Dabei gehe ich auf diverse Theorien ein, denn die Auffassung von Sexualität variiert je nach wissenschaftlicher Perspektive.
Anschließend wende ich mich der Geschlechtsidentität zu. Sie ist das Kernstück der Sexualität und kommt auch in den Chaträumen bei den sexuellen Selbstinszenierungen zum Tragen.
Noch vor wenigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, sich per Maschine mit fremden, unsichtbaren Menschen über so intime Dinge wie die eigene Sexualität zu unterhalten, geschweige denn Netsex zu praktizieren. Sexualität unterliegt gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungen; unser heutiges Sexualverhalten werde ich im letzten Abschnitt darstellen.

2.1 Was ist Sexualität?

"Sexualität: Geschlechtlichkeit, Gesamtheit der im Sexus begründeten Lebensäußerungen.1" Das Wort "Sex" oder "Sexualität" ist allgegenwärtig in unserem Leben; sei es bei Gesprächen mit Freunden, in den Medien oder in der Kunst. Doch was bedeutet es eigentlich? Beinhaltet Sexualität unsere sexuellen Handlungen, unsere Fantasien, unser Geschlecht? Ich möchte hier zwei grundlegende Definitionen von Sexualität wiedergeben. Nach der ersten Theorie ist Sexualität etwas Natürliches, Angeborenes, das zur "Arterhaltung" dient. Die zweite Theorie besagt, dass Sexualität zwar biologisch begründet sei, aber gesellschaftlichen und kulturellen Einflüssen unterliege.

[...]


1 Duden, Das Fremdwörterbuch, Dudenverlag, Mannheim, Wien, Zürich 1997


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