[...] Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem politischen Islam in der Türkei insbesondere unter
Berücksichtigung der Zeitspanne 1970-2000. Als der Brennpunkt des religiösen
Fundamentalismus bzw. politischen Islam kann das Jahr 1946 in der Türkei
wahrgenommen werden, weil es ein Kilometerstein für die Einführung des
Mehrparteiensystems bzw. der Demokratie in der Türkei war. Das Mehrparteiensystem
ermöglichte das Aufblühen der unterschiedlichen Ideologien in der Gesellschaft. Die vom
Staat unterdrückten islamischen Bewegungen begannen mit der Einführung des
Mehrparteiensystems ab 1946 wieder aufzublühen. Besonders in den 90er Jahren stand
der politische Islam in höchster Blüte, obwohl die türkische Gesellschaft mit westlicher
Kultur über Medien, Produkte, Mode und Lebensstile stärker bedrängt wurde als je zuvor.
Was geschah in den letzten 20 Jahren und warum ist der Islam in die politische Arena der Türkei zurückgekehrt? Die Beantwortung dieser Frage war nur eines der Ziele dieser
Arbeit.
Der Aufstieg des politischen Islam in der Türkei machte sich schon Anfang der 90er Jahre
extrem bemerkbar. Der große Erfolg der Wohlfahrtspartei in den Kommunalwahlen 1992
war das erste Zeichen für das Kommen der Ideologie der „Nationalen Sichtsweise: Milli
Görüs“1 in die Agenda der Türkei. [...]
1 Die Vertreterin des Politischen Islam in der Türkei ist die Partei der Milli Görüs (nationale Sichtweise = Nationale
Sicht) Bewegung. Aufgrund des türkischen Parteiengesetzes und restriktiver Artikel der türkischen Verfassung sollten die
Parteien von Milli Görüs verboten und dann geschlossen werden. Als ich meine Forschung über den Politischen Islam in
der Türkei begann, operierte die Refah-/Wohlfahrtspartei. Die Refah Partei und die nach dem Verbot der Refah durch den
Verfassungsgerichtshof gegründete Fazilet-Partei wurde auch im Jahre 2001 vom Verfassungsgerichtshof wegen
Verletzung der laizistischen Prinzipien der Republik verboten. Als ich mich dem Ende meiner Arbeit näherte, ist anstelle
der Fazilet, im Juli 2001 die Saadet Partei als 5. Partei seit 1972 von derselben Ideologie „Islamismus = Nationale Sicht“
gegründet worden. Daher werde ich meistens die Bezeichnung „Partei der Nationalen Sicht“ anstelle von bestimmten
Parteiennamen bevorzugen. Der Name einer Milli Görüs Partei wird dann eingeführt, falls das angegebene Thema nur
diese Partei betrifft. In dieser Arbeit wird häufig die politisch erfolgreichste und vom Diskurs her reichste Refah
„Wohlfahrtspartei“ untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1. Problemstellung
1.2. Aufbau der Arbeit
1.3. Sozialwissenschaftliche Aspekte des politischen Islam und Diskussionen um Zivilisationstheorien
2. POLITISIERUNG DER RELIGION
2.1. Religion, Ideologie und Politik
2.2. Islamismus: islamistischer Fundamentalismus: Politischer Islam
2.3. Laizismus und Säkularismus
2.3.1. Türkische Version des Laizismus: moderate secularism
3. HISTORISCHE ANALYSE DES RELIGIÖSEN FUNDAMENTALISMUS IN DER TÜRKEI
3.1. Religionspolitik in der Einparteienherrschaft (1923-1946)
3.2. Der religiöse Fundamentalismus zwischen 1946-1980
3.3. Der religiöse Fundamentalismus zwischen 1980-2000
3.3.1. Neo-Liberalismus und seine Auswirkungen auf den Aufstieg des politischen Islam
3.3.2. Türkisch-islamische Synthese "TIS" als Staatsideologie
3.3.3. Religiöse Orden und Milli Görüs
3.3.4. Der radikale Fundamentalismus und Milli Görüs
4. ISLAMISTISCHE PARTEI: „MILLI GÖRÜS“, DIE NATIONALE SICHT-BEWEGUNG
4.1. Geschichtliche Entwicklung der Milli Görüs Bewegung
4.2. Rechtliche Rahmenbedingungen für die politischen Parteien im türkischen politischen System
4.3. Ideologie und Diskurs der Milli Görüs
4.3.1. Die Haltung der Refah zur Demokratie
4.3.2. Die Haltung der Refah zum Laizismus
4.3.3. Haltung der Refah gegenüber der Außenwelt in Theorie und im Praxis
4.4. Organisation der Refah Partei
4.5. Wählerschaft der Refah
4.6. Wirtschaftliche Macht des grünen Kapitals
4.7. Gründe für den Erfolg der Refah
5. KRISE DES POLITISCHEN ISLAM
6. SCHLUSSBEMERKUNGEN
7. LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung des politischen Islam in der Türkei zwischen 1970 und 2000, wobei der Schwerpunkt auf der "Milli Görüs"-Bewegung und der Wohlfahrtspartei (Refah) liegt. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, warum der politische Islam als Antwort auf sozioökonomische Umbrüche und Identitätskrisen in der türkischen Gesellschaft an Bedeutung gewann und wie sich das Verhältnis zwischen laizistischem Staat und islamistischen Akteuren in diesem Zeitraum gestaltete.
- Historische Analyse des religiösen Fundamentalismus in der Türkei seit 1923.
- Strukturelle Untersuchung der Organisation, Ideologie und Wählerschaft der Milli Görüs.
- Diskussion der Rolle des "grünen Kapitals" und wirtschaftlicher Liberalisierung.
- Vergleich und Einordnung der Ansätze von "Adil Düzen" (Gerechte Ordnung).
- Untersuchung der Krise des politischen Islam und des Einflusses des Militärs.
Auszug aus dem Buch
Die Ideologie des Islamismus
Die Ideologie des Islamismus hat drei wichtige Elemente. Als erstes Element ist hier die theokratische Staats- und Gesellschaftsdoktrin zu erwähnen. Eine volle Fusion der Politik und der Religion ist in islamischer Form des Staates zu beobachten (vgl. Eisenstadt: 345ff). Mit anderen Worten, Politik und Religion sind im Islam untrennbar, weil alle Gewalt von Gott aus geht. Der Islam selbst bestimmt das politische Leben der Muslimen und in diesem Sinne ist Gott der einzige Herrscher im politischen Leben. Das gilt ebenso für die monotheistischen Weltreligionen wie die christliche und jüdische. Besonders wurde in der christlichen Religion nach den Jahrhunderte dauernden Kämpfen zwischen der Kirche und den Bürgern eine absolute Trennung von Staat und Kirche erreicht. Im Islam kam kein Konflikt in Hinblick auf die Trennung der Religion vom politischen Leben heraus. Der Grund dafür ist, dass die sozioökonomischen Umstände in der islamischen Welt anders als in der westlichen Welt waren. Ein weiterer Faktor war die Sonderposition der Scharia als allumfassendes Gesetzeswerk.
Der Fundamentalismus zielt darauf, das Konzept „Hakimiyet Allah“ im Sozialen und Politischen zu verwirklichen ab. Um diese theokratische Staats- und Gesellschaftsdoktrin rechtfertigen zu können, gehen Islamisten von dem Ausspruch des Propheten Mohammed aus: „Alle Macht und Gewalt liegt bei Allah“. Für die Dominanz von politischen und rechtlichen Normen entscheiden Islamisten stellvertretend auf die Welt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einleitung in die Thematik des politischen Islam in der Türkei, Definition des Untersuchungszeitraums und Darlegung der methodischen Vorgehensweise.
2. POLITISIERUNG DER RELIGION: Theoretische Grundlagen zur Verschränkung von Religion, Ideologie und Politik sowie Klärung der Begriffe Fundamentalismus und Islamismus.
3. HISTORISCHE ANALYSE DES RELIGIÖSEN FUNDAMENTALISMUS IN DER TÜRKEI: Historischer Rückblick auf die Religionspolitik von der Einparteienherrschaft bis zum Aufstieg des religiösen Fundamentalismus unter sozioökonomischen Einflüssen.
4. ISLAMISTISCHE PARTEI: „MILLI GÖRÜS“, DIE NATIONALE SICHT-BEWEGUNG: Detaillierte Betrachtung der Milli Görüs Bewegung, ihrer Ideologie ("Adil Düzen"), Organisationsstruktur, wirtschaftlichen Machtbasis ("grünes Kapital") und ihres Erfolgs.
5. KRISE DES POLITISCHEN ISLAM: Analyse der Spannungen zwischen islamistischen Akteuren und staatlichen Kräften, insbesondere dem Militär, und der daraus resultierenden Krise.
6. SCHLUSSBEMERKUNGEN: Zusammenfassende Bewertung der Rolle des politischen Islam und Ausblick auf die weitere Entwicklung in der türkischen Republik.
7. LITERATURVERZEICHNIS: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Politische Islam, Milli Görüs, Wohlfahrtspartei, Refah, Türkei, Laizismus, Fundamentalismus, Adil Düzen, grünes Kapital, Kemalismus, Säkularisierung, Identitätskrise, Demokratie, Islamismus, Religion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der historischen Entwicklung und politischen Rolle des politischen Islam in der türkischen Republik im Zeitraum von 1970 bis 2000.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die Politisierung der Religion, die historische Analyse des religiösen Fundamentalismus, die Ideologie der "Milli Görüs"-Bewegung sowie die ökonomischen Machtstrukturen des sogenannten "grünen Kapitals".
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Gründe für den Aufstieg des politischen Islam zu identifizieren und zu untersuchen, inwiefern die Milli Görüs Bewegung als Alternative zum etablierten laizistischen System fungierte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine historische Analyse anhand zahlreicher türkischer, deutscher und englischer Fachliteratur sowie auf empirische Forschungsergebnisse und Zeitungsberichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der geschichtlichen Entwicklung der Milli Görüs, der Analyse ihrer Ideologie (insbesondere der "Gerechten Ordnung" bzw. Adil Düzen), ihrer Organisationsformen und ihrer wirtschaftlichen Vernetzung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind politischer Islam, Milli Görüs, Refah (Wohlfahrtspartei), Laizismus, Kemalismus, gerechte Ordnung (Adil Düzen) und grünes Kapital.
Welche Rolle spielt das Konzept der "Gerechten Ordnung" (Adil Düzen) für die Bewegung?
Adil Düzen dient als alternatives, zinsfreies Wirtschafts- und Gesellschaftskonzept, das zur Abgrenzung vom westlichen Kapitalismus und Sozialismus sowie zur Mobilisierung der Anhängerschaft genutzt wurde.
Wie bewertet der Autor das Verhältnis der islamistischen Parteien zum türkischen Militär?
Der Autor stellt das Militär als den stärksten Hüter des laizistischen Systems dar, dessen Interventionen die politische Bewegung einerseits behinderten, deren ideologische Verhärtung aber indirekt mit beeinflussten.
- Quote paper
- Göksel Yilmaz (Author), 2003, Milli Görüs: Vertreterin des Politischen Islam in der Türkei: eine historische Analyse 1970-2000, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14613