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Wenn Vertrautes fremdgeht - Über die literaische Funktion der grotesken Metamorphosen bei Nikolaj Gogol in den Erzählungen Die Nase, Der Mantel, Der Newskijprospekt

Termpaper, 2003, 29 Pages
Author: Maximilian Engelmann
Subject: German Studies - Miscellaneous

Details

Category: Termpaper
Year: 2003
Pages: 29
Grade: 1
Language: German
Archive No.: V14633
ISBN (E-book): 978-3-638-19981-0

File size: 209 KB


Excerpt (computer-generated)

Wenn Vertrautes fremdgeht.
Über die literarische Funktion der grotesken Metamorphosen bei Nikolaj Gogol in den Erzählungen
Die Nase, Der Mantel und Der Newskijprospekt.


 

vorgelegt von: Maximilian Engelmann

Gliederung

1. Abkürzungen

2. Einleitung

3. Metamorphose im Konzept

4. Verfremdungen

4.1 Sprache
4.2 Perspektiven
4.3 Figuren
4.4 Phantastisches

5. entfremdete Gesellschaft

6. Funktion der Verfremdung

7. Effekt grotesker Metamorphosen

8. Zusammenfassung

Bibliografie

 

 


1. Abkürzungen

Der Primärtext wird in dieser Arbeit zitiert aus: Nikolaj Gogol, Sämtlichen Erzählungen, Düsseldorf/Zürich 1996, nach folgendem Verfahren: (Titel, Seitenangabe).

Bei Zitaten sind Hinzufügungen oder Kürzungen mit eckigen Klammern [ ] gekennzeichnet.

2. Einleitung

"Das Ziel der Kunst ist, uns ein Empfinden für das Ding zu geben, ein Empfinden, das Sehen und nicht nur Wiedererkennen ist. Dabei benutzt die Kunst zwei Kunstgriffe: die Verfremdung der Dinge und die Komplizierung der Form, um die Wahrnehmung zu erschweren und ihre Dauer zu verlängern" 1. Sklovskij geht hier von einem Wahrnehmungsautomatismus aus, d. h. dass ein wiederholt wahrgenommener Gegenstand nicht mehr wahrnehmbar sei, wenn er selbstverständlich geworden ist. Ihm geht es um Wiederentdeckung: soll ein Gegenstand wahrnehmbar werden, so muss man ihm seine Selbstverständlichkeit, seine Vertrautheit nehmen. Das kann sich einmal beziehen auf die dargestellte Welt (die Verfremdung der Dinge) und auch auf die Art und Weise der Darstellung (die erschwerte Form).

Wenn Verfremdung bedeutet, einen bekannten Gegenstand (eine bekannte Erscheinung) als unbekannt (fremd, wie zum ersten Mal gesehen, seltsam) darzustellen, dann darf das Eigentliche nicht beim Namen genannt werden. Die Dinge müssen aus ihrem Kontext herausgelöst werden.
Das künstlerische Ziel, die Wirkung der Verfremdung von Dingen und Erscheinungen kann Ausdruck der Hilflosigkeit sein, der Unfähigkeit oder der Weigerung, das Wesen der Dinge zu erkennen. Das Verfremden kann aber auch das Ziel haben, zu neuen Erkenntnissen oder Wertungen zu gelangen. Zugleich zeigt sich der Unterschied zwischen Werken, in denen durch Verfremdungen neue Erkenntnisse vermittelt werden sollen und solchen, in denen die Dinge aus der Verfremdung nicht mehr zurückkehren. Verfremdung beruht also darauf, dass bereits akzeptierte Kenntnisse, Werte,
Normen usw. überprüft und gegebenenfalls verändert werden müssen.2

Mit der Bestimmung der Funktionen der Verfemdung ist jedoch noch nichts über die künstlerischen Mittel und Verfahren gesagt, mit denen sie erreicht werden können. Verfremdungen als Methode der indirekten kritischen Wertung der Realität sind auf allen Ebenen des literarischen Werkes realisierbar. Grundvoraussetzung für eine Abgrenzung der Verfremdung besteht in ihrer Funktionsbestimmung als Kritik sowie des "Neu-Sehens"3 allzu gewohnter Gegenstände und Erscheinungen. Erst bei deren Betrachtung können Verfremdungen auf den verschiedenen Ebenen des literarischen Werkes nachgewiesen werden. Eine Unterteilung in verschiedene Anwendungsbereiche nach diesen Instrumentarien erscheint für diese Arbeit sinnvoll.4

Erstens: Zunächst sind rein sprachliche Verfremdungen auf der Ebene des Wortes oder einer Wortgruppe möglich. Es kann sich um Abweichungen von der ‚normalen′ Schreibweise oder/und Bedeutung handeln. Aber auch Metaphern, Periphrasen oder Wortspiele könnten diese Aufgabe haben.
Zweitens: Eine Bestimmung ist auch für die Anwendung einer verfremdenden Erzählperspektive möglich. So kann durch Nicht-Erkennen von Gegenständen und Erscheinungen eine kritische Wirkung erzielt werden. Außerdem provoziert eine beständig wechselnde Perspektive ein ruheloses Betrachten.
Drittens: Während in den eben genannten Fällen die Figuren als Mittler auftreten, ist es auch möglich, diese selbst zu verfremden.
Viertens: Zu untersuchen sind außerdem phantastische Elemente, die ebenfalls Verfremdung inszenieren können. Gerade durch Figuren und Ereignisse, die nicht einfach fiktiv sind, sondern in der Realität gar nicht existieren können, ist es möglich, Verhältnisse und Verhaltensweisen kritisch zu betrachten.

Aus den vier skizzierten Anwendungen ergibt sich, dass Verfremdungen auf vielen Ebenen eines literarischen Werks anzutreffen sind und sich auf die dargestellte Welt, wie auf die Darstellung selbst beziehen können.
Dieser Arbeit liegt nun die These zugrunde, nach der die grotesken Metamorphosen in den Erzählungen von Gogol - Die Nase, Der Mantel, Der Newskijprospekt - ein Verfahren der Verfremdung organisieren. Es soll exemplarische untersucht werden, inwieweit die vier oben dargestellten Anwendungsbeispiele auf die Erzählungen zutreffen und welche Intentionen Gogols sich hinter dem Verfahren der Verfremdung verbergen.

3. Metamorphose im Konzept

[...]


1 Sklovskij, Viktor: Theorie der Prosa, Hrsg. Gisela Drohla, Frankfurt am Main, 1966, S. 14.
2 Vgl. Jonscher, Beate: Viktor Sklovskij. Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung des Verfremdungsbegriffs und seiner Entwicklung, Jena, 1994, S. 119-122.
3 Vgl. Lachmann, Renate: Die "Verfremdung" und das "Neue Sehen" bei Viktor Sklovskij, in: Poetica, 1970, Nr. 1-2, S. 226-249.
4 Vgl. Jonscher, S. 120 (siehe Anm. 2).


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