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Seminararbeit, 1997, 26 Seiten
Autor: Laura Dahm
Fach: Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Details
Institution/Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Inst. für Soziologie)
Tags: Sexueller, Mißbrauch, Soziologie, Sexualität
Jahr: 1997
Seiten: 26
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-20027-1
ISBN (Buch): 978-3-638-68281-7
Dateigröße: 210 KB
Dichter Text.
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Zusammenfassung / Abstract
Seit ungefähr zehn Jahren lebt die öffentliche Debatte über das Problem der sexuellen Kindesmißhandlung nun auf. Dabei wird von hohen Fallzahlen und einem großen Dunkelfeld ausgegangen. Die breite Öffentlichkeit und sozialarbeiterisch Tätige werden in Öffentlichkeitskampagnen und Fortbildungsveranstaltungen geschult, die Normalität der sexuellen Kindesmißhandlung zu unterstellen. Besonders die derzeit überlaufenen Beratungsstellen verfolgen einen missionarischen Aktivismus. Zu dem Thema gibt es auch zahlreiche Veröffentlichungen, die allerdings meist nur bekannte Behauptungen wiederholen. Das erregte und unkritische Klima trägt dazu bei, daß Kinder nicht selten ohne Rücksicht auf die Familie noch auf die gesetzlichen Bestimmungen aus den Familien gerissen werden. Diese autoritäre Eingriffspraxis läßt vermuten, daß dem Kinderschützer der Mißbrauchsverdacht gerade recht kommt. Auch die Gerichte versäumen es allzu oft, die Arbeit der Jugendämter zu kontrollieren, so daß es tragische Konsequenzen hat, wenn ein Verdacht sich als falsch erweist aber das Kind bereits als Mißbrauchsopfer behandelt wird. Diese falschen Fälle sind sehr häufig und gehen auf das Konto von Erziehern, Psychologen und Pädagogen. Allerdings werden solche Fehlverurteilungen verleugnet. Die Sozialen Dienste laufen Gefahr, Eingriffsbehörden des Staates zu werden. In ihrem Übereifer neigen sie dazu, bei Hilfesuchenden eine persönliche und familiäre Katastrophe heraufzubeschwören. Zunächst möchte ich in meiner Hausarbeit auf das Phänomen des sexuellen Mißbrauchs eingehen. Hierunter sollen Kennzeichen, Häufigkeit, Befund und das Umfeld von sexuellem Mißbrauch behandelt werden. Weiterhin stelle ich zwei Deutungsmuster des sexuellen Mißbrauchs dar sowie ich genauer auf den sexuellen Mißbrauch von Jungen eingehe. Das zweite Kapitel befaßt sich mit der Popularisierung des Problems. Wie sehen die Reaktionen und Interventionen der Öffentlichkeit aus? Die Verdächtigung und die Folgen für alle Beteiligten wird thematisiert und es wird das neue Interesse am sexuellen Mißbrauch untersucht. Im letzten Abschnitt befasse ich mich mit Ursachen, Wirkungen und Folgen von sexuellem Mißbrauch. Außerdem betrachte ich noch den Wandel der Eltern-Kind-Beziehung.
Textauszug (computergeneriert)
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Soziologie
SS 1997
Thema:
Sexueller Mißbrauch
Der Mißbrauch mit dem Mißbrauch
Laura Dahm
0. EINLEITUNG 1
1. DAS PHÄNOMEN DES SEXUELLEN MIßBRAUCHS 2
1.1. KENNZEICHEN VON SEXUELLEM MIßBRAUCH 4
1.2. DAS UMFELD VON SEXUELLEM MIßBRAUCH 4
1.3. HÄUFIGKEIT UND BEFUND SEXUELLEN MIßBRAUCHS 5
1.4. ZWEI DEUTUNGSMUSTER: TRIEBVERBRECHEN UND MIßBRAUCH 7
1.5. SEXUELLER MIßBRAUCH VON JUNGEN 8
2. SEXUELLER MIßBRAUCH IM ÖFFENTLICHEN DISKURS 9
2.1. REAKTIONEN UND INTERVENTIONEN DER ÖFFENTLICHKEIT 12
2.2. URSACHEN FALSCHER VERDÄCHTIGUNGEN UND DIE FOLGEN 14
2.3. DAS NEUE INTERESSE AM SEXUELLEN MIßBRAUCH 15
3. URSACHEN, WIRKUNGEN, FOLGEN 16
3.1. URSACHEN DES SEXUELLEN MIßBRAUCHS 17
3.2. WANDEL DER ELTERN-KIND-BEZIEHUNG 18
3.3. LANGFRISTIGE WIRKUNGEN 19
4. FAZIT 21
5. LITERATURVERZEICHNIS 24
0. Einleitung
Seit ungefähr zehn Jahren lebt die öffentliche Debatte über das Problem der sexuellen Kindesmißhandlung nun auf. Dabei wird von hohen Fallzahlen und einem großen Dunkelfeld ausgegangen. Die breite Öffentlichkeit und sozialarbeiterisch Tätige werden in Öffentlichkeitskampagnen und Fortbildungsveranstaltungen geschult, die Normalität der sexuellen Kindesmißhandlung zu unterstellen. Besonders die derzeit überlaufenen Beratungsstellen verfolgen einen missionarischen Aktivismus. Zu dem Thema gibt es auch zahlreiche Veröffentlichungen, die allerdings meist nur bekannte Behauptungen wiederholen.
Das erregte und unkritische Klima trägt dazu bei, daß Kinder nicht selten ohne Rücksicht auf die Familie noch auf die gesetzlichen Bestimmungen aus den Familien gerissen werden. Diese autoritäre Eingriffspraxis läßt vermuten, daß dem Kinderschützer der Mißbrauchsverdacht gerade recht kommt.
Auch die Gerichte versäumen es allzu oft, die Arbeit der Jugendämter zu kontrollieren, so daß es tragische Konsequenzen hat, wenn ein Verdacht sich als falsch erweist aber das Kind bereits als Mißbrauchsopfer behandelt wird. Diese falschen Fälle sind sehr häufig und gehen auf das Konto von Erziehern, Psychologen und Pädagogen. Allerdings werden solche Fehlverurteilungen verleugnet. Die Sozialen Dienste laufen Gefahr, Eingriffsbehörden des Staates zu werden. In ihrem Übereifer neigen sie dazu, bei Hilfesuchenden eine persönliche und familiäre Katastrophe heraufzubeschwören.
Meine folgenden Ausführungen basieren hauptsächlich auf dem „Handbuch sexueller Mißbrauch“ von Rutschky und Wolff aus dem Jahr 1994. Sie verfolgen eine angemessene Behandlung des Problems, um „das Thema aus den ideologischen Fahrwassern herauszumanövrieren“ (Rutschky, Wolff 1994, S. 8).
Die Frauenbewegungen, die auf das Problem hinwiesen, glauben den alleinigen Anspruch auf dessen Bearbeitung zu haben. Der interventionistischen und straforientierten Strategie parteilichen Kinderschutzes fehlt es an wissenschaftlicher Fundierung, sie ist widersprüchlich und methodisch veraltet sowie kontraproduktiv.
Polizeiliche und justitielle Vorgehensweisen werden willkürlich mit therapeutischen und sozialarbeiterischen gemischt. Die Inanspruchnahme einer Therapie wird angeordnet, so daß die Sozialen Dienste das doppelte Mandat von Hilfe und Repression beanspruchen. Die Konsequenz: Familien in Notlagen suchen nicht mehr selbst Hilfe. Das Verstehenskonzept wird einem abstrakten Machtkonzept geopfert, an die Stelle einer Arbeit am Konflikt tritt die Aufdeckung längst Geahntem. Der Appell, Kindern zu glauben kontrastiert damit, sie auszuforschen und ihr Verhalten zu entschlüsseln. Kinder sind Träger eigener Rechte, deren Privatsphäre respektiert werden muß. Leider bedeutet Kinderschutz häufig einen Machtkampf zwischen den jeweiligen Sorgerechtsinhabern und Experten und Amtsinhabern.
Wegen zahlreicher Auseinandersetzungen vor Straf- und Familiengerichten sollte man im Interesse von Beschuldigten und von fälschlich stigmatisierten Mißbrauchsopfern die Anforderungen an die Begutachtung und mögliche Fehlerquellen genau beschreiben.
Mangels Opfer fließt der Aktionismus von Kinderschützern in Fortbildung und Prävention. Das Phänomen der unheimlichen Begeisterung für das sexuell mißbrauchte Kind und seine Rettung in den Medien, in der Politik, in Frauengruppen und in Teilen der Fachwelt wird auch als „Mißbrauch mit dem Mißbrauch“ bezeichnet. Die von Rutschky et al. lautgewordene Kritik betrifft die Forderung nach methodisch-sachlicher Arbeit, die allerdings nicht als Täterschutz oder kinder- und frauenfeindliche Diffamierung zu verstehen ist (vgl. Rutschky, Wolff 1994, S. 7-10). Ich versuche die Frage der Problemdefinition von sexuellen Mißbrauch und dessen Umgang auf gesellschaftlicher Ebene zu beantworten. Inwieweit gleicht die mit den Präventionsversuchen verbundene Achtsamkeit einer Bespitzelung und rigiden sozialen Kontrolle? Werden die gesellschaftlich eingeleiteten Maßnahmen nicht zum eigentlichen Problem?
Zunächst möchte ich in meiner Hausarbeit auf das Phänomen des sexuellen Mißbrauchs eingehen. Hierunter sollen Kennzeichen, Häufigkeit, Befund und das Umfeld von sexuellem Mißbrauch behandelt werden. Weiterhin stelle ich zwei Deutungsmuster des sexuellen Mißbrauchs dar sowie ich genauer auf den sexuellen Mißbrauch von Jungen eingehe.
Das zweite Kapitel befaßt sich mit der Popularisierung des Problems. Wie sehen die Reaktionen und Interventionen der Öffentlichkeit aus? Die Verdächtigung und die Folgen für alle Beteiligten wird thematisiert und es wird das neue Interesse am sexuellen Mißbrauch untersucht. Im letzten Abschnitt befasse ich mich mit Ursachen, Wirkungen und Folgen von sexuellem Mißbrauch. Außerdem betrachte ich noch den Wandel der Eltern-Kind-Beziehung.
1. Das Phänomen des sexuellen Mißbrauchs
Eine allgemeine Definition von Kindesmißhandlung meint die gewaltsame physische oder psychische Beeinträchtigung des Kindes durch die Eltern oder Erziehungsberechtigten. Sie entstehen durch elterliche Handlungen oder Unterlassungen. Engerer Mißhandlungsbegriff bedeutet die körperliche Verletzung des Kindes. Ist diese nicht sichtbar, werden Intensitätsgrade des schädigenden Handelns und Abweichung von Normen zum Kriterium gemacht. Weiter gefaßte Mißhandlungsbegriffe meinen Handlungen oder Unterlassungen, die nur bedingt zu körperlichen Verletzungen des Kindes führen oder als geringere Normabweichung gelten.
In strafrechtlichen Kontexten und zum Schutz der Autonomie der Familie wird ein enger Mißhandlungsbegriff gefordert, während Vertreter präventiver Interventionsansätze und die sozialwissenschaftlichen Forschungsansätze einen weiteren Gewaltbegriff verwenden. Körperliche Mißhandlung sind gewaltsame Handlungen, die beim Kind zu Verletzungen führen können, abhängig von der Empfindlichkeit des kindlichen Organismus und situationalen Umständen. Über die Häufigkeit ist wenig bekannt, da keine Meldepflicht für Kindesmißhandlungen besteht. Dennoch zeigt sich aus Untersuchungen, daß die Hälfte bis zwei Drittel deutscher Eltern ihre Kinder körperlich bestrafen. Die scheinbar zunehmenden Mißhandlungsfälle sind auf eine erhöhte Sensibilisierung zurückzuführen.
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