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Wie "machiavellistisch" ist Machiavelli?

Scholary Paper (Seminar), 2003, 18 Pages
Author: Arndt Schreiber
Subject: Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal

Details

Event: Klassiker der Staatsphilosophie
Institution/College: University of Freiburg (Seminar für Wissenschaftliche Politik)
Tags: Machiavelli, Klassiker, Staatsphilosophie
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2003
Pages: 18
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V14757
ISBN (E-book): 978-3-638-20067-7

File size: 245 KB


Excerpt (computer-generated)

Wie „machiavellistisch“ ist Machiavelli?

 

 


Arndt Schreiber

Inhalt

0. Einleitung 1

1. Die politische Krise Italiens als Ausgangspunkt 2

2. Machiavellis Weg zu einem neuen Verhältnis von Moral und Politik 3

2.1. Politik im Wirkungsdreieck von necessità, fortuna und virtù 4
2.2. Der principe nuovo als Retter des politischen Gemeinwesens 5

3. Die Selbsterhaltung des Staates als absolute politische Moral  7

3.1. Machiavellis Umwertung der Werte 7
3.2. Niccolò Machiavelli – Der Lehrer des Bösen? 9
3.3. „Ich liebe mein Vaterland mehr als meine Seele.“ 10

4. Schlussbetrachtungen 12

5. Quellen- und Literaturverzeichnis 14

 

 


Einleitung

Vorsätzliches Lügen, kalkuliert eingesetzter Wortbruch und völlige Indifferenz gegenüber moralischen Imperativen, gepaart mit äußerster Skrupellosigkeit bei der Verfolgung sowohl rein machtpolitischer als auch privat-egoistischer Interessenslagen umfassen im nichtwissenschaftlichen Sprachgebrauch die bei weitem am häufigsten genannten Attribute „machiavellistischen“ Handelns. In nahezu allen europäischen Sprachen ist der Familienname Niccolò Machiavellis zum „Epitheton für einen Schurken“1 geworden, und auch seinem Vornamen erging es nicht besser: „Old Nick“ nennen die Engländer bis heute scherzhaft-umgangssprachlich den Leibhaftigen selbst. Doch trifft solch zweifelhafter Ruhm den Florentiner Staatsmann und Autor der berüchtigten Ratschläge an den „neuen Fürsten“ zu Recht? Konnte sich tatsächlich erst durch seine politische Theorie das Verbrechen der Politik bemächtigten? Oder etwas pointierter gefragt: Wie „machiavellistisch“ ist das Werk Machiavellis wirklich?

Zur Beantwortung dieser Frage sollen im dritten Kapitel dieser Arbeit die zwei vielleicht am häufigsten wiederholten Thesen der Machiavelli-Kritik diskutiert werden. Das betrifft zum einen den hier von René König erhobenen Vorwurf, Machiavellis Werk stehe für eine „Umwertung der Werte“ und zum anderen die zuletzt von Leo Strauss vertretene Ansicht, der Florentiner habe als „Lehrer des Bösen“ die Politik in Theorie und Praxis bis heute korrumpiert und trage daher letztlich auch die Verantwortung für die Gewaltherrschaften des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus gilt es das von Strauss als problematisch bewertete Verhältnis Niccolò Machiavellis zur Religion im allgemeinen und zum Christentum im besonderen etwas genauer zu untersuchen. Eine solche Erörterung setzt freilich die zuverlässige Kenntnis der anthropologischen und geschichtstheoretischen Grundannahmen dieses ersten Staatsphilosophen der Neuzeit voraus, deren knapper Skizzierung sich daher das vorangehende zweite Kapitel widmen wird. Die beiden politisch-philosophischen Hauptwerke Machiavellis, also der „Principe“ (1513) und die „Discorsi“ (1522) bildeten bei der Fertigstellung dieser Arbeit die primäre Textgrundlage. Da die lange Zeit heftig umstrittene Politikberatung des Florentiners wie kaum bei einem anderen Denker jener Zeit jedoch nur vor dem Hintergrund seiner ganz unmittelbaren Krisenerfahrung zu verstehen ist, wird sich das folgende erste Kapitel zunächst einmal deren skizzenhaften Nachzeichnung zuwenden.

1. Die politische Krise Italiens als Ausgangspunkt

Der am 3. Mai 1469 in Florenz geborene Niccolò Machiavelli wurde schon frühzeitig Zeuge gravierender gesellschaftlicher, kultureller und politischer Veränderungen. In den oberen Klassen der reichen italienischen Handelsmetropolen war die jenseitsorientierte Frömmigkeit des Mittelalters fast vollständig der humanistischen Entdeckung des diesseitigen menschlichen Lebens gewichen. Zudem hatte sich mit dem aufstrebenden Frühkapitalismus eine auf hemmungslose Gewinnmaximierung abzielende Rationalität entwickelt, welche die Verbindlichkeit der mittelalterlichen Ethik ihrerseits in Frage stellte. Der ökonomische Enderfolg schien nunmehr – nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer in Italien seit langem anhaltenden Wirtschaftskrise – nahezu jedes Mittel zu rechtfertigen; draufgängerische Skrupellosigkeit und schrankenloser Egoismus galten daher vielen Zeitgenossen inzwischen auch über den Wirtschaftsalltag hinaus als bewundernswerte Eigenschaften: „Die Bösen werden wegen ihrer Geschicklichkeit gelobt, die Guten wegen ihrer Einfalt getadelt.“2 Auch die politische Praxis der europäischen Staaten hatte sich ganz offen von den theologischen Normen des Mittelalters gelöst. Ihre ständig wechselnde Bündnispolitik, vor allem jedoch die endlosen Machtkämpfe im Inneren hatten nicht nur die Republik Florenz am Ende des 15. Jahrhunderts in eine tiefe politische Krise geführt. Allgemeine Unsicherheit und Zukunftsangst sowie ein weitverbreiteter Pessimismus kontrastierten daher die kulturelle Blüte der italienischen Spätrenaissance. Auf seinen außenpolitischen Missionen für die Florentiner Signoria und als leitender Sekretär der unter anderem für Militärfragen zuständigen „Kanzlei der Zehn“ gewann Machiavelli ab 1498 tiefreichende Einblicke in die Krisensymptome jener Zeit. Nach dem Sturz der Republik im Jahr 1512 aller bisherigen Ämter enthoben und fortan zu politischer Untätigkeit verurteilt, widmete er sich ab 1513 als Schriftsteller der Frage, wie die krisengeschüttelten italienischen Stadtstaaten dauerhaft zu stabilisieren seien. Die Lösung dieses Problems konnte für Machiavelli allein aus der sorgfältigen Analyse vergangener politischer Erfolge und verhängnisvoller Fehlentscheidungen erwachsen. Weil die Welt immer so gewesen sei „wie jetzt, von Menschen bewohnt, die stets dieselben Leidenschaften hatten“, erblickte er bereits 1503 in der Geschichte „die Lehrmeisterin unserer Handlungen.“3 Seine besondere Aufmerksamkeit galt dabei dem Studium der Antike. „Meine Römer dienen mir immer zum Muster“4 lässt der Florentiner Republikaner Machiavelli sein Alter ego Colonna in der „Kriegskunst“ (1520) einleitend sagen, erhoffte er sich doch von der pragmatischen Nachahmung der für ihn mit ihrer Mischverfassung vorbildlich geordneten einstigen römischen Republik letztendlich die Wiedereinführung des gestürzten republikanischen Gemeinwesens in Florenz. Damit ganz der zeitgenössischen Strömung des Renaissancehumanismus und dessen Antike-Ideal verpflichtet, begriff Niccolò Machiavelli Geschichte also nicht mehr als Ergebnis göttlicher Vorsehung, sondern erkannte in den herausragenden Ereignissen der Vergangenheit einzig die Resultate der beispielhaften Taten großer Männer.5

2. Machiavellis Weg zu einem neuen Verhältnis von Moral und Politik

[...]


1 Macaulay, Thomas: Machiavelli, Heidelberg 1994, S. 4.
2 Machiavelli in seiner „Geschichte von Florenz“ (1525); zitiert nach Münkler, Herfried: Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz, Frankfurt/M. 1984, S. 333.
3 Zitiert nach Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, München 1988, S. 54.
4 Zitiert nach Kersting, Niccolò Machiavelli, S. 56.
5 Vgl. ebd., S. 57-59.


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