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Zum Problem des Autors kirchenslavischer Texte: Autorenintentionen und Geschichtsmetaphysik in der Kiever Rus

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1997, 23 Pages
Author: Harms Mentzel
Subject: Russian / Slavic Languages

Details

Event: Altkirchenslavischer Text. Seine Entstehungsgeschichte, Struktur und Interpretation
Institution/College: Martin Luther University (Institut für Slavistik)
Tags: Problem, Autors, Texte, Autorenintentionen, Geschichtsmetaphysik, Kiever, Altkirchenslavischer, Text, Seine, Entstehungsgeschichte, Struktur, Interpretation
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 1997
Pages: 23
Grade: 1 (sehr gut)
Language: German
Archive No.: V14855
ISBN (E-book): 978-3-638-20151-3
ISBN (Book): 978-3-640-16095-2
File size: 216 KB

Abstract

Tschižewskij verteidigte sich im Vorwort zu seinem Abriss der altrussischen Literatur gegenüber dem Vorwurf, dass eine Beschäftigung mit ihr uninteressant wäre, da deren Inhalte fremd seien und sie auch formell nicht dem modernen ästhetischen Geschmack entspräche. Tatsächlich sei es jedoch interessant, sich mit ihr auseinanderzusetzen, da sie nicht nur über die Vergangenheit aus „erster Hand“ informiere, sondern auch Grundlage der neueren russischen Literatur sei. In der Tat sind Inhalt und Form der altrussischen Texte im ostslavischen Kulturbereich (denn um diese soll es in vorliegender Arbeit gehen) für heutige Leser sehr fremdartig.1 Aber gerade diese Fremdartigkeit macht den geradezu exotischen Reiz der alten Texte aus. Warum wählten deren Autoren wohl ganz bestimmte Themen, die sie in einer ganz bestimmten Art und Weise bearbeiteten? Die Beschäftigung mit diesen Texten, die Diskussion darüber, hilft uns vielleicht besser als jede Sekundärliteratur anderer historischer Disziplinen, den (allerdings gebildeten) Menschen des russischen Mittelalters, damit seine Welt und so letztlich auch historische Zusammenhänge und Prinzipien zu verstehen. Die Möglichkeit, mehr über das Bewusstsein des mittelalterlichen „Russen“ zu erfahren, lässt das Thema dieses Referates Zum Problem des Autors kirchenslavischer Texte: Autorenintentionen und Geschichtsmetaphysik in der Kiever Rus‘ nicht mehr so trocken erscheinen. Wenn in dieser Arbeit von (alt-)kirchenslavischen Texten die Rede ist, so sind damit speziell die Texte der Literaturepoche vom 11. bis zum 13./14. Jahrhundert im ostslavischen Raum (Kiever Rus‘) gemeint, obwohl das Altkirchenslavische über dieses Gebiet hinaus verbreitet gewesen ist und außerdem erste Texte sicherlich schon im 10. Jahrhundert in Osteuropa verfasst worden sind. Doch sind uns diese nicht einmal in Abschriften des Spätmittelalters oder der Frühen Neuzeit erhalten geblieben. [...]


Excerpt (computer-generated)

Zum Problem des Autors kirchenslavischer Texte:
Autorenintentionen und Geschichtsmetaphysik in der Kiever Rus′




Inhaltsverzeichnis

Vorwort 3

1. Einleitung: Zur frühen altrussischen Literatur 4

2. Das Problem der Autorenschaft bei kirchenslavischen Texten 5

3. Autorenintentionen und Geschichtsmetaphysik in der Kiever Rus′ 6

3.1. Orthodoxe Frömmigkeit in Altrussland 6
3.2. Geschichtsbewusstsein und Autor 10
3.3. Die praktische Umsetzung der altrussischen Geschichtsmetaphysik mittels Urbild-Abbild-Modell 15

4. Schlussbemerkungen am Beispiel des Slovo o zakone i blagodati 17

Literaturverzeichnis 19

Anmerkungen 20

 

 


Vorwort

Tschi(?)ewskij verteidigte sich im Vorwort zu seinem Abriss der altrussischen Literatur gegenüber dem Vorwurf, dass eine Beschäftigung mit ihr uninteressant wäre, da deren Inhalte fremd seien und sie auch formell nicht dem modernen ästhetischen Geschmack entspräche. Tatsächlich sei es jedoch interessant, sich mit ihr auseinanderzusetzen, da sie nicht nur über die Vergangenheit aus "erster Hand" informiere, sondern auch Grundlage der neueren russischen Literatur sei. In der Tat sind Inhalt und Form der altrussischen Texte im ostslavischen Kulturbereich (denn um diese soll es in vorliegender Arbeit gehen) für heutige Leser sehr fremdartig. Aber gerade diese Fremdartigkeit macht den geradezu exotischen Reiz der alten Texte aus. Warum wählten deren Autoren wohl ganz bestimmte Themen, die sie in einer ganz bestimmten Art und Weise bearbeiteten? Die Beschäftigung mit diesen Texten, die Diskussion darüber, hilft uns vielleicht besser als jede Sekundärliteratur anderer historischer Disziplinen, den (allerdings gebildeten) Menschen des russischen Mittelalters, damit seine Welt und so letztlich auch historische Zusammenhänge und Prinzipien zu verstehen. Die Möglichkeit, mehr über das Bewusstsein des mittelalterlichen "Russen" zu erfahren, lässt das Thema dieses Referates Zum Problem des Autors kirchenslavischer Texte: Autorenintentionen und Geschichtsmetaphysik in der Kiever Rus′ nicht mehr so trocken erscheinen.
Wenn in dieser Arbeit von (alt-)kirchenslavischen Texten die Rede ist, so sind damit speziell die Texte der Literaturepoche vom 11. bis zum 13./14. Jahrhundert im ostslavischen Raum (Kiever Rus′) gemeint, obwohl das Altkirchenslavische über dieses Gebiet hinaus verbreitet gewesen ist und außerdem erste Texte sicherlich schon im 10. Jahrhundert in Osteuropa verfasst worden sind. Doch sind uns diese nicht einmal in Abschriften des Spätmittelalters oder der Frühen Neuzeit erhalten geblieben.

Harms Mentzel, 23. Januar 1997


1. Einleitung : Zur frühen altrussischen Literatur

Am Beginn der ostslavischen (altrussischen) Literaturentwicklung stehen die vorwiegend aus dem Griechischen und Altbulgarischen übersetzten Werke. Den größten Anteil an den auf uns, allerdings in späten Abschriften, überkommenen Handschriften aus dem ostslavischen Mittelalter hat die gottesdienstliche Literatur. Zu ihr gehören Teile der Bibel, Kirchengesänge, Liturgieanleitungen, Werke der Kirchenväter und anderer bedeutender religiöser Schriftsteller (Zlatostruj, Lestvica), Heiligenviten, Apokryphen. Aber auch Beispiele für von auswärts übernommene weltliche Literaturgenres gibt es: einige Romane ("Alexandreis", "Geschichte des Trojanischen Krieges"), Chroniken ("Chronik von Malalas", Joseph Flavius′ "Bellum judaicum"), naturwissenschaftliche Werke (Kosmas Indikopleistos′ "Kosmographia", "Hexaemeron" = (?)estodnev), Sammelschriften (Izborniki von 1073 und 1076), Zitatsammlungen ("Florilegien") und einige juristische Schriftdenkmäler.
Auch einige Originalwerke sind uns aus der Kiever Epoche bekannt, wie die Chroniken ("Nestorchronik" = Povest′ vremennych let, "Erste Novgoroder Chronik"), Predigten und Reden (beispielsweise die des Kiever Metropoliten Ilarion um 1050 Slovo o zakone i blagodati), Heiligenlegenden, Berichte über Pilgerreisen (vom Abt Daniil nach Jerusalem), Paterika (das sind ursprünglich selbstständig entstandene Erzählungen - zum Beispiel die von Kyrill von Turov) und epische Lieder ("Igorlied" = Slovo o polku Igoreve 1185-1187).
Die Thematik dieser Arbeit lässt für die nähere Erläuterung der altrussischen Literatur leider keinen Raum. Deshalb sei auf die Lektüre beispielsweise sämtlicher Werke von Dmitrij S. Lichacëv verwiesen.
Vor allem die altrussischen Originalwerke verfolgten klare politische Zielsetzungen: die Betonung der politischen und kirchlichen Unabhängigkeit vom byzantinischen Kaiserreich, das von sich behauptete, nach wie vor das Imperium Romanum als "Rhomäerreich" zu vertreten und fortzuführen. Darüber hinaus wurde in ihnen die politische Einheit des russischen Landes immer wieder propagiert. Neben solchen politischen Absichten spielten selbstverständlich auch der rein geistigen Erbauung dienende Dichtungen, sittliche Kodizes etc. eine große Rolle. Die Übersetzungen und Entlehnungen aus Literaturen anderer Völker und Staaten wurden von den ostslavischen Kopisten beziehungsweise Textbearbeitern zunehmend ebenfalls dazu genutzt, nicht nur der Sache des Christentums und allgemeinen Werten zu huldigen, sondern auch die Interessen des christlichen russischen Staates zu propagieren.
Ostslavische Texte jener Zeit, die in der Regel in altkirchenslavischer Schrift abgefasst sind, zeichnen sich gegenüber der heutigen Literatur durch einige Besonderheiten aus. Von denen sollen das Problem der Autorenschaft und des Geschichtsbewusstseins, die offensichtlich miteinander zusammenhängen, nachfolgend näher betrachtet werden.

2. Das Problem der Autorenschaft bei kirchenslavischen Texten

Bei der Lektüre kirchenslavischer und überhaupt mittelalterlicher Texte wird man schnell feststellen, dass es bei deren Erforschung besondere Schwierigkeiten gibt. Für kirchenslavische Texte haben wir des Öfteren griechische, wenige bulgarische und sehr selten ostslavische Autoren. Eine Anzahl originärer ostslavischer Autoren hat es allerdings sicher gegeben, wie man der Nestorchronik entnehmen kann. Dort ist insbesondere bei Jaroslav dem Weisen von vielen Übersetzern und Verfassern an seinem Hof die Rede. Ein Teil von ihnen ist im Verlaufe der Jahrhunderte offenbar vergessen worden. Die meisten Literaturdenkmäler hingegen sind pseudonym oder anonym verfasst. Marti spricht davon, das 90 Prozent aller erhaltenen Texte anonym seien. Selbst bei Kenntnis des Namens besitzen wir außer diesem Namen keine weiteren Informationen über den Übersetzer beziehungsweise über den Autor. Dabei wären dessen Biografie und die Umstände seines Schaffens wichtige Hilfsmittel für die Analyse des Textes.
Besonders für die Frühzeit ist eine chronologische Einordnung der Werke kompliziert. Vor allem die Frage, wann bestimmte Übersetzungen auf russischem Boden erschienen, ist schwer zu beantworten. Immerhin sind uns Originalhandschriften nicht erhalten geblieben, nur sehr späte Abschriften. Originale liegen uns erst ab dem 17. Jahrhundert vor. So versuchen Sprachwissenschaftler durch eine sprachliche Analyse eine Datierung vorzunehmen. Das kann allerdings nur dort funktionieren, wo sich die archaischen Züge der Originalvorlage bewahrt haben. Die Datierung wird um so schwieriger, je weniger Abschriften vorhanden sind und je größer deren zeitlicher Abstand zur Urschrift wahrscheinlich ist.
Wie verworren und unklar die Verhältnisse selbst bei verhältnismäßig gut erforschten kirchenslavischen Handschriften sind, mag hier nur einmal am Beispiel des so genannten Reimser Evangeliars kurz dargestellt werden. Obwohl zu ihm ein Kolophon existiert, sind bis heute Datum und Herkunft dieses Evangeliars nicht unumstritten. Laut Kolophon soll es im August des Jahres 1395 von einem Abt Prokop niedergeschrieben worden sein, der die Urschrift von Karl IV. erhalten hatte. Der Mythos behauptet, die ursprüngliche Niederschrift sei zwischen 1025 und 1050 erfolgt. Die Tochter Jaroslav des Weisen, Anna, hätte dann zu deren Hochzeit mit dem König von Frankreich Heinrich I. im Jahre 1044 die Schrift als Krönungsevangeliar nach Westeuropa gebracht. Schließlich hätte es der Kaiser Karl IV. später dem Kloster in Prag geschenkt. Dem steht jedoch entgegen, dass der Gründer des Klosters an der Sázawa, der Heilige Prokop, bereits im Jahre 1053 verstarb. Desweiteren gibt es keinerlei Berichte Karls IV. über eine so wichtige Schenkung an das Emauskloster. Eine eventuelle Schenkung wäre nach Emilie Bláhová auch völlig unnütz gewesen, da es wegen seines russisch-orthodoxen Ritus′ für den dortigen Gottesdienst nicht zu verwenden war. Darüber hinaus hat sich Karl IV. niemals in Reims und überhaupt sehr selten in Frankreich aufgehalten.
Es dürfte eher zutreffen, dass damals wie heute der kyrillische Teil ein Fragment darstellte. Demzufolge konnte es nie als Krönungsevangelium der französischen Könige dienen. Eine Analyse der Rechtschreibung und der besonderen Farbe der Schrift (blau) ergaben, dass die Handschrift nicht jünger als die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts sein kann und in Russland abgefasst worden sein muss, da nur russische religiöse Feiertage Erwähnung finden und keine nach dem römischen Ritus. Unsicherheit kommt aber wieder in das Spiel, wenn man erkennt, dass es eine Reihe von Hinweisen gibt, wonach die Cyrillica auch in Böhmen bekannt war und sogar benutzt wurde. Außerdem wurde zwar das Sázawa-Kloster bereits 1097 latinisiert. Trotzdem hat es bewiesenermaßen eine Weiterführung russischer Traditionen gegeben. Jedenfalls ist es wohl dort abgeschrieben worden und irgendwann in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu Kaiser Karl IV. gekommen. Schließlich gelangte es anscheinend als Geschenk des Kardinals Karl von Lothringen an die Kathedrale von Reims. Fazit ist also, dass sogar das Kolophon hier nichts zur Klärung beiträgt!
Für uns ungewohnt ist häufig auch der Charakter des im Mittelalter Geschriebenen. Mit einem gewissen Unverständnis steht der heutige Betrachter der mittelalterlichen Ästhetik und dem damaligen Stil, dem "monumentalen Historismus" mit seiner Formelhaftigkeit gegenüber. Es begegnen beispielsweise bis in das 16. Jahrhundert hinein, bis zu Ivan IV., keine stark ausgeprägten Charaktere. Sämtliche Fürsten, die einander auf dem Thron abwechseln, machen einen ziemlich farblosen oder wenigstens blassen Eindruck, nur durch die Namen voneinander unterscheidbar. Nicht ausgeprägte Persönlichkeiten sind erkennbar, sondern eine scheinbar monotone Wiederkehr ein und desselben Familientypus. Das gleichförmige Wiederholen aber scheint sich auch auf sämtliche andere Lebensbereiche auszudehnen, die von den Texten berührt werden.

3. Autorenintentionen und Geschichtsmetaphysik in der Kiever Rus′

3.1. Orthodoxe Frömmigkeit in Altrussland

[...]


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