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HipHop, Banden, Subkultur - Türkische Jugendkulturen in Frankfurt und Berlin

Script, 2003, 19 Pages
Author: Clemens Grün
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology

Details

Category: Script
Year: 2003
Pages: 19
Grade: 1,3 (mündl. Prüfung)
Language: German
Archive No.: V14917
ISBN (E-book): 978-3-638-20191-9

File size: 421 KB
Notes :
Einzeiliger Zeilenabstand.



Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin
Institut für Ethnologie
Skript zur Mündlichen Prüfung am 6. Juni 2003

HipHop, Banden, Subkultur - 
Türkische Jugendkulturen in Frankfurt und Berlin

Clemens Grün

Inhalt:

1. Einführung

2. Jugendgang: Eine Begriffsgeschichte

2.1. Chicago School
2.2. 50er-80er Jahre
2.3. Vergleich USA/Deutschland

3. Türkische Jugendkulturen in Deutschland

3.1. Öffentliche Diskurse: Ghetto, Eherbegriff, Fundamentalismus
3.2. Ökonomisches, soziales und symbolisches Kapital
3.3. Marginalität und Subkultur
3.4. Selbst- und Fremdzuschreibung
3.5. HipHop-Gruppen in Berlin-Kreuzberg

4. Fazit

5. Literatur



1. Einführung:

Während meiner viermonatigen Projektarbeit mit marginalisierten türkischen Jugendlichen in einem medienpädagogischen Projekt in Berlin-Kreuzberg im Sommer 2002 gewann ich Erkenntnisse über deren Lebenswirklichkeit und Werteorientierungen, die in überraschender Weise vom öffentlichen Diskurs über diese Gruppierungen abwichen:

  1. ein ausdifferenziertes Wertebewusstsein, dass vom Drogenverkauf und bestimmtem delinquentem Verhalten über die dezidierte Ablehnung von Waffen, Gewalt, Genussmittel- und Drogenmissbrauch bis hin zu einer Statuszuschreibung reicht, die dem gesellschaftlichen Mainstream entspricht
  2. eine weitreichende Kenntnis von und Sensibilisierung für den Widerspruch zwischen der öffentlichen Debatte über dt.-türkische Jugendliche einerseits und ihren tatsächlichen Werteorientierungen anderseits und das dezidiert geäußerte Bedürfnis, beide Diskurse zu harmonisieren

Beispiele:

  • Bandenführer Ibo: Statuszuschreibung und Autorität durch abgeschlossene Ausbildung, Job, eigene Wohnung
  • Erziehung junger Gruppenmitglieder zu "rechtschaffenem" Verhalten (kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen) durch höhergestellte Gruppenmitglieder
  • Gruppensolidarität geht über politische und kulturelle Grenzen hinweg: Türkisch dominierte Gruppe integriert kurdische Mitglieder

Als Fragen für meinen Vortrag ergeben sich aus diesen Schlaglichtern:

  1. Bandengründungen und Gruppendelinquenz werden häufig als kulturell bedingte Phänomene dargestellt. Zu welchen Ergebnissen kommt die soziologische und ethnologische Forschung hinsichtlich dieser Frage?
  2. In welcher Beziehung stehen öffentliche Diskurse über dt.-türk. Jugendliche (z.B. Ghettoisierung, Eherbegriff/Schiffauer, religiöser Fundamentalismus/ Heitmeyer) zur tatsächlichen Lebenswirklichkeit und Werteorientierung dieser Jugendlichen?
  3. Dt.-türk. Jugendliche der zweiten und dritten Generation wurden oft als "verlorenen Generation" tituliert. Wie gehen die Jugendliche mit dieser Stigmatisierung um, und inwieweit ist dieses Bild heute noch stichhaltig?
  4. Seit Mitte der 90er Jahre erregte eine neue transnationale Jugendkultur (HipHop, Breakdance, Graffiti u.a.) große öffentliche Aufmerksamkeit. Wie ist diese Kultur entstanden, und welche Auswirkungen hat sie Kultur auf das Selbstverständnis und die Lebenswirklichkeit dt.-türk. Jugendlicher?

2. Jugendgang: Eine Begriffsgeschichte

2.1. Chicago School (nach Tertilt: 80ff.)

  • erste Untersuchen über Gangs gab es in den 20er Jahren in den USA
  • Vertreter der Chicago School of Urban Sociology sahen "process of ganging" auf zweite Einwanderergeneration beschränkt; besonderer Konflikt zwischen Werten der Elterngeneration und der amerikanischen Aufnahmegesellschaft
  • Annahme einer stufenweisen Assimilation/Akkulturation (4-Phasen-Modell nach Park/Burgess: Kontakt, Wettbewerb, Anpassung, Angleichung) im "melting pot" der amerikanischen Gesellschaft
  • Whyte1: Entstehung von Gangs Reaktion auf niedrigen Status und eingeschränkten Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der ökonomisch, sozial und politisch benachteiligten Einwanderergruppe (>Solidarität innerhalb des Ghettos als Reaktion auf Ausgrenzung durch die Gesellschaft)

Typische Merkmale einer Jugendgang (nach Thrasher2):

  • der spontane und weitgehend ungeplante Gruppenbildungsprozess,
  • die "face to face"-Beziehungen ihrer Mitglieder,
  • kooperative Verhaltens- und kollektive Denkweisen als Ausdruck gemeinsam entwickelter Normen und Werte sowie gruppenspezifischer Codes,
  • flexible Organisationsformen, die aufgrund von Interaktionsprozessen mit der Umwelt zu einer fortschreitenden oder abnehmenden Gruppenstrukturierung führen können,
  • die lokale Fixierung auf einen Stadtteil, die sich in der territorialen Identifikation einer Bande mit ihrem Wohngebiet niederschlägt,
  • die festen Treffpunkte, häufig an Straßenecken,
  • die Verwicklung in eine beträchtliche Anzahl von Straftaten,
  • die Vergemeinschaftung in Gangs als Übergangsphase vom Jugend- ins Erwachsenenalter.

[...]


1 William Foote Whyte: Street Corner Society. Chicago 1958, vgl. Tertilt: 82f.

2 Frederic M. Trasher: The Gang: A Study of 1313 Gangs in Chicago. Chicago 1927; vgl. Tertilt: 81f.


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