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Termpaper, 2003, 27 Pages
Author: Reinhold Stumpf
Subject: Politics - International Politics - Region: USA
Details
Tags: Mythos, Böse, Bestandteil, Identität, Vereinigten, Staaten, Amerika, Instrumentalisierung, Feindbildkonstruktion
Year: 2003
Pages: 27
Grade: Leistungsnachweis
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-20372-2
File size: 259 KB
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Excerpt (computer-generated)
Der Mythos von Gut und Böse
als Bestandteil der nationalstaatlichen Identität der Vereinigten
Staaten von Amerika und seine Instrumentalisierung zur Feindbildkonstruktion
Vorgelegt von: Reinhold Stumpf
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
2 Die mythologische Prägung der nationalstaatlichen Identität der USA 5
2.1 Mythen in der Politik 5
2.2 Die mythologische Identität der USA 7
2.3 Eine texanische Identität? 9
3 Der Gut-und-Böse-Mythos und seine politische Instrumentalisierung zur Feindbildkonstruktion in den USA 12
3.1 Der Mythos von Gut und Böse als Grundlage der Feindbildkonstruktion 12
3.2 Die Herausbildung einer „We against Them“ – Mentalität in den USA 14
3.3 Die „Achse des Bösen“ als neues Feindbild der USA 16
3.4 Die mythologische Identität der Alltagskultur in den USA 19
4 Rationale vs. Irrationale Politik 21
5 Anhang: Literaturverzeichnis und Quellenangaben 25
1 Einleitung
In der Politik kommt es häufig zu vermeintlich irrationalen Entscheidungen. In der Regel sind diese von Ideologien, subjektiven Interessen und Machtfragen der Politiker geleitet. Um Entscheidungen durchzusetzen und Handlungen zu rechtfertigen, machen Politiker oft von Mythen Gebrauch. Dazu ist eine Verfestigung des jeweils eingesetzten Mythos in der Identität einer Gesellschaft notwendig. Der „Mythos von der Nation“ ist in den meisten Staaten verbreitet und Bestandteil der politischen Identität. In der vorliegenden Hausarbeit wird über die vielfältige Verwendung von Mythen in der Politik hinausgehend eine spezielle mythologische Beschaffenheit von politischer Identität in den Vereinigten Staaten von Amerika am Beispiel des Mythos von Gut und Böse gezeigt und erklärt. Ebenso werden deren Konsequenzen diskutiert. Politikwissenschaftlich interessant sind dabei die Fragen, welche Funktion Mythen in der Politik der Vereinigten Staaten von Amerika haben und wie diese in der politischen Identität verankert sind, wie das Gut-Böse-Schema zur Feindbildkonstruktion instrumentalisiert wird und dabei in der politischen wie gesellschaftlichen Identität der USA eine „We against Them“-Mentalität fördert. Die zentrale These, die im Verlauf der Arbeit argumentativ gestützt werden soll, lautet: Die nationalstaatliche Identität der USA ist stark mythologisch geprägt und hat eine simplifizierende Gut-Böse-Unterscheidung in Alltag und Politik etabliert, die eine Instrumentalisierung zur Feindbildkonstruktion fördert und sich rationalem Denken und Handeln in der Politik versperrt.
Zur Überprüfung der Hypothese zeige ich zuerst den Tatbestand der mythologischen Prägung der nationalstaatlichen Identität der USA auf. Ich stütze mich hierbei einerseits auf die allgemeine Bedeutung von Mythen in der Politik sowie auf historische und gesellschaftliche Entwicklungen in den USA. Dabei streiche ich, dem amerikanischen Autor Michael Lind folgend, die spezielle texanische Prägung der aktuellen „Identität“ US-amerikanischer Politik heraus. Ich zeige, wie sich eine mythologische Unterscheidung der Welt in Gut und Böse in der Politik der USA etablieren konnte, und wie dieser Mythos zur Feindbildkonstruktion instrumentalisiert wird. Dabei stütze ich mich auf Theorien zur Entstehung von Feinbildern, die Mythen als Vorurteile entlarven. Die aktuelle Gestalt des Feindbildes in den USA wird auf eine gefestigte „Wir-gegen-Sie-Mentalität“ zurückgeführt und anhand der Rhetorik von der „Achse des Bösen“ analysiert. Warum dieser Mythos „funktioniert“, wird mit seiner Veranke- rung in der amerikanischen Alltagskultur vor allem am Beispiel des Hollywood-Films erklärt. Abschließend werden die durchaus rationalen Aspekte einer „irrationalen“ Politik aufgezeigt, deren Konsequenzen diskutiert und vor ihren Gefahren gewarnt.
2 Die mythologische Prägung der nationalstaatlichen Identität der USA
2.1 Mythen in der Politik
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Mythen und mit Mythologie hat auch in der Politikwissenschaft Konjunktur. Vor allem im Bereich der politischen Kulturforschung hat die Bedeutung von Mythen sowie der darin repräsentierten Symbole und Rituale als Erklärungsmuster für politische Phänomene das Interesse der Forscher geweckt. Eine befriedigende Begrifflichkeit des Mythos zu leisten, ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich1, vielmehr interessiert die mythische Unterwanderung der Politik. Wenn wir aber die „absoluten“, allumfassenden Mythen von ihrem ihnen inhärenten Anspruch aus betrachten, dann können wir sie mit globalen Referenzsystemen, die der gesamten geschichtlich-gesellschaftlichen Existenz ihre Orientierung geben, vergleichen. Als solche sind sie alles andere als falsch oder illusorisch, denn wenn Wahrheit als Übereinstimmung mit etwas betrachtet werden kann, dann sind die Mythen „wahr“, da sie, indem sie sich darstellen, die Wirklichkeit selbst darstellen.2 Mit dem Begriff „politischer Mythos“ ist hier also eine spezifische semiotische Gattung gemeint, die auf die Bearbeitung bestimmter Probleme von politischer Kommunikation spezialisiert ist. Politische Mythen sind narrative Symbolgebilde mit einem kollektiven, auf das grundlegende Ordnungsproblem sozialer Verbände bezogenen Wirkungspotential. Es handelt sich um komplexe politische Symbole, deren Elemente jeweils erzählerisch entfaltet sind, so wie umgekehrt viele politische Symbole auch als eine komprimierte Form von Mythen zu verstehen sind. Die „Bastille“ verweist auf die narrative Sequenz ihrer Erstürmung, das Ha- kenkreuz auf dem Mythos der national-rassischen „neuen Ordnung“ in Deutschland, die den Kampf gegen das „Judentum“ gewinnt.3 Aus politikwissenschaftlicher Perspektive transportieren Mythen als Objekt von Politikfeldern einen Hof von konnotativen gesellschaftlichen Bedeutungen, der auf umfassendere und zugleich häufig nur implizit andeutende Weise generelle Machtkonstellationen spiegelt. Mythisierende Darstellungen und Erinnerungsformen dienen der Sinngebung und Deutung historischer bzw. aktueller politischer Handlungsformen, Ereignisse, Zusammenhänge und Strukturen, indem sie auf kollektive Traditionen verweisen und die Gegenwart an eine als sinnvoll interpretierende Vergangenheit binden. Zugleich wirken sie konfliktentlastend, da sie auf „Selbstverständliches“ bzw. auf „natürlich Begründetes“ anspielen und eröffnen dadurch Anknüpfungspunkte für gruppenspezifische Identitätsangebote: Der Mythos fungiert also identitätsstiftend, indem er die ideologische Bindung von Individuen an eine Gruppe gewährleistet und die Festigung des sozialen Zusammenhangs in der Gruppe an „natürlichen“ und „überzeitlichen“ Komponenten festmacht.4 Da politische Mythen auf kollektive Traditionen verweisen, können sie Gemeinschaft zum Ausdruck bringen und als Bezugssystem für die Identitätskonstruktion sozialer Gruppen dienen. Vor allem die Konstruktion nationaler Identität benötigt den Rekurs auf mythische Komponenten.5 Mythen stellen Deutungsangebote bereit und fungieren für politische Inszenierungen als Quellen politischer Legitimität sowie als Träger mobilisierender Botschaften. Zusammenfassend lässt sich festhalten: Der Rekurs auf mythische Bilder ermöglicht die vereinfachte Darstellung komplexer gesellschaftlicher und politischer Sachverhalte durch deren Typisierung. Politische Mythen verweisen auf kollektive Traditionen, können als ein Ausdruck von Gemeinschaft und der Identität sozialer Gruppen gesehen werden und sind in hohem Maße funktional für politische Identifikationsprozesse.6 Hersch behauptet sogar, dass Politik gar nicht anders möglich sei als unter Berufung auf Mythen, „die die Brücke schlagen von Vergangenheit zur gewünschten Zukunft, die Gegenwart aber als das belassen, was sie einem jeden ist: schwer zu begreifen und ein Spielraum von Spekulationen“ (zit. nach Liebhart, Karin 1998, S.64). Nicht zuletzt hat für Brand das Regie- ren selbst ein Halo oder einen Hauch von Sakralem und er mutmaßt als möglichen Grund, warum der 36. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Richard Nixon, gehen musste, nachdem die Veröffentlichung seiner Tonbänder offenbarten, wie wenig „sakral“ er regierte.7 Mythen werden in der Politik vor allem in den Mythen von der Nation, der Heimat und vom Feind thematisiert. Der für diese Arbeit relevante Mythos von Gut und Böse ist in der politikwissenschaftlichen Literatur bisher eher vernachlässigt worden, obwohl er von der Mythenforschung als einer der originärsten Mythen klassifiziert wird. Die Mythenforschung führt die polare Gegensätzlichkeit im Mythos auf die Darstellung des Ursprungs zurück, die sowohl die Ursprünglichkeit der Entzweiung der menschlichen Existenz als auch die Entzweiung in „heilig„ und „unheilig“ darstellt. Die Ursprungsspannung zwischen Heiligem und Unheiligem hat exemplarische Bedeutung als der Ursprung von „Gut“ und „Böse“. Als „Gut“ gilt alles, was dem Leben zuträglich ist, als „Böse“ das Gegenteil, also die Bedrohung und Gefahr. Darum hat das Ur-Drama als Kampf auch die Bedeutung des Kampfes für den Sieg des Guten. Der Kampf ist jedoch nie rein persönlich, im Gegenteil, er ist Kampf für die zentrale Gestalt des Mythos. Es geht darum, für diese zentrale Gestalt Stellung zu nehmen, und diese Stellungnahme selbst wird zum Kampf. Politische Ereignisse, die tief greifen, haben nicht nur eine deutlich mythische Struktur, weil in ihnen die mythische Rationalität fungiert, sondern auch, weil ihren Helden allumfassende, geschichtlich vorgegebene Mythen als Modell dienen.8 Der Mythos von Gut und Böse macht also erst den Mythos vom Feind möglich.
2.2 Die mythologische Identität der USA
[...]
1) Liebhart unterscheidet in Ihrer Dissertation zehn verschiedene Herangehensweisen zur Definition des Mythos, darunter eine politikwissenschaftliche, vgl. Liebhart, Karin 1998, S.48 ff. Brand betont ebenfalls eine über das alltägliche Verständnis des Mythos von „Fiktion“ oder „Illusion“, also Produkten der Phantasie und des Wunschdenkens hinaus gehende differenziertere Sichtweise, vgl. Brand, Gerd 1978, S.150.
2) Brand, Gerd 1978, S.150
3) Dörner, Andreas 1996, S.43
4) Caglar, in: Liebhart, Karin 1998, S.53
5) Liebhart, Karin 1998, S.51 ff
6) Liebhart, Karin 1998, S.4
7) Brand, Gerd 1978, S.221 f
8) Brand, Gerd 1978, S.159 ff.
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