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Ältere Bundesbürger in Privathaushalten und in Einrichtungen - Lebenssituation und Heimeintrittsgründe

Thesis (M.A.), 1996, 110 Pages
Author: Privatdozent Dr. Sven Schneider
Subject: Sociology - Age and Aging

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 1996
Pages: 110
Grade: 1
Bibliography: ~ 88  Entries
Language: German
Archive No.: V152
ISBN (E-book): 978-3-638-10111-0
ISBN (Book): 978-3-640-33652-4
File size: 533 KB

Abstract

Wie sieht die demographische Struktur der Senioren in der BRD aus? Was bewegt einen Menschen dazu, in ein Heim zu ziehen? Welche Faktoren unterscheiden Senioren in Heimen und in Privathaushalten? Ein DFG-Projekt gibt dazu erstmals für Gesamt-Deutschland Auskunft. Diese Arbeit entstand in engem Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt ‘Der Heimeintritt alter Menschen und Chancen seiner Vermeidung’, das derzeit am Institut für Soziologie der Universität Heidelberg durchgeführt wird und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Der Antragsteller dieses Projektes ist Herr Prof. Dr. Thomas Klein. Im Rahmen seiner Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskraft war der Autor innerhalb des Projektteams an Fragebogenkonstruktion, Auswertung des Pretests, Vorbereitung und Durchfüh-rung der Haupterhebung sowie schließlich an der Aufbereitung und Auswertung des Altenheimsurvey beteiligt.


Excerpt (computer-generated)

Ältere Bundesbürger in Privathaushalten und in Einrichtungen
der stationären Altenhilfe

- Lebenssituation und Heimeintrittsgründe -

Repräsentative Ergebnisse für die Bundesrepublik Deutschland

Magisterarbeit

im Fach Soziologie
der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
von

Sven Schneider

vorgelegt bei Prof. Dr. Thomas Klein

Heidelberg, 31. Oktober 1996

A. Vorbemerkungen

Diese Arbeit entstand in engem Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt `Der Heimeintritt alter Menschen und Chancen seiner Vermeidung′, das derzeit am Institut für Soziologie der Universität Heidelberg durchgeführt wird und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Der Antragsteller dieses Projektes ist Herr Prof. Dr. Thomas Klein.
Im Rahmen seiner Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskraft war der Autor innerhalb des Projektteams an Fragebogenkonstruktion, Auswertung des Pretests, Vorbereitung und Durchführung der Haupterhebung sowie schließlich an der Aufbereitung und Auswertung des Altenheimsurvey beteiligt.

Mein besonderer Dank gebührt in diesem Zusammenhang Herrn Prof. Dr. Thomas Klein (Institut für Soziologie, Universität Heidelberg), der mich bei der Konzeption und der Erstellung der vorliegenden Magisterarbeit betreut hat. Insbesondere waren seine Hinweise zu den verschiedenen Aspekten der vorliegenden Thematik und zur Konstruktion des dieser Arbeit zugrundeliegenden Datensatzes sehr hilfreich. Des weiteren machte er mir das Sozio-Ökonomische Panel zur Erstellung eines Vergleichsdatensatzes zugänglich und stellte mir den Altenheimsurvey in weitgehend aufbereiteter Form zur Verfügung.

Außerdem bin ich Herrn Ulrich Schneekloth (Infratest Burke Sozialforschung, München) für die freundliche Überlassung einer Sonderauswertung der Infratest-Heimerhebung 1994 `Hilfe- und Pflegebedürftige in Heimen′ zu Dank verpflichtet.

Des weiteren danke ich Herrn Dr. Horst Bickel (Zentralinstitut für seelische Gesundheit, Mannheim) sowie Herrn Dr. Willi Rückert (Kuratorium Deutsche Altershilfe KDA, Köln) für konstruktive Hinweise.

B. Gliederung

A. Vorbemerkungen 2

B. Gliederung 3

C. Tabellenverzeichnis 5

D. Abbildungsverzeichnis 7

1. Einleitung


1.1. Entdeckungszusammenhang 8
1.2. Untersuchungsgegenstand und Fragestellung 9
1.3. Forschungslogik und Vorgehensweise 12

2. Einordnung der Fragestellung in die aktuelle Forschung


2.1. Grundlegende Ergebnisse zur Lebenssituation

2.1.1. Soziostrukturelle Merkmale 13
2.1.2. Gesundheitszustand 17
2.1.3. Soziale Netzwerke 20
2.1.4. Wohnsituation 22

2.2. Grundlegende Ergebnisse zu Heimeintrittsgründen 24
2.3. Forschungsdefizite 29
2.4. Zusammenfassung 31

3. Hypothesen zur Fragestellung


3.1. Hypothesen zur Lebenssituation älterer Menschen 32
3.2. Hypothesen zu Heimeintrittsgründen 34
3.3. Zusammenfassung 35

4. Daten und Methoden


4.1. Konstruktion der Datengrundlage

4.1.1. Die Ursprungsdatensätze

4.1.1.1. Die Auswahl des Datenmaterials 37
4.1.1.2. Konzeption und Grundgesamtheit des

Altenheimsurvey 37

4.1.1.3. Konzeption und Grundgesamtheit des

Sozio-Ökonomischen Panel 40

4.1.2. Zusammenführung der Ursprungsdatensätze

4.1.2.1. Angleichung des Altenheimsurvey 42
4.1.2.2. Angleichung des Sozio-Ökonomischen Panel 47
4.1.2.3. Zusammenführung und Gewichtung 50

4.2. Anmerkungen zur externen Validität 55
4.3. Methoden 58
4.4. Zusammenfassung 60

5. Eigene Berechnungen


5.1. Ergebnisse zur Lebenssituation

5.1.1. Soziostrukturelle Merkmale 61 5.1.2. Gesundheitszustand 66
5.1.3. Soziale Netzwerke 71
5.1.4. Wohnsituation 75

5.2. Ergebnisse zu den Heimeintrittsgründen

5.2.1. Subjektive Heimeintrittsgründe 80
5.2.2. Objektive Heimeintrittsgründe 85

5.3. Zusammenfassung 90

6. Weiterführende Diskussion der Ergebnisse 91

7. Schlußfolgerungen und Überlegungen zum Verwertungszusammenhang 93

E. Anhang 97

F. Literaturverzeichnis 104

G. Ehrenwörtliche Erklärung 110

 

C. Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Heimplätze, Gesamtbevölkerung und Institutionalisierungs-


quoten nach Erhebungszeitpunkt. 14

Tabelle 2: Institutionalisierungsquoten in % der über 60jährigen


Gesamtbevölkerung nach Altersgruppen
(Stand: Ende 1993). 15

Tabelle 3: Richtung und Signifikanzniveaus bekannter Einflußfakto-


ren auf den Heimeintritt nach Autor. 27

Tabelle 4: Übersicht über hypothetische Zusammenhänge zwischen


verschiedenen Variablen und einem Heimeintritt unter
univariater Perspektive. 36

Tabelle 5: Ausfälle von Bewohnern nach Ausfallgrund und Gesund-


heitszustand. 39

Tabelle 6: Über 60jährige Heim- und Nichtheimbewohner im unge-


wichteten Gesamtdatensatz und gemäß amtlicher Daten
in % nach Altersgruppen. 53

Tabelle 7: Familienstandsverteilungen der über 60jährigen Gesamt-


bevölkerung, Heimbevölkerung und Bevölkerung in
Privathaushalten nach eigenen und externen Berechnungen. 56

Tabelle 8: Heimbewohner und alte Menschen in Privathaushalten


nach soziodemographischen Merkmalen. 62

Tabelle 9: Entwicklung des Familienstands der Heimbewohner nach


Heimeintritt (in %). 64

Tabelle 10: Frauenanteil in % und Frauenüberschuß in Prozentpunkten


unter der über 60jährigen Altenbevölkerung in Privathaus-
halten und in Heimen nach Altersgruppen. 66

Tabelle 11: Heimbewohner und alte Menschen in Privathaushaltennach


Gesundheitszustand. 67

Tabelle 12: Heimbewohner und alte Menschen in Privathaushalten nach


Netzwerkmerkmalen. 71

Tabelle 13: Heimbewohner und alte Menschen in Privathaushalten nach


Wohnungseigenschaften. 75

Tabelle 14: Prozentanteil ost- und westdeutscher über 60jähriger Heim-


und Nichtheimbewohner ohne bestimmte Wohnungsausstattung. 79

Tabelle 15: Subjektive Gründe des Heimeintritts (in %) insgesamt und


nach Geschlecht. 81

Tabelle 16: Übersicht über die logistischen Regressionsmodelle. 86

Tabelle 17: Übersicht über empirische Erhebungen zu über 60jährigen


Personen (nach Erhebungsjahr). 97

Tabelle 18: Umzugsgründe älterer Menschen nach Quelle (chrono-


logisch geordnet). 99

Tabelle 19: Übersicht über jüngere, englischsprachige Literatur zum


Thema `Heimeintritt′ nach Autor, Zielpopulation, Daten-
material und Methode. 100

Tabelle 20: Kategorisierungsschema und Antworten nach dem Grund


des Heimeintrittes (insgesamt und nach Geschlecht). 102

Tabelle 21: Hochrechnungsfaktoren nach Datenquelle, Region, Ge-


schlecht und Altersgruppe. 104

 

D. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Übersicht über die Konstruktion des verwendeten


Datensatzes. 51

Abbildung 2: Übereinstimmung der über 60jährigen Heimbewohner


in gesundheitsbezogenem Selbst- und Fremdurteil. 69

Abbildung 3: Anteil gesundheitlich stark Beeinträchtigter unter Heim-


und Nichtheimbewohnern innerhalb der Altersgruppen. 70

Abbildung 4: Anteil Alleinlebender und Nichtalleinlebender an ver-


schiedenen Bevölkerungsgruppen. 72

Abbildung 5: Kontakthäufigkeit mit Nachbarn (%-Anteile getrennt


für (spätere) Heimbewohner und Nichtheimbewohner). 74

Abbildung 6: Zimmerzahl pro Haushaltsmitglied (%-Anteile getrennt


für (spätere) Heimbewohner und Nichtheimbewohner). 77

Abbildung 7: Arbeitsschritte zum Zusammenführen der SOEP-Dateien 101

 

1. Einleitung

1.1. Entdeckungszusammenhang

Eine große, wenn nicht die größte politische Herausforderung der nächsten Jahre wird von einer Entwicklung ausgehen, die schlagwortartig als `demographische Alterung unserer Gesellschaft′ bezeichnet wird. Gemeint ist damit das Ansteigen des Alterslastquotienten, also das Verhältnis der Bevölkerungsgruppe der über 60jährigen zur Gruppe der 20- bis unter 60jährigen Bundesbürger.

Ende 1994 standen in der Bundesrepublik Deutschland 16,87 Mio. Bundesbürgern über 60 Jahren 47,12 Mio. Bundesbürger im erwerbsfähigen Alter (zwischen 20 und 60 Jahren) gegenüber. Daraus ergibt sich ein Alterslastquotient von ca. 36%. Dieser Wert wird in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich ansteigen. Nach Berechnungen staatlicher Stellen wird sich der Alterslastquotient bis zum Jahre 2030 auf 71% nahezu verdoppeln (BMFuS 1993: 5). Würde zu diesem Zeitpunkt noch das Umlageverfahren bei der Rentenfinanzierung angewendet, müßten dementsprechend etwa 100 Personen im erwerbsfähigen Alter für die Rentenzahlungen für ca. 71 über 60jährige aufkommen.

Der hier skizzierte Alterungsprozeß ist charakteristisch für fast alle hochentwickelten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften. In der Bundesrepublik Deutschland ist er jedoch besonders ausgeprägt und wiegt umso schwerer, als die Bundesrepublik Deutschland im Vergleich zu anderen führenden Industrienationen mit Abstand den geringsten Anteil der nachwachsenden unter 15jährigen Personen an der Gesamtbevölkerung aufweist.

Diese Entwicklung resultiert aus erheblich gesunkenen Geburtenzahlen, aus dem Rückgang der Sterblichkeit in jungen Jahren und vor allem aus der Zunahme der Lebenserwartung und wird m.E. mannigfaltige und tiefgreifende Auswirkungen auf das gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Leben in der Bundesrepublik Deutschland haben. Erste Konsequenzen sind bereits sichtbar. So sollen politische Maßnahmen in den verschiedensten Bereichen die Rahmenbedingungen schaffen, um die prognostizierte Entwicklung gesellschaftlich bewältigen zu können. So wurde jüngst die Vormundschaft (§6 BGB) und die Gebrechlichkeitspflegschaft (§1910 BGB) durch das Betreuungsgesetz (BtG) abgelöst. Die Verabschiedung der Sozialen Pflegeversicherung, die Neufassung des Heimgesetzes (HeimG) und staatliche Modellprogramme wie etwa die Seniorenbüros sind weitere Beispiele. Parallel dazu ist in den letzten Jahren seitens politischer und anderer gesellschaftlicher Institutionen die Nachfrage nach geeignetem wissenschaftlichen Datenmaterial gestiegen. Nicht zuletzt deswegen und unterstützt durch eine günstigere Vergabepolitik von Fördermitteln haben die Psychologie und die Soziologie, vor allem aber die Geriatrie und die Gerontologie ihre diesbezüglichen Forschungsbemühungen in den letzten Jahren verstärkt. In diesem Kontext ist auch die vorliegende Arbeit entstanden.

1.2. Untersuchungsgegenstand und Fragestellung

Untersuchungsgegenstand (Aussagegesamtheit) der vorliegenden Arbeit sind alle über 60jährige1 Bundesdeutsche, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Die Altersgrenze von 60 Jahren wurde deshalb gewählt, weil etwa mit diesem Alter der Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand erfolgt. Auch wenn die Altergrenze für den Übergang in den Ruhestand gemäß der gesetzlichen Rentenversicherung in der Regel bei über 60 Jahren liegt, beträgt das derzeitige Durchschnittsalter bei Eintritt in den Ruhestand in der Praxis ca. 59 Jahre für Männer und etwa 62 Jahre für Frauen (STATISTISCHES BUNDESAMT 1991: 14). Einschlägige sozialwissenschaftliche Publikationen bedienen sich im übrigen ebenfalls dieser Altersgrenze oder alternativ der Altersgrenze von 65 Jahren. Da im verfügbaren Datenmaterial ausländische Heimbewohner in nur sehr geringer Fallzahl vorkommen2, erschienen dem Autor repräsentative Aussagen nur für Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit möglich, was die weitere Eingrenzung der Aussagegesamtheit erklärt.

Unter soziologischer Perspektive läßt sich diese Aussagegesamtheit in zwei Subgruppen3 unterteilen: einmal in Personen, die in Privathaushalten leben, und zum anderen in die sog. Heimbevölkerung, in die Personen also, die in Institutionen (bspw. in Altenwohnheimen, Altenheimen und Altenpflegeheimen) untergebracht sind. Nun ist bekannt, daß die Platzzahl in Einrichtungen der stationären Altenhilfe seit Jahren kontinuierlich ansteigt (HINSCHÜTZER / MOMBER 1984: 355, BMFuS 1993: 262, STATISTISCHES BUNDESAMT 1996a). Derzeit existieren in der Bundesrepublik ca. 682.000 Heimplätze in stationären Alteneinrichtungen. Auch wenn diese Heimplatzzahlen nicht ohne weiteres mit institutionalisierten Personen gleichgesetzt werden können, kann man von über 600.000 über 60jährigen auszugehen, die in Altenwohnheimen, Altenheimen, Pflegeheimen oder mehrgliedrigen Einrichtungen leben.

Bei den Begriffen `Altenwohnheim′, `Altenheim′, `Pflegeheim′ und `mehrgliedrige Einrichtung′ folgt dieser Text den Definitionen des Statistischen Bundesamtes. Das Altenwohnheim ist demnach ein Zusammenschluß in sich abgeschlossener Wohnungen, die in Anlage, Ausstattung und Einrichtung den besonderen Bedürfnissen älterer Menschen Rechnung tragen. In Altenwohnheimen besteht im Bedarfsfall eine Reihe von Möglichkeiten der Versorgung und Betreuung (evtl. auch leicht Pflegebedürftiger) durch das Heim. Im Altenheim werden ältere Menschen betreut und versorgt, die bei der Aufnahme zur Führung eines eigenen Haushaltes nicht mehr imstande, aber nicht pflegebedürftig sind. Das Altenpflegeheim dient der umfassenden Betreuung und Versorgung chronisch Kranker und/oder pflegebedürftiger alter Menschen. Mehrgliedrige Einrichtungen sind nach dieser Definition verschieden gestaltete Verbindungen von Altenwohnheimen, Altenheimen und Altenpflegeheimen, die ihre Aufgabe in gegenseitiger Ergänzung erfüllen. (STATISTISCHES BUNDESAMT 1996a).

Die Frame-Population, aus der die Stichproben für allgemeine Bevölkerungsumfragen, wie etwa die ALLBUS-Erhebung, der Familiensurvey sowie das Sozio-Ökonomische Panel, gezogen werden, beinhaltet die Anstaltsbevölkerung und damit auch die Heimbevölkerung nicht. Dies hat die Konsequenz, daß aus o.g. Erhebungen repräsentative Aussagen nur für die Bevölkerung in Privathaushalten abgeleitet werden können. Mit anderen Worten: Die Anstaltsbevölkerung hat als Overcoverage unabhängig von ihrem Verhalten keine Chance zur Teilnahme an der entsprechenden Erhebung. Inferenz-Population, also die faktische Grundgesamtheit, über die Aussagen gemacht werden kann, ist somit lediglich die Bevölkerung in Privathaushalten. Diese Beschränkung der Grundgesamtheit basiert meist auf dem verwendeten Stichprobendesign. So wird zur Ziehung der Stichprobe oft ein Design verwendet, das von der Arbeitsgemeinschaft deutscher Marktforschungsinstitute (ADM) entwickelt wurde (das sog. ADM-Design) und die Anstaltsbevölkerung nicht beinhaltet (SCHNELL 1991). Bei der hier interessierenden Gruppe der über 60jährigen lebt der größte Teil dieser ausgeschlossenen Anstaltsbevölkerung in Einrichtungen der stationären Altenhilfe. Ein weiterer Großteil befindet sich in Krankenhäusern und Sanatorien. Die übrigen Personen dieser Bevölkerungsgruppe leben in sonstigen Heimen. Außer den geschätzt etwa 10.000 älteren Menschen in psychiatrischen Kliniken (SCHNELL 1991) dürfte dieser Teil der institutionalisierten über 60jährigen jedoch m.E. eher als gering einzuschätzen sein. Aus diesem Grund werden in der Folge die über 60jährigen in Privathaushalten der gleichaltrigen Bevölkerungsgruppe in Altenwohnheimen, Altenheimen und Altenpflegeheimen gegenübergestellt, ohne über die in sonstigen Anstalten Untergebrachten Aussagen machen zu können und zu wollen (HANEFELD 1987: 166).

Ist die Untererfassung der Heimbevölkerung in allgemeinen Bevölkerungsumfragen bei jüngeren Kohorten resp. Altersgruppen wegen einer Institutionalisierungsquote im Promillebereich m.E. noch hinnehmbar, so muß das gleiche Vorgehen bei den höheren Altersgruppen als schwerwiegendes Manko hinsichtlich der Verallgemeinerbarkeit dieser Studien auf die Gesamtbevölkerung bewertet werden. Diese Tatsache wiegt nach meiner Einschätzung umso schwerer, weil sich vermuten läßt, daß sich gerade die Heimbevölkerung hinsichtlich ihrer soziostrukturellen Merkmale als auch anderer wichtiger Variablen von der entsprechenden Personengruppe in Privathaushalten erheblich unterscheidet. ,,Der faktische Ausschluß von mehr als 1% der Bevölkerung mit deutlich abweichenden Merkmalen ist vielleicht für die an speziellen Konsumentengruppen orientierte kommerzielle Marktforschung vertretbar, nicht hingegen für eine explizit theorietestende empirische Sozialforschung" (SCHNELL 1991: 121). Ein Teil der Fragestellung der vorliegenden Arbeit befaßt sich deshalb genau mit dieser Problemstellung. Genauer formuliert:
Unterscheiden sich die in Einrichtungen der stationären Altenhilfe untergebrachten älteren Bundesbürger von der Bevölkerungsgruppe der Nichtinstitutionaliserten einmal hinsichtlich basaler soziostruktureller Merkmale und zum anderen hinsichtlich anderer wichtiger Lebensbereiche wie etwa der Gesundheit oder des familialen Netzwerkes? Wieviele Personen einer bestimmten Sozialgruppe befinden sich in Alteneinrichtungen? Wie läßt sich die Lebenssituation der Institutionalisierten vor deren Heimeintritt beschreiben? Wie sehen die Institutionalisierungsquoten bestimmter Sozialgruppen aus?

Unterteilt man den Untersuchungsgegenstand der über 60jährigen in die Gruppe der in Privathaushalten Lebenden und in die Heimbewohner, so ist die Zugehörigkeit zu einer der beiden Gruppen kein unveränderliches Merkmal wie etwa das Geschlecht. Vielmehr kann die Zugehörigkeit zu einer der beiden Gruppen als ein reversibler Prozeß betrachtet werden. Personen siedeln von Privatwohnungen in Heime um oder ziehen vom Heim aus in Privathaushalte (zurück). Der zweite Teil der Fragestellung befaßt sich mit der erstgenannten Prozeßrichtung:
Welche Ursachen und Lebensumstände bewegen einen alten Menschen zu dem Entschluß, in ein Heim zu ziehen und welche subjektiven Beweggründe geben alte Menschen dabei an? Lassen sich Prädiktoren ausmachen, anhand derer sich die Bevölkerungsgruppen in Privathaushalten und in Heimen unterscheiden lassen? Und schließlich: Inwieweit können diese Prädiktoren als objektive Heimeintrittsgründe interpretiert werden? Abschließend soll außerdem das Verhältnis zwischen objektiven und subjektiven Heimeintrittsgründen problematisiert werden.

1.3. Forschungslogik und Vorgehensweise

Als wissenschaftstheoretischer Zugang zu der vorliegenden Fragestellung wurde die Position des kritischen Rationalismus gewählt, was sich in der Vorgehensweise zur Bearbeitung des Explanandums niederschlägt: Nach der Darlegung des Entdeckungszusammenhangs, der Definition der wichtigsten Begriffe und der Klärung der Fragestellung (Abschnitt 1.) wird anschließend zunächst eine Einordnung der Problematik in bereits vorhandene Forschungsergebnisse erfolgen (Abschnitt 2.).
Aufbauend auf der Analyse des status quo, also des bisherigen Forschungsstandes, erfolgt dann die Explikation von Einzelhypothesen zu den beiden Teilen der Fragestellung (Abschnitt 3.). Die Lebenssituation ist für den ersten Teil der Fragestellung das Explanandum. In der darauffolgenden Analyse zu den Heimeintrittsgründen ist die Lebenssituation dann ihrerseits Explanans. Dabei läßt sich das Explanandum des zweiten Teils `Person lebt in Privathaushalt / Person lebt in Einrichtung der Altenhilfe′ relativ unproblematisch anhand der Zugehörigkeit zu einer der beiden Vergleichsgruppen erschließen. Mit anderen Worten: Einmal ist die Lebenssituation selbst Gegenstand der Analyse, zum anderen soll ihre Erklärungskraft für die Wahrscheinlichkeit einer Heimübersiedlung untersucht werden. Da die Lebenssituation mehrdimensional ist, wird sie in vier wichtige Dimensionen Gesundheitszustand, Wohnsituation, Struktur des sozialen Netzwerkes und soziodemographische Merkmale zerlegt. Diese vier Dimensionen werden üblicherweise auch in anderen diesbezüglichen Veröffentlichungen thematisiert (SCHNEEKLOTH / MÜLLER 1995, BRANDENBURG 1996). Auch diese Dimensionen sind einer direkten Beobachtung nicht zugänglich, so daß zu deren Operationalisierung verfügbare und als geeignet angesehene Indikatoren (Merkmale) verwendet werden. Diese Indikatoren stehen über die entsprechenden Hypothesen mit dem jeweiligen Explanandum in überprüfbarer Verbindung.

Als nächster Schritt wird dann die Datengrundlage zu wählen sein, mittels derer die Fragestellung untersucht werden soll (Abschnitt 4.). Dazu werden relevante Variablen aus den bislang elf Wellen des Sozio-Ökonomischen Panel4 kumuliert und zusammen mit dem derzeit am Institut für Soziologie der Universität Heidelberg von Thomas Klein erhobenen Altenheimsurvey5 zu einem Datensatz zusammengefaßt. Dabei werden verschiedene methodische Problemstellungen zu bearbeiten sein, die sich aus der besonderen Struktur der beiden Referenzdatensätze ergeben.

Nach der Konstruktion des o.g. Datensatzes und dessen Validierung an externen Daten wird die uni- und bivariate Überprüfung der vorher herausgearbeiteten Hypothesen, gegliedert nach den eben genannten Themenbereichen, folgen (Abschnitt 5.). Dabei bietet sich ein Vergleich der Lebenssituation der Institutionalisierten mit der der Bevölkerung in Privathaushalten an. Hieraus ergeben sich dann auch erste Hinweise auf die Prädiktorenqualität einzelner Variablen für den späteren Heimeintritt. Daran anschließend wird unter Einbeziehung der Zeitperspektive die Entwicklung der Heimbewohnerschaft entlang ausgewählter Lebensbereiche vom Zeitpunkt unmittelbar vor Heimeintritt bis zur Gegenwart dargestellt. Des weiteren wird der Themenkomplex `Gründe des Heimeintritts′ zunächst durch Auswertung subjektiver Angaben der Befragten angegangen. Abschließend erfolgt die multivariate Analyse objektiv bestimmbarer Prädiktoren für einen Heimeintritt. Dazu wird aufgrund des nominalen Skalenniveaus der Abhängigen `Heimbewohner / kein Heimbewohner′ die logistische Regressionsrechnung verwendet.

1 Für Berechnungen innerhalb dieser Arbeit lag das Alter in Dezimaljahren vor. Die Formulierung `über 60jährige′ schließt deshalb im folgenden die (exakt) 60jährigen mit ein. Zugunsten der Lesbarkeit kann somit auf Formulierungen wie `die 60jährigen und Älteren′ verzichtet werden. Gleiches gilt entsprechend für andere Altersangaben.

2 Im Altenheimsurvey befinden sich unter den 3.144 Befragten acht Ausländer.

3 Die Gruppensoziologie differenziert zwischen sozialen Gruppen und sozialen Kategorien. Soziale Gruppen unterscheiden sich von sozialen Kategorien v.a. durch die Existenz dauerhafter face-to-face-Interaktionen. Strenggenommen wird in der Folge der Begriff `Gruppe′ also im Sinne einer sozialen Kategorie verwendet.

4 Das Sozio-Ökonomische Panel wird in der Folge mit SOEP abgekürzt.

5 Der Altenheimsurvey wird in der Folge mit AHS abgekürzt.


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