Denjenigen, die den Alltag der Wissenschaft und ihrer Institutionen kennen, mag Interdisziplinarität als Reizwort und unscharfer Begriff gelten. In der Tat macht das Durchhalten einer interdisziplinären Perspektive erhebliche Mühe. Immer wieder werden die eigenen Positionen und die scheinbar fraglosen Gewissheiten der eigenen Disziplin verunsichert. Fortwährende Übersetzungsarbeit ist also erforderlich. Das gilt besonders, wenn wie hier, die Informatik und die Soziologie, aus der die Autorin und der Autor kommen, im Sinne von C.P. Snow zu zwei unterschiedlichen Wissenschaftskulturen gehören: Hier die mathematisch-naturwissenschaftliche, dort die empirisch-geisteswissenschaftliche.
Was uns dennoch das Wagnis der interdisziplinären Perspektive hat eingehen lassen, ist zum einen der Sachverhalt, dass die auf Computermedien basierende Vernetzung unserer Interaktionen und Kommunikation unseren gesamten Alltag durchdringt und so die Perspektiven der technischen Ermöglichung und der sozialen Vermöglichung zusammenzwingt, zum anderen das rege Interesse daran, welche Wissensformen die Phänomene der alltäglichen Vernetzung annehmen, wenn man sie aus dem Blickwinkel einer anderen Disziplin betrachtet und zu beschreiben versucht.
Deshalb ist beim "Picknick mit Cyborgs" ein Buch mit zwei Seiten entstanden. Auf der einen Seite kann man dem interdisziplinären Gespräch über Bedingungen und Konsequenzen alltäglicher Vernetzung folgen. Auf der anderen Seite korrespondiert dazu ein Text mit Hintergrundwissen und wissenschaftlichen Perspektiven, den man ebenso eigenständig lesen kann.
Dieses Experiment geht nicht ohne Irritationen und Missverstehen ab. Aber Miss-Verstehen ist im Sinne von Heinz von Foerster immer auch Verstehen und vielleicht in der derzeitigen Situation einer rasant voranschreitenden Virtualisierung gesellschaftlicher Wirklichkeit und des gesellschaftlichen Wissens ein Beobachtungsprinzip der Einheit des Uneinheitlichen. Genau davon handelt dieses Buch.
Die Autoren:
Constanze Kurz ist Informatikerin. Sie forscht und lehrt als wissenschaftliche Mitarbeiterein am Schwerpunkt "Informatik in Bildung und Gesellschaft" der Humboldt-Universität zu Berlin. Ehrenamtlich ist sie Sprecherin des Chaos Computer Clubs.
Udo Thiedeke ist Soziologe und Künstler. Er forscht und lehrt als Privatdozent mit Schwerpunkt "Soziologie der Medien" am Institut für Soziologie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
Inhaltsverzeichnis
Was wir uns dabei gedacht haben
Eine Gebrauchsanleitung
Wie sich Medienvirtuosen kennenlernen
Alte Kanäle – Neue Kanäle
Programmdirektoren und Integrierte
Das Netz, das uns nicht vergisst
Schufa und das BKA haben uns're Daten da
Meine Daten sind mein Selbst
Die maoistischen Ameisen
Nicht nur Katzen haben sieben Leben
Die Parasiten der Knappheit
Einwanderer und Einwohner im Datenraum
Mobil angeleint
Im Flur am Telefon
Leb' dein zweites Leben!
Verfolgte Daten
Von der überflüssigen Knappheit
Artefakte, Technofakte, Soziofakte
Die vollvernetzten 24-Stunden-Kommunizierer
Zielsetzung & Themen
Das Buch untersucht in Form eines interdisziplinären Gesprächs, wie durch computergestützte Interaktionsmedien eine alltägliche Vernetzung stattfindet, die unsere Lebenswelt und Kommunikationsformen nachhaltig verändert. Die Forschungsfrage kreist dabei um die Konsequenzen dieses "digitalen Lebens", die Entgrenzung von privat und öffentlich sowie die Frage, wie Individuen in einer von Datenströmen geprägten Gesellschaft handlungsfähig bleiben.
- Die Transformation von traditionellen Medien zu interaktiven Netzwerkstrukturen
- Die sozio-technische Konstruktion von Identitäten im digitalen Raum
- Der Wandel von Privatsphäre und die permanente Verfügbarkeit von Daten
- Die ökonomischen Mechanismen von Aufmerksamkeit und "Knappheit" im Netz
- Die Rolle der Nutzer als "Programmdirektoren" und aktive Mitgestalter
Auszug aus dem Buch
Wie sich Medienvirtuosen kennenlernen
UTh.: Was ich so faszinierend finde, ist die Tatsache, dass Sie jetzt tatsächlich hier sind, ganz im Realen und so weiter. Und ich bin ganz überrascht, wie Sie „in der Realität” – wie man heute noch so schön sagt – sind, denn wir haben uns ja im Prinzip eigentlich nur, naja, „virtuell” kann man ja nicht so richtig sagen, aber fast...
CK.: Schon.
UTh.: ... nur „telemäßig” kennengelernt.
CK.: Stimmt, ja.
UTh.: Und insofern ist es also doch schon ganz überraschend, erstens mal, welche Möglichkeiten wir heutzutage haben, nicht nur irgendwie einen Brief zu schreiben oder uns ganz persönlich in die Augen zu sehen und zu „daten”, uns zu treffen oder zufällig über den Weg zu laufen, sondern sich im Fernsehen „kennenzulernen”!
CK.: Und man kann eigentlich sagen, dass wir uns ohne die technischen Mittel vermutlich nicht so schnell oder auch gar nicht kennengelernt hätten.
UTh.: Wahrscheinlich überhaupt nicht kennengelernt.
CK.: Vermutlich!
UTh.: Insofern ist schon diese Kennenlernbeziehung ein mediales Produkt.
CK.: So sieht's aus! Zwar unidirektional, zumindest am Anfang – und wir haben weitere technische Hilfsmittel benötigt, um dann die zweiseitige Kommunikation herzustellen...
UTh.: ... ja...
CK.: ... aber durchaus schon geprägt durch die neuen Medien.
UTh.: Ja, und vor allem, wir haben uns ja im Grunde schon als kleine Medienvirtuosen erwiesen, indem wir einen ständigen Medienwechsel vollführt haben.
CK.: Ja!
UTh.: Also in unserem Fall von der massenmedialen Tele-Präsenz über das Telefonat, was individualmedial ist und die Individuen unmittelbar koppelt, hin zur interaktionsmedialen Kommunikation via E-Mail.
Zusammenfassung der Kapitel
Was wir uns dabei gedacht haben: Dieses Kapitel erläutert das interdisziplinäre Konzept des Gesprächs und die methodische Anreicherung von Alltagserfahrungen durch theoretische Reflexion.
Eine Gebrauchsanleitung: Der Leser wird in die zweispaltige Struktur des Buches eingeführt, die Gespräch und Hintergrundinformationen parallel verwebt.
Wie sich Medienvirtuosen kennenlernen: Ein konkretes Beispiel für die medienvermittelte Anbahnung von Kontakten, die neue Formen der interaktiven Kommunikation erfordert.
Alte Kanäle – Neue Kanäle: Es wird die Veränderung der Medienlandschaft diskutiert, in der das Internet zunehmend individualisierte und asynchrone Kommunikationsformen ermöglicht.
Programmdirektoren und Integrierte: Die Nutzer werden zu aktiven Arrangeuren ihrer Medieninhalte, was die traditionelle Rolle von Fernsehen und Radio dezentriert.
Das Netz, das uns nicht vergisst: Eine Untersuchung zur Problematik des "öffentlichen Erinnerns" und wie die Speicherkapazitäten des Internets Strategien des Vergessens erfordern.
Schufa und das BKA haben uns're Daten da: Die zunehmende digitale Erfassbarkeit und Numerierung des Individuums durch staatliche und kommerzielle Instanzen wird kritisch beleuchtet.
Meine Daten sind mein Selbst: Es werden Strategien des "Selbstdatenschutzes" erörtert, etwa Datenvermeidung oder die bewusste Nutzung von Pseudonymen.
Die maoistischen Ameisen: Hier geht es um die Dynamik von Netzwerken, "Schwarmintelligenz" und die Ängste vor dem "Pöbelherrschaft"-Potenzial in digitalen Foren.
Nicht nur Katzen haben sieben Leben: Der Fokus liegt auf der Konstruktion von Identitäten und der Möglichkeit, im Cyberspace verschiedene "Personae" anzunehmen.
Die Parasiten der Knappheit: Analyse wie Unternehmen versuchen, künstliche Knappheit zu erzeugen, um Aufmerksamkeit und ökonomische Werte im Netz zu generieren.
Einwanderer und Einwohner im Datenraum: Ein Vergleich der Generationen, die in die digitale Welt "einwandern" oder "nativ" in sie hineingewachsen sind.
Mobil angeleint: Die Auswirkungen mobiler Endgeräte und permanenter Lokalisierbarkeit auf die menschliche Kommunikation und Wahrnehmung.
Im Flur am Telefon: Diskussion über die Verschiebung öffentlicher und privater Räume durch die mobile Telefonie im öffentlichen Raum.
Leb' dein zweites Leben!: Eine soziologische Betrachtung von virtuellen Welten und der zunehmenden Verschmelzung von "realem" und "virtuellem" Leben.
Verfolgte Daten: Abschließende Betrachtung der Überwachungstechnologien und der Schwierigkeit, sich in einer global vernetzten Welt der Datenerfassung zu entziehen.
Von der überflüssigen Knappheit: Reflexion über den Medienwandel vom Buchdruck bis zum Internet und die damit einhergehende Entwertung klassischer Knappheitskonzepte.
Artefakte, Technofakte, Soziofakte: Die zunehmende Einbettung von Technik in unser soziales Handeln und die Verschmelzung von Mensch und Maschine.
Die vollvernetzten 24-Stunden-Kommunizierer: Zusammenfassende Betrachtung über die Erreichbarkeit und die neuen Anforderungen an das Zeit- und Beziehungsmanagement.
Schlüsselwörter
Vernetzung, Cyberspace, Identität, Soziofakte, Datenvermeidung, Kommunikation, Mediensozialisation, Interaktionsmedien, Virtualisierung, Datenschutz, Social Software, Algorithmen, Knappheit, Folksonomy, Mobile Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Buch grundsätzlich?
Das Buch analysiert in Form eines interdisziplinären Dialogs, wie die moderne, computergestützte Vernetzung unsere alltäglichen Kommunikationsgewohnheiten, unser Verständnis von Identität und unsere soziale Wahrnehmung grundlegend transformiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen privater und öffentlicher Kommunikation, die digitale Konstruktion des Selbst, Mechanismen der Überwachung und Kontrolle sowie die ökonomischen Aspekte von Daten im Netz.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die soziologischen und informationstechnischen Bedingungen unserer heutigen "Vernetzung" zu verstehen und aufzuzeigen, wie diese unsere individuelle Handlungsfähigkeit sowie gesellschaftliche Strukturen beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autoren nutzen einen interdisziplinären Ansatz, der theoretische soziologische Reflexion (z. B. auf Basis von Luhmann oder Elias) mit empirischen Beobachtungen und technischer Informatik-Perspektive verknüpft, um die "Phänomene der alltäglichen Vernetzung" zu spiegeln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Themen wie die Identitätskonstruktion in sozialen Netzwerken (Facebook, MySpace), die Bedeutung von Suchmaschinen und Matching-Algorithmen, der Datenschutz in Zeiten von "Big Data" sowie die Auswirkungen mobiler Kommunikation diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter umfassen Vernetzung, Cyberspace, Identität, Soziofakte, Datenvermeidung, Kommunikation, Mediensozialisation und Interaktionsmedien.
Wie beeinflusst die Technik die Identität der Nutzer?
Technik wird zunehmend als "Soziofakt" Teil unseres Handelns. Nutzer konstruieren virtuelle Identitäten (Avatare, Profile), die mit ihrer realen Existenz verschmelzen und neue Möglichkeiten, aber auch Risiken der Selbstgestaltung und Überwachung bergen.
Welche Rolle spielt die Privatsphäre im digitalen Zeitalter?
Privatsphäre wandelt sich von einer schützenswerten Sphäre zu einem residualen Bereich. Die Autoren plädieren für "Selbstdatenschutz" und "Datenvermeidung", da die totale Transparenz des Einzelnen im Netz heute ein "allgemeines Bedürfnis" der Datensammler geworden ist.
- Arbeit zitieren
- Constanze Kurz (Autor:in), Udo Thiedeke (Autor:in), 2010, Picknick mit Cyborgs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153456