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Die erste Realisierungsphase des Generalplans Ost in der Zamojszczyzna

Hauptseminararbeit, 1997, 30 Seiten
Autor: Harms Mentzel
Fach: Geschichte - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Details

Veranstaltung: Deutsche Ostforschung und NS-Ostraumpolitik: Der Generalplan Ost
Institution/Hochschule: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Institut für Geschichte)
Tags: Realisierungsphase, Generalplans, Zamojszczyzna, Deutsche, Ostforschung, NS-Ostraumpolitik, Generalplan
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 1997
Seiten: 30
Note: sehr gut
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V15571
ISBN (E-Book): 978-3-638-20640-2

Dateigröße: 267 KB


Textauszug (computergeneriert)

Die erste Realisierungsphase des
Generalplans Ost in der Zamojszczyzna

 

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort 3

1. Einleitung: Die Vorbereitung der „Aktion Zamojszczyzna“ 5

2. Die Aussiedlung der polnischen Bevölkerung aus dem Umsiedlungsgebiet 7

2.1. Theorien für die Aussiedlung 7
2.2. Die Praxis der Aussiedlung 8
2.3. Die Folgen der Vertreibungen 9
2.4. Fiasko und Fazit der Aussiedlungsaktion 11

3. Kollaboration von ukrainischer und polnischer Seite 12

4. Die „deutsche“ Ansiedlung in der Zamojszczyzna 13

4.1. Die Suche nach deutschen Ansiedlern für den ersten „Ostlandstützpunkt“ 13
4.2. Der Ansiedlungsvorgang 15
4.3. Vermögensprobleme 15

5. Planung und Aufbau der Siedlungen der Neusiedler 16

5.1. Die Bau- und Planungsbehörden 16
5.2. Die Landschaftsplanung 17
5.3. Die Verwaltung der Neusiedlungen 18
5.4. Die Infrastruktur 19
5.5. Die Institution der „Polizeistützpunkte“ 19
5.6. Die „deutsche“ Stadt Zamojszczyzna 20

6. Das Ende der Umsiedlungsaktion in der Zamojszczyzna 21

Literaturverzeichnis 24

Anmerkungen 25

 


Vorwort

Mit den militärischen Anfangserfolgen der Wehrmacht in Osteuropa wuchs bei den Herrenmenschenideologen des Dritten Reiches auch die Zuversicht, ihre Träume zur dauerhaften Aneignung der eroberten Gebiete durch „Germanen“ in die Praxis umzusetzen. Bevölkerungspolitische Gesamtkonzeption dafür war das Projekt „Generalplan Ost“- seit 1941 diskutiert, am 12. Juni 1942 durch Heinrich Himmler gebilligt. Danach waren eine Handvoll größerer deutscher Siedlungsmarken in Osteuropa und als Siedlungsbrücken zwischen ihnen und dem Deutschen Reich drei Dutzend Siedlungsstützpunkte anzulegen. Auch auf diese Weise sollten die geschlossenen ethnischen Einheiten der slawischen Völker zerstört und der germanischen Herrenrasse die Hegemonie im östlichen Europa gesichert werden. Einen großen Teil der ansässigen slawischen Bevölkerung beabsichtigten die Nationalsozialisten nach Sibirien auszusiedeln. Der andere Teil sollte zur Sklavenarbeit herabgewürdigt in den entsprechenden Gebieten vorerst verbleiben dürfen. Die geplante Bevölkerungsverschiebung hätte zwischen 30 und 90 Millionen Menschen erfasst, wobei der Tod eines Teils dieser „Masse“ einkalkuliert war.1 Die Realisierung des Generalplans Ost, dessen Entstehungsgeschichte und genauer Inhalt hier nicht referiert werden sollen,2 blieb glücklicherweise Utopie. Sie war für die Zeit nach dem erhofften Endsieg vorgesehen. In seinen Anordnungen im Oktober und November 1939 hatte sich Himmler auch betreffs der Ansiedlung von Reichsdeutschen dahingehend ausgeprochen.3 Allerdings wurde noch während des Krieges mit der ersten Phase der „Umvolkung“ begonnen. Himmler war seit dem 7. Oktober 1939 als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums für ... die Gestaltung neuer deutscher Siedlungsgebiete durch Umsiedlung, im besonderen durch Seßhaftmachung der aus dem Ausland heimkehrenden Reichs- und Volksdeutschen verantwortlich.4 Es scheint, dass er in dieser Funktion ungeduldig mit der Umsetzung seines „Lieblingsplanspiels“ beginnen wollte und deshalb mit seinem SS-Apparat an einigen Stellen losschlug. Dabei ignorierte er die Kompetenzen anderer Institutionen des Reichs. Jedoch wird es für den verhältnismäßig raschen Beginn der Aktion auch rationalere Überlegungen gegeben haben, denn je schneller Himmler seinem Führer formal hervorragende Pläne vorlegte, desto eher konnte er sich als Garant ideologischer Fernziele des Regimes profilieren und den Anspruch der SS auf den Osten untermauern.5 Wenn er schnell handelte, praktische Siedlungsexperimente durchführte, vermochte er seiner SS einen Startvorteil bei der Beherrschung des Ostens zu verschaffen. Also nahm man bereits während des Krieges diverse Umsiedlungsprojekte in Angriff, so zum Beispiel in Südwest-Litauen, in der Süd-Ukraine, auf der Krim, in der Untersteiermark/Oberkrain, in Lothringen oder im Protektorat Böhmen und Mähren. Die meisten dieser Aktionen scheiterten jedoch am Kompetenzen- und Prestigegerangel oder verliefen doch zumindest zuungunsten des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums (RKF), da sich die jeweiligen Gebietsführer eigene Siedlungsbehörden schufen.6

Zur Zeit der Erstellung des „Generalplans Ost“ im Juni 1942 waren bereits massive Aussiedlungen und Vertreibungen in den eingegliederten Ostgebieten im Gange. Im Generalgouvernement haben wir es jedoch mit einem besonderen Fall zu tun: Hier geht es um ein Gebiet, das anders als etwa Kaschubien, Oberschlesien oder Elsass- Lothringen niemals zum Deutschen Reich gehört hatte. Unter den geplanten Ostlandstützpunkten im Generalgouvernement, die als Siedlungsbrücken zu den drei künftigen Reichsmarken im Osten eingerichtet werden sollten, befand sich in der Gegend Lublin auch die Kreishauptmannschaft Zamo. Diese sollte in die Geschichte als erster deutscher Siedlerbereich im Generalgouvernement eingehen, als Testfeld für zukünftige Großgermanisierungprojekte im Osten. Die Vorstellungen der Nationalsozialisten, wie und mit welchen Konsequenzen Ostmittel- und Osteuropa im Geiste ihrer Rassenideologie umgestaltet werden sollten, fanden hier ihre Präzisierung zu einem konkreten Szenario, das gewissermaßen den Kulminationspunkt aggressiver deutscher Bestrebungen in bezug auf seine östlichen Nachbarn bezeichnet.7

Außerdem hatte der durch die Germanisierungsaktion hervorgerufene unerwartet heftige Widerstand im Umsiedlungsbereich dieser „Zamojszczyzna“ größte Bedeutung für den antideutschen bewaffneten Widerstand in Polen überhaupt, an dem (und am Vormarsch der Sowjetarmee) dieses Umsiedlungexperiment schließlich scheiterte. Trotz Scheitern des Projektes bestürzt die kriminelle Energie, das dem Unternehmen innewohnte und es überhaupt inmitten des auszehrenden Krieges so weit gedeihen lassen konnte. Menschen wurden zu einer beliebig verschiebbaren Masse. Die Hartnäckigkeit, mit der die Aktion Zamo betrieben wurde, lässt schlussfolgern, dass den slawischen Völkern des Ostens nach einem eventuellen Endsieg der deutschen Faschisten eine „gigantische Zamojszczyzna“, und damit langfristig die vollständige „Exterminierung“ gedroht hätte.

Die Arbeit, die sich aufgrund des Zeitmangels nur auf eine verhältnismäßig stark begrenzte Anzahl von Literatur zum Thema stützen konnte, versucht einen groben Überblick über dieses Projekt zu geben und vor allem den energievollen, auf dem ersten Blick perfekt geplanten, bei näherem Hinsehen jedoch dilletantisch-brutalen Realisierungstest des „Generalplans Ost“ plastisch darzustellen. Dank der Edition von Czes³aw Madajczyk konnten einige bei ihm erstmals veröffentlichte Dokumente verarbeitet werden.8

1. Einleitung: Die Vorbereitung der „Aktion Zamo“

Zamo(?) ist eine Kreisstadt im südöstlichen Polen nahe der heutigen polnischbelarusischen Grenze, die ihren Namen nach Jan Zamoyski, einem königlichen Kanzler, Kongresshetman und Kunstmäzen erhalten hatte. Er ließ nämlich diesen Ort Ende des 16. Jahrhunderts als Hauptstadt seines umfangreichen Landbesitzes im Stil der italienischen Renaissance erbauen. Besonders deutlich sichtbar wird das am großen Markt, das dem Zentrum Paduas nachempfunden wurde. Deshalb hat Zamo heutzutage auch seinen Platz auf der UNESCO-Denkmalliste. Ende der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts zählte die Stadt etwa 18000 Einwohner.9 Warum fiel nun die Wahl für das erste Großsiedlungsgebiet auf diese Gegend? Mit seiner Lage im Distrikt Lublin besitzt Zamo eine verkehrsgünstige geopolitische Position. So war der Raum von Zamo als Tor zur Ukraine beziehungsweise in den Donauraum und zum Schwarzen Meer nutzbar. Deswegen konnte das Gebiet als Verbindungsglied, als „Deutschtumbrücke“ vom Baltikum nach Siebenbürgen dienen. Als vorgeschobener Siedlungsstandort zur Bedrohung des Polentums im Generalgouvernement ließ es sich gleichfalls missbrauchen, indem das Polentum siedlungmäßig „eingekesselt“ und so allmählich wirtschaftlich und demographisch, also „biologisch“, erdrückt werden sollte. Als günstig wurde ebenfalls eingeschätzt, dass der Aktion der Exodus und Exitus des ehemals starken jüdischen Bevölkerungsteils in der Zamojszczyzna vorausgegangen war. Deshalb standen hier viele Höfe leer, in die die auszusiedelnden Polen eingewiesen werden konnten. Außerdem war dieser Raum von einer Mischsiedlung aus Polen und Ukrainern geprägt, woraus jahrhundertealte Spannungen und Kämpfe „zur Behauptung des jeweiligen Kulturbodens“,10 wie es hieß, resultierten. Die ließen sich günstigerweise von den deutschen Besatzern ausnutzen, um das Gebiet zu beherrschen. Tatsache ist auch, dass dort seit 1784 auf Initiative Kaiser Josef II. stärkere deutsche Minderheiten gelebt haben, die allerdings 1940/41 in den neugebildeten Warthegau umgesiedelt worden waren. Die Wahl begünstigte auch das Vorhandensein unversehrter, kleiner polnischer Städte angeblich „deutscher Prägung“ und fruchtbarer Lößböden, die gute Ernteerträge für die Neusiedler versprachen. Die Wahl und die mit ihr verbundene Umsiedlung wären sicherlich undenkbar ohne den geeigneten Vollstrecker der Ideen Himmlers gewesen: Odilo Globocnik, der besonders skrupellose SS- und Polizeiführer von Lublin. Eine Rolle spielte auch die Nähe zur Distrikthauptstadt Lublin, die nach Zamo deutsch besiedelt werden sollte. Sie war als wichtiger Kreuzungspunkt des gesamten Transport- und Nachschubverkehrs der SS nach dem Osten geplant und sollte als rückwärtige Garnison und Zentralmagazin für die SS-Truppen des Ostens dienen. Deutlich sichtbar wird der Stellenwert des Distrikts für die SS in der Anlage von Konzentrationslagern und deren Nebenlagern, um Arbeitskräfte für den Ausbau der SS-eigenen Industrie (Deutsche Ausrüstungswerke, Ostindustrie-GmbH, SS-Bekleidungswerke) zu sichern. Als Beispiel ist an dieser Stelle das Konzentrationslager Lublin (Majdanek) zu nennen.11

[...]


1 Gerhard Schreiber, Deutsche Politik und Kriegführung 1939 bis 1945, in: Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, hrsg.v. Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke und Hans- Adolf Jacobsen
2., erg. Aufl., Bonn 1993, S.343 f.; Czes³aw Madajczyk, Deutsche Besatzungspolitik in Polen, in der UdSSR und in den Ländern Südosteuopas, in: Deutschland 1933-1945, a.a.O., S. 434. 2 Czes³aw Madajczyk (Hrsg.), Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan, München u.a. 1994; Mechthild Rössler, Sabine Schleiermacher (Hrsg.), Der „Generalplan Ost“. Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik, Berlin 1993.
3 Czes³aw Madajczyk, Die Okkupationspolitik Nazideutschlands in Polen 1939-1945, Berlin 1987, S. 441.
4 Dok.: Hitler ernennt Himmler zum „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“, in: Enno Meyer, Deutschland und Polen 1914-1970, Stuttgart 1985, S. 50.
5 Rolf-Dieter Müller, Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik, Frankfurt a.M. 1991, S. 110.
6 Madajczyk, Generalplan, S. XI f.; Müller, S. 106 f.
7 Madajczyk, Generalplan, S. V.
8 Ebenda.
9 Rainer W. Fuhrmann, Polen: Handbuch. Geschichte, Politik, Wirtschaft, Hannover 1990, S. 48.; Bruno Wasser, Himmlers Raumplanung im Osten. Der Generalplan Ost in Polen 1940-1944, Basel, Berlin und Boston 1993, S. 157.
10 Bruno Wasser, Die „Germanisierung“ im Distrikt Lublin als Generalprobe und erste Realisierungsphase des „Generalplans Ost“, in: Der „Generalplan Ost“. Die Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik hrsg.v. Mechthild Rössler und Sabine Schleiermacher, Berlin 1993, S. 272.
11 Ebenda, S. 272 f.; Martin Broszat, Nationalsozialistische Polenpolitik 1939-1945, Frankfurt a.M. und Hamburg 1967, S. 165.


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