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Examensarbeit, 1993, 67 Seiten
Autor: Jochen Scheytt
Fach: Musikwissenschaft
Details
Tags: Jarreau, Studien, Entwicklung, Jazz-, Popinterpreten
Jahr: 1993
Seiten: 67
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-21196-3
ISBN (Buch): 978-3-638-69950-1
Dateigröße: 466 KB
Zulassungsarbeit zur künstlerischen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien.
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Zusammenfassung / Abstract
Die Arbeit befasst sich mit der Karriere des amerikanischen Sängers Al Jarreau. Als Jazzsänger in den 70er Jahren gestartet wandte er sich in den 80ern und Anfang der 90er Jahre mehr und mehr der Popmusik zu. Diese Wandlung wird durch beispielhafte Analysen in den Bereichen Improvisation, Harmonik und Liedtexte beschrieben. Eingeleitet wird die Arbeit durch einen Blick auf die Biographie und die Musikalität Al Jarreaus, eine Einteilung seiner bis in die 90er Jahre veröffentlichten Alben und einen kritischen Blick auf die Mechanismen des Musikgeschäfts. Eine kommentierte Diskographie rundet das Werk ab.
Textauszug (computergeneriert)
Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
Studiengang Schulmusik
WS 1992/93
Zulassungsarbeit
zur künstlerischen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien
Al Jarreau-
Studien zu seiner Entwicklung vom
Jazz- zum Popinterpreten
vorgelegt von:
Jochen Scheytt
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 4
A Jazz - Popmusik Zur Problematik der Begriffsbestimmung ... 5
B Al Jarreau - Zur Person ... 6
1. Biographie ... 6
2. Musikalische Einflüsse ... 8
3. Die Stimme ... 9
4. Musikalität ... 10
C Stationen des Wandels ... 12
1. Die Schallplatten ... 12
2. Kommerzielle Zwänge ... 15
3. Analysen ... 18
3.1 Improvisation ... 18
3.1.1 So Long Girl ... 19
3.1.1.1 Formaler Aufbau ... 19
3.1.1.2 Rhythmische und melodische Gestaltung ... 21
3.1.1.3 Allgemeine Merkmale ... 22
3.1.2 Susan′s Song ... 22
3.1.2.1 Improvisation über vamps ... 22
3.1.2.2 Formaler Aufbau ... 23
3.1.2.3 Innere Entwicklung ... 24
3.1.2.4 Tonmaterial und Art des Singens ... 26
3.1.2.5 Text ... 27
3.1.3 Take Five ... 27
3.1.3.1 Entstehung des Stückes aus der Improvisation ... 27
3.1.3.2 Rhythmische Gestaltung ... 27
3.1.4 Love is Real ... 28
3.1.4.1 Aufbau des Solos ... 31
3.1.4.2 Allgemeine Merkmale ... 31
3.1.5 Boogie Down ... 32
3.1.5.1 Aufbau des Solos ... 33
3.1.5.2 Sonstige Merkmale ... 33
3.2 Harmonik ... 34
3.2.1 Harmonik der frühen LPs ... 34
3.2.1.1 Wechsel zwischen zwei Akkorden, Blueseinflüsse ... 34
3.2.1.2 Kadenzielle Verläufe ... 35
3.2.1.3 Plagale Wendungen ... 35
3.2.1.4 Diatonische Akkordfortschreitungen ... 36
3.2.1.5 Verwendung von vamps ... 37
3.2.2 Harmonik der späten LPs ... 38
3.2.2.1 Tonartliche Ausweichungen, Modulationen ... 39
3.2.2.2 Tonartfremde Akkordfortschreitungen und Rückungen ... 42
3.2.2.3 Der Akkord C9sus oder Bb/C ... 45
3.3 Texte ... 50
3.3.1 Inhalte ... 50
3.3.2 Sprache ... 52
4. Zusammenfassung ... 56
D Anhang ... 57
1. Liedtexte ... 57
2. Diskographie ... 59
Anmerkungen ... 62
Literaturverzeichnis ... 63
Personenregister ... 65
Verzeichnis der im Text erwähnten Titel Al Jarreaus ... 66
Einleitung
Als Al Jarreau vor gut fünfzehn Jahren mit seiner sensationellen Europatournee seine Karriere begann, waren vor allem die Jazzfans begeistert. Zu mitreißend war es gewesen, was der damals siebenunddreißigjährige schwarze Sänger auf der Bühne veranstaltet hatte. Seine Technik, die Stimme in immer neuen Klangfarben zu präsentieren, perkussive Effekte, Improvisationen mit Text- oder scat-Silben und die außergewöhnliche Ausstrahlung; das alles begeisterte Kritiker wie Publikum.
Heute ist vieles davon verblaßt. Beim Anhören seiner neueren Platten kann man unschwer feststellen, daß sich der Schwerpunkt verlagert hat. Die Improvisation und die musikalische Spontaneität sind in den Hintergrund getreten. Die Musik ist stromlinienförmiger geworden, dem aktuellen Pop-Tagessound angepaßt. Er ist sich dessen auch bewußt, wie seine Äußerungen in verschiedenen Interviews zeigen. Dennoch steht bei seinen Produktionen - egal in welchem Musikstil er sich gerade aufhält - Qualität im Vordergrund. Das läßt sich nicht nur an den Besetzungslisten seiner Platten ablesen, das hört man ganz einfach.
Grund genug, sich aus heutiger Sicht mit der Person Al Jarreau und seiner Musik, vor allem aber mit seiner musikalischen Entwicklung und den Gründen dafür zu beschäftigen.
A Jazz - Popmusik
Zur Problematik der Begriffsbestimmung
Bevor man eine Arbeit schreibt, die den Weg eines Künstlers vom Jazz zum Pop aufzeigt, ist es notwendig, diese zwei Begriffe zu definieren. Was ist eigentlich Jazz, was ist Popmusik? Was sind die herausragenden musikalischen Merkmale beider Stile, und wie kann man sie unterscheiden? Worauf legt die Musik wert, und welche Zielgruppe spricht sie an? Ganz einfach ist diese Aufgabe nicht, da beide Bezeichnungen Oberbegriffe für eine ziemliche Vielfalt musikalischer Ausprägungen darstellen. Dies ist vor allem bei der Popmusik der Fall. Der Begriff "Popmusik" ist zunächst eine Kurzform für "populäre Musik" und somit keine Beschreibung eines musikalischen Stils, sondern ein Hinweis auf die diese Musik konsumierende Zielgruppe. Somit können alle Musikformen, die ein größeres Publikum ansprechen, gemeint sein. Das Sachlexikon Popularmusik schreibt hierzu:
"Populäre Musik: Ensemble sehr verschiedenartiger Genres und Gattungen der Musik, denen gemeinsam ist, daß sie massenhaft produziert, verbreitet und angeeignet werden. ....Im Unterschied dazu ist die Bezeichnung populäre Musik nämlich nicht allein an die Musik gebunden, sucht diese so verschiedenartigen Genres...... nicht vergeblich auf ein oder mehrere musikalisch definierte Kriterien..... festzulegen. Sie verweist vielmehr darüber hinaus auf den Funktions- und Wirkungszusammenhang einer solchen Musik, in dem ihre Popularität, also ihr Verbreitungsgrad und damit ihr realer Stellenwert in der Lebenspraxis großer Massen von Hörern, ein wesentliches Moment ist." 1
Im Laufe der Zeit hat die Kurzform Popmusik allerdings noch eine spezielle Bedeutung erfahren, die sich wieder mehr am Musikstil orientiert. Der Begriff Popmusik meint hier....
"....Musikformen, die die Stilistik und klanglichen Möglichkeiten des Rock mit der universellen Verkäuflichkeit des Schlagers kombinieren, ......ein mehr oder weniger unverbindlicher Unterhaltungsanspruch mit Bezug auf "Allgemeinmenschliches", formal raffiniert und perfekt gemacht, aber inhaltlich bedeutungslos." 2
Die Popmusik ist insofern musikalisch eine Mischform, die Elemente aus den verschiedensten Bereichen wie dem Rock, Rock′n′Roll, Rhythm & Blues, Funk, Disco und auch der schwarzen Musik in sich vereinigt und zu einerleicht genießbaren Kost zusammenstellt.
Spezifisch für die Popmusik ist die Entstehung des Produkts im Studio. Dieser Teil des Schaffensprozesses ist oft wichtiger als die Komposition des Stückes. Denn bei der Aufnahme im Studio und bei der anschließenden, äußerst wichtigen technischen Bearbeitung der verschiedenen Aufnahmespuren bekommt ein Stück den "Sound", der für seinen Erfolg entscheidend ist. Man spricht dann oft von einem "Tagessound", eine bestimmte Aufmachung, die gerade "in" ist und gute Verkäuflichkeit garantiert.
Wenn man so einen Popsong nur auf seine rein musikalischen Elemente reduziert, ist man oft über die Einfachheit der Mittel ernüchtert. Man erkennt, wie ein cleveres Arrangement und eine perfekte Produktion musikalische Schwachstellen überdecken können.
Somit ist die Produktion eines Poptitels eine Gemeinschaftsarbeit von Komponist, Arrangeur, Musiker, Toningenieur und Produzent,....
".....weil schöpferische Idee, die Bedingungen ihrer Realisation (die organisatorischen und technischen Voraussetzungen ihrer Aufführung und Produktion) und ihre Realisierung selbst (das Musizieren einschließlich seiner technischen Umsetzung im Studio) nicht mehr voneinander getrennte Sphären (Komponist, Verlagswesen, Konzertwesen, Musiker), sondern zu einer Einheit geworden sind. Neben dem Komponisten und Arrangeur sind die Produzenten und Toningenieure in den Studios..... heute gleichermaßen schöpferisch am künstlerischen Gesamtergebnis beteiligt." 3
Hinter der Popmusik steckt heute ein ganzer Industriezweig und der Konkurrenzkampf bei Plattenverkäufen wird mit ziemlicher Härte geführt. Es ist offenkundig, daß bei Pop-Produktionen oftmals nicht künstlerische, sondern wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen. Der Erfolg eines Produktes ist fest eingeplant und notwendig. Das bedeutet, daß es sich die Plattenfirmen gar nicht mehr leisten können, ein qualitativ schlechtes Produkt auf den Markt zu bringen. Es bedeutet aber auch, daß die Risikobereitschaft, ein musikalisch interessantes Projekt zu unterstützen, nicht sehr groß ist, wenn dessen kommerzieller Erfolg fraglich ist. Die Folge ist: die Musik wird stromlinienförmiger, angepaßter, das musikalische Niveau sinkt. Ganz anders ist dies beim Jazz. Der Hauptunterschied zur Popmusik liegt in mehreren Punkten:
- Jazz ist eine Minderheitenmusik, die ihre Erscheinungsformen nicht danach richtet, ob sie von einer Masse konsumiert werden kann, sondern die ihre musikalische Identität bewahrt hat.
- Der Jazz ist im Gegensatz zu der völlig festgelegten und durcharrangierten Popmusik eine Musik, bei der Spontaneität und Vitalität, sowie die freie Ausführung und die Improvisation eine wichtige Rolle spielen. Somit erhält jede neue Wiedergabe eines Stücks eine oftmals völlig andere Gestalt. Bei der Popmusik hingegen gibt es nur ein Endprodukt: eine einzige Aufnahme, die massenhaft vervielfältigt wird.
- Beim Jazz spielen die Musiker mit ihrer Individualität und Virtuosität die Hauptrolle, nicht die möglichst raffinierte technische Aufarbeitung eines Stückes (In der Popmusik sind Aussehen oder das Image eines Künstlers oft wichtiger als musikalisches Können).
- Der Jazz ist eine Musik, die von der Inspiration, der Seele und den Gefühlen der Musiker lebt, die ihr Leben aus dem Zusammenspiel verschiedener Musiker nimmt. Die Popmusik dagegen ist ein synthetisch hergestelltes Produkt, das möglichst viele Menschen erreichen und hohe Verkaufszahlen erzielen soll.
[...]
1 Wieland Ziegenrücker/Peter Wicke, Sachlexikon Popularmusik, Piper-Schott 1987, S. 288,289
2 ebda., S. 298
3 ebda., S. 294
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