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Schulverweigerung bei Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung nach § 34 SGB VIII. Erscheinungsformen, Ursachen, Sozialpädagogische Handlungsmodelle

Diploma Thesis, 2003, 99 Pages
Author: Evelyn Pluta
Subject: Social Pedagogy / Social Work

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2003
Pages: 99
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V16833
ISBN (E-book): 978-3-638-21561-9
ISBN (Book): 978-3-638-69962-4
File size: 489 KB

Abstract

Schulverweigerung - ein Thema, das gerade im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen in Heimbetreuung häufig genannt und diskutiert wird. Doch wie äußern sich schulverweigernde Verhaltensweisen bei heimbetreuten Kindern und Jugendlichen im Einzelnen? Welche Auftretensformen, möglichen Hintergründe und Ursachen gibt es? Wie könnten Lösungsansätze bzw. pädagogische Handlungsperspektiven aussehen? Mit dem Versuch einer Beantwortung dieser Fragen beschäftigt sich vorliegendes Buch.


Excerpt (computer-generated)

Diplomarbeit

Schulaversion bei Kindern und Jugendlichen
in Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung nach § 34 SGB VIII
- Erscheinungsformen, Ursachen, Sozialpädagogische Handlungsmodelle -

vorgelegt von Evelyn Pluta

Universität Rostock
Philosophische Fakultät
Diplomstudiengang Erziehungswissenschaften

Eingereicht am 30. Januar 2003

Inhaltsverzeichnis

Einleitung ... 1

Teil I PHÄNOMEN SCHULAVERSION ... 3

1 Schulabsentismus (RICKING/NEUKÄTER) ... 3

1.1 Erscheinungsformen und Ursachen ... 3
1.1.1 Schulschwänzen ... 4
1.1.2 Schulverweigerung als Subkategorie ... 5
1.1.3 Zurückhalten ... 6

1.2 Theoretischer Zugang: Schulabsentismus im Rahmen einer ökolo-gischen Erziehungswissenschaft - ein heuristisches Modell ... 7
1.2.1 Einflussfaktoren ... 7
1.2.2 Das ökologische Bedingungsfeld von Schulabsentismus ... 8

2 Schulaversion und Unterrichtsmeidende Verhaltensweisen (SCHULZE/WITTROCK) ... 12

2.1 Erscheinungsformen und Ursachen ... 12
2.1.1 Abzugrenzende, angrenzende Erscheinungsformen ... 13
2.1.2 Schulabsentismus als Subkategorie ... 13
2.1.3 Unterrichtsabsentismus ... 14
2.1.4 Unterrichtsverweigerung ... 15

2.2 Theoretischer Zugang: Unterrichtsmeidende Verhaltensweisen im feldtheoretischen Modell LEWINS ... 16
2.2.1 Die Feldtheorie nach Kurt LEWIN ... 16
2.2.2 Wirkfaktoren im Lebensraum eines Schülers mit unterrichtsmeidenden Verhaltensweisen ... 18
2.2.3 Schulvermeidendes Verhalten als Konsequenz ungelöster Konfliktsituationen ... 21

3 Schulverweigerung (THIMM) ... 24

3.1 Erscheinungsformen und Ursachen ... 24
3.1.1 Schulverdrossenheit ... 24
3.1.2 Aktionistische Schulverweigerung ... 26
3.1.3 Vermeidende Schulverweigerung (Absentismus) ... 26
3.1.4 Schulabbruch ... 27

3.2 Theoretischer Zugang: Schulverweigerung in einem multiperspektivischen Modell ... 28
3.2.1 Risikofaktoren im Zusammenhang mit der Entstehung von Schulverweigerung ... 30
3.2.2 Schulverweigerung in subjekt- und prozesstheoretischer Bewälti-gungsperspektive ... 33

4 Fazit ... 36

Teil II Schulverweigerung bei Kindern und Jugendlichen in Heimbetreuung ... 38

5 Das Heimkind als Schulkind ... 39

5.1 Zugang zur Heimerziehung ... 39
5.2 Schulschwierigkeiten und Heimunterbringung ... 40
5.3 Schule aus der Sicht von heimbetreuten Kindern/Jugendlichen ... 42

6 Erscheinungsformen und Ursachen von Schulaverweigerung bei heimbetreuten Kinder und Jugendlichen ... 45

6.1 Auftretensformen ... 45
6.2 Hintergründe der schulverweigernden Verhaltensweisen ... 47
6.2.1 Schulverweigerung und Familie ... 48
6.2.2 Schulverweigerung und Einrichtung ... 49
6.2.3 Schulverweigerung und peer-group ... 50
6.2.4 Schulverweigerung und Schule ... 51

7 Zusammenfassung ... 53

Teil III Handlungsperspektiven für Heim und Schule beim Umgang mit schulverweigernden Kindern und Jugendlichen ... 54

8 Prävention ... 55

8.1 Möglichkeiten für Heimeinrichtungen ... 55
8.2 Möglichkeiten für Schulen ... 56

9 Kooperation zwischen Heim und Schule ... 60

9.1 Schwierigkeiten in der Kooperation ... 60
9.1.1 Schule und sozialpädagogische Jugendhilfe als funktionsdifferenzierte Systeme ... 60
9.1.2 Unterschiede zwischen Heim und Schule ... 62

9.2 Fallbezogene Kooperation - Sozialpädagogisches Fallverstehen ... 65

10 Interventionsmöglichkeiten bei massiver Schulverweigerung - Angebote außerhalb des Regelschulsystems ... 69

10.1 Projekt Schulstation ,,Robinson" ... 69
10.1.1 Zielgruppe ... 69
10.1.2 Ziele ... 70
10.1.3 Anforderungen an die Lehrer und Erzieher ... 71
10.1.4 Inhaltliche Ausgestaltung ... 71

10.2 SCHULTZ - HENCKE - HEIME ... 74
10.2.1 Zielgruppe ... 75
10.2.2 Ziele ... 75
10.2.3 Theoretischer Hintergrund: Lernpsychotherapie ... 76
10.2.4 Inhaltliche Ausgestaltung ... 77

11 Zusammenfassung ... 81

Schlussbetrachtung ... 82

Abbildungsverzeichnis ... 85

Literaturverzeichnis ... 86

Anhang ... 89

 

 

Einleitung

Die vorliegende Arbeit stellt den Versuch dar, schulaversive Verhaltensweisen bei heimbetreuten Kindern und Jugendlichen hinsichtlich ihrer Auftretensformen und Hintergründe zu untersuchen sowie mögliche Lösungsansätze bzw. Handlungsperspektiven im Umgang mit diesen Schülern aufzuzeigen.

Mein Interesse an diesem Thema wurde während meines Praktikums im Sozialpädagogischen Dienst des Jugendamtes Rostock geweckt. Mir fiel auf, dass im Zusammenhang mit Fremdunterbringung nach § 34 SGB VIII (Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform) oft stunden- und tageweises Schwänzen sowie auch massives Schwänzen im Sinne von wochen- und monatelangem Fernbleiben von Schule eine Rolle spielten. Dieser Umstand spiegelte sich sowohl in den von mir eingesehenen Jugendhilfeakten als auch in den Hilfeplanprozessen, an denen ich aktiv teilnahm, wider.

In Gesprächen mit den Bereichssozialarbeiterinnen erfuhr ich von häufig auftretenden Problemen zwischen den Institutionen Schule und Heimeinrichtung, wenn Kinder und Jugendliche aus der Heimbetreuung in der Schule ,Schwierigkeiten machten′ bzw. vom Unterricht fernblieben. Laut Aussagen der Jugend-amtsmitarbeiterinnen sei das Klima von Zuständigkeitsstreitigkeiten, gegenseitigen Schuldzuweisungen und in manchen Fällen von regelrechter Hilflosigkeit geprägt.

Von diesen Informationen ausgehend, stellten sich mir nachstehende Fragen:

  1. Welche Auftretensformen von schulaversivem Verhalten gibt es?
  2. Wo liegen die Ursachen für schulaversive Verhaltensweisen bei heimbetreuten Kindern und Jugendlichen?
  3. Welche Handlungsmöglichkeiten bestehen, um schulaversives Verhalten heimbetreuten Kindern und Jugendlichen abzubauen?
  4. Welche Angebote gibt es für massiv schulaversive Kinder und Jugendliche in Heimbetreuung?
  5. Wer ist für die ,Bearbeitung′ von Schulaversion ,zuständig′?

Hieraus ergab sich dann die Vorgehensweise zur Bearbeitung:

Da die Problematik der Schulaversion im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen in Heimerziehung in der aktuellen Diskussion kaum Beachtung findet1, wird zunächst einen Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen (Forschungs-) Stand hinsichtlich des Phänomens der Schulaversion im Allgemeinen erstellt. Im Einzelnen betrachte ich die Erklärungsansätze von RICKING und NEUKÄTER2, SCHULZE und WITTROCK3 sowie von THIMM4 mit dem Ziel, den für die Beantwortung der Fragestellung geeigneten Zugang zu bestimmen.

Darauf aufbauend erörtere ich die Erscheinungsformen und Hintergründe von Schulaversion bei heimbetreuten Kindern und Jugendlichen.5 Im Hinblick auf mögliche Handlungsperspektiven erscheint es mir an dieser Stelle ebenfalls wichtig, den Zusammenhang zwischen Heimerziehung und schulaversiven Verhaltensweisen herauszustellen.

Im letzten Teil der Arbeit analysiere ich, welche Möglichkeiten sowohl stationäre Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung als auch Schulen haben, mit der Problematik der schulverweigernden Einstellungen und Verhaltensmustern bei in Heimen betreuten Kindern und Jugendlichen umzugehen. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen dabei die Einflussmöglichkeiten der Institutionen, Abbau von Schwierigkeiten in der Kooperation zwischen Heim und Schule, Fallbezogene Kooperation sowie Interventionsangebote bei massiver Schulaversion.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit stets die männliche Form zentraler Personengruppen verwandt, selbstverständlich sind beide Geschlechter angesprochen.

Teil I PHÄNOMEN SCHULAVERSION

In diesem Tei werden die Erklärungsansätze von RICKING und NEUKÄTER6, SCHULZE und WITTROCK7 sowie von THIMM8 hinsichtlich der Begriffsbildung, Erscheinungsformen, Ursachen und theoretischen Hintergründe von schulaversiven Verhaltensweisen mit dem Ziel referiert, einen geeigneten theoretischen Zugang zu bestimmen, auf dessen Folie die Fragestellung bearbeitet werden kann.

1 Schulabsentismus (RICKING/NEUKÄTER)
1.1 Erscheinungsformen und Ursachen

Der Begriffsteil Absentismus findet seinen Ursprung im lateinischen Sprachgebrauch. Er bildet sich aus den Begriffen ,absens′ (abwesend) und ,absentia′ (Abwesenheit) und wird durch das Lexikon9 als ein soziologisch geprägter Begriff definiert, der die Angehörigen größerer industrieller Betriebe umfasst, die sich gegen Mängel des Arbeitsverhältnisses (,Krankfeiern′) zur Wehr setzen

[hier befindet sich in der Downloadversion eine Abbildung]

Abbildung 1 Klassifikation nach RICKING und NEUKÄTER10

In Anlehnung an die internationale Diskussion (engl. Absenteeism, franz. Absentéisme) übertragen in neuerer Zeit RICKING und .NEUKÄTER11 den .Begriff. des .Absentismus .auf den Bereich der Schule. Die Autoren verstehen Schulabsentismus als einen wertfreien Oberbe-griff für alle Formen des Fernbleibens von Schule, ungeachtet ihrer Vielfalt an Ursachen, Erscheinungsformen und Ausprägungsgrade. Als primäre Absentismuskategorien differenziert RICKING in

· ,,das Schulschwänzen als Einzelmerkmal der übergeordneten Kategorie Dissozialität,

· Schulverweigerung [als] eine als emotional charakterisierte Störungsform,

1 Zurückhalten, [das] auf Veranlassen oder mit dem Einverständnis der Eltern [geschieht]." 12

In der Literatur13 werden diese drei Kategorien als deutlich voneinander abzugrenzende Komplexe behandelt, die unter bestimmten Konstellationen zusammen auftreten können. Gemeinsam ist diesen schulvermeidenden Verhaltensweisen, dass sie

,,oftmals durch familiäre Multiproblemlagen und unangemessene oder inkonsistente Erziehungsstile angelegt und häufig durch Leistungsversagen, soziale Konflikte und den damit gekoppelten emotionalen Belastungen in der Schule verstärkt werden" 14

und ohne angemessene und rechtzeitige Interventionsmaßnahmen in vielen Fällen zum Schulabbruch bzw. zum Total-Ausstieg führen können.15

1.1.1 Schulschwänzen

RICKING und NEUKÄTER16 verstehen Schulschwänzen aus subjektzentrierter Sicht als eine dissoziale externalisierende Störung.
Bezugnehmend auf die wissenschaftliche Fachliteratur17 haben die Autoren folgende Kriterien herausgearbeitet:18

· Die Schüler schwänzen auf eigene Initiative,

  • die Eltern wissen in der Regel nichts vom Schwänzen ihrer Kinder,
  • die Kinder/Jugendlichen halten sich während der Unterrichtszeit außerhalb des Elternhauses auf,
  • Schulschwänzen geht in der Regel mit Schulversagen einher,
  • die schwänzenden Kinder/Jugendlichen besitzen tendenziell einen niedrigen sozio-ökonomischen Status, und
  • sie sind in erzieherischer Hinsicht tendenziell von Vernachlässigung bedroht.

In Übereinstimmung mit PREUß sehen RICKING und NEUKÄTER19Schulschwänzen als Ausdruck einer Störung an, die dem Symptombereich der jugendlichen Verwahrlosung zugeordnet ist.

,,Aus medizinischer Sicht gilt Schulschwänzen dementsprechend neben anderen Formen dissozialen Verhaltens wie Stehlen, Fortlaufen von Zuhause und Vandalismus als Symptom einer Persönlichkeitsstörung, die auch über die Adoleszenz hinaus von sozialer Verantwortungslosigkeit, Delinquenz und Gewalttätigkeit geprägt ist."20

1.1.2 Schulverweigerung als Subkategorie

Im Unterschied zum Schulschwänzen ordnen RICKING und NEUKÄTER Schulverweigerung aus einem subjektorientierten medizinischen Blickwinkel eher als ,,Symptom einer emotionalen, internalisierenden Störung [ein], der nach psychiatrischer Diagnose die Qualität einer therapiebedürftigen neurotischen Störung (neurotic disorder) zugeschrieben wird"21.

In Anlehnung an ältere Arbeiten22 bestimmen RICKING und NEUKÄTER23 nachstehende Merkmale von Schulverweigerung:

[...]


1 Ausschließlich in der aufkommenden Diskussion über die Notwendigkeit von Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule wird dieses Thema an der Oberfläche angeschnitten.

2 Vgl. u.a. Ricking/Neukäter, 1997; Ricking/ Neukäter, 1998, Neukäter/Ricking, 1999

3 Vgl. Schulze/Wittrock, 2001; Schulze, 2002

4 Vgl. u.a. Thimm, 1998a; Thimm, 2000b

5 Die an dieser Stelle zur Ausarbeitung genutzten Daten sind zum Teil unveröffentlichten Materialien entnommen, die von den Autoren EGEL und RIETH (1996) für die vorliegende Arbeit zur Verfügung gestellt wurden.

6 Vgl. u.a. Ricking/Neukäter, 1997; Ricking/ Neukäter, 1998, Neukäter/Ricking, 1999

7 Vgl. Schulze/Wittrock, 2001; Schulze, 2002

8 Vgl. u.a. Thimm, 1998a; Thimm, 2000b

9 Vgl. Bertelsmann Lexikon, 1990

10 Abschrift aus Schulze/Wittrock, 2001, S.

11 Vgl. Ricking/Neukäter, 1997, S. 51ff.11

12 Ricking, 1997, S. 232

13 Vgl. Ricking/Neukäter, 1997

14 Ricking, 2000, S. 301

15 Vgl. Ricking/Neukäter, 1998; Thimm, 1998a

16 Vgl. Ricking/Neukäter, 1997, S. 51

17 Vgl. u.a. Preuß, 1978

18 Vgl. Ricking/Neukäter, 1999, S. 816

19 Vgl. Ricking/Neukäter, 1997, S. 52

20 Ebenda

21 Ebenda

22 Vgl. u.a. Clyne, 1969, Preuß, 1978

23 Ricking/Neukäter, 1999, S. 816


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