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Das Scheitern einer bürgerlichen Erziehung in Lessings Emilia Galotti

Termpaper, 2003, 19 Pages
Author: Lena Puppel
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Grundkurs C Lessing-Dramentheorie und Dramenpraxis
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für Deutsche Literatur)
Tags: Scheitern, Erziehung, Lessings, Emilia, Galotti, Grundkurs, Lessing-Dramentheorie, Dramenpraxis
Category: Termpaper
Year: 2003
Pages: 19
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V16929
ISBN (E-book): 978-3-638-21633-3

File size: 87 KB


Excerpt (computer-generated)

HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN
Institut für deutsche Literatur
Lessing-Dramentheorie und Dramenpraxis
Wintersemester 2002 / 2003

Das Scheitern einer bürgerlichen Erziehung in Lessings
Emilia Galotti

Lena Puppel

 

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung S. 3

2. Zum zeitgenössischen Menschenbild S. 4
2.1. Lessing und die emotionale Seite der Aufklärung S. 4
2.2. Lessings Emilia und Rousseaus Emile S. 6
2.3. Wirkungsästhetische Aspekte der Emilia Galotti S. 7

3. Odoardos Scheitern in „Emilia Galotti“ als Symbol für einen unreflektierten Idealismus S. 9
3.1. Das gesellschaftliche Umfeld der Figuren im Drama S. 9
3.2. Disharmonie von Gefühl und Vernunft in der Figur des Odoardos S. 10
3.3. Die Problematik der Erziehung Emilias S. 12
3.4. Odoardos Unfähigkeit der Konfliktbewältigung S. 14

4. Resümee: Lessings Emilia als Kritik an einem blinden Tugendrigorismus S. 16

Bibliographie S. 19

 


„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“
Imanuel Kant

 

1. Einleitung:

In Lessings 1772 uraufgeführtem bürgerlichen Trauerspiel Emilia Galotti wird auf eindrucksvolle Weise das Scheitern einer auf pervertierten Tugendidealen gegründete Erziehung dargestellt. Für Emilia, einer Tochter aus bürgerlichem Hause, sind die extrem hohen Tugendansprüche ihres Vaters Odoardo nicht mit der Wirklichkeit vereinbar. Nur durch ihren Tod kann sie diesen gerecht werden.

Es ist zum einem das Drama um ein Mädchen, das von einem fatalen Erziehungskonzept zu Grunde gerichtet wird, sie selbst ist dabei aber nur das unschuldige Opfer. Gleichzeitig ist das Drama auch die Geschichte ihres Vaters, der für einen speziellen Bürgertypus im 18. Jahrhundert steht, der sich durch ein Leben in der Abgeschiedenheit jeglicher Kritik oder Reflexion um seine Ideale und Handlungen entzieht. Es ist ein Bürgertypus, der die gängigen Ideale der Aufklärung so gar nicht zu leben oder verstanden zu haben scheint. Um dies zu klären, möchte ich im Folgenden erst einmal den geschichtlichen Kontext des Dramas untersuchen. Herauszufinden gilt es dabei, welche Erziehungsansichten vorherrschend waren und welche Aufgabe der Literatur, besonders dem Drama zu dieser Zeit zuzurechnen war.

Die größte Aufmerksamkeit innerhalb dieser Hausarbeit gilt aber selbstverständlich dem Werk selbst. Der Schwerpunkt bei meiner Untersuchung wird bei einer Figurenanalyse Odoardos liegen. Für ein Verständnis der Rahmenbedingungen der Konfliktsituation die später zur Katastrophe im Drama führt, stelle ich zunächst den gesellschaftlichen Hintergrund vor, in welchem das Figurenensemble situiert ist. Als nächstes nähere ich mich Odoardo in seinen grundsätzlichen Charaktereigenschaften, um dann deren Auswirkung auf die Erziehung Emilias zu untersuchen. Da alle Entscheidungen und Handlungen, die schließlich zur Katastrophe, dem Freitod Emilias, führen, stellvertretend für alle Charaktereigenschaften der Figuren im Drama sind, unterziehe ich dieser einer genausten Betrachtung. In einem Resümee möchte ich dann die hier meiner Meinung nach von Lessing geübte Kritik an einem falsch verstandenen Idealismus der Ideen der Aufklärung zusammenfassen.

Die bei der Beschäftigung mit Odoardo verwendete psychologisierende Vorgehensweise bietet sich an, da ein immer stärker werdendes Interesse an der affektiven Disposition des Menschen auch Lessing seine Figuren in Emilia Galotti als individuell problematische Charaktere konstruieren lässt. Die komplexen Figuren, auf die wir in Lessings Familienschauspiel1, treffen, verleiten dazu, sie wie reale Menschen zu behandeln, bei denen nach Denkmustern, Handlungsmotivation und Vergangenheit gefragt werden kann. Dabei geht es nicht darum ihren Status als literarisch imaginierte Figuren zu ignorieren oder zu leugnen. Vielmehr fordern uns die als widersprüchlich dargestellten Charaktere dazu auf die Hintergründe ihrer „Seelen“ zu durchleuchten, um sie in der Gesamtheit ihrer literarischen Funktion erfassen zu können.

2. Zum zeitgenössischen Menschenbild

2.1. Lessing und die emotionale Seite der Aufklärung

Die Aufklärung wird gemeinhin als Zeitalter der Vernunft bezeichnet. Aussagekräftig ist die berühmte Definition Kants, nach der Aufklärung der Versuch ist, den Menschen theoretisch über die Möglichkeiten seiner Freiheit in Kenntnis zu setzen, um ihn, praktisch, zu deren Vollendung zu führen.2 Ich werde nun zunächst kurz die vorherrschende zeitgenössische Idee der Aufklärung skizzieren um dann auf eine Unterströmung zu sprechen zu kommen, die diese Theorie im Wesentlichen übernimmt, sich aber in bestimmten Punkten auch von ihr unterscheidet. Der Aufklärungsbegriff, wie wir ihn heute verwenden, stimmt nicht mit dem Verständnis im 18. Jahrhundert überein. Als Epochenbezeichnung setzt er sich erst im 19 Jahrhundert durch. Vertreter der Aufklärung, wie der oben zitierte Kant, sehen diese vielmehr als einen nicht abgeschlossenen Prozess an, in dem sie selbst inbegriffen sind. Sie begreifen sich also nicht als aufgeklärtes Zeitalter, sondern sehen sich selbst in eine Entwicklung dorthin eingeschlossen.

[....]


1 Günther Sasse definiert das Familienschauspiel als: „die Gattung, auf die hin sich der breite Strom von bürgerlichen Trauerspielen, die in der Regel immer auch Familiendramen sind, bewegt.“ (Günter Saße. Die aufgeklärte Familie. Untersuchungen zur Genese, Funktion und Realitätsbezogenheit des familialen Wertesystems im Drama der Aufklärung. Tübingen 1988, S.174-175 im Folgenden: GS)

2 Vgl. Peter-André Alt. Tragödie der Aufklärung. Eine Einführung. Tübingen, Basel: 1994, S.7 (im Folgenden: ATdA)


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