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Koevolution von Organisation und Management II

Diploma Thesis, 2001, 88 Pages
Author: Marion Flötotto
Subject: Sociology - Work, Profession, Education, Organisation

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2001
Pages: 88
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V17217
ISBN (E-book): 978-3-638-21840-5

File size: 402 KB


Excerpt (computer-generated)

Koevolution von
Organisation und Management II

Diplomarbeit
an der Universität Witten/Herdecke

Vorgelegt von:
Marion Flötotto

Abstract

Management nistet sich parasitär in die Paradoxien der Organisation ein. Wir suchen nach diesen Paradoxien und nach funktionalen Äquivalenten auf Seiten des Managements, um den gemeinsamen Lock-In aus heroischem Management und pseudo-rational blinder Organisation auch von dieser Seite in zu lösen. Es wird aus der Perspektive der Viabilität der Organisation geschrieben. Die Organisation wird als unter Selektionsdruck stehend beschrieben. Dieser wird als aufgrund der Umweltveränderung sich auf die Ebene der Wahrnehmung- und Lernfähigkeit verschiebend beobachtet. Jedoch ist die gesamte organisationale Perepherie auf die von der Gesellschaft delegierte Aufgabe der "Unbestimmtheitsabsorption" zur Entscheidung von Unentscheidbarem innerhalb der Organisation ausgerichtet, was der Flexibilität der organisationalen Wirklichkeitsattraktoren entgegensteht. Die undurchschaubare Differenz psychischer und sozialer Operationen kristallisiert sich an der Stelle des Managements auf doppelte Weise. Es ist am empfindlichsten Lebensnerv der Organisation spezialisiert und zuständig für die Ungewißheitsabsorption, und es ist die Adresse für Karriere auf Seiten der Individuen und damit strukturell der Nukleus opportunistischer Präferenzen. Daraus folgt die Paradoxie, daß das Management, welches die Organisation intern aufsteigen läßt, die Organisation als Ganzes auf Dauer absteigen läßt.
Organisationen in turbulenten Umwelten sind stärker als je zuvor darauf angewiesen, daß ihre Mitarbeiter ihre Wahrnehmungskompetenzen zur Einschätzung von Entwicklungen im Umfeld der Organisation wie innerhalb der Organisation nicht nur nutzen, sondern auch nutzen können. Damit spielt die Arbeit auf eine knappe Ressource an, deren Knappheit durch organisatorische Maßnahmen in der Regel zusätzlich gesteigert wird. Zugespitzt wird diese Problematik durch die Beobachtung, daß insbesondere das Management einer Organisation dazu aufgerufen ist, der Organisation die eigenen Wahrnehmungen zur Verfügung zu stellen sowie dafür Sorge zu tragen, daß alle Mitarbeiter dies ebenso tun (können).
Man sieht der Problematik, wenn man sie so knapp formuliert, nicht an, welche Brisanz sie enthält. Nur vor dem Hintergrund der beiden Beobachtungen, daß Mitarbeiter in der Regel nicht für ihre Wahrnehmungen, sondern für die Leistung vorab beschriebener Arbeiten bezahlt werden, und daß das Management in der Regel zu sehr mit der Gestaltung der eigenen Karriere beschäftigt ist, um sich mit der erforderlichen Priorität um die Wahrnehmung der von der Organisation und ihrer Umwelt eingenommenen Zustände zu kümmern, gewinnt die Problematik ihr Profil.
Das zentrale Problem, mit dem sich diese Arbeit auseinandersetzt, besteht daher in der Schließungsdynamik der Organisation. Die Organisation wird als "soziales System" verstanden, das sich kommunikativ reproduziert und daher auf "Wahrnehmung" nur in ihrer eigenen Umwelt, konkret: in den sich an der Organisation beteiligenden psychischen Systemen, zurückgreifen kann. Die Wahrnehmung psychischer Systeme (Manager wie Mitarbeiter) befindet sich daher grundsätzlich in der Situation inkludierter Exklusion: Sie wird als ausgeschlossene wieder eingeschlossen, das heißt in ihrem Ausschluß und ihrem Einschluß (in ihrer Demotivierung und in ihrer Remotivierung, wie die Linguistik sagt) durch die Organisation konditioniert. Daraus ergibt sich die brisante Situation, daß nur die Organisation ein Problem lösen kann, das sie selbst schafft. Das Stichwort der "Koevolution", das der Arbeit ihren Titel gibt, reagiert auf genau diese Problemstellung. Gesagt ist damit, daß die Organisation nicht etwa in der Situation ist, über Einschluß und Ausschluß von Wahrnehmung zu entscheiden, sondern in der Situation ist, die koevolutionär gefundenen Zustände hinzunehmen, ohne wissen zu können, wie sie zustande gekommen sind, ja ohne wissen zu können, daß es sich dabei überhaupt um beschreibbare Zustände handelt.
Die Arbeit greift auf das Instrumentarium der soziologischen Systemtheorie à la Niklas Luhmann zurück, um diese Zustände und die Systeme, die sie produzieren, zu beschreiben. Die Arbeit wählt damit einen Blickwinkel, der zur Selbstbeschreibung, zum Selbstverständnis des Gegenstands ebenso inkongruent ist wie zur betriebswirtschaftswissenschaftlichen und darüber hinaus ökonomischen Beschreibung, die (Unternehmens-) Organisationen üblicherweise zur Elaboration ihres Selbstverständnisses dient. Schon die Unterscheidung zwischen sozialen und psychischen Systemen führt auf andere Fragen, als sie mehr oder minder beschränkt rationalen Modelle zugrundeliegen können.

Aus: Luhmann, Niklas, Organisation und Entscheidung

So sehr die Wirtschaft eine wirtschaftliche Führung von Organisationen erzwingen mag und so sehr gegenwärtig der marktförmigen Bedarfsorientierung (...) das Wort geredet wird, so sehr müßte man sich zusätzlich darum bemühen, aus Arbeit mit speziell organisatorischen Mitteln mehr zu machen als bisher.
S. 354

Wir wundern uns nicht einmal mehr über diese bedeutende zivilisatorische Errungenschaft.
S. 115

Die Frage ist dann, ob Organisationen mit ihrem Entscheidungsnetz Veränderungen in den Parametern ihrer bisher erfolgreichen Unsicherheitsabsorption registrieren und die selbstgeschaffenen Sicherheiten aufgeben können.
S.161

 

Vorwort

Wir schließen an den ersten Teil von Koevolution von Organisation und Management an (vgl. http://www.wissen24.de/vorschau/17218.html). Dort haben wir nach den funktionalen Äquivalenten für die Erfordernisse des Managements, sich in die Organisation einzunisten, gefragt. Nun beleuchten wir die andere Seite dieser Koevolution.
Management nistet sich parasitär in die Paradoxien der Organisation ein. Wir suchen nach diesen Paradoxien und nach funktionalen Äquivalenten auf Seiten des Managements, um den gemeinsamen Lock-In aus heroischem Management und pseudo-rational blinder Organisation auch von dieser Seite zu lösen.
Es wird aus der Perspektive der Viabilität der Organisation geschrieben. Die Organisation wird als unter Selektionsdruck stehend beschrieben. Dieser wird als sich aufgrund der Umweltveränderung auf die Ebene der Wahrnehmung- und Lernfähigkeit verschiebend beobachtet.
Jedoch ist die gesamte organisationale Perepherie auf die von der Gesellschaft delegierte Aufgabe der ,,Unbestimmtheitsabsorption" zur Entscheidung von Unentscheidbarem innerhalb der Organisation ausgerichtet, was der Flexibilität der organisationalen Wirklichkeitsattraktoren entgegensteht.
Die undurchschaubare Differenz psychischer und sozialer Operationen kristallisiert sich an der Stelle des Managements auf doppelte Weise. Es ist am empfindlichsten Lebensnerv der Organisation spezialisiert und zuständig für die Ungewißheitsabsorption, und es ist die Adresse für Karriere auf Seiten der Individuen und damit strukturell der Nukleus opportunistischer Präferenzen.
Daraus folgt die Paradoxie, daß das Management, welches die Organisation intern aufsteigen läßt, die Organisation als Ganzes auf Dauer absteigen läßt.
Wendet man sich von dieser statisch komparativen zu einer prozessualen Betrachtung, gewinnt sie noch an Komplexität. Denn gleichzeitig ist dieser Ursprungsvorgang der sich daraufhin auf inhaltlicher Ebene reproduzierende Vorgang der vollständigen Operation auf die oder trotz der vollständigen Beobachtung. Damit deutet sich die prozessuale Gleichzeitigkeit der beiden Arbeiten ,,Koevolution von Organisation und Management I und II" in Form einer Rekursivität an.
Die Veränderung des Managements, daß die Organisation verändern will, ist zuerst die Selbstveränderung und umgekehrt. Sie hört, wie in einem Ping-Pong-Spiel, in welchem nicht klar ist, wer wem welchen Ball zuerst zugespielt hat, nicht mehr auf.1 Doch diese Blickrichtung reicht als Voraussetzung zur Veränderung des chronifizierten Musters aus koevoliertem Management und Organisation nicht aus. Sie hilft nur dennoch die Möglichkeit eines Anfangs trotz anfangslosen Anfangs sehen zu können.
Das Management nistet sich parasitär in die Paradoxien der Organisation ein. Diese Perspektive drängt die explizierten Kriterien, nach denen Manager in Organisationen Karriere machen, in den Schatten, und führt neue ein.
Diese Seite der Analyse trägt der innerorganisatorischen Dynamik stärker Rechnung und stellt die Gesellschaft als Nutznießer hinsichtlich ihres funktionalen Erfordernisses Entscheidung (Unbestimmtheitsabsorption) an ihren Anfang. Diese Delegation wird strukturell über die Verortung, innerhalb Organisation bis zu deren Management als bisheriges Selektions- und Formungskriterium heruntergebrochen.
Die Folgekosten dieser Willkürverdeckungsnotwendigkeit sind für die Organisation (zu) hoch. Wir entdecken die vorhandene Lösung als historisch gewachsen, als kontingent und deren Ökologie als sich wandelnd.
Wenn wir Entscheidungen als verpackte Willkür erkennen, führt die Funktionalanalyse in Kombination mit einem ,,viabilitätsorientierten Economizing" zu anderen funktionalen Lösungen als dem real existierenden Management.
Aus den Voraussetzungen einer somit notwendigen ,,Kulturrevolution" über Interventionen in rekursives Evolieren, leitet die Analyse einen ,,postheroischen Toleranzenkanon" als Verhaltensstrukturmuster der Individuen als beispielhaftem Rezeptor für die wahrnehmungs- und anpassungsfähige viable Organisation der Zukunft ab.

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort ... 3

I. Einführung ... 8

I.1. Problemstellung ... 9
I.2. Methodische Grundlagen ... 12
I.3. Interpenetration ... 14
I.4. Rekursivität ... 16
I.5. Soziologische Perspektive und ökonomisches Economizing ... 17
I.6. Praxisrelevante Abstraktion ... 23

II. Organisation und Entscheidung ... 25

II.1. Die doppelte Schließung ... 25
II.2. (Un)Sicherheitsabsorption ... 27
II.3. Verpackungen ... 31
II.4. Zeitverhältnisse ... 33
II.5. Rationalität als Self-fullfilling prophecy ... 35

III. Die Ökologie der Entscheidung ... 39

III.1. Psychische Systeme ... 39
III.2. Wahrnehmung und Kommunikation ... 40
III.3. Wahrnehmung und Wirklichkeit ... 42
III.4. Mitgliedschaft und Karriere ... 45
III.5. Kleiner Schluß ... 48

IV. Funktionale Äquivalente ... 50

IV.1. Notwendig _ Unmöglich _ Kontingenzwahrnehmung ... 56
IV.2. Operation _ Beobachtung _ Ambivalenztstoleranz ... 60
IV.3. Management _ Mitarbeiter _ Identitätstoleranz ... 64
IV.4. Kontrolle _ Abhängigkeit _ Abhängigkeitstoleranz ... 65
IV.5. Entscheidung als sozialer Rechenprozess ... 69

V. Resümee _ triesierung ... 71

VI. Erklärung zur Diplomarbeit ... 77

VII. Literatur ... 78

 

 

I. Einführung

Wie bereits im Vorwort angedeutet, verschiebt sich die Betrachtungsgrundlage dieser Arbeit durch die Perspektive der funktionalen Äquivalente auf die Gesellschaft. Die hier betrachteten Organisationen befinden sich, aus dieser Perspektive betrachtet, in einer paradoxen Doppelnutzung. Einerseits im Funktionssystem Wirtschaft dem globalen Selektionsdruck, mit allen aus den jeweiligen Gesellschaften ihr überlassenen Restriktionen ausgesetzt und andererseits die Unbestimmtheitsabsorption als Funktion von der Gesellschaft delegiert bekommen zu haben. (Abschnitt I.1.)
So greifen wir auf den methodischen Unterbau der vorhandenen Rückseite dieser Arbeit: "Koevolution von Organisation und Management I" zurück. Dieser wird in Abschnitt I.2. genauer dargestellt.
Um die Zusammenhänge von Wahrnehmung als relevanter Ressource psychischer Systeme für die Organisation, und Kommunikation, als basaler Einheit von Organisationen hinreichend klären zu können, nehmen wir, mit Luhmann, einen Analogieschluß hinsichtlich der Operationen der psychischen Systeme vor. Die damit eindeutige und scharfe Grenze zwischen psychischen und sozialen Operationen wird mit dem Begriff der Interpenetration genauer beleuchtet. (Abschnitt I.3.)
Das Zusammenspiel von ,,Koevolution von Organisation und Management I und II" läßt sich, sowohl auf der Ebene der Beschreibung, als auch auf der Ebene des Beschriebenen, als anfangslose rekursive Operation verstehen (Abschnitt I.4.). Die daraus ableitbaren Interventionen mittels funktionaler Äquivalente müssen, um dieser prozessualen Struktur Rechnung zu tragen, eine analoge Struktur aufweisen.
Das Ziel der Arbeit wird mit Hilfe eines, dem williamsonschen äquivalenten, ,,Economizing" formuliert. Hierbei taucht das Kernphänomen dieser Arbeit auf: Die gleichsam große Undurchsichtigkeit und Abhängigkeit der Organisation von der Grenze Wahrnehmung_ Kommunikation und deren jeweilige Autopoiesis führen (selbst die institutionen-) ökonomischen Ansätze an ihre Grenzen und damit diese Arbeit darüber hinaus. (Abschnitt I.5.)
Als Folge taucht die Notwendigkeit einer diese Grenzen transzendierenden Betrachtungsweise auf. Mit ökonomische Unterscheidungen überwindender Systemtheorie wird die Darstellung abstrakter, das beobachtbare Phänomen verliert dadurch jedoch nichts von seiner Praxisrelevanz, ganz im Gegenteil, einige Lösungen werden durch die Einführung der systemtheoretischen Perspektive überhaupt erst ermöglicht. (Abschnitt I.6.)

I.1. Problemstellung

Die These dieser Arbeit ist, daß sich der Selektionsdruck der Systemart Organisation in Hinsicht auf deren Umgang mit der Umwelt erhöht hat. Aufgrund der dynamischeren, komplexeren Umwelt ist Wahrnehmung als Ressource für die Attraktor-Flexibilität2 zu einem Engpaßfaktor der Organisation geworden. Damit rückt die Schnittstelle Individuum / Organisation wiederum in das Blickfeld, denn die Ressource Wahrnehmung ist nur dem Individuum zugänglich. Dieses ist wiederum in der Umwelt der Organisation zu verorten. Damit sind die Wahrnehmungen der Individuen der Organisation nicht (spezifisch) zugänglich und das existentielle Problem der Organisation formuliert.
Parallel hat sich die Wahrscheinlichkeit für die Annahme der Identitätsmarke Management bei den psychischen Systemen über andere gesellschaftliche Einflüsse, um diesem Risiko entgegenzusteuern, erhöht.3 Anders formuliert mußte die Gesellschaft andere Gründe suchen und bereitstellen, die Annahmewahrscheinlichkeit der Identitätsmarke Management zu erhalten.4 Und dieses trotz der Abnahme der Wirksamkeit rationaler Wirklichkeitskonstruktionen auf die die Viabilität aufrechterhaltende Reduktion der Umweltkomplexität, und des damit verbundenen Identitätsrisikos für die beteiligten Individuen.
Daraus ergibt sich die Betrachtung des gegenseitig voraussetzungsvollen ,,Füreinander-Umwelt-Seins" dieser beiden Systemarten. Es ist ein Lock-In evolutionärer Errungenschaften, über konsolidierte Gewinne der beteiligten Systemarten, ein strukturelles Arrangement, welches gute Gründe in Form von Überlegenheit gegenüber funktionalen Äquivalenten vorzuweisen hat und damit in seinen Wirkungen und Nebenwirkungen zunächst persistent bleibt. Denn die Voraussetzungen zur Entstehung einer bestimmten ,,Lösung" sind ihre Eignung und evolutionäre Vorteilhaftigkeit.5
Selbst und insbesondere ineffiziente, dysfunktionale evolutionäre Errungenschaften neigen zum Überleben, wenn sie Voraussetzung für andere, ohne eben diese, unwahrscheinliche Strukturen sind. Denn Evolution transformiert geringe Entstehungswahrscheinlichkeit in hohe Erhaltungswahrscheinlichkeit. Und das bedeutet und erklärt für den vorliegenden Fall die Vorgehensweise des Äquivalenzfunktionalismus: Um den Lock-In aufzulösen, ist es notwendig, an unterschiedlichen, historisch gewachsenen Voraussetzungs-Funktionalitäten (funktionalen Erfordernissen) anzusetzen und diese anders zu bedienen bzw. eventuelle, in vorhandene Nischen lockende, Rezeptoren zu verstopfen.

Jedoch wollen wir für die Analyse ,,im Hinterkopf behalten", daß, wenn ,,etwas der Fall ist", auch sehr wahrscheinlich ,,etwas dahinter steckt". Wir bremsen damit Gestaltungs- oder sogar Steuerungsoptimismus. Denn in Form von evolutionären Errungenschaften werden Strukturen festgehalten und in Abhängigkeit vom Maß der Realisation der Komplexitätsgewinne, irreversibel eingebaut. In ausreichender Demut vor Voraussetzungen vorhandener Lösungen bedenken wir, daß evolutionäre Errungenschaften nicht entstehen, weil sie sich zur Lösung bestimmter Probleme eignen, sondern die Probleme erst mit den Errungenschaften entstehen.6
Bei der Analyse hilft die doppelte Lose Kopplung der Form der Evolution im Forschungsverbund mit der Systemtheorie. Auf der Zeitachse entzerrt sie sich in Variation/Selektion/Restabilisierung und korrespondiert mit der Notwendigkeit der räumlichen Innen/Aussen- bzw. System/Umwelt- Form. Damit besagt die Bestimmtheit eines Elementes nichts über die Bestimmtheit eines anderen Elements aus.7

I.2. Methodische Grundlagen

Wir erinnern uns an die theoretischen Grundlagen: Interdisziplinarität8 wirkt als Mittel zur Reintegration zuvor artifiziell, zum Teil nur historisch begründbarer, ausdifferenzierter Unterscheidungen und Perspektiven. Systemtheorie wird als universelle, jedoch nicht absolute Perspektive um komplexe, selbstreferentielle Rückkopplungen beobachten, und diese Unterscheidungen auch noch durch Beobachtung 2. Ordnung (Kybernetik II. Ordnung) auf ihre blinden Flecken überprüfen zu können, genutzt.
Das Economizing9 ist, in Verknüpfung mit dem systemtheoretischen Instrument des Äquivalenzfunktionalismus, auch hier die Vorgehensweise, Vorhandenes als kontingent und Verschiedenartiges als vergleichbar zu erfassen und vorzuführen, welche Probleme in Hinsicht auf die Unterscheidung viabel_ nicht -viabel, auch anders gelöst werden könnten. Damit treten zweckrationale und systemrationale Gesichtspunkte in den Vordergrund.
Weiterhin verbinden wir die Theorie autopoietischer Systeme mit der Koevolutionstheorie.
Evolution meint den Strukturwandel in Form einer eigendynamischen Veränderung in der Zeit, bestehend aus dem Dreischritt aus Variation, Selektion und Restabilisierung.
Koevolution meint ein über eine Form von Selektion, die strukturelle Kopplung10, in diesem Fall die Interpenetration11, stattfindendes immer schon füreinander relevante Umwelt Sein in der Zeit.
Strukturelle Kopplung steht für alle Ereignisse, die als "Mehrsystemereignisse" in verschiedenen Systemen nach je herrschendem Eigensinn vorkommen. Welche Ereignisse für welche Systeme "relevant", im Sinne von funktional sind, ist eine Folge von Koevolution und nicht systemeigene Leistung.
,,Organisationen als soziale Systeme suchen sich bestimmte Manager (psychische Systeme), und Manager (psychische Systeme) suchen sich bestimmte Organisationen (soziale Systeme). Danach sind sie strukturell gekoppelt, d.h. füreinander relevante Umwelt. Für beide ist dieses also eine nach Kriterien selegierte Nische in der ihrer selbstgeschaffenen Umwelt. Jedes für sich ist weiterhin ein strukturdeterminiertes System, welches Umweltereignisse zumeist nur unspezifisch, im Sinne einer Irritation, manchmal jedoch auch als Interpenetration, auf sich wirken läßt."12
Damit gehen wir von einer Kombination aus beidseitiger, selbstreferentieller Selbst- und Fremdselektion zwischen den Systemen aus.
Da jedes für sich ein Systemart in einer selbstgewählten Umwelt ist, führt die Veränderung der Umwelt der jeweiligen Systemart gleichzeitig zu einer Verschiebung der Achsen der Koevolution. Die nicht spezifische Schnittstelle, zwischen den beiden Systemarten, läßt sich somit in Hinblick auf Rückwirkungen der Veränderungen in den jeweiligen Umwelten beobachten.

I.3. Interpenetration

Wir folgen der soziologischen Systemtheorie in ihrer Vorgehensweise, soziale Systeme als autopoietisch sich mit Hilfe ihrer basalen Einheiten, Kommunikation, aus eigenen Strukturen und Prozessen reproduzierend, zu beschreiben.

[...]


1 Kirkegaard nannte diese Paradoxie (aus der jeweils subjektiven Perspektive des nicht handeln könnenden) den Sprung in die Freiheit, die Treppe, die sich dem Geist unter seinen Füßen bildet, während er sie hinaufläuft. So ist in diesem Fall die Treppe einerseits das neue Management für die Organisation und andererseits die Organisation für das Management. Kirkegaard, Sören (1984), Der Begriff Angst - Eine simple psychologisch-hinweisende Erörterung in Richtung des dogmatischen Problems der Erbsünde von Vigilius Haufniensis, Frankfurt am Main.

2 Der Attraktor ist der Eigenwert einer Organisation, der autopoietisch zwischen Information und Rauschen entscheidet. Siehe dazu Abschnitt II und Luhmann, Niklas, Organisation, in: Ortmann/Küppers, Opladen 1992, S. 173, f.

3 Siehe dazu: Flötotto, Marion (2000), Koevolution von Organisation und Management I, Wahlpflichtarbeit an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Witten/Herdecke, S. 17 f 
[Bei Hausarbeiten.de / Wissen24.de unter http://www.wissen24.de/vorschau/17218.html, Anm. d. Red.].

4 Dieser Aussage liegt eine ganz profane (hier wohl eher lamarksche Variante mit neodarwinistischem Ablaufschema der) Evolutions-Populationsdynamik Unterscheidung zugrunde (wir betrachten die Evolution unterschiedlicher Systempopulationen, Identitätsmarken, Unterscheidungen, Kommunikationen, Wahrnehmungen usw. im Zeitverlauf). Es ist die hier angewandte Unterscheidung, weil es für die Beschreibung der gesellschaftlichen Entwicklung keine andere Theorie gibt, die Aufbau und Reproduktion des Sozialsystems und seiner Populationen erklären könnte. Wie alle Unterscheidungen, führt auch sie auf eine Ursprungsparadoxie zurück. ,,Die Unwahrscheinlichkeit des Überlebens isolierter Individuen oder auch isolierter Familien wird transformiert in die geringere Unwahrscheinlichkeit ihrer strukturellen Koordination, und damit beginnt die soziokulturelle Evolution. Die Evolutionstheorie verlagert das Problem in die Zeit und versucht zu klären, wie es möglich ist, daß immer voraussetzungsreichere, immer unwahrscheinlichere Strukturen entstehen und als normal funktionieren." Luhmann, Niklas (1997), Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main, S. 414 und damit sind wir am Kern des Problems eines (wie im Fall von Organisation und Management vorliegenden) Lock-In.

5 Luhmann, Niklas (1997), Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main, S. 506.

6 Vgl. Luhmann, Niklas (1997), Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main, S. 508.

7 Vgl. Luhmann, Niklas (1997), Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main, S. 503.

8 Flötotto, Marion (2000), Koevolution von Organisation und Management I, Wahlpflichtarbeit an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Witten/Herdecke, S. 6 f.

9 ,,Die Transaktionskostenökonomie kann nur feststellen, daß eine vollständige ,,Heilung" mit ihren Unterscheidungen nicht möglich ist. Transaktionskosten sind vorhanden und lassen sich, abhängig von Governance Strukturen oder Verträgen, minimieren." Flötotto, Marion (2000), Koevolution von Organisation und Management I, Wahlpflichtarbeit an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Witten/Herdecke, S. 6 Und: Es werden, analog zu der Vorgehensweise der positiven Prinzipal-Agentur-Ansatzes, insbesondere des williamsonschen Economizing, die Erkenntnisse und Instrumente der Systemtheorie, für das formulierte Problem genutzt. Systemtheoretisch können hier, ähnlich wie im Fall der systemischen Familientherapie, funktionale Äquivalente und neue Denkmodelle gesucht werden. Zusätzlich jedoch, anders als im Fall der Familientherapie, können die Ressourcen der psychischen Systeme in der Umwelt ausgetauscht werden. Damit ist eine Konstante der Familientherapie in eine Variable überführt. Erst diese Freiheit macht ein Economizing auch über die Variable der strukturell gekoppelten psychischen Systeme möglich.

10 ,,Über strukturelle Kopplung kann ein System an hochkomplexe Umweltbedingungen angeschlossen werden, ohne deren Komplexität erarbeiten oder rekonstruieren zu müssen. (...) Das gilt bereits für die physikalischen Umweltkopplungen des Nervensystems und besonders eindrucksvoll auch für die Kopplung des Kommunikationssystems an die individuell verstreuten Bewußtseinssysteme."Luhmann, Niklas (1997), Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main, S.107

11 Interpenetration bedeutet die Angewiesenheit eines Systems auf ein anderes, und zwar in einer genau bestimmten Weise. Psychische System könnten ohne soziale Kommunikation nicht existieren und soziale Kommunikation könnte ohne Bewusstseinsoperation nicht zustande kommen. Der Begriff der Interpenetration ist für das Verhältnis von psychischen Systemen und sozialem System reserviert. Strukturelle Kopplung erfolgt an bestimmten Punkten; Interpenetration hingegen beschreibt die Koevolution von psychischen Systemen und sozialem System. ,,Von Penetration wollen wir sprechen, wenn ein System die eigene Komplexität (und damit: Unbestimmheit, Kontingenz und Selektionszwang) zum Aufbau eines anderen Systems zur Verfügung stellt. In genau diesem Sinne setzen Soziale Systeme Leben voraus. Interpenetration liegt entsprechend dann vor, wenn dieser Sachverhalt wechselseitig gegeben ist, wenn also beide Systeme sich wechselseitig dadurch ermöglichen, daß sie in das jeweils andere ihre vorkonstituierte Eigenkomplexität einbringen. (...) Im Falle von Interpenetration wirkt das aufnehmende System auch auf die Strukturbildung des penetrierenden Systeme zurück." Luhmann, Niklas (1984), Soziale Systeme - Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main , S. 290; ,,Von Interpenetration soll nur dann die Rede sein, wenn auch die ihre Komplexität beitragenden Systeme autopoietische Systeme sind. Interpenetration ist demnach ein Verhältnis von autopoietischen Systemen." Luhmann, Niklas (1984), Soziale Systeme - Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main , S. 296.

12 Flötotto, Marion (2000), Koevolution von Organisation und Management I, Wahlpflichtarbeit an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Witten/Herdecke, S. 15.


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