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Anton Weberns Symphonie Op. 21 - Versuch einer gründlichen und ganzheitlichen Analyse des ersten Satzes

Magisterarbeit, 2003, 73 Seiten
Autor: Ilias Kesisoglou
Fach: Musikwissenschaft

Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2003
Seiten: 73
Note: sehr gut
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V17500
ISBN (E-Book): 978-3-638-22061-3

Dateigröße: 346 KB
Anmerkungen :
Eine gründliche und ganzheitliche Analyse des ersten Satzes. Die bedeutendsten Analysen aus der Literatur werden einander gegenübergestellt, und durch eigene Erkenntnisse ergänzt, bzw. widerlegt.



Textauszug (computergeneriert)

Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz
Institut für Musikpädagogik

Anton Weberns Symphonie Op. 21
Versuch einer gründlichen und ganzheitlichen Analyse des ersten Satzes

Schriftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades
Magister artium in der Studienrichtung Instrumentalpädagogik Klavier,

vorgelegt von 

Ilias Kesisoglou

Diplomarbeit im Fach Musikanalytik (Institut für Musikanalytik Wien)

Graz, September 2003

Inhalt

1. Einleitung ... 4

2. Innere Struktur ... 7
2.1 Reihe ... 7
2.1.1 Zwölftonreihen ... 7
2.1.2 Zahl der Reihen ... 8
2.1.3 Aufbau der Grundreihe ... 9
2.1.3.1 Vorhandene Intervalle ... 10
2.1.3.2 Struktur der Reihenhälften 12... 
2.1.4 Modi ... 14
2.2 Raster ... 15
2.2.1 Aufbau ... 15
2.2.1.1 Zum Verständnis ... 16
2.2.1.2 Verschiebungen ... 18
2.2.2 Bedeutung ... 20
2.3 Mögliche historische Vorbilder ... 23
2.4 Positionierung der Reihen ... 24
2.4.1 Verschränkungstechnik ... 25
2.4.2 Gruppierungen ... 27
2.4.3 Virtuelle Tonalität ... 31
2.4.4 Bruch der Symmetrie? ... 34
2.5 Zusammenfassende Überlegungen ... 36

3. Hörbare Struktur ... 37
3.1 Melodik ... 37
3.1.1 Kanon ... 37
3.1.2 Haupt- und Nebenstimmen ... 39
3.1.3 Motive ... 40
3.1.3.1 Umgekehrte Entwicklung ... 44
3.2 Instrumentation ... 47
3.2.1 Wahl der Instrumente ... 48
3.2.1.1 Besetzung der Streicher ... 49
3.2.2 Verwendung der Instrumente ... 50
3.2.3 Instrumentation und Form ... 55
3.3 Form ... 58
3.3.1 Das Problem der Sonatenhauptsatzform ... 58
3.3.2 Das Rad des Arepo ... 60
3.4 Satztechnik ... 64
3.4.1 Dichte ... 64
3.4.2 "Korrekte" Dissonanzbehandlung ... 66
3.5 Rhythmik ... 67

4. Epilog ... 71

Literaturverzeichnis ... 75

 

1. Einleitung
1.1 Problemstellung und Zweck dieser Arbeit

Anton Webern ist ein bekannter Komponist, über den viel geschrieben wurde. Viele dieser Schriften über ihn und sein Werk widersprechen einander. Wo einander zwei Auffassungen widersprechen, ist eine zwangsläufig falsch. In der Tat, wurde Webern, wie kaum ein anderer Komponist des 20. Jahrhunderts, auf vielerlei Arten in einem falschen Licht dargestellt: von den Darmstädter Serialisten als Galionsfigur requiriert, von deren Gegnern als seelenloser Tonsetzer verrufen, von Musikwissenschaftlern auf Weisen analysiert, die ihren Auffassungen entgegenkamen. Die Symphonie Op. 21 nimmt hier eine besonders merkwürdige Stellung ein. Zwar ist sie (neben Weberns Klaviervariationen) eines der am meisten zitierten und analysierten Werke (es existieren etwa ein Dutzend Analysen), doch lassen sich, beim Studium der Literatur, zwei Seltsamkeiten beobachten:

  1. Der Großteil der Analysen behandelt ausschließlich den zweiten Satz, was verwunderlich ist, da dieser ja bereits von Webern selbst schriftlich analysiert wurde1;
  2. Wo der erste Satz behandelt wird, geschieht dies meist nur unter einem bestimmten Gesichtspunkt, wobei viele Aspekte, darunter jener, der den Zusammenhang zwischen allen diesen Teilansichten herstellen soll, von der Literatur umgangen wird.

Die Ursache für die Bevorzugung des zweiten Satzes könnte darin vermutet werden, dass dieser, zum einen, pädagogisch wertvoller, weil anschaulicher als der erste Satz, ist; zum anderen darin, dass seine strenge Struktur, die nicht so mit der Widersprüchlichkeit der Struktur des ersten Satzes behaftet ist, der Propaganda der Serialisten sehr entgegen kam. Letztere Bemerkung ist allerdings nur auf Analysen aus der Zeit von vor 19802 anwendbar (und selbstverständlich auch dort nicht überall). Der ehrenrührige Vorwurf, dass der zweite Satz zudem auch viel klarer strukturiert, und einfacher zu analysieren sei, soll hier ausdrücklich niemandem gemacht werden.

Versuche ganzheitlicherer Betrachtungen wurden von Wolfgang Martin Stroh3, sowie Kathryn Bailey unternommen, die hier, aufgrund der hohen Qualität ihrer Arbeit, besonders hervorgehoben werden sollen. Auch Elisabeth Jetter soll hier, wegen ihrer, zwar nicht sehr umfassenden und gründlichen, aber doch richtungsweisenden und scharfsinnigen Analyse des ersten Satzes erwähnt werden.

Aufgrund dieser Bedingungen erschien es mir sinnvoll, mich in meiner Diplomarbeit auf den ersten Satz zu konzentrieren, und den zweiten Satz, sowie auf biographische Daten, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang zur Entstehung des Op. 21 stehen, als von der Fachwelt bereits erschlossen zu betrachten. Obschon es zwar üblich ist, sich in einer Diplomarbeit lediglich mit dem Zusammentragen von Erkenntnissen aus der bestehenden Literatur zu befassen, sah ich in dem Unterfangen, der Literatur einige neue Ansichtspunkte hinzuzufügen zu versuchen, die größere Herausforderung. Ich hoffe, die Heuristik dieser Arbeit vermag für das, zugegebenermaßen, doch sehr enge Feld dieser Arbeit zu entschädigen.

Im Zuge dieser Arbeit wird also der erste Satz der Symphonie Op. 21 von Anton Webern unter allen möglichen Aspekten beleuchtet; zunächst jeder für sich, im Anschluss in ihrer Interaktion. Zwölftonreihen, kanonische Strukturen, formale Anlagen, Instrumentation, Harmonik, Kontrapunktik und Melodik werden sowohl in ihrer inneren Struktur, als auch in ihrer historischen Abstammung und Tragweite behandelt. Zuletzt wird der Versuch unternommen, die philosophische und ästhetische "Wahrheit" (so es eine geben kann) zu erkunden.

1.2 Anlass, Motivation und Danksagung

[...]

2. Innere Struktur
2.1 Reihe
2.1.1 Zwölftonreihen

Webern definiert die Zwölftonreihe als ein Ordnung stiftendes Prinzip, analog etwa zur diatonischen Skala. Er geht sogar so weit, sie als eine natürliche Konsequenz der Diatonik anzusehen.4 Damit misst er ihr die Zuständigkeit zu, die früher die tonalen Skalen innehatten: Melodie und Harmonie einen Sinn zu stiften. Er fügt auch hinzu: "Ein Thema ist die Zwölftonreihe im Allgemeinen nicht", und versucht damit, diesem, heute verbreiteten, Missverständnis vorzubeugen. Eine Zwölftonreihe ist die Art, die 12 Stufen des temperierten chromatischen Systems zeitlich zu ordnen. Die Regeln sind recht simpel: kein Ton darf wiederholt werden, ehe nicht die anderen 11 erklungen sind; dabei ist es unerheblich, ob einige (oder gar alle) von ihnen nacheinander oder gleichzeitig erklangen; Reihentöne dürfen in beliebige Oktavlagen gesetzt und beliebig repetiert werden.5

Die Urheberschaft der Erfindung des dodekaphonen Prinzips6 ist bis heute nicht geklärt. Neben dem beinahe epischen Streit zwischen Arnold Schönberg und Josef Matthias Hauer, besteht auch noch die wenig beachtete Möglichkeit, dass Webern selbst der Erste Erfinder war (wiewohl er selber nie dergleichen andeutete, sei’s aus Ehrfurcht vor seinem Lehrer, sei’s weil es ihm gar nicht bewusst war):


"Ich hingegen habe ihm jede meiner neuen Ideen (ausgenommen die Kompositions- Methode mit 12 Tönen - die hielt ich längere Zeit geheim, weil [...] alles was ich tue, plane oder sage von Webern sofort benützt wird, so daß - ich erinnere mich meiner Worte - ′ich schon gar nicht mehr weiß wer ich bin′) sofort und ausführlich erklärt." Schönbergs Kommentar läßt keinen Zweifel daran, daß er es ganz bewußt vermied, die Zwölftonmethode mit Webern zu erörtern, und das Vorhandensein von Weberns völlig entwickelten Reihentabellen im Zusammenhang mit dem Lied "Mein Weg geht jetzt vorüber", das ein halbes Jahr vor Schönbergs offizieller Verkündung der Methode komponiert wurde, ist somit höchst rätselhaft.7

2.1.2 Zahl der Reihen

Webern hat für beide Sätze seiner Symphonie lediglich eine einzige Grundreihe angelegt.8

[...]


1 Diese, ohnehin schon umfangreiche Analyse, wurde durch Hans Vogts hervorragender und gründlichster Analyse (in seinem Werk Neue Musik nach 1945 enthalten) noch überboten.

2 1978 erschien Hans und Rosaleen Moldenhauers große Webernchronik, in der erstmals versucht wurde, Webern der Vereinnahmung durch die Serialisten zu entreißen. Wissenschaftler wie Polnauer und Essl schlossen sich dem bald an.

3 Stroh verfasste die einzige Monographie, die es, meines Wissens, über dieses Werk gibt.

4 Webern, S. 46.

5 Webern, S. 55f.

6 Webern zieht es vor, es als eine Entdeckung, denn als Erfindung, zu sehen: Das Gesetz war uns damals noch nicht bewußt, aber es war längst gefühlt. Eines Tages hat Schönberg auf intuitivem Wege das Gesetz gefunden, das der Zwölftonkomposition zugrunde liegt. [Webern, S. 55.]

7 Moldenhauer, S. 280.

8 Anders als Schönberg oder Berg, die gelegentlich mehrere Grundreihen im selben Satz einsetzen, verwendet Webern stets nur eine einzige Reihe. In Op. 17, 18 und 19 verwendet er noch für jeden Satz eine eigene Reihe. Ab Op. 20 gilt eine Reihe nunmehr für sämtliche Sätze eines Werks.


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