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Die Bedeutung abwesender Elternteile für die Jugendhilfe

Diploma Thesis, 2000, 72 Pages
Author: Jens Riemann
Subject: Social Pedagogy / Social Work

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2000
Pages: 72
Grade: 2
Language: German
Archive No.: V17732
ISBN (E-book): 978-3-638-22227-3

File size: 191 KB


Excerpt (computer-generated)

Diplomarbeit

zum Thema

Die Bedeutung abwesender Elternteile für die Jugendhilfe

eingereicht an der Katholischen Fachhochschule Norddeutschland

am: 17. Oktober 2000

von: Jenne Riemann

Inhalt

Der weiße Dampfer ... 1

1. Einleitung ... 4

2. Abwesenheit ... 8
2.1. Begriffsbestimmung ... 8
2.2. Abwesenheit und Verlusterfahrung als Normalität ... 10

3. Trauer ... 11
3.1 Trauerprozeß ... 11
3.2. Phasen des Trauerprozesses ... 12
3.2. Jugendliche und Trauer ... 14

4. Bilder - Bildinhalte ... 15
4.1 Definition von Bildern ... 15
4.2. Bilder als "innere Repräsentanz" ... 16

5. Interviews ... 17
5.1. Die Gesprächspartner ... 17
5.2. Emotionsfarben ... 17
5.3. Auswertung der Interviews ... 19
5.3.1. Beschreibungen von Trennungen ... 22
5.3.2. Trauerprozeßbeschreibungen ... 24
5.3.3. Beschreibung der Kommunikation über abwesende Eltern ... 25
5.4. Konflikte, die aus den oben zitierten Bildern entstehen können ... 27
5.5. Kommunikation der Bilder ... 28

6. Zusammenfassung ... 31
6.1. Vergleichende Zusammenfassung der theoretischen Diskussion und Interviewauswertung ... 31

7. Sozialpädagogische Handlungsansätze ... 35
7.1. Biographiearbeit ... 35
7.2. Narrativer Ansatz ... 37
7.2.1. Das narrative Interview ... 38
7.2.2. Die schriftliche Narration und Intervention in Form von Briefen ... 39
7.2.3. Landkarte ... 41
7.2.4. Das Familienbrett ... 44
7.3. Erlebnispädagogik ... 46
7.4. Zusammenfassung der vorgestellten Ansätze ... 48

8. Fallbeispiel ... 50
8.1 Alex ... 50
8.2. Evaluationsgespräch mit AlexVI ... 55

9. Schlußbemerkung ... 65

 

Tschingis Aitmatow

Der weiße Dampfer


(...) 

Vom Gipfel des Wachtberges eröffnete sich der Blick nach allen Seiten. Auf dem Bauch liegend, stellte der Junge das Fernglas ein. Es war ein guter Feldstecher. Der Großvater hatte ihn dereinst für langwierigen Dienst in der Forstwirtschaft erhalten. Er benutzte das Fernglas nicht gern. "Meine Augen sind nicht schlechter". Dafür fand der Enkel daran Freude.
Diesmal war er mit dem Fernglas und der Tasche auf den Berg gekommen.


(...)

Und am entferntesten Ende der Erde, das gerade noch zu sehen war, hinter einem sandigen Uferstreifen blaute die Krümmung des Sees. Das war der Issyk-Kul. Da trafen sich Wasser und Himmel. Weiter war nichts mehr. Der See lag reglos schimmernd und verlassen. Nur am Ufer wogte kaum merklich weißer Brandungsschaum.

Der Junge blickte lange in diese Richtung. "Der weiße Dampfer ist nicht gekommen", sagte er zur Tasche. "Da sehen wir uns eben nochmal unsere Schule an."

(...) die Großmutter zweifellos: "Du hast mir keine Vorschriften zu machen. Krieg erst mal selber Kinder, dann wirst Du sehen, was man von denen verlangen kann. Warum treibt er sich auf dem Berg herum? Das Kalb einzufangen hat er keine Zeit. Was gibt es da schon zu sehen? Seine leichtsinnigen Eltern? Die ihn in die Welt gesetzt haben und dann auseinandergelaufen sind? Du hast gut reden taube Nuß!"

(...) Die Sonne ging bereits auf der Seeseite unter. Es war nicht mehr so heiß. Auf den Osthängen zeigten sich die ersten kurzen Schatten. Nun würde die Sonne immer tiefer sinken, die Schatten würden hinabkriechen an den Fuß der Berge. Um diese Zeit erschien gewöhnlich der weiße Dampfer auf dem Issyk-Kul.
Der Junge stellte das Fernglas ein und hielt den Atem an. Da war er! Alles war im Handumdrehen vergessen: Dort vor ihm, am blauen, blauen Rand des Issyk-Kul zeigte sich der weiße Dampfer - unversehens aufgetaucht. Da war er! Mit einer Reihe Schornsteine, lang, gewaltig, schön. Er war gewaltig. Er fuhr geradeaus, immer schnurgerade. Hastig rieb der Junge die Gläser mit dem Hemdzipfel sauber und stellte noch einmal die Okulare ein. Die Umrisse des Dampfers wurden noch klarer. Jetzt konnte er sehen wie sich der Dampfer auf den Wellen wiegte und eine lichte Schaumspur nach sich zog. Hingerissen blickte der Junge auf den weißen Dampfer, konnte den Blick nicht abwenden. Wäre es nach ihm gegangen, dann hätte er den weißen Dampfer bewogen, näher zu kommen, denn er wollte die Menschen sehen, die da mitfuhren. Doch der Dampfer wußte das nicht. Langsam und erhaben zog er seine Bahn, unbekannt, woher, unbekannt wohin.


Lange war zu sehen, wie der Dampfer dahinschwamm, und der Junge dachte lange daran, wie er sich in einen Fisch verwandeln und im Fluß zum weißen Dampfer schwimmen würde.

Als er eines Tages zum ersten mal vom Wachtberg aus den weißen Dampfer auf dem blauen Issyk-Kul erspäht hatte, war sein Herz beim Anblick dieser Schönheit so erbebt, daß er sofort beschloß, sein Vater, ein Matrose vom Issyk-Kul, müsse gerade auf diesem weißen Dampfer fahren. Er glaubte es, denn er wünschte es sich sehnlich.

Er erinnerte sich weder an den Vater noch an die Mutter. Er hatte sie nie gesehen. Keiner von beiden hatt ihn je besucht. Doch der Junge wußte, sein Vater war Matrose auf dem Issyk-Kul (...)

Der Issyk-Kul aber ist ein ganzes Meer. Er wird auf den Wellen des Issyk-Kul schwimmen, von Welle zu Welle - bis ihm plötzlich der weiße Dampfer entgegenkommt. "Guten Tag, weißer Dampfer, ich bin′s!" wird er zu ihm sagen.

"ich bin′s, der dich immer durchs Fernglas beobachtet hat." Die Leute auf dem Dampfer werden erstaunt zusammenlaufen, um sich das Wunder anzusehen. Und dann wird er zu seinem Vater, dem Matrosen sagen: "Guten Tag, Papa. Ich bin dein Sohn; ich bin zu dir geschwommen." - "Was heißt hier Sohn? Du bist ja halb Fisch und halb Mensch!" "Hol mich nur zu dir auf den Dampfer, und schon werde ich zu deinem ganz normalen Sohn." (...) Und der Junge erzählt dem Vater was er vom Leben weiß. (...)

(...) Der weiße Dampfer entfernte sich. (...) Für den Jungen war es nun an der Zeit, sich ein Ende auszudenken für die Fahrt mit Vaters Dampfer. Alles gelang gut, nur ein Ende wollte ihm nicht einfallen (...) Aber weiter? Angenommen, das Ufer war bereits in Sicht. Der Dampfer näherte sich der Anlegestelle. Die Matrosen bereiten sich darauf vor, den Dampfer zu verlassen. Sie gehen in ihre Häuser. Auch der Vater muß nach Hause gehen. Seine Frau und die beiden Kleinen erwarten ihn an der Anlegestelle. Wie soll er sich da verhalten? Mit dem Vater gehen? Ob er ihn mitnimmt? Und wenn, dann wird seine Frau fragen: Wer ist denn das, woher kommt er, was will er hier? Nein, lieber geht er nicht mit...

(Tschingis Aitmatow, Der weiße Dampfer, Unionsverlag, Zürich 1998 [1970], S. 26-34)

 

1. Einleitung
Die ersten Gedanken zum Thema dieser Arbeit habe ich wohl im April 1998 gehabt, ohne allerdings zu ahnen, dass sie sich jemals schriftlich niederschlagen würden.

Damals, im April 1998, starb meine beste Freundin im Alter von 42 Jahren. Durch sie habe ich erlebt, wie jemand ein ganzes Leben am Bild eines Menschen festhalten kann, um dann im Angesicht des Todes dieses völlig zu revidieren und, wie mir scheint, realistischer darzustellen. Dieser Mensch, konkret: der Vater, wurde immer als der absolute Sonnenschein dargestellt. Stets schien er anwesend gewesen zu sein, um sich mit ihr beschäftigen zu können. Diese Beschreibung war aber eher die eines Wunsches. In der "Realität" war der Vater beruflich viel unterwegs und damit wenig zu Hause; wenn er dann da war, war da auch die Angst, dass er wieder geht. Und diese Angst verlassen zu werden hat sie ein Leben lang, zumindest phasenweise, begleitet.

So begann ich mich bewusst mit dem Bild und deren Bedeutung von abwesenden Elternteilen zu beschäftigen.

Der Funke entzündete sich allerdings an einem Nebensatz in einer Vorlesung. In der Vorlesung - es war eine Vorlesung zum Thema "Einführung in das systemische Arbeiten mit Familien" - erwähnte der Dozent, ein häufig zu beobachtendes Phänomen sei Folgendes: Es kommen Familien zu ihm, in denen eine Mutter mit Kindern aus erster Beziehung/Ehe jetzt wieder mit einem neuen Partner zusammenlebt. Auf einmal werden die Kinder aus erster Beziehung/Ehe in einer Form auffällig, die nur schwer oder auch gar nicht mehr für die Familie auszuhalten sind. Im Laufe der Beratung wird nun oftmals deutlich, dass der Stiefelternteil sich redlich bemüht, mit dem Stiefkind fair, respektvoll, fördernd und anerkennen umzugehen. Und dennoch verhält das Kind sich auf eine Art und Weise, die für die Eltern kaum nachvollziehbar ist. Und eines, so der Dozent, sei immer wieder zu beobachten: Der abwesende Elternteil wird vom anwesenden Elternteil - bei dem als Problem beschriebenen Phänomen - völlig ausgespart.

Die Tatsache der Trennung findet zwar in der Anamnese Erwähnung, darüber hinaus wird dem allerdings keine Beachtung geschenkt.

Der hier als Funke beschriebene ′Quantensprung′ stellte die Verbindung zu meiner eigenen Biographie her. Ich habe die ersten 6 Jahre alleine mit meiner Mutter gelebt. Dann heiratete sie und war knapp 10 Jahre verheiratet. Sie brachte einen weiteren Sohn zur Welt, meinen Bruder. In der Phase, wo gerade Jungen sich auch an männlichen Personen orientieren, messen, vergleichen, trennte sich meine Mutter von meinem Stiefvater, bei dem ich nach der Trennung wohnen blieb.

Von meinem leiblichen Vater wusste ich nur soviel, dass meine Mutter nie wieder Kontakt mit ihm hatte. Dieses Thema wurde ausgespart, vermieden, geradezu tabuisiert. Es wurde nie explizit gesagt, dass über meinen leiblichen Vater nicht gesprochen werden darf. Allerdings wurde durch Gesten (z. B. sich körperlich abwenden, plötzlich aktiv mit Gegenständen hantieren) oder mit Worten (z. B. "Ach was soll ich denn erzählen, da gibt es doch gar nichts zu sagen" oder "Ich weiß doch auch nichts über ihn, und überhaupt, was soll denn auch die Fragerei") von meiner Mutter verdeutlicht, daß ich hier ein ′Nicht-Thema′ angesprochen habe.

Somit wurde dem Bedürfnis - diesen, meinen Vater als ′lebendigen Teil′, als jemanden, mit dem es sich auseinanderzusetzen gilt, ihn wieder ′auferstehen′ zu lassen und somit wieder ′anwesend′ sein zu lassen - von Seiten meiner Mutter nicht entsprochen.

Das Bedürfnis meiner Mutter, den abwesenden Vater auch immer wieder als solchen zu deklarieren, führte zu einer paradoxen Situation: Der abwesende wurde durch Präsenz der Abwesenheit zum Anwesenden, in einer, wie ich meine, für meine psycho-soziale Entwicklung nicht gerade förderlichen Art. Aus diesem Zustand der unerfüllten Suche und Sehnsucht heraus entwickelte ich im Jugendalter Verhaltensweisen, die als ′abweichend′ beschrieben werden würden.

Vor diesem persönlichen Hintergrund begann ich das Phänomen des ′abwesenden-anwesenden′ anderen Elternteils mit Beobachtungen zu verknüpfen, die ich in meiner Arbeit während der letzten Jahre mit Jugendlichen machte.

Gespräche mit erwachsenen Straftätern in der forensischen Psychiatrie, die sich auf dieses Thema bezogen, bestärkten mich in meiner Vermutung, dass abwesende Elternteile und der Umgang in den Familien mit diesem Thema eine größere Bedeutung für den Lebenslauf Einzelner haben als bisher angenommen. So gibt es z. B. über die Zusammenhänge von abwesenden Elternteilen und deren thematische Verarbeitung in Familien kaum Untersuchungen.

Genau bei den Beschreibungen von abwesenden Elternteilen aber war mein Anliegen angesiedelt. Es hat sich bestätigt, daß nicht die physische Abwesenheit, sondern die Beschreibungen und Zuschreibungen des anwesenden Elternteils auf die Ich-Entwicklung und das Selbstbewusstsein des heranwachsenden Jugendlichen wirken.

Meine anfängliche Arbeitshypothese ließ sich im Laufe dieser Arbeit hingegen nicht verifizieren. War ich anfangs davon ausgegangen, daß die ursächlichen Konflikte fast ausschließlich durch divergente Bilder Abwesender zustande kommen (Mutter konnotiert positiv; Jugendlicher konnotiert negativ - oder umgekehrtI), so musste ich im Laufe der (Vor-)Untersuchungen feststellen, dass die Divergenz oder Kongruenz dieser Bilder nicht den vermuteten Einfluß haben. Kinder und Jugendliche haben ihre eigenen Bilder von Abwesenden im Kopf und lassen sich davon auch kaum abbringen. Ein wesentlich bedeutsameres Phänomen liegt in den Trauerprozessen, die gestört, eingefroren und nicht beendet werden konnten. Wenn wir sagen, dass jede Trennung, egal ob "tot oder lebendig", einen Trauerprozeß nach sich zieht (vgl. Specht-Tomann, M.; Tropper, D., 2000: 54ff), dient dieses dem Verständnis.

Nicht die divergenten oder kongruenten Bilder, sondern die Kommunikation über sie ist entscheidend für die seelische Entwicklung von Jugendlichen. Kinder und Jugendliche befinden sich immer in einem Loyalitätskonflikt nach einem Verlust, um so stärker, wenn es sich um Trennung oder Abwesenheit aus anderen Gründen als den Tod handelt.II

Konflikte können durch die Art der Kommunikation (auch nonverbal), über Abwesende, initiiert werden. Und als Verstärker eines solchen Konfliktes ist die Adoleszenz zu sehen. Martha Wolfenstein schreibt sogar, daß es unmöglich ist, einen Trauerprozeß während der Adoleszenz zu beenden, "that mourning becomes possible only after adolescence has been passed through." (Wolfenstein, M., 1966: 433)

Wenn Jugendlichen eine Möglichkeit angeboten wird, sowohl ihre positiven, als auch negativen Gefühle zu artikulieren, ohne daß von außen Partei ergriffen wird, ist die Chance wesentlich größer, Konflikte in angemessener Form zu bewältigen.

Die thematische Klammer, die die hier dokumentierten Erfahrungen und Erlebnisse von Jugendlichen und Berichten aus dem Jugendalter verbindet, ist der prägnante Einfluß, den die Kommunikationskultur über den abwesenden Elternteil in der Familie auf Heranwachsende ausübt.

Im Laufe der folgenden Arbeit habe ich einige Vorschläge für die Anamnese und Beratung gemacht, die als Arbeitsgrundlage für die Beratung mit jugendlichen Klienten dienen soll.

Daraus ergeben sich zudem einige Vorschläge, wie die Bearbeitung dieses Themas in den verschiedenen Arbeitsfeldern der Jugendhilfe ihren Niederschlag finden könnte.

Als letzten Schritt versuche ich einen Ausblick zu eröffnen, wie meine Ergebnisse sich sinnvoll mit der Aus- und Weiterbildung von Sozialpädagogen/innen verbinden lassen.

Ich werde innerhalb dieser Arbeit überwiegend von Jugendlichen schreiben, da dieses mein unmittelbares Praxisfeld ist.

Der Übergang von sozialarbeiterischer Praxis zu unterschiedlichen Formen von Therapie ist oft sehr fließend, so daß die hier zitierte Literatur häufig aus therapeutischen Kontexten stammt.

2. Abwesenheit
2.1. Begriffsbestimmung

Um mich mit der Bedeutung von Abwesenheit zu beschäftigen, möchte ich den Begriff zunächst von anderen abgrenzen. In seiner hermeneutischen Bedeutung scheint der Begriff selbstreferenziell zu sein, vom Wesen her nicht an den Ort (im weitesten Sinne) desjenigen gebunden, der über Abwesenheit einer ihm nahestehenden Person spricht. Aber was ist das Wesen?

[...]


I Konnotierung soll hier so verstanden

II Hier ist folgendes gemeint: Der Loyalitätskonflikt ist größer, wenn es immer wieder Hoffnung auf Veränderung gibt, als wenn keine Umkehrung möglich ist


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