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Was ist der Unterschied zwischen den "Naturgesetzen" von Kiplings Dschungelbuch und Hermann Löns Tiergeschichten im "Mümmelmann", "Widu" und "Alles was da kreucht und fleugt"?

Essay, 2003, 15 Pages
Author: Peter Wolter
Subject: German Studies - Miscellaneous

Details

Event: Einführungsseminar: Kinder- und Jugendliteratur von der Gründerzeit bis zum ersten Welkrieg
Institution/College: University of Frankfurt (Main) (Kinder- und Jugendbuchforschung)
Tags: Unterschied, Naturgesetzen, Kiplings, Dschungelbuch, Hermann, Löns, Tiergeschichten, Mümmelmann, Widu, Alles, Einführungsseminar, Kinder-, Jugendliteratur, Gründerzeit, Welkrieg
Category: Essay
Year: 2003
Pages: 15
Grade: 1-
Language: German
Archive No.: V17734
ISBN (E-book): 978-3-638-22229-7
ISBN (Book): 978-3-638-74707-3
File size: 466 KB
Notes :
Vollständige Zitierung im Rahmen der Fußnoten.


Abstract

Sowohl Kiplings Dschungelbuch als auch die behandelten Tiergeschichten von Hermann Löns sind im Zeitraum um 1900 entstanden.1 Zu dieser Zeit findet ein Boom in der Popularität von Tierdichtung statt. Grund hierfür ist die in Mittel- und Westeuropa stattfindende Technisierung.2 Das neu gegründete Deutschen Reich entwickelt sich durch zunehmende Mechanisierung und Modernisierung vom Agrar- zum Industriestaat. In der Urbanisierung findet eine Entfremdung des Menschens von der Natur statt: Komplexität, Schnelligkeit und Anonymität des Lebens steigen im Vergleich zum vorherigen, eher dörflichen Leben steil an. Sehnsucht zu alten Werten und Lebensgefühlen, zur Natur ist die Folge, die sich neben der Gründung diverser Naturvereine unter anderem auch in der neuen Popularität heimischer Tierdichtung ausdrückt. Ein weiterer, brisanterer Grund liegt in dem politischen/gesellschaftlichen Interesse, das in jener Zeit zu diesem Thema aufkeimt. Nach dem Untergang der absolutistischen Ständegesellschaft setzt sich in der öffentlichen Meinung und Politik der europäischen Nationen ein naturrechtlicher Diskurs durch, der die Gleichheit von Menschen und Kulturen behauptet. Dieser Diskurs bleibt bis ins 18. Jahrhundert einflußreich und gipfelt in der Französischen Revolution. Da sich ab dem frühen 19. Jahrhundert wieder eine Ständegesellschaft zu etablieren beginnt, was sich mit dem naturrechtlichen Diskurs nicht vereinbaren läßt, wird eine metaphysische Erklärung stärker, die Ungleichheiten und ständische Unterschiede als „gottgewollt“ legitimiert. Die Revolutionen des 19. Jahrhunderts kämpfen im Namen des naturrechtlichen Diskurses gegen diese neu errichtete Ständegesellschaft. Letztenendes entsteht im 19. Jahrhundert aber der Imperialismus: einige europäische Länder beherrschen im Prinzip den Rest der Welt. Da der metaphysische Diskurs abgesetzt wurde (unter anderem auch, weil die von den beherrschenden Staaten angerichteten Genozide sich nicht mit dem Christentum vereinbaren lassen), dieses Prinzip beherrschender und beherrschter Völker aber auch dem ehemaligen naturrechtlichen Diskurs widerspricht, wird eine neue Rechtfertigung für diese Situation benötigt.


Excerpt (computer-generated)

Was ist der Unterschied zwischen den „Naturgesetzen“
von Kiplings Dschungelbuch und
Hermann Löns Kurzgeschichten?

 


1. Geschichtlicher Hintergrund

2. Naturgesetze

2.1 Innerhalb der Geschichten

2.1.1Kiplings Dschungelbuch
2.1.2 Typische Kurzgeschichten Löns

2.2 Außerhalb der Geschichte

2.2.1 Kipling
2.2.2 Löns

3. Zusammenfassung: Unterschiede der beiden Diskurse

 



1.Geschichtlicher Hintergrund

Sowohl Kiplings Dschungelbuch als auch die behandelten Tiergeschichten von Hermann Löns sind im Zeitraum um 1900 entstanden.1 Zu dieser Zeit findet ein Boom in der Popularität von Tierdichtung statt. Grund hierfür ist die in Mittel- und Westeuropa stattfindende Technisierung.2 Das neu gegründete Deutschen Reich entwickelt sich durch zunehmende Mechanisierung und Modernisierung vom Agrar- zum Industriestaat. In der Urbanisierung findet eine Entfremdung des Menschens von der Natur statt: Komplexität, Schnelligkeit und Anonymität des Lebens steigen im Vergleich zum vorherigen, eher dörflichen Leben steil an. Sehnsucht zu alten Werten und Lebensgefühlen, zur Natur ist die Folge, die sich neben der Gründung diverser Naturvereine unter anderem auch in der neuen Popularität heimischer Tierdichtung ausdrückt. Ein weiterer, brisanterer Grund liegt in dem politischen/gesellschaftlichen Interesse, das in jener Zeit zu diesem Thema aufkeimt.

Nach dem Untergang der absolutistischen Ständegesellschaft setzt sich in der öffentlichen Meinung und Politik der europäischen Nationen ein naturrechtlicher Diskurs durch, der die Gleichheit von Menschen und Kulturen behauptet. Dieser Diskurs bleibt bis ins 18. Jahrhundert einflußreich und gipfelt in der Französischen Revolution. Da sich ab dem frühen 19. Jahrhundert wieder eine Ständegesellschaft zu etablieren beginnt, was sich mit dem naturrechtlichen Diskurs nicht vereinbaren läßt, wird eine metaphysische Erklärung stärker, die Ungleichheiten und ständische Unterschiede als „gottgewollt“ legitimiert. Die Revolutionen des 19. Jahrhunderts kämpfen im Namen des naturrechtlichen Diskurses gegen diese neu errichtete Ständegesellschaft. Letztenendes entsteht im 19. Jahrhundert aber der Imperialismus: einige europäische Länder beherrschen im Prinzip den Rest der Welt. Da der metaphysische Diskurs abgesetzt wurde (unter anderem auch, weil die von den beherrschenden Staaten angerichteten Genozide sich nicht mit dem Christentum vereinbaren lassen), dieses Prinzip beherrschender und beherrschter Völker aber auch dem ehemaligen naturrechtlichen Diskurs widerspricht, wird eine neue Rechtfertigung für diese Situation benötigt.

Neue Erkenntnisse der Biologie widersprechen dem naturrechtlichen Diskurs von der Gleichheit aller Wesen (Menschen), vielmehr erkennt man, daß in der Natur eine Selektion stattfindet, ein „survival of the fittest“. Diese Erkenntnisse übertragen sich auf Politik, Recht und Gesellschaft und rechtfertigen, daß die „stärkeren“, „besseren“ Rassen über die Übrigen herrschen sollen, was ein Vorläufer des sich entwickelnden Rassismus ist. Auch die Tierdichtung ist von den neuen Erkenntnissen inhaltlich, und somit auch vom gesellschaftlichen Interesse her betroffen: ist sie im späten 18. Jahrhunderts noch eher erzieherisch, moralisch und märchenhaft3, findet in der Zeit um 1900 ein Paradigmenwechsel zur realistischeren, biologischeren und damit darwinistischeren Beschreibung der Welt der Tiere statt. Somit enthalten Tiergeschichten dieser Zeit den latenten Gehalt eines Gegenentwurfes zu den bisherigen Werten, einen neuen Orientierungspunkt für die Gesellschaft. Viele Autoren benutzen dieses Medium um ihr vitalistisches Denken auszudrücken.4

2. Naturgesetze

[...]


1 „The Jungle Book“ 1894, „The New Jungle Book“ 1895 von Rudyard Kipling Die Kurzgeschichten Sammlungen „Mümmelmann“, „Widu“ und „Was da kreucht und fleugt“ 1909 von Hermann Löns
2 „Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870 - 1900. Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende.“, Peter Sprengel, München: Beck, 1998
3 Die Tiere der Tiergeschichten dieser Zeit des Biedermeier sind sehr human, töten sich nicht gegenseitig usw. Um 1900 ist das vorbei.
4 Gesellschaftlicher Bezug der Tiergeschichte entnommen aus dem Seminar „Kinder- und Jugendliteratur in der Gründerzeit bis zum ersten Weltkrieg“, Prof. Hans-Heino Ewers, Johann Wolfgang Goethe-Universität, 26.11.2002


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