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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 24 Pages
Author: M.A. Matthias Reim
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: LMU Munich (Institut für Deutsche Philologie, Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur)
Tags: Gerhart, Hauptmanns, Biberpelz, Roter, Hahn, Bearbeitung, Bertolt, Brecht, Deutsche, Komödien, Lessing, Hofmannsthal
Year: 2002
Pages: 24
Grade: 2
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-22459-8
ISBN (Book): 978-3-638-70003-0
File size: 249 KB
Der um die Jahrhundertwende schaffende Naturalist Gerhart Hauptmann widmete sich in seinen Dramen überwiegend sozialen Themen, so auch in der Komödie "Der Biberpelz",die mit dem weitaus weniger bekannten Stück "Der Rote Hahn" eine Fortsetzung fand. Im Vergleich der in Zusammenarbeit Bertolt Brechts mit dem (Ost)-Berliner Ensemble entstandenen und 1951 uraufgeführten Bearbeitung der beiden Stücke mit den "Originalen" wird eine Extrapolation wesentlicher Bearbeitungstendenzen Brechts versucht
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Abstract
Der am 21.09.1893 im Berliner Deutschen Theater uraufgeführten Diebskomödie ´Der Biberpelz` lässt der Dichter und Dramatiker Gerhart Hauptmann 8 Jahre darauf die im selben Milieu angesiedelte Tragikomödie ´Der Rote Hahn` folgen, worin er an die Handlung des ´Biberpelz` anknüpft und einige der bereits bekannten Figuren - darunter die ´ehemalige` Mutter Wolffen bzw. Frau Fielitz mit ihrer Tochter Leontine, den Amtsvorsteher von Wehrhahn oder den Amtsschreiber Glasenapp - wieder auftauchen lässt. Die Hauptlinien der Kritik an Hauptmann gingen in zwei Richtungen; sowohl die bürgerlich-konservative als auch die marxistische Kritik forderten ein moralisches Urteil über die Protagonistin. Wo die einen das Recht einer überzeitlichen, formaljuristisch ausgerichteten Ethik gewahrt sehen wollten, forderten die anderen ein an der ´Ethik des Klassenkampfes` orientiertes gesellschaftliches Bewusstsein. Wo die einen eine Herabwertung des ´Roten Hahn` als Fortsetzung oder Wiedergutmachung vornahmen, sahen jedoch wiederum andere das Werk als den zweiten Teil einer Doppelkomödie, der unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen die tragikomischen Konsequenzen aus den Voraussetzungen des ersten Teils zieht. Die ´Biberpelz`-Bearbeitung durch Brecht und seine Mitarbeiter beginnt im Sommer 1951; die Erben Gerhart Hauptmanns stimmen der geplanten Aufführung beider Stücke, „verkürzt und ineinandergearbeitet, an einem Abend“ zunächst zu. Die Inszenierung feierte am 24. März 1951 Premiere im Deutschen Theater. Die Einführung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung ist das Leitmotiv, das der ganzen Neubearbeitung zugrunde liegt. Brecht sieht die Dramen Gerhart Hauptmanns aus der Distanz von sechzig Jahren; damit steht der Autor bereits unter der Last seiner Erfahrungen mit dem faschistischen Deutschland und der Katastrophe zweier Weltkriege. Indem Brecht den geschichtlichen Hintergrund von ´Der Biberpelz` und ´Der Rote Hahn` deutlich hervortreten lässt, gelingt es ihm, die Zustände, die bei Hauptmann teils der Lächerlichkeit preisgegeben werden, teils tragisch wirken, einer „hinterfragenden“ Rezeption zuzuführen. Seine Darstellung soll den Menschen nicht als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse erscheinen lassen; Brecht als Anhänger des wissenschaftlichen Sozialismus propagiert vielmehr die Veränderbarkeit der sozialen Verhältnisse durch die Arbeiterklasse.
Excerpt (computer-generated)
GERHART HAUPTMANNS „BIBERPELZ“ UND
„ROTER HAHN“ IN DER BEARBEITUNG VON BERTOLT BRECHT
Verfasser: Matthias Reim
Inhaltsverzeichnis
0 Vorwort S. 4
1 Gerhart Hauptmanns „Doppelwerk“ Der Biberpelz und Der Rote Hahn S. 5
1.1 Hauptmann und der Naturalismus S. 6
1.2 Zur Naturalismuskritik in der marxistischen Literaturwissenschaft S. 7
1.3 „Das unerreichte Soziale“ - Zur Wirkungsgeschichte der Komödien Gerhart Hauptmanns S. 8
1.3.1 Zwischenbemerkung S. 10
1.3.2 Exkurs: Der „Untergang“ des Matriarchats im Roten Hahn S. 11
2 Biberpelz und roter Hahn (in der Bearbeitung des Berliner Ensembles) S. 12
2.1 Bertolt Brecht und das Berliner Ensemble S. 12
2.2 Brecht und der Marxismus S. 13
2.3 Die Bearbeitung des Berliner Ensembles S. 14
2.3.1 Zur Entstehung S. 14
2.3.2 Die wesentlichen Veränderungen der Bearbeitung S. 15
2.3.2.1 Zur veränderten Handlungsführung S. 16
2.3.2.2 Zur „Historisierung“ der Vorlage S. 17
3 Resümee S. 21
0 Vorwort
„Der Naturalismus offenbart schon in seinem Namen seine naiven, verbrecherischen Instinkte. Das Wort Naturalismus ist selber schon ein Verbrechen. Die bei uns bestehenden Verhältnisse zwischen den Menschen als natürliche hinzustellen, wobei der Mensch als ein Stück Natur, also als unfähig, diese Verhältnisse zu ändern, betrachtet wird, ist eben verbrecherisch. Eine ganz bestimmte Schicht versucht hier unter dem Deckmantel des Mitleids mit den Benachteiligten die Benachteiligung als natürliche Kategorie menschlicher Schicksale zu sichern.“1 Die scharfe Kritik, mit der hier Bertolt Brecht „den Naturalismus“ überzieht, wenn er in ihm „naive, verbrecherische Instinkte“ zu erkennen glaubt, wirft ein erstes Licht auf sein Gesellschaftsbild. Vom diesem Ansatzpunkt her kann auch die in Zusammenarbeit mit dem Berliner Ensemble entstandene Brechtsche Bearbeitung der beiden Gerhart Hauptmann-Dramen Der Biberpelz und Der Rote Hahn verstanden werden. Im Folgenden soll versucht werden, den Entstehungsprozess der Bearbeitung nachzuzeichnen; des Weiteren möchte ich versuchen, herauszuarbeiten, mit welchem „Interesse“ Brecht an das Original herangegangen ist und welche Veränderungen die Stücke dabei letztendlich erfahren haben. Dabei wird der Blick immer auch auf das „Doppelwerk“ von Gerhart Hauptmann fallen. Eine eingehende Interpretation des Originals kann in diesem Rahmen zwar nicht erfolgen, ich werde aber auf wesentliche Forschungsrichtungen wenigstens kurz eingehen. Aus Gründen der Einfachheit ist im Folgenden mit "erster Teil" immer Der Biberpelz gemeint; "zweiter Teil" steht für den Roten Hahn2.
1 Gerhart Hauptmanns „Doppelwerk“ - Der Biberpelz und Der Rote Hahn
Gerhart Hauptmanns Autobiographie Das Abenteuer meiner Jugend gibt Auskunft über die eigenen Erfahrungen, die er in seinen Komödien verarbeitet hat: „Ich lebte damals in einer durch die Nähe Berlins mit bedingten, tragisch großen Phantasmagorie. Trat ich des Abends vor das Haus, so sah ich im Westen bei klarer Luft den Widerschein der Riesin blutrot am Himmel. (…) Was wurde nicht alles aus der drei deutsche Meilen entfernten Stadt an Elend und Jammer ans Ufer gespült! (…) Das ungeheure Lebewesen und Sterbewesen Berlin, wie gesagt, war alpartig gegenwärtig“3. Während seiner Zeit in Erkner, einem Ort an der Peripherie Berlins, konnte er die Lebensbedingungen der einfachen Leute am Rande der Großstadt genau beobachten. Der „sichere“ Gebrauch unterschiedlicher Ausprägungen von Berliner Dialektsprache, mit denen Hauptmann seine Figuren ausstattet und diese ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Stand gemäß charakterisiert, ohne den Anschein einer bloßen Imitation beim Leser hervorzurufen, zeigt schon seine genaue Beobachtungsgabe4. Selbst reale Personen aus seinem persönlichen Umfeld haben ihn für einige Figuren des Biberpelz angeregt, z.B. Marie Heinze, die Waschfrau der Hauptmanns als Vorbild für die Figur Mutter Wolffens und der Erkener Amtsvorsteher Oscar von Busse für die Figur Baron von Wehrhahns5.
Als „reales“ Vorbild für die Figur des Dr. Fleischer6 ist wohl Gerhart Hauptmann selbst anzunehmen; dieser war bei seinem Amtsvorsteher, einem nach eigener Auskunft „politischen Heißsporn, der überall staatsgefährliche Elemente roch“7, ein Dorn im Auge: „Ich (hielt) die Wochenschrift ,Die Neue Zeit`, die den wissenschaftlichen Sozialismus vertrat. Noch herrschte das Sozialistengesetz. Es war selbstverständlich, dass ich mit alledem den Ordnungsbehörden verdächtig wurde.“8 Hauptmann geriet wohl auch wiederholt wegen seiner Beziehungen zu sozialdemokratischen Kreisen9 in Schwierigkeiten; 1887 erhält er eine Vorladung zum Breslauer Sozialistenprozess, 1888 hält er sich nicht zuletzt aus Angst vor der Sozialistenverfolgung mehrere Monate in der Schweiz auf10. Man kann in diesem Zusammenhang auf die Arbeiten von Walter Requardt11 und Bruno Fischer 12 verweisen; dort wurde untersucht, wie Hauptmann in seinen Stücken „seine“ Wirklichkeit verarbeitet hat.
1.1 Hauptmann und der Naturalismus
[...]
1 Zit. nach SCHRIMPF 1969, dort S. 51
2 Anm. d. Verf.
3 Zit.nach SCHRIMPF 1969, dort S. 35f.
4 Anm. d. Verf.
5 Siehe SCHRIMPF 1969, S. 35ff.
6 Siehe hierzu Punkt 2.3.2.2, Anm. d. Verf.
7 Gerhart Hauptmann, zit. nach MÜLLER, dort S. 20
8 Ders., zit. nach MÜLLER, dort S. 20
9 Er war als Student Mitglied im utopistischen Ikarierbund gewesen; Anm. d. Verf.
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