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Die Herausbildung des Konzeptes der 'virtuellen Gemeinschaft' und Formen gegenwärtiger Realisierung am Beispiel von learnetix.de

Magisterarbeit, 2003, 99 Seiten
Autor: Malek Ait-Djoudi
Fach: Informationswiss., Informationsmanagement

Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2003
Seiten: 99
Note: 1,6
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V18065
ISBN (E-Book): 978-3-638-22485-7
ISBN (Buch): 978-3-638-70004-7
Dateigröße: 995 KB

Zusammenfassung / Abstract

Seien es der Feuilleton, der Wirtschaftsteil oder die Rubrik ,,Aus Forschung und Technik" der Tageszeitungen, die sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Literatur oder Berichterstattungen anderer Medien wie beispielsweise Fernsehsendungen oder Diskussionsrunden im Rahmen von Kongressen und anderen Veranstaltungen dieser Art. Überall wird man mit Begriffen konfrontiert, die das Potenzial des Internet und seiner Dienste, bzw. die in dieses Potenzial gesteckten Hoffnungen akzentuieren. Beinahe unvermeidlich stößt man im Bereich der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur auf Begriffe wie ,,New Economy", ,,E-Commerce", oder ,,dot.com", die alle das Potenzial des Internet und seiner Dienste betonen, per elektronischer Datenübertragung schnell, unkompliziert und vor allem weltweit wirtschaftliche Transaktionen tätigen zu können. Aber auch klassisch-soziologische Begriffe wie der der Gemeinschaft werden mit dem Zusatz ,,virtuell" in den ebenso ,,virtuellen Raum" des Internet transferiert. Fraglich ist, wie groß der Einfluss des Internet auf die geschilderten Bereiche wirklich ist und ob die Folgen dieses Einflusses tatsächlich solch grundlegende Veränderungen darstellen, dass man wie Roesler von einer digitalen Revolution" (1997: 7) sozialer, kultureller, politischer und ökonomischer Bereiche sprechen kann. Wird das Internet tatsächlich die Entwicklung zur ,,reibungslosen Marktwirtschaft"2 (Gates 2000: 105) unterstützen, oder ist die ,,Internet-Blase" und damit alle in das wirtschaftliche Potenzial des Internet gesteckten Hoffnungen längst geplatzt? Um das tatsächliche soziale Potenzial des Internet zu betrachten, wird die Entstehung des Konzepts der virtuellen Gemeinschaften am Beispiel von learnetix.de®, einer virtuellen Lerngemeinschaft für Schüler nachgezeichnet. Diese Beschreibung wäre jedoch schwer nachvollziehbar, ohne das Aufzeigen der technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die das Entstehen virtueller Gemeinschaften erst ermöglichten. Hierzu zählen besonders die Entwicklung des Internet inklusive seiner diversen Dienste auf technologischer Seite und der Individualisierungsprozess auf der Gesellschaftsebene. Die Darstellung dieser beiden Entwicklungsprozesse ist ein weiterer umfangreicher Bestandteil der vorliegenden Arbeit.


Textauszug (computergeneriert)

Wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Akademischen Grades

Magister Artium
an der Freien Universität Berlin
Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften
Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften

zum Thema:

Die Herausbildung des Konzeptes der
,,virtuellen Gemeinschaft" und Formen gegenwärtiger Realisierung 
am Beispiel von learnetix.de®

vorgelegt im Juli 2003

von Malek Ait-Djoudi





1. Einleitung ... 1

2. Soziologische Grundlagen und Begriffe sozialer Formation ... 8

2.1 Schwierigkeiten soziologischer Begriffsdefinition ... 8
2.2 Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft ... 10
2.3 Georg Simmel: Formen der Vergesellschaftung ... 11
2.4 Max Weber: Grundriss der verstehenden Soziologie ... 14
2.5 Leopold von Wiese: Das System der allgemeinen Soziologie ... 15
2.6 George Caspar Homans: Die Theorie der sozialen Gruppe ... 17

3 Das Konzept des sozialen Netzwerks ... 20

3.1 Zur Entstehung des sozialen Netzwerkbegriffs ... 20
3.2 Zur Entstehung der Netzwerkforschung ... 21
3.2.1 Kennwerte der Netzwerkanalyse ... 22
3.2.2 Ergebnisse der Netzwerkforschung: Subgruppen- und Cliquenbildung innerhalb von Netzwerken ... 24
3.3 Das Konzept des sozialen Netzwerkes im gesellschaftlichen Zusammenhang ... 25
3.4 Weitere Anwendungsgebiete des Netzwerkbegriffs ... 27

4 Gesellschaftlicher Wandel und Individualisierungsprozess ... 30

4.1 Der Begriff der Individualisierung ... 32
4.2 Erste Individualisierungstendenzen im Mittelalter ... 34
4.3 Der Ursprung der Individualisierung in der Renaissance ... 35
4.4 Individualisierung und Moderne ... 38
4.5 Individualisierung im Zeitalter der Aufklärung ... 40
4.6 Individualisierung in der Industriemoderne ... 41
4.7 Individualisierung nach dem Zweiten Weltkrieg ... 45
4.8 Individualisierung in der Postmoderne ... 47

5. Das Konzept der virtuellen Gemeinschaften ... 50

5.1 Technologischer Wandel: Auf dem Weg zu virtuellen Gemeinschaften ... 50
5.2 Der Begriff der virtuellen Gemeinschaft ... 52
5.3 Virtuelle Gemeinschaften - Charakteristika, Potenziale und Grenzen ... 54
5.3.1 Das Demokratisierungspotenzial virtueller Gemeinschaften ... 56
5.3.1.1 Das Demokratiepotenzial für Bürger ... 57
5.3.1.2 Das Demokratiepotenzial für den Staat ... 58
5.3.1.3 Demokratiepotenzial und Kommerzialisierung ... 59
5.3.2 Virtuelle Gemeinschaften als Ort der Beziehungsbildung moderner und nachmoderner Gesellschaften ... 61
5.3.2.1 Beziehungsunterstützende Charakteristika virtueller Gemeinschaften ... 61
5.3.3 Virtualität als Potenzial virtueller Gemeinschaften ... 65
5.4 Virtuelle Gemeinschaften - Das Beispiel learnetix.de® ... 65
5.4.1 Virtualität bei learnetix.de® ... 68
5.4.3 Das beziehungsstiftende Potenzial bei learnetix.de® ... 70

6. Explorative Untersuchung ... 71

6.1 Zur Methode ... 72
6.1 Durchführung ... 72
6.2 Entwicklung des Rücklaufs ... 73
6.4 Ergebnisse und Interpretation ... 74
6.4.1 Beurteilung der Annahme 1 ... 76
6.4.2 Beurteilung der Annahme 2 ... 78

7. Zusammenfassung und Ausblick ... 79

8. Literaturverzeichnis ... 84

9. Anhang ... 90

Eidesstattliche Erklärung ... 96

 

 

1. Einleitung

Seien es der Feuilleton, der Wirtschaftsteil oder die Rubrik ,,Aus Forschung und Technik" der Tageszeitungen, die sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Literatur oder Berichterstattungen anderer Medien wie beispielsweise Fernsehsendungen oder Diskussionsrunden im Rahmen von Kongressen und anderen Veranstaltungen dieser Art. Überall wird man mit Begriffen konfrontiert, die das Potenzial des Internet und seiner Dienste1, bzw. die in dieses Potenzial gesteckten Hoffnungen akzentuieren. Beinahe unvermeidlich stößt man im Bereich der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur auf Begriffe wie ,,New Economy", ,,E-Commerce", oder ,,dot.com", die alle das Potenzial des Internet und seiner Dienste betonen, per elektronischer Datenübertragung schnell, unkompliziert und vor allem weltweit wirtschaftliche Transaktionen tätigen zu können.

Aber auch klassisch-soziologische Begriffe wie der der Gemeinschaft werden mit dem Zusatz ,,virtuell" in den ebenso ,,virtuellen Raum" des Internet transferiert. Denn auch in der Soziologie führt die ,,explosionsartige Verbreitung von Computern und Online-Anschlüssen" (vgl. Dollhausen/Wehner 2000: 74) zu Diskussionen, die zumindest in Teilen ein grundsätzliches Überdenken der tradierten soziologischen Begriffe erkennen lassen.

Fraglich ist, wie groß der Einfluss des Internet auf die geschilderten Bereiche wirklich ist und ob die Folgen dieses Einflusses tatsächlich solch grundlegende Veränderungen darstellen, dass man wie Roesler von einer ,,digitalen Revolution" (1997: 7) sozialer, kultureller, politischer und ökonomischer Bereiche sprechen kann. Wird das Internet tatsächlich die Entwicklung zur ,,reibungslosen Marktwirtschaft"2 (Gates 2000: 105) unterstützen, oder ist die ,,Internet-Blase" (Fricke 2002: ohne Seitenangabe) und damit alle in das wirtschaftliche Potenzial des Internet gesteckten Hoffnungen längst geplatzt?

Die Annahme, dass das Internet zu ,,größerer Weltharmonie" (Negroponte 1997: 279) führt, in der technischer Fortschritt, Gleichheit, Friede und Wohlstand nicht mehr länger Utopien, sondern Alltag sind (vgl. brand eins 01/2003), wird in Frage gestellt durch die Behauptung, das Internet sei ,,vor allem ein Mythos" (Roesler 1997: 8). Diesem käme die Aufgabe zu, aus Zweifel Zuversicht zu machen und die quälende Ungewissheit bezüglich der Zukunft durch ,,die Suggestion der Gewissheit" (ebenda: 10) zu ersetzen.

Bezüglich des demokratischen Potenzials des Internet wird von einem athenischen Zeitalter gesprochen (vgl. Gore 1994), in dem die Bürger befähigt sind, selbst zu handeln, ohne auf Bürokratie angewiesen zu sein. Schrader hingegen konstatiert, ,,Drin sein" sei bei vielen ,,out" (Schrader 2003: 1), da entgegen der Prognosen weniger als die Hälfte der Deutschen im Jahre 2003 das Internet nutze (Vgl. ebenda). Somit würde ein vermeintliches demokratisches Potenzial seitens der Bürger gar nicht ausreichend in Anspruch genommen.

Nun kann es in dieser Arbeit nicht darum gehen, alle angesprochenen Potenziale des Internet in ihrer Gesamtheit zu analysieren und ihre Verwirklichungschancen bzw. den Grad ihrer tatsächlichen Verwirklichung zu diskutieren. Vielmehr soll der Schwerpunkt der Arbeit auf der Verwirklichung des soziologischen, beziehungsstiftenden Potenzials des Internet liegen, ohne jedoch die weiteren wissenschaftlichen Bereiche, in denen das Internet sich zu einem beliebten Instrument entwickelt hat, ganz zu vernachlässigen.

Um das tatsächliche soziale Potenzial des Internet zu betrachten, wird die Entstehung des Konzepts der virtuellen Gemeinschaften am Beispiel von learnetix.de®, einer virtuellen Lerngemeinschaft für Schüler nachgezeichnet. Diese Beschreibung wäre jedoch schwer nachvollziehbar, ohne das Aufzeigen der technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die das Entstehen virtueller Gemeinschaften erst ermöglichten. Hierzu zählen besonders die Entwicklung des Internet inklusive seiner diversen Dienste auf technologischer Seite und der Individualisierungsprozess auf der Gesellschaftsebene. Die Darstellung dieser beiden Entwicklungsprozesse ist ein weiterer umfangreicher Bestandteil der vorliegenden Arbeit. Mittels einer explorativen Studie in Form einer egozentrierten Netzwerkanalyse, sollen die in learnetix.de® vorhandenen sozialen Beziehungsstrukturen dargestellt und teilweise auf ihre spezielle Beschaffenheit hin untersucht werden. Mögliche Unterschiede zu, und Gemeinsamkeiten mit ,,realweltlichen" sozialen Beziehungsstrukturen sollen dabei identifiziert und benannt werden.

Um zu Aussagen solcher Art gelangen zu können, werden im Kapitel 2 soziologische Grundlagen und Begriffsdefinitionen sozialer Formationen, wie beispielsweise die der Gruppe, Gemeinschaft und Gesellschaft gegeben. Gleichzeitig soll auf die Vielzahl unterschiedlicher Begriffsinterpretationen hingewiesen werden, welche durch die verschieden starke Betonung von Merkmalen entstehen, die nach Meinung der diversen Autoren für die Konstitution sozialer Formationen verantwortlich sind.

Homans bezeichnet die beschriebene Vielzahl unterschiedlicher Definitionsansätze gar als ein ,,Hindernis für klares Denken in den Sozialwissenschaften" (1978: 147).

Um zumindest eine Annäherung an allgemeingültige Definitionen sozialer Formationen zu erreichen, werden in den Abschnitten 2.2 bis 2.6 Theorien, Konzepte und Definitionsansätze von fünf unterschiedlichen Soziologen vorgestellt. Im Einzelnen sind dies die Ansätze und Theorien von Ferdinand Tönnies (2.2), Georg Simmel (2.3), Max Weber (2.4), Leopold von Wiese (2.5) und George C. Homans (2.6). Identifizierbare Gemeinsamkeiten zwischen den fünf Ansätzen sollen dann zur Annäherung an die gewünschten Metadefinitionen benutzt werden.

Die Auswahl der genannten Soziologen begründet sich in der häufigen Bezugnahme auf diese in der Standardliteratur zum Thema virtueller Gemeinschaften und internetbasierter Beziehungsbildung. Es kann gezeigt werden, wie nahe sich die vorgestellten Theorien bereits lang vor der Erfindung des Internet am Konzept der virtuellen Gemeinschaften befanden, was vermutlich auch der Grund für die häufige Nennung der Autoren und deren Theorien in der angesprochenen Literatur ist. Auch die Voraussage des Entwicklungsprozesses sozialer Beziehungsstrukturen durch die vorgestellten Soziologen, an dessen vorläufigen Ende das Konzept der virtuellen, interessenbasierten Gemeinschaften liegt, wird dargestellt.

Wurde im Kapitel 2 mit der Übersicht der traditionellen Definitionen sozialer Formationen der Ausgangspunkt für den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess dargestellt, an dessen Ende das Konzept der virtuellen Gemeinschaften steht, so beschäftigt sich das Kapitel 3 mit dem nächsten Schritt in diesem Prozess. Dieser Schritt manifestiert sich im Aufkommen des Konzepts des sozialen Netzwerks, das gegenwärtige Vergesellschaftungsstrukturen, die auch im Konzept der virtuellen Gemeinschaften abgebildet werden, zu erklären versucht.

Im Abschnitt 3.1 werden die Entstehungsgeschichte und einige Definitionen des Netzwerkbegriffs dargestellt. Um zu einer eigenständigen Definition zu kommen, wird dieser gegenüber den traditionellen Definitionen sozialer Formationen aus dem Kapitel 2 abgegrenzt.

Zeitlich eng verbunden mit der Entstehung des Netzwerkbegriffs, ist die Etablierung der Netzwerkforschung. Einen Einblick in die Entstehungsgeschichte, die methodischen und theoretischen Leitideen sowie in die formalen Verfahren und Erkenntnisse der Netzwerkforschung und speziell der Netzwerkanalyse gewährt der Abschnitt 3.2.

Der nachfolgende Abschnitt 3.3 zeigt auf, welche gesellschaftlichen Entwicklungen die Entstehung und Etablierung des Netzwerkbegriffs zur Beschreibung sozialer Beziehungsstrukturen begünstigt haben könnten und wie sich gleichzeitig die hohe Popularität des Begriffs erklären lässt. Hierzu wird auf die veränderten Anforderungen moderner Gesellschaften an das Individuum wie beispielsweise eine gesteigerte (soziale) Mobilität hingewiesen (Boissevain beschreibt diese Herauslösung des Individuums aus rein familiären Beziehungsstrukturen hin zu netzwerkartigen Strukturen dadurch dass er die Individuen fortan als ,,Unternehmer ihrer sozialen Beziehungen" (1974: 7) sieht.

Der Netzwerkbegriffs und das damit beschriebene Konzept sind dabei gut geeignet den beschriebenen Anforderungen gerecht zu werden.
Auch der Abschnitt 3.4 belegt die aktuelle Popularität des Netzwerkbegriffs, indem er weitere Einsatzgebiete neben dem der Beschreibung sozialer Formationen aufzeigt. So wird der Netzwerkbegriff auch im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich verwendet, um Unternehmenskooperationen zu beschreiben, die als Reaktion auf die veränderten Wettbewerbsbedingungen im Rahmen gesellschaftlicher Veränderungen wie der der Globalisierung gebildet werden (vgl. Sydow 2001). Und auch im Bereich der Politik werden Netzwerke gebildet, um dauerhafte, stabile Kompromissfindungen zu ermöglichen und zu erleichtern (vgl. Weyer 2000).

Den bereits im dritten Kapitel - im Rahmen des Entstehungsprozesses des Netzwerkbegriffs - angesprochenen gesellschaftlichen Veränderungen ist das gesamte vierte Kapitel gewidmet. Neben den im Kapitel 5 nachgezeichneten technologischen Entwicklungen stellen diese gesellschaftlichen Veränderungen eine weitere wichtige Voraussetzung für die Entstehung des Konzepts der virtuellen Gemeinschaften dar. Fest in diese gesellschaftlichen Veränderungen eingebettet ist der Prozess der Individualisierung. Am Prozess der Individualisierung wird deutlich, welche Auswirkungen die gesellschaftlichen Veränderungen auf den Menschen und dessen Art der Beziehungsbildung haben.

Eine Definition für den Begriff der Individualisierung wird im ersten Abschnitt des Kapitels in Anlehnung an Simmels Theorie der sozialen Kreise gegeben, die verkürzt besagt, dass sich das Individuum durch die Ausdehnung der es umgebenden sozialen Kreise herausbildet, verstärkt und an Profil gewinnt. Mit der Zunahme des Individualisierungsgrades innerhalb der Gesellschaft verlagert sich der Schwerpunkt der Beziehungssetzung von familiären Beziehungen, in die das Individuum hineingeboren wurde (vgl. auch Kapitel 2), hin zu frei gewählten Beziehungen, deren Basis eher geteilte Interessen und vor allem Selbstverwirklichung sind. Am vermeintlichen Höhepunkt des Individualisierungsprozesses finden sich dann vollständig frei gewählte Beziehungskonstellationen in Reinform, die virtuellen Gemeinschaften.

Der Definition des Individualisierungsbegriffs folgt in den Abschnitten 4.2 bis 4.8 ein geschichtlicher Abriss des Individualisierungsprozesses von seinen ersten Anzeichen im Hochmittelalter (4.2) bis hin zu seiner gegenwärtigen nachmodernen Ausprägung, die im Abschnitt 4.8 erläutert wird.

Nach Wersig 1998 liegt die eigentliche Geburtsstunde der Individualisierung in der Renaissance. Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Renaissance und deren Einfluss auf den Individualisierungsprozess werden im Abschnitt 4.3 dargestellt. Einen weiteren Entwicklungsschub erfährt das Individuum in der Epoche der Moderne. Im Abschnitt 4.4 ,,begleitet" die vorliegende Arbeit das Individuum auf seiner Suche nach Gewissheit, während der es sich zu einem frei handelnden und vernunftfähigen Wesen entwickelt. Das Zeitalter der Aufklärung mit seinen Gleichheitsbestrebungen für jeden Menschen und die Industriemoderne mit ihren gravierenden Einflüssen auf die Beziehungsstruktur der Menschen werden hinsichtlich ihrer Wirkungen auf den Individualisierungsprozess in den Abschnitten 4.5 und 4.6 betrachtet. Zunehmende Komplexität, Unsicherheit und Multioptionalität sind Einflüsse, die auf die individuelle Lebensführung der Menschen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg einwirken. Die Reaktionen des Individuums darauf und somit das Fortschreiten des betrachteten Individualisierungsprozesses werden im Abschnitt 4.7 ausführlich erläutert.

Die geschilderte Zunahme der Unsicherheit und Komplexität in der Spätphase der Moderne zwingen das Individuum zum Entwurf neuer Lebenspläne. Und auch die (Neu-) Gestaltung sozialer Beziehungsstrukturen sind ein zentraler Bestandteil dieser Planungen. Ein in diese Pläne eingebettetes, so genanntes ,,Bindungspatchwork" (vgl. Wersig 2002: 124), beinhaltet die Ausbildung selbstgesteuerter, kurzfristiger, interessenbasierter und häufig wechselnder sozialer Beziehungen. Diese Art sozialer Beziehungen sind genau solche, für die das Internet und die dort angesiedelten virtuellen Gemeinschaften ausreichend Raum bieten können. Der Weg, an dessen nachmodernen Ende die eben beschriebenen sozialen Beziehungsstrukturen stehen, wird detailliert im kapitelabschließenden Abschnitt 4.8 aufgezeigt.

Das Kapitel 4 beschreibt somit ausführlich eine der beiden großen Voraussetzungen für die Entstehung des Konzepts der virtuellen Gemeinschaften, nämlich den Individualisierungsprozess vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen beginnend im Hochmittelalter und vorläufig endend in der Zeit der Nachmoderne. Die beobachteten politischen und gesellschaftlichen Veränderungen beziehen sich dabei ausschließlich auf den so genannten ,,westlichen Kulturkreis."3

Neben den im Kapitel 4 ausführlich diskutierten gesellschaftlichen Veränderungen und dem dort eingebetteten Individualisierungsprozess stellen die technologischen Entwicklungen des Internet, seiner Dienste und die Entwicklung des Personalcomputers den zweiten zentralen Block der Voraussetzungen dar, die die Entstehung virtueller Gemeinschaften überhaupt erst ermöglichen. Im Rahmen der Nachzeichnung des Entwicklungsprozesses dieser Technologien werden in den Abschnitten des Kapitels 5 Grundbegriffe der Computer- und Internetterminologie eingeführt.

Mit Abschluss des Abschnitts 5.1 wurde eine Übersicht aller für die Entstehung virtueller Gemeinschaften erforderlichen Entwicklungen gegeben. Im nachfolgenden Abschnitt 5.2 wird dann begonnen, das Konzept der virtuellen Gemeinschaften vorzustellen. Hierzu werden im ersten Schritt verschiedene Definitionsansätze für den Begriff der virtuellen Gemeinschaften vorgestellt. Aus der Gegenüberstellung der verschiedenen Ansätze wird versucht, eine Annäherung an eine allgemeingültige Beschreibung für das Konzept der virtuellen Gemeinschaften zu erlangen.

Die Unschärfe der existierenden Definitionsversuche resultiert nicht zuletzt aus den unterschiedlichen Übersetzungen des englischen Begriffs der ,,community" in die deutsche Sprache. Auf die vermeintlichen Gründe für die uneinheitlichen Übersetzungen wird im Kaptitel 5 eingegangen.

Um trotz dieser Unschärfe ein gutes Verständnis vom Konzept der virtuellen Gemeinschaften und von der Motivation zur Teilnahme an solchen Beziehungsformen herzustellen, werden im Abschnitt 5.3 Charakteristika, Potenziale und Grenzen virtueller Gemeinschaften, sowie deren kritische Diskussion in der begleitenden Literatur ausführlich aufgezeigt.

Besonders ausführlich werden dabei das Demokratiepotenzial (5.3.1), das beziehungsstiftende Potenzial (5.3.2) und die Virtualität als Charakteristikum und Potenzial zugleich diskutiert (5.3.3).

Die so vorgestellten und diskutierten Potenziale und Grenzen werden im Abschnitt 5.4 auf ihre Verwirklichung bzw. Bestätigung hin untersucht. Dies geschieht am Beispiel von learnetix.de®, einer existierenden virtuellen Gemeinschaft des Cornelsen Verlags für Bildungsmedien, die im genannten Abschnitt vorgestellt und hinsichtlich der vorher aufgezeigten Potenziale und Grenzen analysiert wird.

Den Abschluss der Arbeit bildet eine explorative Untersuchung, deren Methode, Durchführung und Ergebnisse im Kapitel 6 dargestellt werden. Bei dieser Untersuchung handelt es sich um eine egozentrierte Netzwerkanalyse, deren Zielsetzung es ist, Informationen über die Beziehungsstrukturen zwischen den Mitgliedern von learnetix.de® zu erhalten.

Ziel der Untersuchung ist es dabei, die in Abschnitt 3.2.2 beschriebene Subgruppen- oder Cliquenbildung innerhalb von Netzwerken nachzuweisen. In einem zweiten Schritt wurden die zuvor durch Befragung identifizierten egozentrierten Netzwerke bzw. deren Mitglieder hinsichtlich ihres Mitgliedsalters, also der Dauer ihrer Mitgliedschaft bei learnetix.de®, strukturiert. Die Annahme war hier, dass neu hinzukommende learnetix.de®-Mitglieder über geringere Chancen verfügen, mit kommunikationsgeschichtlich Älteren in Verbindung zu treten. Dies sei darauf zurückzuführen, dass Neu-Mitglieder mit den bereits etablierten Beziehungen und ggf. bestehenden Schließungstendenzen in Konkurrenz treten müssen (vgl. auch Stegbauer 2001).

Insgesamt ließen sich viele der im Verlaufe der Arbeit identifizierten Potenziale, Charakteristika und Grenzen virtueller Gemeinschaften am Beispiel von learnetix.de® wieder erkennen. Dargestellt werden diese detailliert im Abschnitt 6.4.

[...]


1 Als Internet wird ein heute weltumspannendes Netzwerk von Computern bezeichnet, dass aus einer Reihe miteinander verbundener Subnetzwerke besteht. Häufig wird der Begriff Internet auch synonym mit dem des ,,World Wide Web" (WWW) genutzt. Das WWW bezeichnet allerdings lediglich einen Dienst (eine im Internet angebotene Funktion) innerhalb des Internets, der die Darstellung multimedialer Daten erlaubt und sich durch seine Nutzerfreundlichkeit auszeichnet (vgl. ausführlicher u. a. Kreuzberger 1997; Vesper 1998; Voss 1999).

2 Reibungslos deshalb, weil das Internet Geschäftspartner schnell und unkompliziert direkten Kontakt zueinander verschafft und beiden mehr Informationen übereinander liefern kann (vgl. Gates 2000).

3 Für eine Definition des westlichen Kulturkreises vergleiche u. a. Huntington 1997.


Kommentare

Uwe Brundig
03.06.2004 14:57:17
Superhilfreich
Die vorliegende Arbeit war superwichtig als Recherchestütze für meine eigene Arbeit über virtuelle Gemeinschaften. Die Investition hat sich alleine für die umfangreiche Literaturliste gelohnt.
Robert Weizer
21.04.2006 13:28:18
Sehr hilfreich und unterbewertet
Die Arbeit ist sehr akribisch erstellt und lässt nur wenige Fragen unbeantwortet. Das Literaturverzeichnis ist sehr bemerkenswert. Von mir eine glatte 1!
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