Sehnsucht nach Unmöglichem? Zum Thema Vergangenheitsbewältigung am Beispiel von Bernhard Schlinks ´Der Vorleser´

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Details
Autor: Daniela Schroeder
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Veranstaltung: Hauptseminar Leserbilder in der Gegenwartsliteratur
Institution/Hochschule: Otto-Friedrich-Universität Bamberg (NDL-Lehrstuhl)
Jahr: 1999
Seiten: 23
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 12 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 238 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-11121-8
Textauszug (computergeneriert)
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Hauptseminar ,,Leserbilder in der Gegenwartsliteratur"
Sommersemester 1999
,,Sehnsucht nach Unmöglichem?"
Zum Thema Vergangenheitsbewältigung
am Beispiel von Bernhard Schlinks
,,Der Vorleser"
von
Daniela Schröder
Diplom-Germanistik/Schwerpunkt Journalistik
Nebenfach Anglistik
6. Fachsemester
,,Wenn wir über das Vergangene
berichten, ist die Zukunft sicher;
wenn wir die Vergangenheit verleugnen,
ist die Zukunft in Gefahr."
Elie Wiesel1
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 4
2. Schuldfrage und Kollektivschuld ... 5
2.1. Karl Jaspers ,,Die Schuldfrage" . . . . . . 5
2.2. Daniel Goldhagens ,,Hitler′s Willing Executioners" ... 6
2.3. Schuld aus philosophisch-psychologischer Sicht ... 7
2.3.1. Die Entscheidungsfreiheit ... 7
2.3.2. Folgen der Schuld für das Individuum ... 7
2.4. Das Moment des Unvermeidlichen ... 8
3. Zur Schuldfrage in ,,Der Vorleser" ... 9
3.1. Hannas Schuld ... 9
3.1.1. Mögliche Gründe für Hannas Verbrechen ... 9
3.1.2. Hannas Umgang mit ihrer Schuld ... 10
3.1.3. Folgen der Umgangsweise Hannas mit ihrer Schuld ... 11
3.1.4. Hannas Analphabetismus in bezug auf ihre Schuld ... 12
3.1.5. Bedeutung der Literatur für Hannas Schuld ... 14
3.2. Michaels Schuld gegenüber Hanna ... 15
4. Generationenkonflikt und Mythos der ,,Gnade der späten Geburt" ... 15
5. Vergangenheitsbewältigung - ,,Sehnsucht nach Unmöglichem"? ... 18
6. Schlußbemerkung ... 21
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Als eines der Leitthemen in der deutschen Nachkriegsliteratur sticht die faschistische Vergangenheit Deutschlands hervor. In zahllosen Büchern wird versucht, Erinnerungs- und Trauerarbeit zu leisten, wird die Frage nach der Schuld an den Verbrechen des Nazi-Regimes und nach der Möglichkeit zur Aufarbeitung dieser historischen Last gestellt.
Schon die Tatsache, dass darüber in einem solchen Ausmass geschrieben wird, dass diese Bücher von einem Millionenpublikum im In- und Ausland gelesen werden, zeugt von der Aktualität des Themas, von dem Einfluss, den die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands auf die heutige Generation ausübt. Die Frage nach der Schuld belegt, wie sehr die Deutschen noch mitten in ihr stecken, wie stark sie sich über ihre Vergangenheit definieren.
Im Laufe der Jahrzehnte setzte die Literatur an verschiedensten Aspekten des Themas Schuldfrage und Vergangenheitsbewältigung an. Direkt nach dem Krieg, Ende der 40er Jahre, erschienen viele Landser-Romane, die Soldatentum und Kriegführung glorifizierten. Im scharfen Kontrast dazu schilderten Überlebende des Holocaust das schreckliche Geschehen im Nationalsozialismus. In den 50er und 60er Jahren wurde die faschistische Vergangenheit Deutschlands literarisch kaum thematisiert. Die beiden grossen ,,Ws" - Wiederaufbau und Wirtschaftswunder - beschäftigten die Nation zu sehr, um über die jüngste Geschichte nachdenken zu wollen. ,,Auf zu neuen Ufern!" hiess das Motto; die Schrecken der Nazizeit - und in vielen Fällen auch der eigene Anteil daran - sollten den Aufbau eines neuen Lebens nicht belasten. In den 60er bis 80ern erschien viel wissenschaftliche Literatur über den Holocaust selbst. Anfang der 80er Jahre schliesslich begannen sich die nachgeborenen Generationen mit der Schuld der Älteren auseinanderzusetzen. In Väter-Biografien wurde oft schonungslos mit dem Verhalten der Elterngeneration - sei es als Täter oder als Mitläufer - während des Krieges abgerechnet.
Bernhard Schlinks ,,Der Vorleser", der sich mit dem Umgang der zweiten Generation mit der Schuld der älteren Generation beschäftigt, lenkt den Blick auf eine neue Perspektive. Er behandelt die Frage, wie die Generation des Autors, geboren in den Kriegsjahren, und die Generation danach mit dem Holocaust und der Partizipation ihrer Rollenvorbilder darin umgehen können, welchen Einfluss die Schuld der Eltern und Grosseltern auf ihr eigenes Leben hat. In der vorliegenden Arbeit wird versucht, dieses ,,Wie" zu definieren, sowie die Art und Möglichkeit der Vergangenheitsbewältigung, wie sie in ,,Der Vorleser" exemplifiziert wird, aufzuzeigen.
2. Schuldfrage und Kollektivschuld
2.1. Karl Jaspers „Die Schuldfrage“
In seiner 1946 erschienenen Schrift „Die Schuldfrage“ setzte sich der Heidelberger Philosoph Karl Jaspers mit der Frage von Schuld und Verantwortung der Deutschen für die Verbrechen des Nationalsozialismus auseinander. Er stellt in diesem Zusammenhang vier Kategorien der Schuld auf. Aufgrund objektiv nachweisbarer Gesetzesverstösse entstehe die kriminelle Schuld. Politisch schuldig wird, wer durch seine Staatsbürgerschaft und durch seine Mitverantwortung, wie regiert wird, an Taten oder den Entscheidungen von Politikern beteiligt ist. Moralische Schuld trägt jeder, der ein Verbrechen begeht, auch wenn die Tat selber auf einen Befehl zurückzuführen ist. Die metaphysische Schuld schliesslich gründet in der Mitverantwortung für alles Unrecht und alle Ungerechtigkeit in der Welt („Wenn ich nicht tue, was ich kann, um es zu verhindern, so bin ich mitschuldig.“, Jaspers 1979, S. 22). Instanzen zur Klärung der Schuldfrage sind bei krimineller Schuld die Gerichte, bei politischer Schuld die Gewalt und der Wille des Siegers bei Niederlage des eigenen Regimes - d.h. Buße durch politische Machtlosigkeit -, bei moralischer Schuld das eigene Gewissen sowie bei metaphysischer Schuld Gott (vgl. ebd., S. 44ff).
[...]
1 Zitiert aus: Erinnerung als Gegenwart. Elie Wiesel in Loccum. Hg. von Olaf Schwencke. Loccumer Protokolle 25/1986.
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