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Das Motiv der Schuld in Franz Kafkas "Das Urteil"

Hauptseminararbeit, 2001, 32 Seiten
Autor: Ellen Rennen
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Details

Veranstaltung: Seminar: Prager deutsche Literatur – das „jüdische“ Prag, SS 2000
Institution/Hochschule: Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (Germanistisches Institut)
Tags: Motiv, Schuld, Franz, Kafkas, Urteil, Seminar, Prager, Literatur, Prag
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2001
Seiten: 32
Note: 2
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V18346
ISBN (E-Book): 978-3-638-22714-8

Dateigröße: 221 KB


Textauszug (computergeneriert)

Das Motiv der Schuld in Franz Kafkas
„Das Urteil“

 

 

Bearbeitung: Ellen Quirin

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  3

2. Die psychoanalytische Interpretation  4

3. Schuld und Schuldgefühle  7

4. Warum wird Georg Bendemann verurteilt?  10

5. Autobiographische Zusammenhänge  19

6. Zusammenfassung  24

7. Literatur  29

 

 



1. Einleitung

„Das Urteil ist nicht zu erklären. Vielleicht zeige ich dir einmal ein paar Tagebuchstellen darüber. Die Geschichte steckt voll Abstraktionen, ohne daß sie zugestanden werden.“1 Dieses Zitat macht deutlich, daß die hier zu untersuchende Erzählung für die Wissenschaft immer noch rätselhaft ist. Gerade deshalb erweist sich eine Beschäftigung mit diesem Werk als besonders interessant. „Das Urteil“ von Franz Kafka zählt zu seinen frühesten Werken. Dabei ist von besonderer Bedeutung, daß „Das Urteil“ nach Meinung der Wissenschaft autobiographisch ist. Kafka soll hier die Beziehung zu seinem Vater und den Konflikt von bürgerlichem Leben und dem Leben eines Schriftstellers verarbeitet haben. In beiden Fällen spielen Schuld und Schuldgefühle eine große Rolle.

Aus diesem Grund untersuche ich „Das Urteil“ aus psychoanalytischer Sicht. Auf diese Weise kann die Motivation Georgs, sich dem Urteil des Vater zu fügen, besser herausgearbeitet werden. Das Motiv der Schuld scheint hier von großer Bedeutung zu sein. Um optimale Voraussetzungen für eine gelungene Untersuchung zu schaffen, werde ich zunächst die Vorgehensweise und Charakteristika einer psychoanalytischen Inter-pretation herausstellen (Kap. 2). In Kapitel 3 kläre ich die genaue Bedeutung von Schuld und Schuldgefühlen, die in „Das Urteil“ eine Rolle spielen können. Nach diesen theoretischen Festlegungen werde ich anhand einzelner Stellen der Erzählung die Schuldproblematik herausarbeiten (Kap. 4). Um jedoch die bis dahin gewonnenen Erkenntnisse einer genaueren Prüfung zu unterziehen, werde ich Briefe Kafkas und seine Äußerungen über die Psychoanalyse Freuds in die Diskussion einbeziehen (Kap. 5). Anhand dieser Aussagen kann ich die Meinungen der Forscher auf ihren möglichen Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Zum Schluß werde ich die Ergebnisse zusammenfassen und einen Ausblick auf noch offene Fragen geben (Kap. 6).

2. Die psychoanalytische Interpretation

Es gibt viele Möglichkeiten, einen Text zu analysieren. Das Spektrum reicht von werkimmanenten Interpretationen über Hermeneutik bis zur Dekonstruktion, um nur einige zu nennen.2 Deswegen ist es zu Beginn notwendig, die richtige Interpretationsmöglichkeit zu wählen, um ein Werk angemessen untersuchen zu können. Bei „Das Urteil“ von Franz Kafka bietet sich die psychoanalytische Interpretation an. Denn nach der Meinung der Wissenschaftler ist diese Erzählung autobiographisch und der Leser kann darüber hinaus etwas über Franz Kafka lernen. Zusätzlich geht man davon aus, daß Kafka sich privat mit der Psychoanalyse Freuds auseinandergesetzt hat.3 Sicherlich kann man auch auf anderem Wege die Texte Kafkas verstehen. Doch im Zusammenhang mit dem Motiv der Schuld ist die psychoanalytische Literaturtheorie die aufschlußreichere Methode, sich der Erzählung zu nähern: „In ihnen [Kafkas Werken „Eine kleine Frau“ und „Das Urteil“, EQ] dürfte sich die psychoanalytische Untersuchung sogar als die vorzügliche angemessene inhaltliche Deutung erweisen.“4 Nachdem also die Interpretationsmethode gewählt ist, möchte ich diese genauer erläutern. Die psychoanalytische Literaturtheorie beruht auf der Psychoanalyse Sigmund Freuds und wird durch drei Instanzen geprägt, welche die Persönlichkeit bilden. Das Es ist der primitive, unbewußte Teil der Persönlichkeit. Diese Instanz strebt nach sofortiger Befriedigung ihrer emotionalen oder sexuellen Lust, ohne die Konsequenzen für ihr Tun zu berücksichtigen. Den Gegensatz dazu bildet das Über-Ich. Es hat die Funktion des Gewissens und verkörpert die Werte und Normen der Gesellschaft. Zugleich beinhaltet das Über-Ich auch das angestrebte Ideal des Individuums. Anhand dieser Instanz kann der Mensch überprüfen, ob er sich seinen eigenen Vorstellungen und denen der Gesellschaft gemäß entwickelt. Das Über-Ich tritt aufgrund dieser Eigenschaften oft in Konflikt mit den Trieben des Es. Die dritte Instanz, das Ich, vermittelt zwischen diesen beiden Extremen. Es wird vom Realitätsprinzip beherrscht und stellt vernünftige Entscheidungen über das trieborientierte Handeln. Nur so ist es dem Individuum möglich, ein soziales Leben innerhalb der Gesellschaft zu führen und dabei die eigene Identität zu entwickeln. Üben das Über-Ich und das Es einen starken Druck auf das Ich aus, so ist es für diese Instanz fast unmöglich, einen Kompromiß zwischen den Gegensätzen zu finden.5 Bei einem Ungleichgewicht des Modells von Freud kann ein Mensch psychische Störungen wie Neurosen oder Psychosen entwickeln. Anhand dieses Modells arbeitet die psychoanalytische Literaturtheorie. Dabei werden verschiedene Aspekte eines Textes betrachtet: der Inhalt und der formale Aufbau des Werkes, der Autor und der Leser. Am Inhalt sind besonders die unbewußten Motive der Figuren und die Bedeutung von Gegenständen und Ereignissen interessant.

[...]


1 Kafka: Briefe an Felice, Brief vom 10.6.1913, S. 11.
2 Einen Überblick bietet Kimmich/Renner/Stiegler (Hrsg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart, Stuttgart 1996.
3 Laut Born soll die Beschäftigung mit der Psychoanalyse eigenwillig und nicht unbedingt konform mit den Theorien Freuds gewesen sein: Born, Schuld oder Schuldgefühle?, S. 54.
4 Kaus: Erzählte Psychoanalyse bei Franz Kafka, S. 14.
5 S. hierzu sowie zu der gesamten Psychoanalyse Freuds Zimbardo: Psychologie, S. 487.


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