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Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion bzw. Lacans Begriff des Imaginären: Versuch einer Bestimmung

Scholary Paper (Seminar), 1999, 12 Pages
Author: Gernot Leinert
Subject: Art - Art Theory, General

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 1999
Pages: 12
Grade: 1-
Language: German
Archive No.: V18825
ISBN (E-book): 978-3-638-23088-9

File size: 69 KB


Excerpt (computer-generated)

Veranstaltung: Hauptseminar: Texte zur psychoanalytischen Ästhetik
WS 1998/99

Referat:

Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion bzw. Lacans Begriff 
des Imaginären: Versuch einer Bestimmung

Gernot Leinert

Gliederung:

1. Einleitung - Seite 2

2. Freuds Konzeption des Narzißmus als Basis von Lacans Spiegelstadium - Seite 4

3. Das Spiegelstadium und der Begriff des Imaginären - Seite 7

4. Literaturverzeichnis - Seite 12

 

Einleitung

Der 1936 auf dem 14. Internationalen psychoanalytischen Kongreß in Marienbad gehaltene Vortrag „Das Spiegelstadium“ bzw. seine Ausarbeitung und Präzisierung und der erneute Vortrag 1949 auf dem 16. Internationalen Kongreß in Zürich, nun unter den Titel „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion, wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint“, markiert nicht nur Lacans Eintritt in die psychoanalytische Bewegung, sondern bildet auch den ersten großen Baustein von Lacans Lehrgebäude und „definiert“ gleichermaßen Lacans spätere theoretische Entwicklung bis hin zu seiner Begegnung mit dem Strukturalismus.

Damit kommt diesem Text eine Schlüsselstellung in der Beschäftigung mit Lacan zu, gleichzeitig aber wird deutlich, welche Schwierigkeiten die Lektüre Lacans dem Leser macht. Zum einen ist hier Lacans fast schon „poetisch-metaphorischer“ Sprach- und Schreibstil zu nennen, zum anderen ist es sehr schwer möglich, einzelne Begriffe oder Konzepte Lacans darzustellen, ohne gleichzeitig Bezüge zu Lacans Theoriegebäude im Ganzen zu ziehen.

Als Beispiel dafür hebt S.M. Weber in seinem Buch „Rückkehr zu Freud.“1 hervor, daß Lacans Diskurs nicht auf die Darstellung der Wahrheit an sich abzielt, sondern vielmehr versucht, diese Wahrheit auszusprechen. So versucht Lacan zum Beispiel seinen wichtigsten Diskursgegenstand, nämlich das Unbewußte, nicht einfach zu beschreiben, sondern das Unbewußte soll in seinen Texten selbst sprechen. Was so zunächst paradox anmutet, ist die konsequente Durchführung seines Denkens, welches sich weigert, für einen Signifikanten eine starr definierte Verbindung zu einem Signifikat zu bestimmen. Damit kann Lacan in seinen Texten inhaltliche, grammatikalische und syntaktische Brüche bzw. die poetischen Figuren Metapher und Metonymie und begriffliche Neuschöpfungen so gebrauchen, daß seine eigentliche Grundthese, nämlich daß der Prozeß der Äußerung über der eigentlichen Aussage steht, als Subtext in seiner Theorie mitgeführt wird. Lacans Sprach- und Schreibstil versucht so also die selben Mechanismen zu gebrauchen, die er seinem Gegenstand, dem Unbewußten, zuschreibt.

Obwohl zwar nun Lacans Text über das Spiegelstadium als Ausgangspunkt einer langjährigen theoretischen Ausformulierung seines Denkens steht, wird aber der Leser schon in diesem Text mit der Komplexität und Schwierigkeit des Lacanschen Denkens konfrontiert: Das Spiegelstadium, in dem das Subjekt bzw. das Ich des Kindes nicht in einem Akt der reinen Apperzeption entsteht, sondern sich erst in einem dialektischen Prozeß, in dem Innenwelt und Umwelt voneinander geschieden werden müssen, entwickeln kann, ist nämlich gleichzeitig für Lacan der Ausgangspunkt, sein eigenes triadisches Modell der Psyche zu entwickeln, indem er im Spiegelstadium das Entstehen der Ordnung des Imaginären verortet2, welches aber gleichzeitig im Ganzen nur in der Verbindung mit der Ordnung des Symbolischen und des Realen zu verstehen ist. So bilden nach Malcom Bowie „ (...) das Symbolische und das Imaginäre ein eng zusammenhängendes Gegensatzpaar. In den Ecrits wie in den Seminaren ist jedes von beiden an einer Neudefinition des jeweils anderen beteiligt.“3

In meinem Referat habe ich nun versucht, hinter diese Komplexität der theoretischen Verbindungen von Imaginärem, Symbolischen und Realen zurückzutreten um das Spiegelstadium in seiner grundlegendsten Funktion beschreiben zu können: Im Spiegelstadium wird ein Identifikationsmechanismus in Gang gesetzt, der ab diesem Zeitpunkt der menschlichen Entwicklung des Ichs bzw. des Subjekts jeden Akt der Wahrnehmung und der Subjekt-Objekt Beziehung charakterisiert. Ich denke, daß auch in dieser „Verknappung“ von Lacans Denken die grundsätzliche Aussage des Spiegelstadium, „Ich ist ein anderer“, zum Tragen kommen kann und eine Klärung von Lacans Begriff des Imaginären auch ohne die theoretische Verbindung zu den Begriffen des Symbolischen und Realen möglich ist.

Freuds Konzeption des Narzißmus als Basis von Lacans Spiegelstadium

[....]


1 S.M. Weber: Rückkehr zu Freud, Frankfurt a. M. / Berlin/ Wien 1978

2 Dabei konstituiert sich das primitive Ich des Kindes eben in einer imaginären Bewegung der Identifizierung mit dem Bild des Ähnlichen als einer Gesamtgestalt, erfahren in der Wahrnehmung des eigenen Bildes im Spiegel. Indem sich das Kind mit diesem Bild identifiziert, das im eigentlichen Sinn nicht es selbst ist, kann es sich doch als Ganzes erkennen. Das aus diesem Vorgang aber entstehende Subjekt ist eine in einem Repräsentationsvorgang entstandene Subjekt, dessen Medium Lacan als das Imaginäre bezeichnet.

3 Malcom Bowie: Lacan, Göttingen 1994, Seite 91


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