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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 34 Pages
Author: Markus Wawrzynek
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Friedrich-Alexander University Erlangen-Nuremberg (Institut für Germanistik)
Tags: Vetters, Eckfenster, Hoffmanns, Testament, Hoffmann
Year: 2000
Pages: 34
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-23287-6
ISBN (Book): 978-3-638-64600-0
File size: 849 KB
Mit Erörterung des "serapiontischen Prinzipienkomplexes" E. T. A. Hoffmanns
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Abstract
E. T. A. Hoffmanns zu Lebzeiten zuletzt erschienene Erzählung „Des Vetters Eckfenster“, die im Gesamtwerk Hoffmanns aufgrund der autobiographischen Bezüge und der exemplarischen Durchführung seines im Spätwerk herausgearbeiteten poetologischen Konzepts („das serapiontische Prinzip“) eine zentrale Stelle einnimmt, wurde bisher literaturgeschichtlich sehr unterschiedlich eingeordnet. Die Spannweite der Einschätzungen reicht von der Zurechnung zur Romantik über die Schwelle zum Biedermeier bis hin zum poetischen (Früh-) Realismus, wobei viele Interpretatoren den fließenden Übergangs- bzw. Schwellencharakter der Erzählung herausstellen, der auf kommende literarische Epochen verweist. Die Unsicherheit in der literaturhistorischen Einordnung, die zweifelsohne aus Hoffmanns Entwicklung vom nachtseitigen „Gespenster-Hoffmann“ hin zum „späten Hoffmann [, der] andere, historisch konkretere Züge auf[weist] als das Frühwerk“ , herrührt, trübt jedoch in keiner Weise die enorme Wertschätzung, die Hoffmanns letzter Erzählung in der Sekundärliteratur entgegengebracht wird. Fritz Martini sieht in Hoffmanns „Des Vetters Eckfenster“ „eine seiner letzten und schönsten Erzählungen“ und nennt sie „einen geradezu typische[n] Ausdruck des bürgerlichen Biedermeier mit dem Einschluss eines mühsam gebändigten Grundgefühls schmerzlicher Resignation, mit weltverklärendem Realismus und weltüberwindenden Humor“. Auch Walter Benjamin streicht in seiner Untersuchung zum frz. Lyriker Baudelaire die Nähe der Hoffmannschen Skizze zum Biedermeier heraus. Kurt Willimczik rückt das „Eckfenster“, das er als „Höhepunkt des Hoffmannschen Schaffens“ anerkennt, eher in Richtung des Realismus, von dem „die Anfänger der ‘realistischen Erzählung’ […] lernen könnten“. Zu einem ähnlichen Urteil gelangt Lothar Köhn: Die „Gesamtstruktur [des „Eckfensters“] deutet, unmittelbarer vielleicht als die anderer Hofmannscher Erzählungen, auf die Literatur kommender Jahrzehnte hin.“ Er sieht „Des Vetters Eckfenster“ als Schlusspunkt einer Entwicklung hin zum poetischen Realismus, ebenso wie Karl Riha: „Als literarisches Dokument begründet Hoffmanns Erzählung […] in spätromantischer Landschaft eine der wesentlichen Positionen des deutschen Frührealismus.“
Excerpt (computer-generated)
Friedrich-Alexander-Universität
Erlangen-Nürnberg
Hauptseminar:
„E. T. A. Hoffmann“
Sommersemester 2000
Thema:
„‘Des Vetters Eckfenster’ als E. T. A. Hoffmanns
poetisch-poetologisches Testament“
Markus G. Wawrzynek
24. August 2000
[Abb. 1 in Downloaddatei enthalten]
Abb. 1: Selbstbildnis;
Radierung nach einer Zeichnung Hoffmanns
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Forschungsüberblick und Ziele
2. Entstehungsgeschichte und autobiographische Elemente
3. Der „serapiontische Prinzipienkomplex“ und die exemplarische Umsetzung als poetisches Testament
4. Die große Stadt Berlin und das Zeitgenössische
4. 1. Das Motiv der großen Stadt
4. 2 Erzählte Räume
4. 3 Sozialkritik und sozialer Wandel
5. Die Isolation des Künstlers
6. Zusammenfassung
7. Literaturverzeichnis
7. 1. Primärliteratur
7. 2. Sekundärliteratur
7. 3. Bildnachweis
1. Einleitung: Forschungsüberblick und Ziele
E. T. A. Hoffmanns zu Lebzeiten zuletzt erschienene Erzählung „Des Vetters Eckfenster“, die im Gesamtwerk Hoffmanns aufgrund der autobiographischen Bezüge und der exemplarischen Durchführung seines im Spätwerk herausgearbeiteten poetologischen Konzepts („das serapiontische Prinzip“) eine zentrale Stelle einnimmt, wurde bisher literaturgeschichtlich sehr unterschiedlich eingeordnet. Die Spannweite der Einschätzungen reicht von der Zurechnung zur Romantik über die Schwelle zum Biedermeier bis hin zum poetischen (Früh-) Realismus, wobei viele Interpretatoren den fließenden Übergangs- bzw. Schwellencharakter der Erzählung herausstellen, der auf kommende literarische Epochen verweist. Die Unsicherheit in der literaturhistorischen Einordnung1, die zweifelsohne aus Hoffmanns Entwicklung vom nachtseitigen „Gespenster- Hoffmann“ hin zum „späten Hoffmann [, der] andere, historisch konkretere Züge auf[weist] als das Frühwerk“2, herrührt, trübt jedoch in keiner Weise die enorme Wertschätzung, die Hoffmanns letzter Erzählung in der Sekundärliteratur entgegengebracht wird.
Fritz Martini sieht in Hoffmanns „Des Vetters Eckfenster“ „eine seiner letzten und schönsten Erzählungen“ und nennt sie „einen geradezu typische[n] Ausdruck des bürgerlichen Biedermeier mit dem Einschluß eines mühsam gebändigten Grundgefühls schmerzlicher Resignation, mit weltverklärendem Realismus und weltüberwindenden Humor“.3 Auch Walter Benjamin streicht in seiner Untersuchung zum frz. Lyriker Baudelaire die Nähe der Hoffmannschen Skizze zum Biedermeier heraus.4 Kurt Willimczik rückt das „Eckfenster“, das er als „Höhepunkt des Hoffmannschen Schaffens“ anerkennt, eher in Richtung des Realismus, von dem „dieAnfänger der ‘realistischen Erzählung’ […] lernen könnten“. 5 Zu einem ähnlichen Urteil gelangt Lothar Köhn: Die „Gesamtstruktur [des „Eckfensters“ - M. W.] deutet, unmittelbarer vielleicht als die anderer Hofmannscher Erzählungen, auf die Literatur kommender Jahrzehnte hin.“6 Er sieht „Des Vetters Eckfenster“ als Schlußpunkt einer Entwicklung hin zum poetischen Realismus,7 ebenso wie Karl Riha: „Als literarisches Dokument begründet Hoffmanns Erzählung […] in spätromantischer Landschaft eine der wesentlichen Positionen des deutschen Frührealismus.“8 Andere Literaturwissenschaftler betonen dagegen die Kontinuität zu frühen romantischen Arbeiten Hoffmanns und unterstreichen eher den „testamentarischen“ Charakter der Erzählung, in der Hoffmann, vermittelt durch den kranken Vetter, versucht, den jungen Verwandten9 und folglich den Leser gleichsam als Initiation in die „Primitien der Kunst zu schauen“10 einzuführen und somit sein poetologisches Konzept am Beispiel offenzulegen und zu tradieren.11
Die inzwischen doch relativ zahlreichen Interpretatoren dieser kleinen Hoffmannschen Skizze heben zudem unterschiedliche Aspekte ins Gesichtsfeld des Betrachters. Walter Benjamin, Heinz Brüggemann und Karl Riha widmen sich der literarischen Wahrnehmung der „großen Stadt“ Berlin, Günter Oesterle untersucht die aufkärerisch geprägten Wahrnehmungsmuster, die die beiden Vettern erkennen lassen, während Helmut Lethen einen Vergleich Musilscher und Hoffmannscher Wahrnehmungsexperimente durchführt.
[....]
1 Vgl. Köhn (1966), S. 229f zur literarischen Einordnung des Gesamtwerks. - Ein kurzer Hinweis zur Zitierweise: Sekundärliteratur wird mit Nachnamen des Autors, Erscheinungsjahr und Seitenzahl zitiert, der Primärliteratur wird noch ein kurzer Titelzusatz zur schnelleren geistigen Verortung hinzugesetzt.
2 Mayer (1969), S. 299.
3 Martini (1955), S. 59.
4 Benjamin (1997), S. 124f. - Lothar Pikulik weißt bereits für die spät entstandene Rahmen-erzählung der „Serapions-Brüder“ biedermeierliche Momente wie die Bedeutung der Behaglichkeit innerhalb der geselligen Ordensrunde nach. Im Spätwerk Hoffmanns steht „Des Vetters Eckfenster“ mit seinen biedermeierlich-realistischen Elementen folglich nicht singulär da [Vgl. Pikulik (1987), S. 21]. Eine Textstelle aus „des Vetters Eckfenster sei hier nur beispielhaft angeführt: „Sieh, […] wie jetzt dagegen der Markt das anmutige Bild der Wohlbehaglichkeit und des sittlichen Friedens darbietet.“ [Hoffmann (1978): Des Vetters Eckfenster, S. 620]
5 Willimczik (1939), S. 408. Ähnlich äußert sich Werner (1962), S. 181f. - W. Preisendanz (1976), S. 47 - 117 (zu „Des Vetters Eckfenster“, S. 115 - 117) stellt Hoffmann sogar fast an den Anfang seines Buches über die Erzählkunst des poetischen Realismus.
6 Köhn (1966), S. 219.
7 Ulrich Stadler dagegen grenzt die Erzählung gegen Vereinnahmung für den poetischen Realismus ab. Für ihn dominiert der Montagecharakter nach den Prinzipien der Rekonstruktion und Konstruktion von Wirklichkeit. Die Erzählung stehe deshalb eher im Zusammenhang mit Kunstentwürfen des 20. Jahrhunderts als mit dem poetischen Realismus. [Vgl. Stadler (1986), S. 515].
8 Riha (1981), S. 180.
9 Die beiden Vettern sind nicht nur bluts-, sondern auch geistesverwandt. Die Vermittlung der „Kunst zu schauen“ und infolgedessen auch der Kunst zu dichten, fällt bei dem jungen Vetter auf fruchtbaren Boden, weil er von der Art des kranken Vetters ist, weil er also schriftstellerisches Talent besitzt.
10 Hoffmann (1978): Des Vetters Eckfenster, S. 600.
11 Schirmer (1995), S. 86: „Ein in Todesnot geschriebenes Lebenszeichen, ein Vermächtnis, mit Hilfe eines ‘Verwandten’ weitergegeben, auf daß die Botschaft nicht verlorengehe und sich womöglich jemand ihrer erinnere.“ - Vgl. auch Segebrecht (1967), S. 123.
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