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Über die Aneignung alter städtebaulicher Hüllen durch neue Gesellschaftsformen

Termpaper, 2002, 63 Pages
Author: Karsten Foth
Subject: Sociology - Habitation, Urban Sociology

Details

Category: Termpaper
Year: 2002
Pages: 63
Grade: 1,5
Language: German
Archive No.: V19176
ISBN (E-book): 978-3-638-23357-6

File size: 415 KB
Notes :
In dieser Arbeit werden die Prozesse, die bei der Aneignung, Nutzung und evtl. späteren Verdrängung neuer Nutzungsarten in alten Gebäuden und Stadtvierteln von statten gehen, beobachtet. Anhand von Fallbeispielen aus Berlin (Spandauer Vorstadt, Weiberwirtschaft, Haus des Lehrers) wird zudem versucht, aus Sicht der Denkmalpflege Handlunsansätze für den Umgang mit Nach- und Umnutzungen zu erarbeiten.



Excerpt (computer-generated)

TU-Berlin 
SS 2002
Institut für Stadt- und Regionalplanung

Über die Aneignung und Umnutzung
alter städtebaulicher Strukturen durch neue Gesellschaftsformen

Wissenschaftliche Hausarbeit im Grundstudium 

Karsten Foth

 

Gliederung:
• Editorial

1. Die europäische Stadt
• Stadtbaugeschichte – die Entstehung der europäischen Stadt
• Die Kompakte Stadt – Richard Rogers
• Die Rolle der Urbanität – Walter Siebel

2. Die Bedeutung der Nach- und Umnutzungen
• Die Entwicklungen des Umganges mit der alten Bausubstanz
• Gesamtgesellschaftliche Gründe für eine verstärkte Konzentration auf Umnutzungen
• Ziele und die Rolle der Denkmalpflege
• Architektonische Aufgabe „Umnutzung“
• Fazit

3. Fallbeispiel Berlin
• Die Entwicklung Berlins in Kürze – seine besonderen Bedingungen
• Berlin in den letzten 12 Jahren – Metropolenwahn und Zentrumssuche
• Das Planwerk Innenstadt
• Vorgehen der Regierung beim Umzug nach Berlin
• Exkurs in die Nachnutzungsmöglichkeiten verschiedener Bautypen
• Beispiele für Nachnutzungen

1. Die Spandauer Vorstadt – über die Phase der Aneignung
2. Weiberwirtschaft – ein nicht geschütztes Haus wird umgebaut und genutzt
3. Haus des Lehrers – Nachnutzung eines Gebäudes der Nachkriegsmoderne

• Fazit

4. Schlussfolgerungen und Ausblicke
• Ausblicke für die Denkmalpflege
• Schlussfolgerungen für Berlin
• Gesamtgesellschaftliche Bedeutung des Themas

• Literaturverzeichnis

 

Editorial

Ein wesentlicher Bestandteil der Stadt- und Regionalplanung ist der Umgang mit dem Städtebau und den jeweiligen Stadtstrukturen. Dies gilt sowohl für die bereits vorhandene Substanz als auch für die Konzeption neu zu erschließender Gebiete. In den meisten Fällen sind diese baulichen Hüllen langlebiger als die Gesellschaftsform, in der sie entstanden sind. So existieren heute Gebäudetypologien und Stadtgrundrisse, die unterschiedlichste soziale und politische Wurzeln haben, nun aber von der jetzigen Bevölkerung z.T. zweckentfremdend genutzt werden. Man wohnt in Gründerzeitquartieren, arbeitet in Bürobauten der Postmoderne oder modernisierten Fabrikkomplexen aus der Zeit der Industrialisierung, erholt sich in Parkanlagen des Barock, nutzt die Infrastruktur aus den 20er Jahren und geht ins Konzert in einen Saal aus den 60er Jahren. Gerade in Europa gab es geschichtlich mannigfaltige Veränderungen – auch und gerade in der Anlage von Städten und ihren Nutzungsstrukturen. Nicht ohne Grund wird in letzter Zeit soviel Betonung auf den Begriff der „Europäischen Stadt“ gelegt und auf ihre Vorzüge und die geschichtlichen Hintergründe verwiesen. Der Soziologe Walter Siebel meint mit Blick auf die Phasen des Überganges, dass „Urbanität dort am größten ist, wo neue Gesellschaftsformen alte „Hüllen“ bevölkern“. Er fügt dann das Ruhrgebiet oder die Spandauer Vorstadt in der Nachwendezeit als Beispiele an. Sehr interessant dürfte dahingehend die Auseinandersetzung mit osteuropäischen Metropolen wie Moskau oder Budapest sein - welche Effekte sich beim Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Systeme bilden und wie die kommunistische Hülle die neuen Funktionen erfüllen kann?

Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit soll aber auf dem Fallbeispiel Berlin liegen. In der Bundeshauptstadt lassen sich unterschiedlichste Architekturen finden. Die geschichtliche Entwicklung der letzten 150 Jahre ist beispiellos und birgt u.a. die Gegenüberstellung zweier völlig gegensätzlicher politischer Systeme, u.a. auch mit ihren jeweiligen städtebaulichen Konsequenzen. Des weiteren sind hier verschiedenste Leitbilder der Stadtplanung in mehr oder weniger umfangreichen Ansätzen zu finden. Es soll also genauer dargestellt werden, wie sich das Verhältnis zwischen der jeweiligen Gesellschaft und der baulichen Hülle, die sie vorfand, darstellte. Interessant ist dabei vor allem der Umgang mit Denkmälern und alten Stadtteilen in den verschiedenen Jahrzehnten und inwiefern sie angenommen, genutzt und zu einem Identifikationsmerkmal der Bevölkerung mit der Stadt, dem Stadtteil und dem Kiez wurden.

Siebel hinterfragt indes mit einigen seiner Prämissen die europäische Stadt und das Leitbild der kompakten Stadt. So stellt er fest, dass neue Gesellschaften andere Ansprüche an Räume haben, die strukturellen Entwicklungen und Tendenzen aber nicht plan- oder steuerbar seien. Sowohl auf die Aufgaben der Stadtplanung als auch die Legitimation der Denkmalpflege bezogen bedeutet diese Aussage ja fast den Entzug der Daseinsberechtigung beider Richtungen. Außerdem stellt er für sich fest, dass die Kompakte Stadt für ihn keinesfalls ein anzustrebendes Ziel ist, da sie unmittelbar mit der damaligen Gesellschaftsform zusammenhängt und alle aktuellen Trends in die genau entgegengesetzte Richtung gehen, auch wenn Stadtplaner sich diese oft romantisierend herbeisehnen. Für eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Argumenten ergibt sich die Frage:

Kann die Nutzungsumorientierung von alten Bau- und Stadtsubstanzen eine aufkommende neue Gesellschaft in Richtung des durchaus legitimierten Leitbildes der Kompakten Stadt lenken und welchen Beitrag unternimmt die Denkmalpflege dabei?


1.) Die europäische Stadt

• Stadtbaugeschichte – die Entstehung der europäischen Stadt 

• Die kompakte Stadt – Richard Rogers 

• Die Rolle der Urbanität – Walter Siebel

Stadtbaugeschichte

Die Entwicklung der Städte in Europa nimmt ihren Anfang im frühen Mittelalter. Im Grunde genommen fehlten zu dieser Zeit die Voraussetzungen für eine Stadtentwicklung . Die alten Städte aus der Römerzeit gingen meist beträchtlich in ihrer Einwohnerzahl zurück oder wurden zu Wüstungen. Das Leben war auf dem Land, auf Gehöften, Bauernhöfen und kleineren Siedlungen organisiert. Es war großteils von Leibeigenschaft oder Nomadentum geprägt. Erst unter den Saliern und Staufern entstanden aus verschiedenen Wurzeln Städte, deren Bedeutung mit dem Aufblühen von Handel und Wirtschaft zunahm. Die bestimmendsten Momente dafür waren Märkte und Burgen – wirtschaftliche und politische Zentren also. Die Städte entwickelten eigene Rechtsformen und konnten zu politisch eigenständigen Gebilden werden. Seit dem 11. Jahrhundert wurden Städte planmäßig vor allem mit der Besiedlung deutscher Ostgebiete gegründet. Vor allem das Moment der Emanzipation war von vornherein bestimmend – „Stadtluft macht frei“. Städte boten Schutz sowohl gegenüber der Natur als auch militärischen Feinden. Städtebaulich äußerte sich das in einer kompakten Anordnung mit klar definierten Stadtgrenzen und Befestigungsanlagen.

 

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