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"Wäre sein Leib eine Kanone, er hätte sein Herz auf ihn geschossen." - Eine psychoanalytische Betrachtung des arabischen Selbstmordattentäters

Scholarly Essay, 2003, 56 Pages
Author: Klaus Walter
Subject: Psychology - Personality Psychology

Details

Category: Scholarly Essay
Year: 2003
Pages: 56
Grade: ohne
Bibliography: ~ 35  Entries
Language: German
Archive No.: V19307
ISBN (E-book): 978-3-638-23460-3
ISBN (Book): 978-3-638-70036-8
File size: 289 KB
Notes :
Der Autor setzt sich mit arabischen Selbstmordattentätern auseinander. Dafür diskutiert er die grundlegenden psychoanalytischen Theorien zur Aggression und Destruktivität und stellt dann soziokulturelle Hintergründe und Gedanken zur Persönlichkeit des Selbstmordattentäters dar. Er hebt eine multikausale Sichtweise hervor, die auch den geschichtlichen Hintergrund nicht vernachlässigt.


Abstract

Der Autor betrachtet arabische Selbstmordattentäter aus psychoanalytischer Perspektive. Er stellt das destruktive und selbstzerstörerische Handeln als narzisstischen Akt auf dem Hintergrund der Verleugnung von Sehnsucht nach Zuwendung und Nähe dar. Mit der Haltung, wie sie Mellville in seinem Roman „Moby Dick“ dem Kapitän Ahab zuschreibt, würden sie ihr Herz lieber verschießen, als sich ihm zuzuwenden und eine neuerliche Enttäuschung zu riskieren. Sie setzen die eigene körperliche Vernichtung ein, um wenigstens ihr tief verletztes und enttäuschtes Selbst auf einer grandiosen Ebene zu retten. Sie versuchen im vermeintlich heroischen Akt das narzisstisch verletzende Objekt oder besser, das von dieser Projektion getroffene Objekt in die Vernichtung zu reißen und sich darin letztlich doch noch mit ihm zu vereinigen. Das Thema wird mit einer Diskussion von Theorien zu Aggression und Destruktivität eingeleitet, insbesondere der Aggressionstheorien zum Selbst-Erhaltung und der narzisstischen Wut. Sie bilden den Hintergrund, Suizidhandlungen als Lösungsversuche einer narzisstischen Krise zu begreifen. Aufbauend auf einer Betrachtung des arabisch-israelischen Konflikts, einem literarischem Bild der arabischen Demütigung, Kernbergs Ideen zur Massenpsychologie, Büttners Umsetzung von Bindungstheorien in Vorstellungen für den Terrorismus und Gruens psychoanalytisch fundierten Beschreibungen von Extremismusformen werden dann Ideen für den kulturellen und geschichtlichen Hintergrund des westlich-arabischen Konflikts und seiner Auswirkungen auf den Selbstmordterrorismus vorgestellt. Überlegungen zur Entwicklung der Persönlichkeit des Selbstmordattentäters und psychodynamische Erwägungen zu seiner Handlung liefern dann Erklärungsmodelle für seine Integration in die terroristische Gruppe. Dabei wird seine destruktive Handlung als Stabilisierungsversuch gegen seine chronische Enttäuschungserwartung und für sein labiles Selbst gedeutet. Doch der Autor versucht auch eine Lösungsperspektive zu entwickeln, die er aus Behandlungstechniken der modernen, am Selbst orientierten Psychoanalyse gewinnt.


Excerpt (computer-generated)

Abschlußarbeit der psychoanalytischen Weiterbildung
am
Lehrinstitut für Psychoanalyse und Psychotherapie e.V.
Hannover (DPG)

Wäre sein Leib eine Kanone,
er hätte sein Herz auf ihn geschossen. -
Eine psychoanalytische Betrachtung des arabischen Selbstmordattentäters

vorgelegt von

Klaus Walter
Diplom-Psychologe
Psychologischer Psychotherapeut

November 2003

Inhaltsangabe

Einführung 4

Übersicht 5

Definition des Untersuchungsgegenstandes 6
    Verhältnis von Aggression und Destruktivität 6

Aggressionstrieb oder Selbst-Erhaltung 8

Narzisstische Wut - Genese und Psychodynamik 11
    Frühe Entwicklung des Selbst und enttäuschende Selbstobjekte 12
    Narzisstische Wut als Abwehr 16
    Narzisstische Regulation 19
    Narzisstische Objektbeziehungen 20
    Aggression als Folge mangelnder metaphorischer Synchronisierung 21

Selbstmord als Ausweg aus der narzisstischen Krise 22

Der arabische Selbstmordattentäter 24
    Soziokultureller Hintergrund 26
        Der Islam 30
    Persönlichkeit des Selbstmordattentäters 32
        Sozialisation in arabischen Ländern 32
        Lebenssituation in arabischen Krisengebieten 33
        Frühkindlicher Defekt, Abwehr und Kompensation 34
        Mystifizierung und Indoktrination 37
        Ich-Ideal / Über-Ich-System 39
        Realitätskontrolle 41
        Schuldproblematik 43
    Beziehung zwischen Attentäter und Objekt des Attentats 44

Thesen für eine Lösung 48
    Ableitung aus behandlungstechnischen Konsequenzen 48
    Kulturelle und politische Konsequenzen 50

Zusammenfassung 52

Literaturliste 54

 

Einführung

Kapitän Ahab verleugnet seine Sehnsucht nach Zuwendung und Nähe. Er würde sein Herz lieber verschießen, als sich ihm zuzuwenden und eine neuerliche Enttäuschung zu riskieren Er riskiert die eigene körperliche Vernichtung, setzte sie vielleicht sogar unbewusst ein, um wenigstens sein tief verletztes und enttäuschtes Selbst auf einer grandiosen Ebene zu retten und zu sichern. Er versucht im vermeintlich heroischen Akt das narzisstisch verletzende Objekt oder besser, das von dieser Projektion getroffene Objekt in die Vernichtung zu reißen und sich damit letztlich doch noch mit ihm zu vereinigen.

Bei den Vorüberlegungen für diese Arbeit wurde mir deutlich, dass die modernen Medien verführen, Selbstmordattentate als spektakuläre Gegenwartserscheinung anzusehen. Das Fernsehen sorgt für eine schnelle weltweite Verbreitung, erschüttert und fasziniert gleichermaßen mit seiner Suggestion, aus sicherer Distanz teilnehmen zu können. Es fördert damit einen regressiven Massenprozess, verführt zu Identifikationen und Projektionen, polarisiert und spaltet (Kernberg 2000, S. 16, Büttner 2001, S. 6f). Diese Form der Destruktivität ist aber im Grunde nicht spektakulär, weil sie sich in der Geschichte der Menschheit wiederholt - im Großen, wie im Kleinen. Ich bin mir deshalb sicher, dass die Betonung des Spektakulären auch dazu dient, unsere eigene Anfälligkeit zu verleugnen.

Übersicht
Bei der Bearbeitung meines Themas wurde deutlich, dass ich meine selbstgestellte Aufgabe nicht umfassend würde lösen können. Aber der eingeschränkte Umfang gestattete mir in einem Überblick eine Reihe loser Fäden zu beschreiben, von denen ich glaube, dass es sich lohnt, ihnen weiter nachzugehen.
Ausgehend von der Definition des Untersuchungsgegenstandes diskutiere ich Theorien zu Aggression und Destruktivität, wobei ich mich kritisch mit der Postulierung eines Aggressionstriebes auseinandersetze und ihn zugunsten von Aggressionstheorien der Selbst-Erhaltung verwerfe, die ich destruktiven Handlungen zugrunde lege. Darauf aufbauend setze ich mich mit narzisstischer Wut auseinander, diskutiere ihre Genese und Psychodynamik. Eine Verknüpfung von Kommunikationstheorie, intersubjektiven Ansätzen und Narzissmustheorien reisse ich in diesem Zusammenhang lediglich an, obwohl ich einer Weiterentwicklung dieses Konzeptes viel Relevanz zugestehe. Im Weiteren lehne ich mich an Überlegungen Henselers zum Selbstmord an, wobei ich auf seine Darstellung der Suizidhandlung als Lösung einer narzisstischen Krise zurückgreife. Aufbauend auf einer Betrachtung des arabisch-israelischen Konflikts, Schamis literarischem Bild der arabischen Demütigung und Reuters Darstellung konkreter Hintergründe, Kernbergs Ideen zur Massenpsychologie, Büttners Umsetzung von Bindungstheorien in Vorstellungen für den Terrorismus und Gruens psychoanalytisch fundierte Beschreibungen von Extremismusformen stelle ich dann Ideen für den kulturellen und geschichtlichen Hintergrund des westlich-arabischen Konflikts und seiner Auswirkungen auf den Selbstmordterrorismus vor. Ich formuliere Aussagen zur Entwicklung der Persönlichkeit und zur Handlung des Selbstmordattentäters, wobei ich seine Integration in die terroristische Gruppe und seine destruktive Handlung als Stabilisierungsversuche gegen seine chronische Enttäuschungserwartung, für sein labiles Selbst postuliere. Dabei will ich verdeutlichen, dass die Problematik der Selbstmordattentate nicht auf einen einzelnen Faktor reduziert werden kann, sondern multikausal gesehen werden muss. Abschließend versuche ich u.a. aus behandlungstechnischen Konsequenzen die Thomä und Kächele, Kohut, Wolf u.a. für narzisstische Problematiken vorgeschlagen haben, Konzepte für Lösungen abzuleiten, mit denen Konflikte zwischen Gruppen und Kulturen vermindert werden können.

[...]


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