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'Spielarten' der Liebe im Expressionismus

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 45 Pages
Author: M.A. Matthias Reim
Subject: German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 45
Grade: 2
Language: German
Archive No.: V19479
ISBN (E-book): 978-3-638-23595-2
ISBN (Book): 978-3-638-70049-8
File size: 2933 KB
Notes :
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Liebe im Expressionismus. Der historisch-politisch-soziale Hintergrund der Epoche wird näher beleuchtet, und geistes- wie mentalitätsgeschichtliche (Fotos, zeitgenössische Texte) Betrachtungen fließen mit ein. Beispiele aus der bildenden Kunst dienen der „wechselseitigen Erhellung“, und ein Blick auf Sigmund Freud zeigt parallele Entwicklungen in der Wissenschaft. Den Schülern sollen die Autoren der Zeit von 1910-´25 näher gebracht werden.


Abstract

Die objektiven Lehrgegenstände des Deutschunterrichts sind durch den Lehrplan vorgegeben: die Schüler sollen einen Eindruck bekommen von der „Vielfalt und Widersprüchlichkeit moderner Literatur [und dazu ermutigt werden,] sich anhand literarischer Werke mit sich selbst und ihrer Zeit und Umwelt auseinanderzusetzen“. Im Sinne eines schülerzentrierten Unterrichts ist es daher sinnvoll, zu untersuchen, welche literarischen Themen möglichst lebensnahe Probleme darstellen, was allerdings angesichts der Aktualität vieler expressionistischer Themen nicht schwer fallen wird. Gerade das Thema der Liebe ist ein eigentlich „zeitloses“ Thema und wurde, seit es Literatur gibt, immer wieder verarbeitet; bereits das hebräische Hohelied der Liebe im Alten Testament ist ein Lobgesang auf die sinnlich-erotische Liebe, und nicht erst seit Freud weiß man, dass sexuelle Wünsche und Vorstellungen Dichter und Künstler in ihrem Schaffen erheblich inspirieren können. Aufgeschlossenheit der Schüler für das Thema dürfte somit „garantiert“ sein, denn die Liebe ist ein Phänomen, das über die Zeit der Pubertät hinaus jeden jungen Menschen in seinem Leben beschäftigt. Der „Kampf“ der jungen expressionistischen Generation um (nicht nur sexuelle) Befreiung hat einige Ähnlichkeit mit der sexuellen Revolte der 68´er Generation, welche auch Nachgeborenen noch ein Begriff sein dürfte. Ein knappes Jahrhundert später mag es für junge Menschen zunächst schwer nachzuvollziehen sein, was es bedeutet, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, in der bürgerliche und „katholische“ Moralvorstellungen auf die Erziehung großen Einfluss haben und Sexualität öffentlich tabuisiert ist; einige gute Möglichkeiten, um hier den SchülerInnen „Vorstellungsbildung“ und historisches Verstehen zu ermöglichen, wird in den Abschnitten 3.2 und 3.3 gezeigt. Handlungs- und produktionsorientierte Unterrichtselemente sowie eine Reihe erfrischender Texte aus Dada und Expressionismus für Grund- oder Leistungskurse sollen zur wechselseitigen Erhellung von Literatur und bildender Kunst und auf diesem Wege zur Förderung ästhetischer Kompetenz in der gymnasialen Oberstufe beitragen.


Excerpt (computer-generated)

„Spielarten“ der Liebe im Expressionismus -
eine literaturdidaktische Untersuchung

 

 


Verfasser: Matthias Reim

Inhaltsverzeichnis

1 Die Liebe als Thema in Literatur und Kunst des Expressionismus - Zur Aktualität und Schülerorientierung

2 Expressionismus – ein komplexes Phänomen der Literaturgeschichte im Deutschunterricht der Oberstufe

2.1 Die didaktische Problematik des Epochenbegriffs
2.2 Zum Verhältnis exemplarischen und orientierenden Lernens
2.3 Die „Spielarten“ der Liebe im Expressionismus

3 Texte, Bilder, Dokumente als „Türöffner“ zur Unterrichtsthematik

3.1 Was bedeutet „Expressionismus“?
3.2 Die junge Generation

3.2.1 „Aufbruch der Jugend“
3.2.2 „Der junge Dichter“

3.3 Exkurs: Kulturelle Sexualmoral und „moderne Nervosität“ am Beginn des 20. Jahrhunderts – der Beitrag Sigmund Freuds

4 Ein produktionsorientierter Zugang zu den Eigenarten moderner Lyrik am Beispiel der Liebesgedichte August Stramms

4.1 Zur Methodik und der Situierung im Unterrichtsgeschehen
4.2 Produktionsaufgaben und Bildmaterial

4.2.1 Mit vorgegebenen Wörtern des Gedichts Verabredung ein eigenes Gedicht schreiben
4.2.2 „Restaurieren“ des Gedichts Trieb
4.2.3 Visuelle Umgestaltung des Gedichts Freudenhaus

4.3 Zur Begründung des produktionsorientierten Ansatzes

5 Schlussperspektive

Literatur

Anhang

 

 

 

 



1 Die Liebe als Thema in Literatur und Kunst des Expressionismus - Zur Aktualität und Schülerorientierung

In den Lehrzielen kommen Verhaltenserwartungen oder stoffliche Anforderungen als Forderungen der Gesellschaft auf die Schüler/innen zu und werden als solche durchgesetzt, während sich in den Handlungszielen die am Alltagsbewußtsein [!] der Schüler/innen orientierten Bedürfnisse, Absichten und Interessen artikulieren [..].1 Eine Vermittlung zwischen Ansprüchen des Lehrplans bzw. der Institution Schule einerseits und den subjektiven „Ansprüchen“ der SchülerInnen andererseits gelingt aber umso eher, je stärker die Unterrichtssituationen für die SchülerInnen bedeutsame Probleme, Themenstellungen oder Aufgaben enthalten.2 Zudem impliziert der geforderte Lebensweltbezug im Hinblick auf den Literaturunterricht auch die Notwendigkeit, der „Situationsabstraktheit des [.] Lehrplans einen »Sitz im Leben«“3 zu verleihen; in Abschnitt 2.2 wird darauf eingegangen werden. Die objektiven Lehrgegenstände sind durch den Lehrplan vorgegeben: die Schüler sollen einen Eindruck bekommen von der „Vielfalt und Widersprüchlichkeit moderner Literatur [und dazu ermutigt werden,] sich anhand literarischer Werke mit sich selbst und ihrer Zeit und Umwelt auseinanderzusetzen“.4 Im Sinne eines schülerzentrierten Unterrichts ist es daher sinnvoll, zu untersuchen, welche literarischen Themen möglichst lebensnahe Probleme darstellen, was allerdings angesichts der Aktualität vieler expressionistischer Themen nicht schwer fallen wird.5

Gerade das Thema der Liebe ist ein eigentlich „zeitloses“ Thema und wurde, seit es Literatur gibt, immer wieder verarbeitet; bereits das hebräische Hohelied der Liebe im Alten Testament ist ein Lobgesang auf die sinnlich-erotische Liebe, und nicht erst seit Freud weiß man, dass sexuelle Wünsche und Vorstellungen Dichter und Künstler in ihrem Schaffen erheblich inspirieren können.6 Aufgeschlossenheit der Schüler für das Thema dürfte somit „garantiert“ sein, denn die Liebe ist ein Phänomen, das über die Zeit der Pubertät hinaus jeden jungen Menschen in seinem Leben beschäftigt. Der „Kampf“ der jungen expressionistischen Generation um (nicht nur sexuelle) Befreiung hat einige Ähnlichkeit mit der sexuellen Revolte der 68´er Generation, welche auch Nachgeborenen noch ein Begriff sein dürfte. Ein knappes Jahrhundert später mag es für junge Menschen zunächst schwer nachzuvollziehen sein, was es bedeutet, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, in der bürgerliche und „katholische“ Moralvorstellungen auf die Erziehung großen Einfluss haben und Sexualität öffentlich tabuisiert ist; einige gute Möglichkeiten, um hier den SchülerInnen „Vorstellungsbildung“7 und historisches Verstehen zu ermöglichen, wird in den Abschnitten 3.2 und 3.3 gezeigt.

2 Expressionismus – ein komplexes Phänomen der Literaturgeschichte im Deutschunterricht der Oberstufe

In der Literatur des 20. Jahrhunderts erscheint der „Akt der sinnstiftenden Strukturierung“8 seit dem Expressionismus immer schwieriger: der Begriff kennzeichnet eine der vielseitigsten und produktivsten Perioden der neueren deutschen Literaturgeschichte. Zur ersten Orientierung sei deshalb das Kriterium der zeitlichen Einordnung genannt: Paul Raabe nennt in der Einleitung zu seinem Lexikon den Generationszusammenhang der expressionistischen Dichter als übergreifendes Charakteristikum; zwei Drittel der „Beteiligten“ sind zwischen 1885 und 1896 geboren, die zeitliche Dauer umfasst in etwa die Jahre 1905 bis 1925.9 Zudem scheint die didaktische Problematik dieses Epochenparadigmas bereits in seinem Konstruktcharakter zu liegen, da Epochenbegriffe immer „mit qualifizierenden Bedeutungen belastet sind [und] der realen Fülle und Vielgestaltigkeit des im betreffenden Zeitraum Hervorgebrachten nicht gerecht werden können“.10

2.1 Die didaktische Problematik des Epochenbegriffs

[...]


1 Gudjons: Handlungsorientiertes Lehren und Lernen, S. 124.
2 Vgl. ebd.
3 Kiefer u. Riedel: Bausteine, S. 17.
4 KWMBl I So.-Nr. 7 / 1992, S. 350.
5 Anm. d. Verf.
6 Vgl. Abschnitt 3.3.
7 Zu den Begriffen „Vorstellung“ bzw. „Vorstellungsbildung“ vgl. Abraham: Vorstellungsbildung und Literaturunterricht, S. 10 ff.
8 Nutz: Literaturgeschichte, S. 25.
9 S. Raabe: Die Autoren und Bücher des literarischen Expressionismus, S. 7.
10 Karl Otto Conrady, zit. nach Nutz: Literaturgeschichte, S. 25.


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