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"Miles" versus "clericus"? Die Frage nach der Bewertung kontrastiver Lebensentwürfe in Hartmanns von Aue "Gregorius"

Scholary Paper (Seminar), 2003, 17 Pages
Author: Anne Thoma
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Event: PS II Mediävistik: Ritterliche Tugendlehren. Höfische Ethik im literarischen Kontext
Institution/College: University of Tubingen (Deutsches Seminar)
Tags: Miles, Frage, Bewertung, Lebensentwürfe, Hartmanns, Gregorius, Mediävistik, Ritterliche, Tugendlehren, Höfische, Ethik, Kontext
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2003
Pages: 17
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V19847
ISBN (E-book): 978-3-638-23884-7

File size: 83 KB


Excerpt (computer-generated)

Eberhard Karls Universität Tübingen
Deutsches Seminar
Ritterliche Tugendlehren. Höfische Ethik im literarischen Kontext
SS 2003

Miles versus clericus?
Die Frage nach der Bewertung kontrastiver Lebensentwürfe in 
Hartmanns von Aue Gregorius

Anne Thoma

 

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung S. 3

2 Miles versus clericus? Die Frage nach der Bewertung kontrastiver Lebensentwürfe in Hartmanns von Aue Gregorius  S. 4
2.1 Die textimmanente Analyse des Streitgesprächs S. 4
2.2 Die Analyse des Streitgesprächs auf der Basis textexterner Faktoren S. 8
2.2.1 Der historische Hintergrund – Einflüsse auf die Motivwahl und die Struktur  S. 8
2.2.2 Die Gattungszugehörigkeit S. 14

3 Zusammenfassung S. 15

Literaturverzeichnis S. 17

 

1 Einleitung

Ze ritterschefte stât mîn wân1 (1514), gesteht der 15-jährige Gregorius dem Abt in Hartmanns von Aue gleichnamiger Geschichte, die vermutlich zwischen 1187-89 oder in den frühen 90ern des 12. Jhs. entstanden ist.2 Nachdem der Klosterschüler erfahren hat, dass er nicht in die Fischerfamilie gehört, in der er aufgewachsen ist, sondern ein Findelkind ist, folgt ein langes Gespräch mit dem Geistlichen. Nicht dem Rittertum, dieser irrikeit3, solle sich Gregorius zuwenden, so rät ihm der Abt, sondern Gott (1791-1793). Diese Textstelle, von Hartmann als Szene mit Rede und Gegenrede gestaltet, ist in der Sekundärliteratur häufig besprochen worden, denn in ihr mag der Schlüssel zur Werkdeutung liegen. Dabei haben sich zwei unterschiedliche Lesearten herauskristallisiert. Gustav Ehrismann und vor allem Ulrich Ernst fassen den Gregorius als Legende auf, „als radikale antiritterliche und antifeudale contemptus-mundi Dichtung (Weltverachtung), die dem Leser die Destruktion höfischer Wertvorstellungen eindringlich vor Augen führt.“4 Ernst weist auf den Einfluss der patristischen und monastischen Tradition auf Hartmann hin und entwickelt ein antagonistisches Schema (vita carnalis versus vita spiritualis, irdisches Leben versus geistliches Leben), das der gesamten Legende zugrunde liege und auf ein dichotomes Weltbild hindeute.5

Hugo Kuhn, Eva-Maria Carne und vor allem Christoph Cormeau sind Vertreter der anderen Position; sie sehen den Gregorius nicht als Dichtung, die einzig zur Verdammung des weltlichen Lebens konzipiert wurde. Cormeau spricht sich für das Deutungsmodell einer „kritisch-optimistischen Relativierung laikaler Kultur“ aus, die den Versuch unternimmt, dem „säkularen Aventiure-Roman“ eine „religiöse Orientierung“ zu geben.6 Die Lebensform des miles wird nach diesem Modell nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern bedarf nur einiger Ausbesserungen. Cormeau argumentiert einerseits mit dem im Text explizit Gesagten bzw. Ungesagten, andererseits mit der Gattungszugehörigkeit. Er betrachtet den Gregorius als Mischform zwischen Roman und Legende.7 Die Frage nach der literarischen Gattung spiele insofern eine Rolle, als dass durch sie Rückschlüsse auf das Publikum und die beabsichtigte Wirkung gezogen werden können.8 Die Gattung könnte also Hinweise darauf geben, wie Hartmann, der sich als Erzähler explizit zu erkennen gibt (171-173), die Lebensentwürfe miles und clericus wohl beurteilte, jeden für sich betrachtet einerseits, andererseits und vor allem aber in der Gegenüberstellung. Im Folgenden soll in einem ersten Teil untersucht werden, welche Argumente der Abt und Gregorius zur Rechtfertigung ihrer jeweiligen Position anführen und wie überzeugend diese sind. Dabei werde ich das Streitgespräch textimmanent analysieren und zu dem Schluss kommen, dass aus dem Dialog nicht klar hervorgeht, wessen Standpunkt der Erzähler teilt.

In einem zweiten Teil werde ich auf textexterne Faktoren eingehen, welche die zuvor genannten Autoren zur Interpretation des Streitgesprächs und auch des gesamten Texts zu Hilfe ziehen. Hierbei werden der historische Hintergrund der Debatte miles versus clericus mit den Einflüssen auf die Motivwahl und die Struktur und eine Untersuchung der Gattung des Gregorius-Texts wichtig sein.

Da die Vertreter beider Positionen stichhaltige Argumente anführen, gibt es für mich keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob im Gregorius die vita carnalis der vita spiritualis unversöhnlich gegenübersteht. Tendenziell würde ich mich aber eher Cormeau anschließen, zumal dessen Argumentation mit der Gattungszugehörigkeit noch nicht widerlegt zu sein scheint.

2 Miles verus clericus? Die Frage nach der Bewertung kontrastiver Lebensentwürfe in Hartmanns von Aue Gregorius

2.1 Die textimmanente Analyse des Streitgesprächs

[....]


1 Nach Ritterschaft steht mir der Sinn. (Alle mittelhochdeutschen Zitate sind der Ausgabe von Hermann Paul entnommen.)
2 Burkhard Kippenberg: Anmerkungen des Übersetzers, S. 250.
3 Irrweg.
4 Ulrich Ernst: Der Antagonismus von vita carnalis und vita spiritualis, S. 226.
5 Ebd., S. 182.
6 Christoph Cormeau: Hartmann von Aue. Epoche – Werk – Wirkung, S. 140f.
7 Christoph Cormeau: Hartmann von Aue. Epoche – Werk – Wirkung, S. 140.
8 Ebd., S. 126.


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