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Wer ist Gerhard Kromschroeder? Gedanken und Analysen zum Stern-Reporter und seiner investigativen Recherchemethode

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 27 Pages
Author: Lars-Marten Nagel
Subject: Communications: Journalism, Journalism Professions

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 27
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V20034
ISBN (E-book): 978-3-638-24033-8
ISBN (Book): 978-3-638-82674-7
File size: 275 KB
Notes :
Alle kennen Günther Wallraff, aber kaum jemand erinnert sich an Gerhard Kromschröder. Dabei hat Kromschröder zeitgleich mit Wallraff (in den Siebzigern und Achtzigern) den investigativen Journalismus in Deutschland geprägt. Die Hausarbeit befasst sich mit ihm und seiner Recherchemethode, mit der er als Türke, Nazi, Müllkutscher oder naiv-treuer Katholiken für einen modernen und aufklärerischen Journalismus kämpfte.


Abstract

Wer ist Gerhard Kromschröder? Dieser Frage geht meine Hausarbeit nach. Nach dem ersten Sichten von Kromschröders Arbeiten, die zum überwiegenden Teil aus Rollenreportagen für das deutsche Magazin „Der Stern“ bestehen, lässt sich die eingangs gestellte Frage nicht so leicht beantworten. Mal ist Kromschröder Türke, mal Katholik, mal Müllkutscher und mal Ladendieb, gelegentlich schwingt er sich als Rocker auf sein Motorrad. Häufig spielt er - wenn auch mit Widerwillen - den Nationalsozialisten in der Bundesrepublik. Kromschröder hat viele Gesichter, viele Verkleidungen und viele Rollen parat. Der Wechsel der Persönlichkeit gehört zu seiner Arbeit. Kromschröder ist ein Rollenrechercheur, ein Journalist, der unter Vorspiegelung falscher Tatsachen versucht, unbequeme Wahrheiten ans Licht zu bringen. Diese Hausarbeit befasst sich mit Kromschröders Biographie, seiner besonderen Recherchemethodik, den Themen und Inhalten seiner Reportagen, seiner Sprache und der stilistischen Gestaltung seiner Texte. Die Hausarbeit ist ein erster Versuch, Kromschröder wissenschaftlich zu erfassen und ihn in die Tradition des erzählenden Journalismus in Deutschland einzuordnen. Auch seine Motive zum Schreiben, sein journalistisches Selbstverständnis und die Frage, ob das Rechercheergebnis die Methode rechtfertigt, werden in der Hausarbeit eine Rolle spielen. Immerhin sind investigative Recherche und investigativer Journalismus in Deutschland längst nicht unumstritten und werden im Vergleich zum angloamerikanischen Sprachraum wenig intensiv praktiziert. Zu Gerhard Kromschröder gibt es keine nennenswerte Sekundärliteratur. Dieser Mangel konnte durch mehrere persönliche Gespräche mit ihm ausgeglichen werden. Die Hausarbeit leistet mit ihrem biographischen Ansatz folglich Pionierarbeit.


Excerpt (computer-generated)

Wer ist Gerhard Kromschröder?
Gedanken und Analysen zu einem deutschen
Reporter und seiner investigativen Recherchemethode

 



Lars-Marten Nagel

Gliederung

1. Einleitung: Wer ist Gerhard Kromschröder? 3

2. Kurzbiographie 4

3. Kromschröders Spezialität - Rollenreportagen für den „Stern“ 8

3.1 Themenwahl und Inhalt 8
3.2 Die besondere Recherchemethodik 11
3.3 Formale Aspekte: Strukturen, Sprache und Stil 14

4. Kromschröders wichtigste Reportage: „Als ich ein Türke war“ 18

5. Reaktionen auf Kromschröders Reportagen 19

6. Kromschröder in der Tradition des „Erzählenden Journalismus“ 20

6.1 Einordnung in die Tradition des „Erzählenden Journalismus“ 21
6.2 Parallelen zu Günther Wallraff 22
6.3 Ausblick: Investigativer Journalismus heute 23

7. Resümee: Einer, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält 24

8. Quellenverzeichnis 25

 

 

 

 

 


1. Einleitung: Wer ist Gerhard Kromschröder?

Wer ist Gerhard Kromschröder? Dieser Frage geht meine Hausarbeit nach. Nach dem ersten Sichten von Kromschröders Arbeiten, die zum überwiegenden Teil aus Rollenreportagen für das deutsche Magazin „Der Stern“ bestehen, lässt sich die eingangs gestellte Frage nicht so leicht beantworten. Mal ist Kromschröder Türke, mal Katholik, mal Müllkutscher und mal Ladendieb, gelegentlich schwingt er sich als Rocker auf sein Motorrad. Häufig spielt er - wenn auch mit Widerwillen - den Nationalsozialisten in der Bundesrepublik. Kromschröder hat viele Gesichter, viele Verkleidungen und viele Rollen parat. Der Wechsel der Persönlichkeit gehört zu seiner Arbeit. Kromschröder ist ein Rollenrechercheur, ein Journalist, der unter Vorspiegelung falscher Tatsachen versucht, unbequeme Wahrheiten ans Licht zu bringen. Diese Hausarbeit befasst sich mit Kromschröders Biographie, seiner besonderen Recherchemethodik, den Themen und Inhalten seiner Reportagen, seiner Sprache und der stilistischen Gestaltung seiner Texte. Die Hausarbeit ist ein erster Versuch, Kromschröder wissenschaftlich zu erfassen und ihn in die Tradition des erzählenden Journalismus in Deutschland einzuordnen.

Auch seine Motive zum Schreiben, sein journalistisches Selbstverständnis und die Frage, ob das Rechercheergebnis die Methode rechtfertigt, werden in der Hausarbeit eine Rolle spielen. Immerhin sind investigative Recherche und investigativer Journalismus in Deutschland längst nicht unumstritten und werden im Vergleich zum angloamerikanischen Sprachraum wenig intensiv praktiziert. Zu Gerhard Kromschröder gibt es keine nennenswerte Sekundärliteratur. Dieser Mangel konnte durch mehrere persönliche Gespräche mit ihm ausgeglichen werden. Die Hausarbeit leistet mit ihrem biographischen Ansatz folglich Pionierarbeit. Geduldig hat Kromschröder alle Fragen beantwortet und ihm sei dafür herzlich gedankt. Natürlich lässt sich das Thema Gerhard Kromschröder nicht auf zwanzig bis fünfundzwanzig Seiten erschöpfend behandeln. Die Hausarbeit soll zu einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Journalisten anregen. Seine Reportagen, soviel kann schon in der Einleitung festgestellt werden, polarisieren. In einem gesonderten Abschnitt werden deshalb verschiedene Formen der Resonanz auf Kromschröders Texte dargestellt. Von der Morddrohung im Leserbrief über Schulklassen, die ihm nacheiferten, bis hin zur Einladung des türkischen Journalistenverbandes - Kromschröder hat seine Leser bewegt, provoziert und zu Reaktionen animiert. Grund ge nug, ihm genauer zwischen die Zeilen zu schauen. Gerhard Kromschröder, 2003

2. Kurzbiographie

Gerhard Kromschröder wurde 1941 in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater war im „Brotberuf“ Mechaniker, betätigte sich aber zusammen mit der Mutter künstlerisch. Die beiden sorgten unter anderem für die musikalische Begleitung von Stummfilmen oder spielten zum Tanz auf. Kromschröder hat von der Jugend an eine enge Beziehung zur Kunst und Musik entwickelt. Eine besondere Affinität zu Zeichnung und Graphik wird ihn durch sein Leben begleiten. 1

Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er in Frankfurt am Main Germanistik, Soziologie und Kunstgeschichte. Während des Studiums entstand bei Kromschröder der Berufswunsch, Journalist zu werden. Die Lektüre amerikanischer Autoren wie John Steinbeck und Thomas Wolf habe ihn dazu angeregt. Die sozialwissenschaftliche und philosophische Frankfurter Schule, mit ihren Repräsentanten Theodor Adorno und Max Horkheimer beeinflussten den Studenten langfristig. „Der Zeitgeist und die Jugendkultur hatten damals großen Einfluss auf mich. Ich gehörte zur Generation der 68er-Bewegung“ 2, erinnert sich Kromschröder. Seine politische Ausrichtung bezeichnet er als „links-liberal, geprägt durch die frühe Phase des Sozialdemokratischen Hochschulbundes“3. Es passt ins Bild, dass er seinen Wehrdienst verweigerte.

Obwohl Kromschröder konfirmiert ist, hat er nach eigenen Worten ein „gespaltenes Verhältnis zur Religion“4. Allerdings konnte er sich zu Schulzeiten ein umfangreiches theologisches Wissen aneignen. Einige seiner späteren Texte nähern sich mit aufklärerischem Impetus der katholischen Konfession, die mehrfach Gegenstand von Kromschröders Kritik ist. Zum Beispiel setzt er sich mit der zutiefst katholischen, bäuerlichen Bevölkerung des Emslandes auseinander, die auf ihn häufig einen „dümmlichkonservativen und fortschrittsfeindlichen Eindruck“5 machte.

[...]


1 Vgl. Kromschröder (1983): Als ich ein Türke war. S. 8. / Gespräch vom 24. Juni 2003.
2 Gespräch vom 24. Juni 2003.
3 Ebd.
4 Ebd.
5 Ebd.


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