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Zur gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit und ihren Folgen - Die diglossische Situation und Konsequenzen der Diglossie am Beispiel des Judenspanischen

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 45 Pages
Author: Isabelle Schwarz
Subject: Romance Languages - Spanish Studies

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 45
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V2022
ISBN (E-book): 978-3-638-11243-7

File size: 487 KB


Excerpt (computer-generated)

 

Universität Bremen
Institut für Romanistik

 

Zur gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit und ihren Folgen
Die diglossische Situation und Konsequenzen 
der Diglossie am Beispiel des Judenspanischen

Hauptseminararbeit
von
Isabelle Schwarz

 


INHALT

Seite
     

I

EINLEITUNG

2
     

II

ZUR GESELLSCHAFTLICHEN MEHRSPRACHIGKEIT UND MÖGLICHEN KONSEQUENZEN DER DIGLOSSISCHEN SITUATION

3

1

Diglossie und Bilinguismus

3

1.1

Definition der Diglossie nach Ferguson und Fishman

3

1.2

Abgrenzung der Diglossie zum Bilinguismus

10

1.2.1

Definition des Bilinguismus

10

1.2.2

Typologie des Bilinguismus

11

1.3

Kritik an den Definitionen und Ergebnissen

15

2

Zum Sprachkonflikt

17

2.1

Definition des Sprachkonfliktes

17

2.2

Zur Sprachpolitik

20

2.3

Konsequenzen des Sprachkonfliktes

22
     

III

EIN BEISPIEL FÜR EINE DIGLOSSISCHE SITUATION UND IHRE KONSEQUENZEN: DAS JUDENSPANISCH

25

1

Zur Sprache des Judenspanischen

26

2

Das Judenspanisch unter dem Aspekt der Diglossie

31

2.1

Die Domänen des Judenspanischen und ihre Funktionen

31

2.2

Beschreibung der Diglossischen Situation

32

3

Das Judenspanisch aus der Perspektive des Bilinguismus: Versuch einer Typologisierung des Bilinguismus des Judenspanisch

33

4

Folgen der diglossischen Situation für das Judenspanisch in seiner Umwelt

34
     

IV

RESÜMEE

39
     
 
BIBLIOGRAPHIE

41
 
ANHANG

 

 

I Einleitung

Die Arbeit befaßt sich mit dem Thema der gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit und den Konsequenzen, die sich aus den in Kontakt miteinander stehenden Sprachen ergeben. Die diglossische Situation sowie die Konsequenzen der Diglossie werden anhand des Beispiels des Judenspanischen untersucht und diskutiert.

In einem ersten, theoretischen Teil steht das Phänomen der Diglossie, v.a. im Hinblick auf seine Folgen (Sprachkonflikt) im Vordergrund. Zunächst wird mit der Darstellung der wichtigsten Definitionen auf den Terminus eingegangen, auch in Abgrenzung zum Begriff des Bilinguismus. Ziel des theoretischen Teils ist es, sowohl verschiedene Verhältnisse zwischen Diglossie und Bilinguismus herauszuarbeiten als auch eine Typologie des Bilinguismus zusammenzustellen, um diese allgemeinen Konstrukte in einem zweiten Teil auf ein konkretes Beispiel zu übertragen.

Auf gleiche Weise sollen die Konsequenzen einer diglossischen Situation untersucht und anhand des Beispiels diskutiert werden: Kommt es im Falle des Judenspanischen zu einer Aufgabe der Sprache? Welche Domänen gehören zum Judenspanischen und welche Funktion besitzt die Sprache für die Sprecher?

Das Judenspanische stellt ein besonderes Beispiel für eine diglossische Situation dar. Einerseits steht die Sprache in starker Verbindung zur Religion und Kultur der Sephardim. Andererseits ist die Diversifizierung des Judenspanischen zu bedenken. Auch muß sein Stand als Minoritätensprache in die Überlegungen mit einfließen. Es wird der Frage nachgegangen, wie diese Aspekte auf die Entwicklung der Sprache einwirken und welche Folgen sich daraus für das Judenspanische als Sprache in einer diglossischen Gesellschaft ergeben. Im zweiten Abschnitt der Arbeit geht es daher um die Analyse der diglossischen Situationen, in denen das Judenspanische steht, aber auch um eine Definition des Judenspanischen selbst. Ziel ist es, anhand des Beispiels einer Minderheitensprache zu verdeutlichen, wie es im Falle einer gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit zur Aufgabe der Sprache bis hin zu ihrem Tod kommen kann und welche Faktoren eine solche Entwicklung beschleunigen.

II Zur gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit und möglichen Konsequenzen der diglossischen Situation

1 Diglossie und Bilinguismus

1.1 Definition der Diglossie nach FERGUSON und FISHMAN

Die Diglossie ist ein Terminus aus der Soziolinguistik und wurde 1959 von FERGUSON erstmals in die Diskussion gebracht.1 Nach FERGUSON bezeichnet er die Koexistenz zweier (oder mehrerer) Varietäten2 derselben Sprache in einer Gesellschaft, z.B. einer Standardsprache und eines regionalen Dialektes. Diese beiden Varietäten stehen in einem bestimmten Verhältnis zueinander, da sie von einigen Sprechern unter verschiedenen Bedingungen und abhängig von der jeweiligen Sprachdomäne verwendet werden.3 Jede Varietät nimmt innerhalb der Gesellschaft durch ihre funktionell voneinander differenzierte Verwendung eine definierte Rolle ein. FERGUSON beschreibt das Verhältnis der beiden Varietäten, indem er eine Einteilung in eine hochkodifizierte und offizielle Varietät und eine in nicht-offiziellen Situationen verwendeten Varietät vornimmt. Erste bezeichnet FERGUSON als ,,high variation" (kurz H-Varietät), die zweite im Gegensatz dazu als ,,low variation" (L-Varietät).4 Das Phänomen der Diglossie ist nach FERGUSON ein relativ stabiles. Um die beiden Varietäten zu unterscheiden, gibt der Autor verschiedene Kriterien an, anhand derer jeweils zu untersuchen ist, ob es sich bei einer Varietät in einer Situation der Mehrsprachigkeit in einem bestimmten Gebiet um eine H- oder eine L-Varietät handelt. Im weiteren werden diese Kriterien kurz zusammengefaßt und diskutiert.

Erstens besitzen H und L, wie bereits angedeutet, spezifische Funktionen, die sich teilweise - allerdings nur sehr selten - überlappen, teilweise jedoch scharf voneinander getrennt sind. Die Funktionen sind bestimmten Domänen, Situationen und Personen zugeordnet, zu denen u.a. die Kirche, anweisende Gespräche mit Kellnern und Angestellten, politische Reden, Nachrichten, die Konversation in der Familie gehören. Anhand der Zuordnung der Varietäten zu den Domänen und der Bereiche ihrer gemeinsamen Anwendung bzw. der scharfen Abtrennung ist es möglich, ein Diagramm der Kultur einer Gesellschaft und Sprachgemeinschaft zu zeichnen. Im Hinblick auf das Beispiel des Judenspanischen im zweiten Teil dieser Untersuchung muß darauf hingewiesen werden, daß die religiöse Domäne in den unterschiedlichen Gesellschaften meist der H-Varietät zugeordnet ist - nicht so im Fall des Judenspanischen. Zweitens definieren sich H und L durch ihr unterschiedliches Prestige, d.h. die gesellschaftliche Bewertung von Sprachen/Varietäten.

Die H-Varietät besitzt ein hohes, die L-Varietät meist ein niedriges Prestige. Die Bewertung von seiten der Gesellschaft ist auf die soziale Zugehörigkeit der Sprecher zurückzuführen, deren Attribut die Varietät darstellt.5 Ein dritter Aspekt der Unterscheidung stellt das literarische Erbe dar. Hinter der H-Varietät steht meist ein bedeutender literarischer Korpus, der einen festen Bestandteil der Kultur der jeweiligen Gesellschaft darstellt. Elemente dieses Korpus fließen in die literarische Produktion (ebenfalls in der H-Varietät) ein. Daneben kann zwar eine literarische Produktion in der L-Varietät existieren, doch wird diese als kulturell weniger relevant eingestuft. Interessant wäre es, bereits hier die Folgen der diglossischen Situation nach FERGUSON zu überdenken und anzunehmen, es komme zu einer Form von L als Standard. Die H-Varietät würde zu einer ,Gelehrtensprache` werden, die allein von einer kleinen Elite (beispielsweise auf der Universität) gesprochen würde. Die Frage in Bezug auf das Judenspanisch kann vorausgeschickt werden: Kann die Unterscheidung nach dem literarischen Erbe im Hinblick auf diese Sprache aufrecht erhalten werden?

Ein vierter Faktor ist der der Akquisition. Die L-Varietät wird bereits in der Kindheit auf ,natürliche` Weise gelernt, indem mit den Kindern auf dieser Varietät gesprochen wird. Die Verwendung der H-Varietät ist hingegen Ergebnis einer formalen Unterweisung.6 Fünftens spielt die Standardisierung der Varietät eine Rolle, indem zumeist die H-Varietät deskriptive und normative Studien und grammatikalische Regelwerke vorweisen kann, wohingegen für die L-Varietät derlei Studien und Regelwerke in geringerer Zahl oder überhaupt nicht existent sind. Die Normierung und Standardisierung der H-Varietät beruht z.T. darauf, daß in ihr nur wenige orthographische Variationen vorhanden sind. L weist eine Vielzahl an Möglichkeiten der Aussprache auf, beispielsweise durch die Existenz mehrerer regionaler L-Varietäten.7

Ein weiterer Aspekt ist nach FERGUSON die Stabilität der diglossischen Situation, da sie sich über mehrere Jahrhunderte hinweg in einer Gesellschaft erhalte. Da der Autor Diglossie als Verhältnis zwischen zwei Varietäten einer Sprache definiert und nicht, wie beispielsweise FISHMAN, als Koexistenz zweier Sprachen in einer Gesellschaft, zielen einige Kriterien der Unterscheidung auf die Differenz zwischen diesen beiden Varietäten ab. Da es sich in dem im zweiten Teil folgenden Beispiel um das Judenspanische handelt, das zwar Varietäten aufweist, aber aus einer dem Land fremden Sprache entstanden ist, entfallen diese Kriterien in ihrer Bedeutung für eine Definition im Sinne FERGUSONs. Natürlich muß im weiteren gefragt werden, ob es sich beim Judenspanischen in den jeweiligen Ländern, Türkei, Amerika, Israel, Frankreich, u.s.w., um eine Diglossie oder um eine Form des Bilinguismus handelt.

Die weiteren Kriterien nach FERGUSON betreffen die Aspekte der Grammatik, der Phonologie und des Lexikons. Gerade in der grammatikalischen Struktur der Varietäten sieht der Autor die größte Unterscheidung. Die H-Varietät weist dabei eine komplexere Struktur in den Bereichen des Genus, des Kasus, der Morphophoneme und der Rektion auf. Verallgemeinernd läßt sich dieser Aspekt unter folgender Aussage fassen, so daß er auf die erweiterte Definition der Diglossie - der Koexistenz zweier Sprachen in einer Gesellschaft - nach FISHMAN zutrifft:

It is certainly safe to say that in diglossia there are always extensive differences between thegrammatical structures of H and L.8

Den Bereich der Phonologie als Definitionskriterium sieht FERGUSON als problematisch an, da die Differenz zwischen H-Varietät und L-Varietät sowohl sehr groß als auch sehr gering sein kann.9 Im Lexikon liegt ein letztes Kriterium.

[...]


1 FERGUSON (1959). Er betitelte seinen Artikel mit dem Begriff der ,Diglossia`: ,,The term ,diglossia` is introduced here, modeled on the French diglossie, which has been applied to this situation (...). Other language of Europe generally use the word for ,bilingualism` in this special sense as well." Ebd., S. 327f.

2 Der Begriff der ,Varietät` wird in der Soziologie verwendet und bezeichnet nach FISHMAN (1975: 26) eine ,,Art der Sprache". Er ist frei von jeder emotionalen und politischen Wertung. Dies impliziert, daß im Gegensatz zu diesem Begriff die Bezeichnung ,Sprache` eine Wertung besitzt. Die Varietäten verschiedener geographischer Herkunft werden ,Dialekte` genannt.

3 Eine ,Domäne` meint in der Linguistik ein soziologisches Konstrukt, das der Bündelung von sozialen Werten dient. Es sollen mit diesem Konstrukt institutionelle Kontexte beschrieben werden, die mit determinierten sozialen Verhaltensweisen einhergehen; vgl. u.a. DITTMAR (1973: 391). FISHMAN (1975: 36) zählt beispielsweise folgende Domänen auf: Haus, Schule und Kultur, Arbeitsplatz, Regierung und Verwaltung, Kirche.

4 Die Beispiele, die FERGUSON (1959: 327) in seinem Artikel behandelt, sind - auf dieses Schema übertragen - klassisches Arabisch (H-Varietät) und ägyptisches Arabisch (L-Varietät), Hochdeutsch (H) und Schweizerdeutsch (L), Französisch (H) und haitisches Kreolisch (L) sowie Griechisch (katharévusa als H-Varietät und dhimotikí als L-Varietät). Für die jeweiligen Gebiete, in denen diese Varietäten eine Situation der gesellschaftliche Mehrsprachigkeit erzeugen, vgl. ebd.

5 Das niedrige Prestige führt bis zur Stigmatisierung, also einer negativen Einstellung gegenüber Sprache und Sprechern. Die Sprecher schützen sich unbewußt durch Selbsttäuschung; FERGUSON (1959: 330) gibt dafür ein Beispiel: ,,Very often, educated Arabs will maintain that they never use L at all, in spite of the fact that direct observation shows that they use it constantly in all ordinary conversation." Vgl. auch KREMNITZ (1979: 22), der vom ,Selbsthaß` spricht: ,,Unter Selbsthaß versteht sie [die katalanische Soziolinguistik] die Leugnung des Sprachkonfliktes durch das in diesen Konflikt implizierte Subjekt, das seine Anpassung an die A-Sprache und die durch sie vehikulierten kulturellen und sozialen Verhaltensmuster betreibt und damit seine eigenen Ausgangswerte und seine soziale Identität aufzugeben versucht."

6 Daher wird der Grad der korrekten Anwendung, der in der L-Varietät erreicht wird, in der H-Varietät selten erreicht.

7 FERGUSON (1959: 332) macht auf die Konsequenzen einer Standardisierung aufmerksam: ,,In speech communitys which have no single most important center of communication a number of regional L′s my arise." In Hinblick auf das Judenspanisch mag dies von Bedeutung sein, da ein wirkliches Zentrum des Judenspanischen seit der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 nicht mehr vorhanden ist. Die Juden der Diaspora entwickelten unter dem Einfluß der Sprache des jeweiligen Exillandes eine eigene Varietät des Judenspanischen. Diese Entwicklung beschreibt RUNGGALDIER-MORODER (2000/01: 1):
,,Je nach Land und Gebiet weist das Ladino starke Einflüsse von Türkisch, Griechisch, Hebräisch, Arabisch, Italienisch und vor allem auch Französisch auf. Von besonderer Bedeutung ist das Ladino des Türkischen und des Hebräischen, wobei letzteres vor allem für die heute in Israel lebenden Sephardim eine Rolle spielt. Die Variante des Ladino, die durch das Einfließen französischer Elemente entstand, wird heute als ,franyol` bezeichnet."

8 FERGUSON (1959: 333).

9 Beide Varietäten beruhen auf einem einzigen phonologischen System, von dem aus das System von H entweder ein Sub- oder ein Parasystem darstellt. In der Übertragung werden reine H-Einheiten, die in L in ihrer Entsprechung nicht existieren, häufig durch L-Phoneme ersetzt und viceversa.


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