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Hausarbeit, 2003, 33 Seiten
Autor: Marc Leonardi
Fach: Musikwissenschaft
Details
Tags: Analyse, Modest, Mussorgskijs, Trepak, Lieder, Tänze, Todes
Jahr: 2003
Seiten: 33
Note: 1,7
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-24224-0
ISBN (Buch): 978-3-638-84805-3
Dateigröße: 492 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Die Entstehungszeit des Zyklus Lieder und Tänze des Todes von Modest Mussorgskij fällt überwiegend in das Jahr 1875, in dem Mussorgskij mit dem Dichter der Texte, Arsen Arkadjewitsch Graf Golenischtschew-Kutusow (1848 – 1913), zusammenlebte. Die Anregung zu dem Liedzyklus Lieder und Tänze des Todes erhielt Mussorgskij allerdings von Wladimir Stassow, der Anfang der 1860er Jahre über Balakirev auch mit den anderen Mitgliedern des „Mächtigen Häufleins“ bekannt geworden war: „Schließlich (schrieb Musorgskij) viertens eine Reihe Romanzen unter dem allgemeinen Titel Tänze des Todes. Diese letzte Aufgabe war ihm von mir gestellt worden. Graf A. A. Golenischtschev-Kutuzov, ein Freund Musorgskijs, ... schrieb den Text, die Musik verfasste Musorgskij.“ Mussorgskij „verehrte Stasov als künstlerischen Berater und Propagandisten der eigenen künstlerischen Ideen“ , ohne Stassows Einfluss wäre Mussorgskijs Gesamtwerk wohl kaum zustande gekommen. Einige der frühen, bis 1868 entstandenen Lieder Mussorgskijs wurden von Stassow „als kühne Neuerung wegen ihres satirischen Charakters und ihres neuartigen Realismus“ gelobt. Stassow beteiligte sich an der Überarbeitung des Boris Godunow, initiierte die Bilder einer Ausstellung und arbeitete ferner intensiv an der Chowanschtschina mit, bevor er sich Mitte der 1870er Jahre etwas von Mussorgskij zurückzog, vermutlich aufgrund dessen gravierender Alkoholprobleme sowie dessen Interesse an der Lyrik Alexej Tolstojs. Warum aber äußerte sich Mussorgskijs Beschäftigung mit dem Tod in seinem Liedschaffen und nicht in anderen Formen und Gattungen wie z. B. einem Requiem? Mechthild Mäder-Schultner zieht als Erklärung das Fehlen kirchenmusikalischer Formen zur Todesthematik in Osteuropa und Asien heran, weil sich die Sterbeliturgie in der Ostkirche nie von der liturgischen Form gelöst hat und daher weltliche Formen wie Lied und Oper herangezogen werden mussten. Vielleicht war es aber auch einfach so, dass Mussorgkij sich zu diesem Thema am besten in Liedern ausdrücken konnte und er von Golenischtschew-Kutusow während ihres Zusammenlebens die passende Textvorlage geliefert bekam. Eine abschließende Beantwortung der Frage bleibt offen.
Textauszug (computergeneriert)
Modest Mussorgskij (1839 – 1881):
„Lieder und Tänze des Todes“
von Marc Leonardi
Gliederung
1. Biographischer Hintergrund 4
2. Zum Liedschaffen Mussorgskijs 8
3. Lieder und Tänze des Todes 12
4. Der Trepak aus Lieder und Tänze des Todes 16
4.1. Der Text des Trepak in verschiedenen Übersetzungen 16
4.2. Analy 19
5. Zusammenfassende und abschließende Bemerkungen 31
6. Literatur 34
1. Biographischer Hintergrund
Die Entstehungszeit des Zyklus Lieder und Tänze des Todes von Modest Mussorgskij fällt überwiegend in das Jahr 1875, in dem Mussorgskij mit dem Dichter der Texte, Arsen Arkadjewitsch Graf Golenischtschew-Kutusow (1848 – 1913), zusammenlebte. Vorausgegangen war eine Krise, verursacht durch die Trennung von Rimskij-Korssakow im Juni 1872, mit dem Mussorgskij von September 1871 bis Juni 1872 in einem gemeinsamen Zimmer gelebt hatte.1 „Nach Borodins Zeugnis ergänzen sich diese beiden in menschlicher wie künstlerischer Hinsicht diametral entgegengesetzten Naturen [...].“2 Umso schwerer wiegt die Trennung, wie uns Sigrid Neef berichtet: „Die Idylle von Rimski-Korsakow und Mussorgski endet für letzteren mit einer Katastrophe: Rimski-Korsakow verlässt im Juni 1872 die gemeinsame Wohnung, er heiratet Nadeshda Purgold. Darüber hinaus nimmt er das Angebot des Konservatoriums an und wird dort Lehrer für Komposition und Instrumentation. Mussorgski wirft dem Freund Verrat der alten Ideale und Hinwendung zum Akademismus vor. Der [damit in Verbindung stehende] Auseinanderfall des Balakirew-Kreises bedeutete für Mussorgski den Verlust von Geborgenheit [...].“3
Der Balakirew-Kreis – das sog. „Mächtige Häuflein“4 – bestand im Wesentlichen zwischen 1862 und 1869 aus den russischen Musikern Milij Balakirew, César Cui, Modest Mussorgskij, Alexander Borodin und Nikolaj Rimskij-Korssakow. Ende der 1860er Jahre bzw. zu Beginn der 1870er Jahre zerfiel der Kreis durch den Rückzug Balakirews aus dem Musikleben, durch Rimskij-Korssakows Hinwendung zu traditionellen Musikformen aufgrund seiner Anstellung am Konservatorium sowie Cuis erwachendem Interesse an der französischen Kultur. Wie schon früher schien Mussorgskij vor der Realität durch zunehmenden Alkoholgenuss zu flüchten, dessen Abstinenz wie bereits 1865 zum Delirium tremens5 führte. So war es Dmitri Stassow (1828 – 1918), der Bruder des Musikkritikers Wladimir Stassow, der 1872 bemerkte, „wie sich Mussorgskis Aussehen ständig ändert, von Abmagerung und depressiven Stimmungen ist die Rede, dann wieder von Aufschwüngen. Alexander Borodin spricht als Arzt sogar von auftretenden Alkoholhalluzinationen.“6
Eine Besserung des Zustandes schien erst 1873 einzutreten: „Mussorgski lernt [im Juni 1873] den jungen Grafen und angehenden Dichter Arseni Golenischtschew-Kutusow kennen. Zwischen beiden entsteht ein enges freundschaftliches Verhältnis [und] sie nehmen [...] in einem gemeinsamen Haus Quartier.“7 Sigrid Neef spricht bei dem Verhältnis von Mussorgskij zu Golenischtschew-Kutusow von einer seltenen „[...] Wesensverwandtschaft, die auf seiten Mussorgskis eine tiefe Liebe war, und die wie alle seine Liebesbeziehungen scheiterte“8, da Golenischtschew-Kutusow Ende 1875 aus der gemeinsamen Wohnung auszog und Anfang 1876 heiratete.
Der Tod von Nadeshda Opotschinina im Juni 1874 stürzte Mussorgskij dagegen erneut in eine Krise, da er in ihr einen Menschen verlor, „auf dessen Liebe und Zuneigung er bauen konnte [...].“9 Mussorgskij kannte die Familie Opotschinin seit 1857, also seit seinem 18. Lebensjahr. Nadeshda war die einzige Schwester von fünf Brüdern der Familie und 18 Jahre älter als Mussorgskij. Wie Sigrid Neef vermutet, muss sie [= Nadeshda] ihm [= Mussorgskij] „Freundin, Schwester, Geliebte und Mutter gewesen sein.“10 Ihr widmete Mussorgskij das Lied Grab-Inschrift, dessen selbst verfasster Text wie folgt endet: „Nach dem Tod der lieben Mutter, war ich durch allerhand Missgeschicke des Lebens vom heimischen Herd getrieben, zerbrochen, böse, erschöpft; als ich ängstlich, aufgeregt, wie ein eingeschüchtertes Kind an Deine heilige Seele pochte ... fand ich Rettung ...“11 Bereits in den Jahren zuvor hatte Mussorgskij Nadeshda Opotschinina zahlreiche Lieder gewidmet, z. B. Ach, wenn ich dich doch wiedersehen könnte (Romanze, 1863), Nacht (Improvisation oder auch Fantasie, 1864), Wunsch (1866), Das Schwatzen der Elster (1867), Der Klassiker (1867). Eingeleitet wurde die Krise des Jahres 1874 durch die Tatsache, dass bereits ein Jahr zuvor sein Freund, der Maler Viktor Hartmann (1834 – 1873) gestorben war, dem Mussorgskij den im Juni 1874 entstandenen Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung widmete.
[...]
1 „Solche Wohngemeinschaften lagen im Trend der Zeit, entsprachen ganz der 1863 von Nikolai Tschernyschewski (1828 – 1889) in seinem Roman „Was tun?“ geschilderten Kommune, einem Zusammenschluß gleichgesinnter Menschen.“ Zitiert nach Neef, Sigrid: Die Russischen Fünf: Balakirew – Borodin – Cui – Mussorgski – Rimski- Korsakow, Berlin 1992, S. 152.
2 Zitiert nach Neef, Sigrid: a. a. O., S. 156.
3 Zitiert nach Neef, Sigrid: a. a. O., S. 156.
4 Der Ausdruck „Mächtiges Häuflein“ geht auf einen Artikel Wladimir Stassows in den Sankt-Peterburgskie vedomosti über ein Konzert mit ausschließlich slawischen Werken vom 12.5.1867 in Petersburg zurück. Gemeint waren mit den Mitgliedern des „Mächtigen Häufleins“ ursprünglich Michael Glinka, Alexander Dargomyshskij, Milij Balakirew und Nikolaj Rimskij-Korssakow, die Bezeichnung wurde später von Hermann Laroche polemisch auf Balakirew und seinen Kreis angewandt.
5 „Delirium tremens ist ein Entzugsdelir, welches v.a. bei Alkoholabhängigen auftritt, wenn diese plötzlich keinen Alkohol mehr trinken.“ (Zitiert nach http://www.lsm-verlag.de/wort/79.htm) „Der Zusammenhang zwischen Alkoholismus und dem als “Delirium tremens” benannten Folgezustand wurde erstmals 1813 [...] erkannt. Das Alkoholdelir tritt nur nach jahrelangem, schwerem Alkoholmißbrauch auf. Meist besteht ein gewohnheitsmäßiges, kontinuierliches, rauscharmes Trinken. Die dauernde, tägliche Alkoholeinnahme beträgt mindestens 80-120 g (1 Vol% = 0,8 g). Die Dauer des Alkoholismus beträgt 3-30 Jahre, meist jedoch mindestens über 10 Jahre. Das Entzugssyndrom folgt bis hin zu seiner schwersten Form, dem Delir, fast immer einem chronologischen Muster.“ (Zitiert nach http://www.krankenpflege-ausbildung.de/Facharbeiten/Delir/hauptteil_delir.html) „Neben vegetativen Symptomen wie Schwitzen kommt es zu Unruhe und feinschlägigem bis grobschlägigem Zittern. Charakteristisch sind außerdem optische und akustische Halluzinationen, die berüchtigten ′weißen Mäuse′. Ein unbehandeltes D.[elirium tremens] kann zum Tode führen.“ (Zitiert nach http://www.lsm-verlag.de/wort/79.htm)
6 Zitiert nach Neef, Sigrid: a. a. O., S. 157.
7 Ebda.
8 Zitiert nach Neef, Sigrid: a. a. O., S. 149.
9 Zitiert nach Neef, Sigrid: a. a. O., S. 158.
10 Zitiert nach Neef, Sigrid: a. a. O., S. 151.
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