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Ehe und Familie in Emile Zolas Les Rougon-Macquart

Hauptseminararbeit, 2003, 56 Seiten
Autor: Henning Radermacher
Fach: Kulturwissenschaft

Details

Veranstaltung: Industrielle Revolution
Institution/Hochschule: Universität Bern (Historisches Institut)
Tags: Familie, Emile, Zolas, Rougon-Macquart, Industrielle, Revolution
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2003
Seiten: 56
Note: sehr gut
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V20705
ISBN (E-Book): 978-3-638-24520-3

Dateigröße: 206 KB
Anmerkungen :
Ehe- und Familienforschung, Kulturgeschichte, Sozialgeschichte, bürgerlicher Realismus, Arbeiter, Bürgertum, Industrielle Revolution, Emile Zola, Germinal, Pot-Bouille (Ein feines Haus), Nana, L'assommoir (Der Totschläger), La curée (Die Beute), L'argent (Das Geld), Les Rougon-Macquart



Textauszug (computergeneriert)

Ehe und Familie
in Emile Zolas
„Les Rougon-Macquart“

Eine Seminararbeit von

Henning Radermacher

Neueste Geschichte
Dezember 2003

 

 

EINLEITUNG  4

1 EHE UND FAMILIE IN DER ZWEITEN HÄLFTE DES 19. JAHRHUNDERTS  6
1.1 Ergebnisse  6
1.1.1 Neue Ehe- und Familienkonzepte im 19. Jahrhundert  7
1.1.2 Unterbürgerliche Familien  8
1.1.3 Bürgerliche Familien  10
1.1.4 Die Ehe  11
1.2 Kontroversen  18
1.2.1 Der Mythos der vorindustriellen Grossfamilie und die moderne Kernfamilie  18
1.2.2 Funktionsentlastung der Familie  19
1.2.3 Partnerwahl und Heiratsverhalten  19
1.2.4 Geburtenkontrolle, Verhütung, Kindsmord  20
1.2.5 Das Verhältnis zwischen den Ehepartnern und zu Kindern  21
1.2.6 Matrifokalität und marginalisierte Männer  21
1.2.7 Gewalt und M22

2 EMILE ZOLA  24
2.1 Forschung  24
2.2 Biographie  25

3 „LES ROUGON-MACQUART“  27
3.1 Der Romanzyklus  27
3.2 Ehe und Familie in „Les Rougon-Macquart“  29
3.2.1 Die Demaskierung des bürgerlichen Familienideals: „Pot-Bouille“  29
3.2.2 Die Halbwelt der Prostitution: „Nana“  32
3.2.3 Die Gier der Aufstrebenden: „Le ventre de Paris“, „L’argent“ und „La curée“  35
3.2.4 Die Arbeiterfamilie zwischen Zerfall und Revolte: „L’assommoir“ und „Germinal“  38

4 FAZIT UND AUSBLICK  45
4.1 Neue Ehe- und Familienkonzepte und Zolas Idealvorstellungen  45
4.2 Unterbürgerliche Familien  45
4.3 Bürgerliche Familien  46
4.4 Die Ehe  47
4.5 Ausblick  49

QUELLEN  52

BIBLIOGRAPHIE  53

 

Einleitung

Zola schrieb seinen 20-bändigen Romanzyklus „Les Rougon-Macquart“ im Zeitraum von 1873-1891 mit der Absicht, anhand einer grossen, verzweigten Familie die soziale Wirklichkeit der Gesellschaft zur Zeit des zweiten Kaiserreichs zu beschreiben. Die Handlung erstreckt sich über alle Gesellschaftsschichten und in jedem Roman stehen andere Mitglieder der Rougon-Macquart-Familie und andere Milieus im Zentrum. So spielt zum Beispiel „Germinal“ in einem Kohlebergwerkarbeiterdorf, während „Ein feines Haus“ die Verhältnisse in dem grossbürgerlichen Zweig der Familie thematisiert.

Im Zentrum der Arbeit soll die Frage stehen, inwiefern die Beschreibung der Ehe- und Familienverhältnisse in dem Zyklus realen Verhältnissen (d.h. heute gesicherten Forschungsergebnissen) entspricht und wie weit sie vom sozialen/ politischen Hintergrund, resp. den Absichten des Autors (Klassenkampf, Meinungsbildung, eigener Hintergrund, Protest, literarische Zwecke) verfälscht worden sind.

Anhand von repräsentativen Textausschnitten/Handlungsabläufen/Situationen aus einigen Romanen aus dem Zyklus, welche in verschiedenen Milieus spielen, werde ich versuchen, diese Themen genauer zu beleuchten.

Es ist natürlich nicht möglich, anhand eines literarischen Werkes, welches das Bild einer ganz bestimmten Familie an einem ganz bestimmten Ort in einer ganz bestimmten Situation zeigt, allgemeine Aussagen zu machen, aber man kann durchaus – im Vergleich mit gesicherter Forschung – versuchen aufzuzeigen, inwiefern die gezeigten Verhältnisse im Bereich der damaligen Realität liegen (respektive repräsentativ sind) und inwiefern das gezeichnete Bild und damit das (intendierte) Empfinden des Lesers durch Übertreibung/ Idealisierung/literarische Überhöhung gezielt oder unbewusst gesteuert oder sogar verfälscht wird. Über Motive des Autors lässt sich dank der Fülle von expliziten Aussagen (Werk-Skizzen, Briefe) einiges sagen.

Der erste Teil der Arbeit umfasst eine Zusammenfassung des Forschungsstandes und der aktuellen Diskussionspunkte bezüglich Ehe und Familie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der zweite Teil bietet eine kurze Übersicht zum Forschungsstand und der Biographie Emile Zolas. Im dritten Teil werde ich erst auf den „Rougon-Macquart“ Zyklus eingehen und dann exemplarisch die verschiedenen Aspekte des Ehe- und Familienlebens anhand von einigen Romanen aus dem Zyklus beleuchten. Im Fazit werde ich die Erkenntnisse zusammenfassen und einen Ausblick auf ein mögliches Forschungsfeld geben. Es ist mir in dem Umfang dieser Seminararbeit leider nicht möglich, alle Romane des Zyklus’, auf alle historischen Aspekte hin zu untersuchen – die Arbeit kann nur punktuell Anstoss zu weiterer Diskussion und Forschung geben. 

1 Ehe und Familie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 

Eine sehr gute Übersicht über den Forschungsstand und die aktuellen Kontroversen bietet Andreas Gestrichs „Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert“ von 19991, welches sich aber nur auf den Raum des Deutschen Reiches bezieht. Eine auf ganz Mittel- und Westeuropa bezogene, gute Forschungsübersicht ist das von Joseph Ehmer, Tamara K. Hareven und Richard Wall herausgegebene Buch „Historische Familienforschung. Ergebnisse und Kontroversen“ von 19972.

Die wichtigsten aktuellen Monographien zum Thema Ehe und Familie sind: „Die Entwicklung von Ehe und Familie in Europa“ (1986) und „Geschichte der Familie“ (2000) von Jack Goody3, „Familiengeschichte, Lebenslauf und sozialer Wandel“ (1999) von Tamara K. Hareven4 und „Die historische Entwicklung von Familie und Ehe im Kulturvergleich“ (2000) von Georg W. Oesterdiekhoff.5

1.1 Ergebnisse

Die Familien- und Eheforschung ist eine relativ junge Wissenschaft. Ihre Ursprünge fallen mit den Anfängen der Soziologie, Ethnologie und Psychoanalyse im 19. Jahrhundert zusammen. Einzug in die Geschichtswissenschaft hat sie erst vor wenigen Jahrzehnten mit dem immer grösser werdenden Interesse an Alltags-, Sozial- und Geschlechtergeschichte gehalten. Dementsprechend dürftig ist das empirische Material, vor allem aus der sogenannte n vorstatistischen Zeit. Viele Quellen sind noch nicht aufgearbeitet, über Zahlen kann oft nur spekuliert werden. 

1.1.1 Neue Ehe- und Familienkonzepte im 19. Jahrhundert

Die Familie und die Verbindlichkeit des Familienverständnisses wurden von einer schier ununterbrochenen Folge von Instanzen eingeprägt und befestigt: Elternhaus, Schule und Kirche, Recht und Verwaltung, Ärzte, Literatur, Zeitungen etc. Wer die Familie angriff, stellte sich ausserhalb der Gesellschaft und provozierte die stärksten Emotionen. Es war für einen Erwachsenen die Norm, verheiratet zu sein; Singles, vor allem alte Jungfern, waren Gegenstand des Spottes. Nur Künstler mit Bohèmeneigungen machten eine – missbilligte wie beneidete – Ausnahme.6

Mit dem Gedankengut der Aufklärung und der Romantik hielt in Europa ein neues Bild der Familie und Ehe Einzug, welches jedoch lange weitgehend auf die Theorie beschränkt blieb und vorerst nur in bürgerlichen Oberschichten eine gewisse Wirkung entfaltete. „Die Romantiker lehnten jeden äusseren rechtlichen oder religiösen Rahmen für die Begründung und Stabilisierung des Zusammenseins von Mann und Frau, Eltern und Kindern ab. Ehe und Familie sollten ausschliesslich auf Liebe gründen. Solche romantischen Beziehungsformen wurden in der Folgezeit zum Leitbild bürgerlichen Familienlebens.“7 Doch auch im Bürgertum fand dieses Ideal häufig nur wenig Entsprechung in der Realität. Der weltlichen Herrschaft und damit auch dem Hausvater als Herr der Familie wurde durch die politische Philosophie der Aufklärungszeit die religiöse Legitimation entzogen. Dieses Gedankengut umfasste prinzipiell auch die Gleichheit der Geschlechter, durch die verschärfte Betonung der Geschlechtscharaktere (biologisch verankerte Geschlechtsmerkmale) wurde der Gleichheitsgedanke aber entschärft, um patriarchalische Rollenverteilung und Familienstrukturen nicht zu gefährden. Frauen wurden als passiv, emotional und mütterlich beschrieben, während Männer aktiv, rational und berufsorientiert sein sollten. Diese Geschlechterpolarität wurde selbst von den bürgerlichen Frauenbewegungen akzeptiert, sie forderten Gleichberechtigung, aber auf der Grundlage von Andersartigkeit.8

[....]


1 GESTRICH, ANDREAS, Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999

2 EHMER, JOSEF, HAREVEN, TAMARA K. und WALL, RICHARD (HG.), Historische Familienforschung. Ergebnisse und Kontroversen, Frankfurt am Main 1997

3 GOODY, JACK, Die Entwicklung von Ehe und Familie in Europa, Berlin 1986 und GOODY, JACK, Geschichte der Familie, München 2002

4 HAREVEN, TAMARA K., Familiengeschichte, Lebenslauf und sozialer Wandel, Frankfurt am Main 1999

5 OESTERDIEKHOFF, GEORG W., Familie, Wirtschaft und Gesellschaft in Europa. Die historische Entwicklung von Familie und Ehe im Kulturvergleich, Stuttgart 2000

6 NIPPERDEY, THOMAS, Deutsche Geschichte 1866-1918. Arbeitswelt und Bürgergeist. Band I, München 1990, S.44f

7 GESTRICH, Familie, S.5

8 GESTRICH, Familie, S.6


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