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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 25 Pages
Author: Magister Joachim Pahl
Subject: History - Newer History, European Unification
Details
Institution/College: University of Münster (Philosophische Fakultät)
Tags: Morallehre, Carl, Friedrich, Bahrdt, Hauptseminar, Prozeß, Zivilisation, Höflichkeit, Habitus, Sitten, Frühen, Neuzeit
Year: 2003
Pages: 25
Grade: gut
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-25034-4
ISBN (Book): 978-3-638-68177-3
File size: 201 KB
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Abstract
Das 18. Jahrhundert wird heute aus geistesgeschichtlicher Sicht als „Zeitalter der Aufklärung“ beschrieben, das gekennzeichnet war durch eine Hinwendung nicht nur zur Reflektion im Bereich von Staatsphilosophie, sondern in seiner Konsequenz auch zur Verstandesanwendung in der Lebensführung jedes einzelnen Menschen. Ein bereits in der Frühen Neuzeit aufgetretener Bestandteil aufklärerischen Denkens war die empirische Vorgehensweise in den Wissenschaften, was zu einer sukzessiven Abkehr von der absoluten Autorität der antiken Vorbilder und der Kirchenlehrer führte. Während bisher die Begriffe und Lehrsätze die Erscheinungen bestimmten, war es nun umgekehrt.1 Ersetzt wurden diese tradierten Denkschemata durch die Maxime, Erkenntnisse aus der Betrachtung des Objekts selbst abzuleiten und dem Untersuchungsgegenstand also eine Gesetzmäßigkeit zuzubilligen, die losgelöst vom geistigen Erbe der Antike und der reinen Buchwissenschaft existierte. Die Aufklärung weist der Vernunft auch nicht die Rolle eines Systems zu, das vor oder über den Dingen existierte, vielmehr ist die Vernunft eine Eigenschaft der Dinge selbst, die durch vernunftorientiertes Denken für den Menschen sichtbar gemacht werden kann. 2 Da die Vernunftanwendung mit dem Anspruch auftrat, die gesamte Gesellschaft zu durchdringen und keine Grenzen akzeptieren zu müssen3, erschöpfte such die Aufklärung jedoch nicht in einem Wandel bei der Erkenntnistheorie 4, sondern war implizit auf praktische Veränderungen in der gesamten soziokulturellen Realität angelegt.5 Einer der radikalsten Aufklärer auf protestantischer Seite war Carl Friedrich Bahrdt, eine Person, die als orthodoxer Theologe begann, als fast areligöser politischer Agitator endete und durch sein Verhalten inner~ wie außerhalb der Universität Freund und Feind emotionalisierte wie kaum ein anderer. In dem „Handbuch der Moral für den Bürgerstand“ versuchte er einem breiten Publikum der Bevölkerungsmitte einen Ratgeber zur Verfügung zu stellen, der Lebensklugheit, christliche Motivation und das Ziel des Berufserfolges miteinander verband und außerdem den Erfordernissen aufklärerischer Hinterfragbarkeit Genüge tat.
Excerpt (computer-generated)
Die Morallehre des Carl Friedrich Bahrdt
von: Joachim Pahl
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
Bahrdts Biographie 4
Das „Handbuch der Moral“ 8
- Der Leserkreis 8
- Andere Stände 9
- Glückseligkeit 10
- Verhalten gegen Staat und Obrigkeit 12
- Ökonomie des Bürgers 13
- Ergötzlichkeiten 17
- Bürgerliches Metier 18
- Wahl des Ehegatten 20
Schlußbetrachtung 21
Quelle und Literaturverzeichnis 23
Einleitung
Das 18. Jahrhundert wird heute aus geistesgeschichtlicher Sicht als „Zeitalter der Aufklärung“ beschrieben, das gekennzeichnet war durch eine Hinwendung nicht nur zur Reflektion im Bereich von Staatsphilosophie, sondern in seiner Konsequenz auch zur Verstandesanwendung in der Lebensführung jedes einzelnen Menschen. Ein bereits in der Frühen Neuzeit aufgetretener Bestandteil aufklärerischen Denkens war die empirische Vorgehensweise in den Wissenschaften, was zu einer sukzessiven Abkehr von der absoluten Autorität der antiken Vorbilder und der Kirchenlehrer führte. Während bisher die Begriffe und Lehrsätze die Erscheinungen bestimmten, war es nun umgekehrt.1 Ersetzt wurden diese tradierten Denkschemata durch die Maxime, Erkenntnisse aus der Betrachtung des Objekts selbst abzuleiten und dem Untersuchungsgegenstand also eine Gesetzmäßigkeit zuzubilligen, die losgelöst vom geistigen Erbe der Antike und der reinen Buchwissenschaft existierte. Die Aufklärung weist der Vernunft auch nicht die Rolle eines Systems zu, das vor oder über den Dingen existierte, vielmehr ist die Vernunft eine Eigenschaft der Dinge selbst, die durch vernunftorientiertes Denken für den Menschen sichtbar gemacht werden kann. 2 Da die Vernunftanwendung mit dem Anspruch auftrat, die gesamte Gesellschaft zu durchdringen und keine Grenzen akzeptieren zu müssen3, erschöpfte such die Aufklärung jedoch nicht in einem Wandel bei der Erkenntnistheorie 4, sondern war implizit auf praktische Veränderungen in der gesamten soziokulturellen Realität angelegt.5
Trotz dieses universalistischen Selbstverständnisses kam es dazu, daß sich nicht nur in den einzelnen möglichen Anwendungsgebieten wie Naturwissenschaft, Recht, Religion und Herrschaft spezifische Darstellungsformen aufklärerischen Denkens entwickelten, sondern auch in den europäischen Ländern die Entwicklung der Aufklärung unterschiedliche Wege ging. Innerhalb eines Herrschaftsbereiches hatte das vernunftorientierte Denken keineswegs ein Monopol. Der luxuskritische Pietismus, religiöse Erweckungsbewegungen sowie zahlreiche, teilweise antiaufklärerisch-esoterische Freimaurerlogen standen in geistiger Konkurrenz zu den Aufklärern, die ihre Anhängerschaft meist unter Gelehrten und Intellektuellen, allenfalls noch im gehobenen Bürgertum und bei einigen, meist studierten, Adligen fanden, während das einfache Volk von der neuen Denkungsart weitgehend unberührt blieb und sich kaum von seiner durch Aberglauben geprägten Weltbetrachtung lösen wollte und dies mangels Bildung wohl auch nicht konnte. Auf religions~ und staatspolitischem Gebiet war Toleranz die Hauptforderung der Aufklärer; eine Zielsetzung, die den Interessen des absolutistischen Staates entgegen kam, denn die Religionskriege hatten gezeigt, daß der Zwang, einer bestimmten Konfession anzugehören, den Frieden zwischen den Konfessionen nicht dauerhaft sichern konnte. So wurden Abweichungen von der Staatsreligion mehr nolens als volens geduldet, solange die Ausübung des Bekenntnisses im privaten Rahmen stattfand. Eine weitere Benachteiligung der Andersgläubigen bestand darin, daß sie oft von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen blieben. 6 Auch innerhalb der Religionen selbst wirkte die Aufklärung durch Theologen, die die biblischen Aussagen von Mystizismus und Wunderglauben zu trennen versuchten und dabei auf den entschlossenen Widerstand des orthodoxen Teils ihres Kollegiums trafen. Auf katholischer Seite tat sich die Aufklärung ungleich schwerer als auf evangelischer, da der Katholizismus stärker traditionsorientiert war, während der Protestantismus schon durch seinen Ursprung der Kritik offener gegenüberstand.7
Einer der radikalsten Aufklärer auf protestantischer Seite war Carl Friedrich Bahrdt, eine Person, die als orthodoxer Theologe begann, als fast areligöser politischer Agitator endete und durch sein Verhalten inner~ wie außerhalb der Universität Freund und Feind emotionalisierte wie kaum ein anderer. In dem „Handbuch der Moral für den Bürgerstand“ versuchte er einem breiten Publikum der Bevölkerungsmitte einen Ratgeber zur Verfügung zu stellen, der Lebensklugheit, christliche Motivation und das Ziel des Berufserfolges miteinander verband und außerdem den Erfordernissen aufklärerischer Hinterfragbarkeit Genüge tat. Welche Moral Bahrdt entwickelt, soll hier ebenso untersucht werden wie die Begründungen und Zielsetzungen seiner Verhaltensratschläge. Auch soll festgestellt werden, welche Rolle und welches Selbstverständnis er dem von ihm angesprochenen Leserkreis zuweist. Es fällt schwer, im Zusammenhang mit Bahrdt von einem Forschungsstand zu sprechen, denn zu sehr schwanken die Wertungen zwischen Verachtung und Verehrung, zu sehr auch scheint das wechselvolle Leben Bahrdts und die Sprunghaftigkeit seines Verhaltens sowohl das eine wie das andere zu rechtfertigen, was in der Literatur bis heute zu Formulierungen an der Grenze zur Unflätigkeit geführt hat.
Bahrdts Biographie
[...]
1 Cassirer, Philosophie, S.8
2 Cassirer, Philosophie, S.9
3 Herrmann, Kodifizierung, S.322
4 Dieser konnte soweit gehen, daß man wie Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ sogar bereit war, das zentrale Erkenntnismittel, nämlich die Vernunft, selbst anzuzweifeln und dabei zu dem Ergebnis kam, daß es prinzipielle Grenzen vernunftmäßiger Erkenntnis gebe.
5 Dülmen, Kultur, Bd.3, S.212
6 Stollberg, Europa, S.95
7 Stollberg, Europa, S.98
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