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Was tun, wenn Grundschüler gewalttätig werden? Bestandsaufnahme und Handlungsmöglichkeiten

Examensarbeit, 2003, 106 Seiten
Autor: Barbara Walzner
Fach: Pädagogik - Schulpädagogik

Details

Kategorie: Examensarbeit
Jahr: 2003
Seiten: 106
Note: 1,0 (sehr gut)
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V21509
ISBN (E-Book): 978-3-638-25110-5

Dateigröße: 719 KB


Textauszug (computergeneriert)

Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik
Schriftliche Zulassungsarbeit zur 1. Staatsprüfung
für das Lehramt an Grundschulen

Examensarbeit

Thema:

Was tun wenn Grundschüler gewalttätig werden?
Bestandsaufnahme und Handlungsmöglichkeiten

 Barbara Walzner
5. April 2003

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort ... 5

Einleitung  ... 7

1 Einordnung des Themas in die Grundschulpädagogik  ... 9

2 Begriffsbestimmungen  ... 11
2.1 Etymologie  ... 11
2.2 Definitionen von Gewalt  ... 12
2.3 Aggression  ... 14
2.3.1 Begriffsklärung  ... 14
2.3.2 Entstehungstheorien  ... 14
2.3.3 Ziele und Folgen kindlicher Aggressivität  ... 16
2.4 Zur Übereinstimmung bzw. Unterscheidung von Aggression und Gewalt  ... 17

3 Erscheinungsformen von Gewalt  ... 19
3.1 Betroffene Gruppen innerhalb des Schulsystems  ... 19
3.2 Formen der Gewalt  ... 19
3.2.1 Personale Gewalt  ... 19
3.2.1.1 Physische Gewalt  ... 19
3.2.1.2 Psychische Gewalt  ... 20
3.2.2 Strukturelle Gewalt  ... 20
3.2.3 Gewaltphänomene an Grundschulen  ... 21

4 Empirische Befunde  ... 23
4.1 Erträge der jüngeren Forschung  ... 23
4.1.1 Formen und Häufigkeiten der Gewaltanwendung  ... 23
4.1.2 Unterschiede hinsichtlich verschiedener Bezugsfelder  ... 23
4.1.2.1 Schulform  ... 23
4.1.2.2 Alter  ... 24
4.1.2.3 Geschlecht  ... 24
4.1.2.4 Region und Schulgröße  ... 24
4.1.2.5 Interventionen bei Gewaltkonflikten  ... 24
4.1.2.6 Zusammenfassung  ... 25
4.1.3 Beziehungen zwischen Opfer- und Tätersein  ... 25
4.1.3.1 Unterscheidung zweier informeller Kulturen  ... 25
4.1.3.2 Was charakterisiert einen typ ischen Gewalttäter?  ... 26
4.1.3.3 Was charakterisiert ein typisches Gewaltopfer?  ... 26
4.2 Hat die Gewalt an Schulen im Zeitverlauf zugenommen?  ... 27
4.2.1 Probleme bei der Erhebung anlässlich dieser Fragestellung  ... 27
4.2.2 Das durch die Medien suggerierte Bild  ... 28
4.2.3 Ausgewählte exemplarische Untersuchungen  ... 28
4.3 Schwierigkeiten hinsichtlich der Übertragbarkeit auf Grundschulen  ... 30

5 Gewalt in der Schule – importiert oder selbstproduziert?
Eine Annäherung an die Ursachen von Gewalt  ... 32
5.1 Wird Gewalt in die Schule hineingetragen?  ... 32
5.1.1Familienverhältnisse  ... 32
5.1.2 Gleichaltrigenbeziehungen  ... 33
5.1.3 Konsum und Umgang mit den Medien  ... 34
5.2 Wird Gewalt durch die Schule gefördert?  ... 35
5.2.1 Schulform und Schulgröße  ... 36
5.2.2 Lernkultur  ... 36
5.2.3 Sozialklima  ... 37
5.2.4 Schulorganisatorische Bedingungen  ... 37
5.3 Bewertung  ... 38

6 Handlungsmöglichkeiten für Lehrkräfte  ... 40
6.1 Aspekte einer gewaltmindernden Pädagogik  ... 40
6.1.1 Präventive Maßnahmen im schulischen Bereich  ... 40
6.1.1.1 Bestandsaufnahme  ... 40
6.1.1.2 Einführung von Regeln und Grenzensetzung  ... 41
6.1.1.3 Entwicklung der Lernkultur  ... 42
6.1.1.4 Entwicklung des Sozialklimas  ... 43
6.1.1.5 Medienerziehung gegen Mediengewalt  ... 46
6.1.1.6 Auseinandersetzung mit den Geschlechterrollen  ... 47
6.1.1.7 Vermeidung von Etikettierungen bei schwierigen Schülern  ... 48
6.1.1.8 Kooperation mit der Jugend- bzw. Familienhilfe  ... 49
6.1.1.9 Weitere präventive Maßnahmen  ... 50
6.1.1.10 Präventive Maßnahmen im außerschulischen Bereich  ... 50
6.1.2 Intervention  ... 52
6.1.3 Konfliktbewältigung  ... 53
6.1.3.1 Allgemeine Grundlagen  ... 53
6.1.3.2 Konfliktmanagement durch Mediation  ... 54
6.1.3.3 Lernspiele zur Konfliktlösung und Streitschlichtung  ... 56
6.2 Ausgewählte Programme gegen Gewalt an Schulen  ... 57
6.2.1 Auswahlkriterien  ... 57
6.2.2 Programme für Schüler am Beispiel von PETERMANN  ... 58
6.2.2.1 Zielsetzung  ... 58
6.2.2.2 Grundkonzeption  ... 60
6.2.2.3 Ablauf einer Trainingssitzung  ... 61
6.2.3 Programme für Lehrer am Beispiel des KTM von TENNSTÄDT  ... 62
6.2.3.1 Zielsetzung  ... 62
6.2.3.2 Grundkonzeption  ... 63
6.2.3.3 Ausgewählte Programmelemente  ... 64
6.2.4 Schulumfassende Maßnahmen nach OLWEUS  ... 65
6.2.4.1 Zielsetzung und Grundprinzipien  ... 65
6.2.4.2 Wesentliche Erkenntnisse  ... 68
6.2.4.3 Konkrete Vorstellung des Interventionsprogramms  ... 68
6.2.4.4 Bewertung des vorgestellten Interventionsprogramms  ... 77
6.3 Abschließende Bemerkung  ... 79

Nachwort  ... 81

Anhang  ... 83

Literaturverzeichnis  ... 102

 

Vorwort

Ohne Zweifel hat das Thema „Gewalt an Schulen“ in Fernsehen, Rundfunk, Büchern, Zeitschriften und in Zeitungen seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Titel wie „Die Fäuste werden immer kleiner“, „Die Aggressivität der Kinder wird immer stärker“ oder „Gewalt an der Tagesordnung“ werden heute kaum noch einen Leser schockieren. Gewalt an Schulen, insbesondere auch Meldungen von jugendlichen Mördern, ein Problem, das lange als rein amerikanisch abgestempelt wurde, ist heute auch bei uns in Deutschland nicht mehr klein zu reden.

Rückblickend kann angemerkt werden, dass die intensive Medienberichterstattung Anfang der 90er Jahre begann, vermutlich als Folge der allgemeinen Gewaltdiskussion im Zusammenhang mit den ausländerfeindlichen Gewaltverbrechen in Mölln, Hoyerswerda und Rostock. Ab 1992 in etwa wurde das Thema von der pädagogischen Profession stärker in den Blick genommen und diskutiert. Der Laie wurde allerspätestens nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium am 26. April 2002 durch den Schüler Robert Steinhäuser auf diese Gefahr an bundesdeutschen Schulen aufmerksam.

Die Frage, was uns heute dazu führt, das Thema Gewalt in dieser Ausführlichkeit zu behandeln, wie es derzeit getan wird, dürfte durch die vorhergehenden Anmerkungen wohl beantwortet sein. Aber hat die Gewalt an Schulen im Zeitverlauf tatsächlich zugenommen? Oder hat sich nur die angewandte Brutalität gesteigert? Welche Ursachen stecken hinter diesem Phänomen und vor allem was kann ich als Lehrkraft dagegen tun? Fragen wie diese und andere sollen in der vorliegenden Arbeit thematisiert und beantwortet werden.

Die Schule, insbesondere die Grundschule, kann Gewalt sicher nicht aus der Welt schaffen, aber sie kann versuchen, das Klima zu verändern, in dem Gewalttaten möglich werden, und sie kann präventiv arbeiten. So lange nur Klagen über die zunehmende Aggressivität und Gewalttätigkeit schon bei Grundschulkindern zu registrieren sind, wird sich wohl nichts verändern. Neue Perspektiven lassen sich nur eröffnen, wenn jeder bei sich und im Kleinen beginnt.
Sich informieren und handeln statt klagen und resignieren lautet die Devise. Einen Beitrag dazu möchte diese Arbeit leisten.

Als Lehramtsstudentin für die Grundschule sehe ich mich in der Verpflichtung, mich bereits während meines Studiums mit dem Phänomen der Gewalt in der Schule auseinander zu setzen. Gerade die Tatsache, dass manchen Kindern keine alternativen Handlungsformen zur Konfliktbewältigung bekannt sind, als gewalttätig zu werden, muss uns Lehrer nachdenklich werden lassen. So hat sich die vorliegende Zulassungsarbeit zum Ziel gesetzt, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese Gewaltspirale insbesondere in der Grundschule aufgebrochen werden kann. Diese schriftliche Hausarbeit sehe ich als hervorragende Chance an, mich grundlegend mit dem Thema Gewalt vertraut zu machen, Erscheinungsformen abzuklären, Ursachen aufzuspüren und vor allem Handlungsformen kennen zu lernen, die mir in meiner späteren Lehrtätigkeit an der Grundschule helfen können, vor diesem Problem nicht kapitulieren zu müssen, sondern ihm „Herr“ zu werden.

Anmerkung:
In der vorliegenden Arbeit wird der Verständlichkeit halber die einfache männliche Ausdrucksform gewählt. So wird in der Regel von Lehrern und Schülern gesprochen. Gemeint sind dabei immer beide Geschlechter gleichermaßen. Eine Abweichung findet nur dann statt, wenn die beiden Geschlechter nicht in derselben Weise angesprochen werden.

Einleitung

Ziel des 1. Kapitels ist die Einordnung der Thematik in den Rahmen der Grundschulpädagogik.

Im folgenden 2. Kapitel soll dem Leser der Begriff „Gewalt“ näher gebracht werden. Aufgrund des uneinheitlichen Verständnisses muss auch der benachbarte Begriff „Aggression“ definiert werden, sowie auf die Frage eingegangen werden, inwieweit sich beide Begrifflichkeiten überschneiden bzw. voneinander abheben.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit den Erscheinungsformen von Gewalt in der Grundschule. Die personale, die sich in physische und psychische Gewalt aufteilt, wird von der strukturellen Gewalt unterschieden. Anschließend werden einige in der Grundschule auftretende Gewaltformen dargestellt.

Das darauf folgende 4. Kapitel möchte dem Leser einen Überblick über die aktuellen empirischen Befunde verschaffen. Ausgehend von den Erträgen der jüngeren Forschung soll die Frage nach der Richtigkeit des durch die Medien vermittelten Bildes geklärt werden. Ob die Gewalt unter Schülern tatsächlich derart drastisch zugenommen hat, wird auf der Basis einiger Untersuchungen zu beantworten sein. Letztlich wird es in diesem Kapitel um die Übertragung auf die Grundschule und damit verbundene Schwierigkeiten der besprochenen Befunde gehen.

Kapitel 5 hat es sich zum Ziel gesetzt unter der Fragestellung „Gewalt in der Schule – importiert oder selbstproduziert?“ zentrale Ursachen von Gewalthandeln aufzuspüren. Familienverhältnisse, Gleichaltrigenbeziehungen sowie der Umgang mit und Konsum von Medien müssen daraufhin untersucht werden, ob sie Gewalttendenzen fördern und somit dafür verantwortlich sind, dass Gewalt in die Grundschule hineingetragen wird. Auf der anderen Seite ist die Frage zu klären, ob Gewalt vielleicht auch durch die Schule selbst gefördert wird. Wie müssen Lernkultur, Sozialklima und schulorganisatorische Bedingungen gestaltet sein, damit sie keinen Nährboden für Gewalthandlungen darstellen? Eine abschließende Bewertung des Ursachengefüges wird das Kapitel abrunden.

Da es nun aber nicht ausreichen kann, bei den Ursachen stehen zu bleiben, wird ein 6. Kapitel, das zudem den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet, unerlässlich. Im Zentrum dessen werden Handlungsmöglichkeiten für Lehrkräfte stehen. Zuerst wird es um die Vorstellung von Aspekten einer gewaltmindernden Pädagogik gehen. Präventive Maßnahmen für den schulischen wie den außerschulischen Kontext, konkrete Interventionshilfen sowie Möglichkeiten der Konfliktbewältigung im Sinne des Konfliktmanagements werden breiten Raum einnehmen. Des Weiteren werden ausgewählte Programme gegen Gewalt an Schulen vorgestellt werden. Diese wurden danach unterteilt, ob sie für die Schülerschaft, die Lehrkräfte oder umfassend für die gesamte Schule auf sämtlichen Bereichen konzipiert wurden.

1 Einordnung des Themas in die Grundschulpädagogik

Um das Thema dieser Zulassungsarbeit in einen gewissen Rahmen zu betten, soll an erster Stelle eine Einordnung des Gegenstandes in die Grundschulpädagogik erfolgen.

Der bayerische Lehrplan von 2000 versteht neben der Bildung auch Erziehung als Aufgabe der Grundschule.1 Insbesondere durch den erzieherischen Auftrag trägt die Grundschule die Verantwortung, die Schüler als ganze Menschen in den Blick zu nehmen. Jedes Kind hat als individuelle Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen das Recht darauf, ernstgenommen und gefördert zu werden, so dass es die Grundschule als positive Chance für seine weitere Entfaltung erleben kann.2 Die Erziehung, die in der Grundschule zu leisten ist, sollte also an der Individualität, am Bedürfnis nach Zuwendung und am Streben nach Anerkennung und Leistung jedes einzelnen Kindes ansetzen. „Die Grundschule der Vielfalt muss deshalb auch als humane Schule des Respekts vor der Würde und Einzigartigkeit der betroffenen Kinder (und Lehrkräfte) gedacht werden.“3 Die Stichwörter „humane Schule“ und „Respekt vor der Würde“ machen deutlich, dass es Ziel der Grundschule sein muss, die ihr anvertrauten Schüler vor gewalttätigen Angriffen, welcher Art auch immer, zu schützen. Ihrem Auftrag gemäß soll die Grundschule gleiche Bildungschancen für alle Kinder herstellen und eigenständige Ziele der sozialen Kompetenz gegenüber den Zielen und Erscheinungen im sozialen Erfahrungsraum Gesellschaft mit Egoismus, Konkurrenz, Kälte, Isolation, Macht und Mangel an Zivilcourage gewinnen.4 Die soziale Kompetenz beinhaltet unter anderem Gesprächsfähigkeit und Regelbewusstsein. So zählt es zu den Aufgaben der Grundschule, will sie den ihr gegebenen Auftrag gewissenhaft erfüllen, die soziale Kompetenz ihrer Schüler auszubilden und zu stärken. KAHLERT betont in diesem Zusammenhang die Aufgabe des sozialwissenschaftlichen Lernbereichs des Sachunterrichts, nämlich Einsichten für das Verständnis sowie Fähigkeiten und Verantwortung für die bewusste Gestaltung sozialer Beziehungen anzubahnen.5 Eine sog. bewusste Gestaltung sozialer Beziehungen kann nicht meinen, dass über Akte der Gewalt in der Schule hinweggesehen werden kann. Die Sozialisationsleistungen, die die Grundschule zu erfüllen hat, die sowohl den Einzelnen als auch die Qualität des Zusammenlebens fördern wollen, „[...] sind in hochdifferenzierten und offenen Gesellschaften mit ihrer Vielfalt an Lebensgewohnheiten, Erfahrungs- und Entwicklungsmöglichkeiten von keiner anderen Institution als der Schule mit hinreichender Zuverlässigkeit zu erwarten.“6

[....]


1vgl. Lehrplan für die Grundschulen in Bayern. Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus. München 2000, 5.

2 vgl. Drews, Ursula/ Schneider, Gerhard/ Wallrabenstein, Wulf: Einführung in die Grundschulpädagogik. Weinheim, Basel: Beltz 2000, 94.

3 Drews 2000, 94.

4 vgl. Drews 2000, 98.

5 vgl. Kahlert, Joachim: Sozialwissenschaftlicher Lernbereich im Sachunterricht. In: Einsiedler, Wolfgang/ Götz, Margarete/ Hacker; Hartmut/ Kahlert, Joachim/ Keck, Rudolf W./ Sandfuchs, Uwe (Hrsg.): Handbuch Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2001, 517.

6 Kahlert 2001, 517.


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