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Erinnern und Vergessen in Christopher Nolan`s "Memento"

Hauptseminararbeit, 2004, 32 Seiten
Autor: Iris Baumgärtel
Fach: Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Details

Veranstaltung: Gedächtnispathologien in Film und Literatur
Institution/Hochschule: Universität Konstanz (Fachbereich Kunst- und Medienwissenschaft)
Tags: Erinnern, Vergessen, Christopher, Nolan`s, Memento, Gedächtnispathologien, Film, Literatur
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 32
Note: 1
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V21810
ISBN (E-Book): 978-3-638-25336-9
ISBN (Buch): 978-3-638-64669-7
Dateigröße: 668 KB
Anmerkungen :
"Memento" greift das letzten Jahren offenbar wieder sehr aktuell gewordene Thema der Gedächtnisstörung auf. Bei der Analyse des Films soll an Hand der formalen Struktur, des Plots und der Narrationsform die Problematik der Krankheit des Protagonisten erörtert werden. Die wesentlichen Fragen werden sein: Wie ist die Gedächtnispathologie formal umgesetzt? Wie wird sie dem Zuschauer vermittelt? und Wie behandelt Memento inhaltlich und formal das Thema Realität und künstliche Identität?


Zusammenfassung / Abstract

Christopher Nolan`s Film Memento ist einer der Filme, die das in den letzten Jahren offenbar wieder sehr aktuell gewordene Thema der Gedächtnisstörung aufgreifen. Vergleichbar mit Tom Tykwers Winterschläfer, determiniert diese Krankheit das Leben der Hauptfigur, deren Hauptproblem darin besteht, die Realität außerhalb des eigenen Kopfes zu meistern. Memento unterscheidet sich dennoch in wesentlichen Aspekten vom klassischen Spielfilm, da er durch eine extravagante Narration den Zuschauer gleich mit zum pathologisch Kranken macht. Der scheinbar chaotische Aufbau dieses Puzzle-Thrillers besteht tatsächlich aus einem genau durchstrukturierten, systematischen Plot und einer sehr ungewöhnlichen Erzählform. Die Thematik wird wie in zentrischen Kreisen durch die formale Struktur des Films bis hinein ins kleinste Detail getragen. Etwa wie The Sixth Sense oder The Usual Suspects trägt nahezu jede Szene eine besondere Bedeutung und treibt die Handlung in immer neue Richtungen weiter, ohne aber zu verraten, wo eigentlich alles hinführen soll. Die Kurzgeschichte Memento Mori von Nolan`s Bruder Jonathan diente dem jungen, britischen Regisseur als Vorlage zu Memento, seinem zweiten Film nach Follwing (1988). Im Dezember 2001 in die Kinos gekommen, hielt er sich dort 15 Wochen lang und übertraf in dieser Hinsicht sogar Pearl Harbour um Längen. Den Kritikern und Rezensoren fiel es offenbar nicht leicht, Memento in ein genaues Filmgenre einzuordnen. Einmal als Thriller bezeichnet, dann wieder als Film Noir und Neo-Noir, trifft es wohl am ehesten zu, ihn als eine Mischung aus diesen zu bezeichnen. In dieser Arbeit soll nun zunächst eine Grundlage gegeben werden, welche Merkmale klassischer Genres Memento trägt. Dazu soll der Film Noir, Neo-Noir und Revenge-Film näher erläutert werden, deren stilistische Kennzeichen sich weitläufig in Nolans Film wieder finden. Bei der Analyse des Films selbst soll an Hand der formalen Struktur, des Plots und der Narrationsform die Problematik der Krankheit des Protagonisten erörtert werden. Die wesentlichen Fragen dabei werden sein: Wie ist die Gedächtnispathologie formal umgesetzt? Wie wird sie dem Zuschauer vermittelt? und Wie behandelt Memento inhaltlich und formal das Thema Realität und Identität bzw. Realitätsverlust und künstliche Identität?


Textauszug (computergeneriert)

Erinnern und Vergessen
in Christopher Nolan`s Memento

 


BAUMGÄRTEL, Iris

Inhalt

Einführung

I. Film Noir, Neo-Noir und Revenge-Film

II. Markierung von Erinnerung im Film

III. Memento

1. Inhalt und Plot
2. Narrative Struktur

2.1. Das Opening und die Farb-Szenen
2.2. Die Schwarzweiß-Szenen
2.3. Die Schlüssel-Sequenz: 22/A

3. Getäuschte Wirklichkeit und die Rolle der Schrift

Zusammenfassung und Ausblick

Bibliografie

Anhang

 

 

 


Einführung

Christopher Nolan`s Film Memento ist einer der Filme, die das in den letzten Jahren offenbar wieder sehr aktuell gewordene Thema der Gedächtnisstörung aufgreifen. Vergleichbar mit Tom Tykwers Winterschläfer, determiniert diese Krankheit das Leben der Hauptfigur, deren Hauptproblem darin besteht, die Realität außerhalb des eigenen Kopfes zu meistern. Memento unterscheidet sich dennoch in wesentlichen Aspekten vom klassischen Spielfilm, da er durch eine extravagante Narration den Zuschauer gleich mit zum pathologisch Kranken macht. Der scheinbar chaotische Aufbau dieses Puzzle-Thrillers besteht tatsächlich aus einem genau durchstrukturierten, systematischen Plot und einer sehr ungewöhnlichen Erzählform. Die Thematik wird wie in zentrischen Kreisen durch die formale Struktur des Films bis hinein ins kleinste Detail getragen. Etwa wie The Sixth Sense oder The Usual Suspects trägt nahezu jede Szene eine besondere Bedeutung und treibt die Handlung in immer neue Richtungen weiter, ohne aber zu verraten, wo eigentlich alles hinführen soll. Die Kurzgeschichte Memento Mori von Nolan`s Bruder Jonathan diente dem jungen, britischen Regisseur als Vorlage zu Memento, seinem zweiten Film nach Follwing (1988). Im Dezember 2001 in die Kinos gekommen, hielt er sich dort 15 Wochen lang und übertraf in dieser Hinsicht sogar Pearl Harbour um Längen.

Den Kritikern und Rezensoren fiel es offenbar nicht leicht, Memento in ein genaues Filmgenre einzuordnen. Einmal als Thriller bezeichnet, dann wieder als Film Noir und Neo-Noir, trifft es wohl am ehesten zu, ihn als eine Mischung aus diesen zu bezeichnen. In dieser Arbeit soll nun zunächst eine Grundlage gegeben werden, welche Merkmale klassischer Genres Memento trägt. Dazu soll der Film Noir, Neo-Noir und Revenge-Film näher erläutert werden, deren stilistische Kennzeichen sich weitläufig in Nolans Film wieder finden. Bei der Analyse des Films selbst soll an Hand der formalen Struktur, des Plots und der Narrationsform die Problematik der Krankheit des Protagonisten erörtert werden. Die wesentlichen Fragen dabei werden sein: Wie ist die Gedächtnispathologie formal umgesetzt? Wie wird sie dem Zuschauer vermittelt? und Wie behandelt Memento inhaltlich und formal das Thema Realität und Identität bzw. Realitätsverlust und künstliche Identität?

I. Film Noir, Neo-Noir und Revenge-Film

In den frühen 40-er Jahren kam in Amerika, sozusagen als Gegenbewegung zu den glamourösen und ausladenden Hollywoodproduktionen, ein neues Genre im Film auf: Der Film Noir. Als erster Film dieser Kategorie wird meistens John Huston`s The Maltese Falcon (1941) genannt. Darin spielt Humphrey Bogart die Rolle des für den Film Noir bezeichnenden “non-heroic hero“1. Silver und Ward hingegen geben schon Underworld (1927) von Josef von Sternberg als ersten Film Noir an2 - die Diskussion um den Beginn dieser neuen Stilrichtung ist also keineswegs vollständig geklärt.

In historischer Sicht entwickelte sich der europäische Film Noir in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und einer Ära des Umbruchs und wirtschaftlicher Unsicherheit. Amerika hatte in den 30-er Jahren ebenfalls mit wirtschaftlicher Depression und hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Erst in Folge des Krieges und nach dem Eingreifen in das aufgewühlte Weltgeschehen setzte das Land an, selbst ökonomisch und sozial aufzublühen. Zwei gegenläufige Begriffsklassen erhielten in der amerikanischen Gesellschaft eine neue Relevanz: Materialismus und Idealismus. Dennoch hatte Amerika durch den Weltkrieg zum Einen eine neue außenpolitische Mitverantwortung übernommen und sich selbst in eine bislang noch nicht erfahrene Position gehoben. Etabliert als militärische Weltmacht kamen im Laufe des Kalten Krieges dem Volk hinter ihr er scheinbar sonnigen Realität dennoch Zweifel und Ängste vor der globalen Entwicklung und besonders vor der Bedrohung ihrer neu gewonnenen Interessen durch die Kommunisten. Begriffe wie „Alienation“, Desorientierung und Desillusionierung waren also sowohl in Europa, als auch Amerika bis in die 50-er Jahre hinein präsent. Der Terminus Film Noir tauchte erstmals 1946 beim französischen Kritiker Nino Frank 3 auf, dem in diesen Filmen eine kriminelle Psychologie, Gewalt und alltäglicher Realismus (vécu) auffiel4. Stilistisch hat der Film Noir der 40-er und 50-er Jahre keine speziellen eigenen Elemente, die ihn eindeutig als selbständiges Genre definieren würden. Vielmehr entlehnt er Stilmittel aus anderen Genres, wie unter anderem dem Thriller, Horror, Krimi und Science Fiction, und verbindet sie in seiner unverkennbaren Eigenart zu einer neuen filmischen Ausdrucksform. Tatsächlich war der Terminus „Film Noir“ seinerzeit lediglich ein analytischer Begriff:

[...]


1 Kaminsky, Stuart M.,1977, S.67
2 Silver, Alain /Ward, Elisabeth, 1992
3 Frank, Nino Un Nouveau Genre «Policièr», L’Aventure Criminelle, L’Écran Français 61, 1946
4 Nach: Neale, Steve, 2000, S.154


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