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Thesis (M.A.), 1992, 243 Pages
Author: Lutz Schmökel
Subject: Communications: Movies and Television
Details
Tags: Nationalsozialismus, Propaganda, Antisemitismus, Robert Koch, Filmanalyse, Filmgeschichte, Spielfilm, Drittes Reich
Year: 1992
Pages: 243
Grade: Sehr gut
Bibliography: ~ 93 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-10167-7
ISBN (Book): 978-3-638-63674-2
File size: 3871 KB
Bd.1: 143 Seiten, Bd.2: 100 Seiten (Anhang). Achtung: Die Scans im Anhang sind teilweise schlecht leserlich!
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Abstract
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Spielfilm "Robert Koch - Der Bekämpfer des Todes", der 1939 von Hans Steinhoff gedreht wurde. Dabei soll dieser Film auf seine propagandistischen Inhalte untersucht werden, ganz besonders auf jene, die nur im Zusammenhang mit dem zeitgenössischen Kontext der Entstehung und Aufführung des Filmes im Dritten Reich verständlich sind. Dies bedeutet, dass die inhaltliche Gestaltung des Filmes in Bezug gesetzt werden soll zu den politischen und propagandistischen Informationen, die zur Zeit der damaligen Aufführung im Umlauf waren. Besonderes Augenmerk soll dabei auf antisemitische Aussagen geworfen werden. Dem Massenmedium Film kommt mit seinem eigenständigen sprachlichen und emotionalen Code eine besondere Bedeutung für die politische Nutzung als Propagandamittel im Dritten Reich zu. Zwar existiert diesbezüglich eine Fülle von Material, die Forschung konzentrierte sich jedoch bisher immer auf eine zusammenfassende Darstellung des NS-Filmwesens oder auf die Analyse einiger weniger Filme, wie z.B. die Parteifilme von 1933 (Steinhoffs "Hitlerjunge Quex", Seitz' "SA-Mann Brand" und Wenzlers "Hans Westmar") oder "Jud Süß" (Harlan, 1941). Was fehlt, ist die Untersuchung weiterer, auf den ersten Blick nicht als antisemtisch erkennbare, Filme, deren Einordnung in den politischen Kontext sowie ihre Ergänzung durch andere propagandistische Aussagen aus unterschiedlichsten Bereichen. Das so entstehnde Bild des Wirkzusammenhangs unterschiedlichster propagandistischer Aussagen erschließt einen Einblick auf das konnotative Umfeld und eine Einschätzung der subjektiven Wahrnehmung von Filmen im "Dritten Reich".
Excerpt (computer-generated)
LUDWIG-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT, MÜNCHEN
INSTITUT FÜR KOMMUNIKATIONSWISSENSCHAFT (ZEITUNGSWISSENSCHAFT)
DER SPIELFILM "ROBERT KOCH - DER BEKÄMPFER DES TODES"
IM KONTEXT ANTISEMITISCHER PROPAGANDA
BAND I
Hausarbeit zum Erlangen des akademischen Grades Magister Artium (M.A.) der sozialwissenschaftlichen
Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität, München
vorgelegt von:
Lutz Schmökel
München, Dezember 1992
Hauptreferentin:
Prof. Dr. Ursula E. Koch
INHALT
Vorwort 3
1. Einleitung 4
2. Propaganda 11
2.1. Begriffsbestimmung 11
2.2. Propagandaverständnis im Nationalsozialismus 13
2.3. Grundlagen der NS-Propaganda 14
2.4. Umsetzung der Propagandatheorie 16
2.4.1. Ansätze zur Wirkungserklärung nationalsozialistischer Propaganda 18
2.4.2. Feindbilder 20
2.4.3. Sprachregelung 21
2.5. Spielfilm als Propagandainstrument im Dritten Reich 28
2.6. Zusammenfassung 34
3. Antisemitismus im Dritten Reich 37
3.1. Ursprünge der NS-Rassenideologie und Stellenwert im nationalsozialistischen Weltbild 37
3.2. Rassismus im nationalsozialistischen Weltbild 40
3.3. Antisemitische Propaganda im Dritten Reich 43
3.3.1. Das jüdische Feindbild und seine sprachliche Gestaltung 44
3.3.2. Antisemitische Filmpropaganda 50
3.4. Zusammenfassung 56
4. Der "Robert-Koch"-Spielfilm 58
4.1. Entstehungszusammenhang des Filmes 58
4.1.2. Produktionsdaten 58
4.1.3. Produktionsbeteiligte 58
4.1.4. Distribution und Förderung des Filmes 65
4.2. Besprechung in Filmkritiken 67
4.3. Beurteilung des Filmes in der Nachkriegsliteratur - Forschungsstand 70
4.4. Zusätzliche Kontextinformationen 75
4.4.1. Medizin und Medizinerfilm im Dritten Reich 75
4.4.2. Darstellung historischer Personen 76
5. Produktanalyse 82
5.1. Gliederung bzw. Segmentierung des Spielfilmes 82
5.1.1. Akteinteilung 82
5.1.2. Einteilung in Sequenzen und Subsequenzen 84
Übersicht I: Sequenzen (Inhalt) 85
Übersicht II: Sequenzen/Subsequenzen (Zeit) 94
5.2. Beschreibung des Verlaufsprotokolls 98
5.3. Auswertung 99
5.3.1. Gestaltung des Filmes 99
5.3.2. Untersuchung von manifesten propagandistischen Elementen des Filmes 101
5.4. Feinanalyse - Untersuchung des Feindbildes im Spielfilm 112
5.4.1. Auswahl und Protokollierung der Schlüsselszenen 113
Übersicht III: Einstellungsprotokolle (Kategorien) 114
5.4.2. Untersuchung des Filmes auf latente propagandistische Inhalte 116
6. Zusammenfassung der Ergebnisse 126
7. Literatur- u. Quellenverzeichnis 130
VORWORT
Für die in dieser Arbeit vorgenommene Analyse des Spielfilms "Robert Koch - Der Bekämpfer des Todes" wurde eine Fassung des Filmes in Länge von 3098 m verwendet, die im Bundesarchiv in Koblenz vorliegt. Die Länge, die das Bundesarchiv selbst mit 3187 m angibt, kommt durch die dort gängige Zählweise zustande, die von der sonst üblichen differiert.
Diese Fassung ist die längste, die heutzutage existiert. Der Film hatte ursprünglich eine Länge von 3169 m, wobei die fehlenden 71 m durch Kopierschwund verloren gegangen sind.
An dieser Stelle möchte ich mich beim Deutschen Institut für Filmkunde in Frankfurt bzw. Wiesbaden, dem heutigen Rechtsinhaber des Filmes, und dem Bundesarchiv in Koblenz für die Erlaubnis bedanken, den Film zu benutzen, sowie beim Filmmuseum, München - besonders bei Frau Weniger - wo mir für die Filmsichtung die Räumlichkeiten zur Verfügung standen.
Mein Dank gilt ebenfalls Frau Professor Dr. Ursula E. Koch und Herrn Dr. Martin Loiperdinger, ohne dessen Unterstützung die Verwirklichung dieser Arbeit auf große Probleme gestoßen wäre.
1. EINLEITUNG
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Spielfilm "Robert Koch - Der Bekämpfer des Todes" 11, der 1939 von Hans Steinhoff gedreht wurde. Dabei soll dieser Film auf seine propagandistischen Inhalte untersucht werden, ganz besonders auf jene, die nur im Zusammenhang mit dem zeitgenössischen Kontext der Entstehung und Aufführung des Filmes im Dritten Reich verständlich sind. Dies bedeutet, daß die inhaltliche Gestaltung des Filmes in Bezug gesetzt werden soll zu den politischen und propagandistischen Informationen, die bei seiner damaligen Aufführung im Umlauf waren.
Besonderes Augenmerk soll dabei auf antisemitische Aussagen geworfen werden. Dem Massenmedium Film kommt mit seinem eigenständigen sprachlichen und emotionalen Code eine besondere Bedeutung für die politische Nutzung als Propagandamittel im Dritten Reich zu. Zwar existiert diesbezüglich eine Fülle von Material, die Forschung konzentrierte sich jedoch bisher immer auf eine zusammenfassende Darstellung des NS-Filmwesens oder auf die Analyse einiger weniger Filme, wie z.B. die Parteifilme von 1933 (Steinhoffs "Hitlerjunge Quex", Seitz′ "SA-Mann Brand" und Wenzlers "Hans Westmar") oder "Jud Süß" (Harlan, 1941). Was fehlt, ist die Untersuchung unterschiedlichster Filme, deren Einordnung in den politischen Kontext sowie ihre Ergänzung durch andere propagandistische Aussagen aus unterschiedlichsten Bereichen.
Die Analyse des Filmes bezieht sich in ihren Grundzügen auf den Ansatz Marc Ferros2 2, der Filme auf sichtbare und nicht-sichtbare Elemente untersucht. Ein Film hat demnach Bedeutungsinhalte, die über das "momentan Wahrgenommene" hinausgehen. "Der Film wird nicht als Kunstwerk betrachtet, sondern als ein Produkt, ein Bild qua Objekt, dessen Bedeutungen nicht nur filmischer Natur sind. Aufschlußreich ist er nicht nur durch das, was er bezeugt, sondern auch durch den sozialgeschichtlichen Zugang, den er erlaubt."
Dabei darf nach Ferros Überlegungen der Film nicht ausschließlich werkimmanent betrachtet, sondern muß "in seine Umwelt, mit der er zwangsläufig kommuniziert", integriert werden. Nur wenn der Film in seinen Elementen, deren Beziehung untereinander und seiner Beziehung zu Urhebern, Gesellschaft und Regime untersucht wird, "kann man hoffen, nicht nur das Werk, sondern auch die dargestellte Wirklichkeit zu erfassen", kann gewährleistet werden, daß auch latente Inhalte des Filmes, hinter den manifesten, wahrgenommen werden.
Zur Auswahl des "Robert Koch"-Filmes führten verschiedenen Punkte. Zum einen fiel auf, daß der scheinbar biographische Film eine Selektion vornimmt und nur den Ausschnitt aus Kochs Leben zeigt, in dem er den Tuberkelbazillus entdeckt. Seine sonstigen Entdeckungen, die ebenfalls von großer medizinischer Bedeutung waren sowie seine Anstrengungen, einen Impfstoff gegen die Tuberkulose zu entwickeln, werden im Film nicht behandelt. Gleichzeitig kommt es im Film durch verschiedenen Gestaltungsmittel zu einer eindeutigen Polarisierung zwischen Gut und Böse, die zu der Vermutung Anlaß gab, daß der Film tendenziös ist und eine propagandistische Absicht verfolgt. Die sprachliche Gestaltung bestimmter Passagen weist außerdem darauf hin, daß im Film ein Feindbild aufgebaut wird, das nicht mit den Gegenspielern identisch ist. Der Konflikt Kochs mit den verschiedenen Personen hat nichts mit seinem eigentlichen Kampf gegen den Bazillus und die Krankheit, die dieser verursacht, zu tun. Diese Punkte gaben Anlaß, das Feindbild des Filmes genauer zu untersuchen, das durch seine sprachliche Gestaltung an das jüdische Feindbild des Nationalsozialismus, das häufig mit parasitologischen Metaphern umschrieben wurde, erinnert.
Der "Koch"-Spielfilm wird in der Fachliteratur allgemein als Propagandafilm betrachtet. Dabei wird er jedoch immer nur auf seine manifesten propagandistischen Inhalte untersucht, auf jene Aussagen, die werkimmanent zu erschließen sind. Keine der Arbeiten geht dabei auf das Feindbild im Film ein und untersucht dessen sprachliche Parallelen zur Feindbilderzeugung im propagandistischen Kontext der Entstehung und Aufführung des Filmes.
Die vorliegende Arbeit will deshalb nicht nur die manifeste Propaganda des Filmes analysieren, sondern ebenso latente Gehalte des Filmes finden. Dafür sollen jene Punkte des Filmes untersucht werden, die Ansätze für weite Interpretationsräume bieten, die nur durch und im Kontext der Situation des Dritten Reiches zu erschließen sind. Um dies zu erreichen, müssen in der Analyse des Filmes daher Aspekte berücksichtigt werden, die die konnotative Ebene beeinflussen, d.h. all jene Faktoren, die Begriffen bestimmte zusätzliche Bedeutungen geben. Im Endeffekt soll dadurch eine mögliche Wechselwirkung der Aussagen des Filmes mit anderen Aussagen des propagandistischen Systems des Dritten Reiches aufgezeigt werden.
Besonders im Nationalsozialismus, mit seinem System permanenter Ansprache, sollten einzelne Aussagen nicht losgelöst aus ihrem Kontext betrachtet werden. Erst in ihrer Ergänzung und innerhalb des Systems können ihre Bedeutungen, und dabei ganz besonders die konnotativen, vollständig erschlossen werden. Als zentrale Fragestellung der Untersuchung ergibt sich daher, ob das im Film aufgebaute Feindbild, eingebunden in die komplexen propagandistischen Aussagen eines Umfeldes, das sehr stark mit Metaphern arbeitet, durch konnotative Verschiebungen, d.h. durch zusätzliche Bedeutungen, die ursprünglich nicht mit den Begriffen verbunden sind, Ansätze bietet für eine antisemitische Interpretation. Mit anderen Worten, bestand die Möglichkeit, den Feind des Filmes, den Bazillus, mit dem in der Propaganda dargestellten Feindbild Jude zu assoziieren? Dies würde bedeuten, daß der Film latente Inhalte aufweist, die so heute nicht mehr ohne weiteres verständlich sind.
Interessant ist dabei, daß der Film, obwohl er als Propagandafilm kategorisiert wird, nach dem Krieg nicht verboten wurde und von der FSK, allerdings mit Einschränkungen, zugelassen wurde. Ebenso ist der Film heute in einer gekürzten Fassung, als Video, frei zugänglich. Geht man jedoch davon aus, daß der Film sich von seinen propagandistischen Aussagen durch einige Schnitte ′bereinigen′ läßt, bedeutet dies, daß diese Aussagen sich auf einige wenige Momente des Spielfilms beschränken müßten. Das genaue Gegenteil soll die nachfolgende Untersuchung beweisen: Der Film propagiert weit mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist.
An dieser Stelle soll jedoch explizit betont werden, daß diese Arbeit nicht beweisen will, daß es sich bei "Robert Koch" um einen antisemitischen Film handelt. Vielmehr soll dargestellt werden, daß der Film die Möglichkeit für Rückschlüsse auf antisemitische Vorstellungen bietet und damit schon vorhandene antisemitische Einstellungen des Rezipienten unterstützt bzw. diesen gegenüber antisemitischen Aktionen abstumpfen läßt. Hierbei muß berücksichtigt werden, daß der damalige Zuschauer permanent mit antisemitischen Aussagen konfrontiert war, auch schon lange vor 1933. Die Propaganda griff auf lange Wurzeln zurück. Durch die Nationalsozialisten fanden dann die parasitologischen Metaphern bezüglich der Juden immer mehr Verbreitung. Dabei stellt sich noch einmal die Frage, ob die Möglichkeit bestand, die Metaphorik des Filmes mit der antisemitischen Metaphorik gleichzusetzen, ob der Bazillus im Film unter Umständen als Allegorie verstanden wurde. Was die Untersuchung nicht zeigen kann, ist, ob die beschriebenen propagandistischen Aussagen von der Produktionsseite her geplant waren. Hierfür fehlen die Produktionsunterlagen des Filmes. Auch in den Akten des Propagandaministeriums, die im Bundesarchiv vorliegen, ließen sich keine Aussagen über den Film finden. Goebbels erwähnt den Film in seinen Tagebüchern ebenfalls nicht 3. Ebenso kann die Untersuchung nicht die tatsächliche Wirkung des Filmes bzw. von Propaganda allgemein, auf den Rezipienten nachweisen. Dies ist heute nicht mehr objektiv feststellbar. Hier können nur Möglichkeiten der Rezeption unter veränderten Rezeptionsbedingungen aufgezeigt werden.
In der Analyse des Films wurden verschiedenen Ansätze in einem Methodenmix angewendet. Dabei war besonders Helmut Kortes Definition der systematischen Filmanalyse von Bedeutung. Korte beschreibt sie als Versuch, "das eigene subjektiv und objektiv determinierte Filmerlebnis durch Untersuchung der rezeptionsleitenden Signale im Film, durch Datensammlung, Datenvergleich am Film und den filmischen Kontextfaktoren, durch Beobachtung und Interpretation schrittweise zu objektivieren".4
Diese rezeptionsleitenden Signale, die sich sowohl auf der visuellen, als auch der auditiven Ebenen befinden, werden dabei, u.a. anhand von Filmprotokollen, die die einzelnen gestalterischen Merkmale des Filmes festhalten und kategorisieren, getrennt und später in Beziehung gesetzt.
Werner Faulstich 5 betrachtet die Filmanalyse als "Analyse einer Kommunikationssituation". Da die Bedeutung eines Filmes nicht direkt zu erschließen sei, müsse die "Subjektivität des Filmwissenschaftlers ausdrücklich in Betracht gezogen werden". Ein Film könne nie vollständig erfaßt werden, da er immer wieder auf unterschiedliche Rezipienten treffe, die den Film unterschiedlich interpretierten.
"Die Filmanalyse als Sozialwissenschaft kann unter der Voraussetzung umfassender Fragestellungen nur in dem Sinne erschöpfende Resultate erzielen, als sie die objektiv feststellbaren Strukturen eines Filmes im Hinblick auf bestimmte Rezipienten (mit bestimmten Präferenzen und Bedürfnissen in einer bestimmten Zeit) mit bestimmten, historisch sich wandelnden Bedeutungen in Zusammenhang bringt."
Der "Robert Koch"-Film kann unter der angegebenen Fragestellung demnach nur erschlossen werden unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen er entstand und auf die er traf. Michael Schaaf 6 gibt für die Struktur einer Filmanalyse drei Hauptelemente an, die berücksichtigt werden müssen. Zum einen die analytischen Elemente, die die filmischen Gestaltungsmittel und die Darstellungsweise untersuchen. Dann die synthetischen Elemente, die etwas über die Thematik des Filmes und seine Aussageintention feststellen, und zum Schluß die evaluativen Elemente, die entweder auf der Ebene der Wirkung des Filmes oder auf der seiner Bedeutung Schlußfolgerungen ziehen. Korte gibt bezüglich der Struktur vier Analysedimensionen an, die die Bedeutung eines Filmes als ganzes erst zugänglich machen: Die Filmrealität (mit den im Film selbst enthaltenen Daten und Aussagen); die Bedingungsrealität (mit den Faktoren, die auf Inhalt und Form des Filmes bei seiner Entstehung eingewirkt haben); die Bezugsrealität (mit der Problematik, auf die der Film bezogen ist) und die Wirkungsrealität (mit der Rezeption des Filmes). 7
Bei den verschiedenen Ansätzen kommt immer zum Ausdruck, daß sie sowohl den Entstehungszusammenhang und die Kontextfaktoren eines Filmes als auch das Produkt selbst erschließen müssen, um so manifeste und latente Aussagen, um auf Ferros Ansatz zurückzukommen, feststellen zu können.
Interessant ist, daß die genannten Ansätze bezüglich der Produktanalyse, d.h. der Analyse des eigentlichen Filmwerkes, sowohl quantifizierende als auch interpretative Verfahren anwenden. Notwendig sind Quantifizierungen, wie sie durch die Protokollierung von Einstellungen in verschiedenen Kategorien gewährleistet sind, um strukturelle Eigenarten eines Filmes festzustellen. Jedoch sind sie nur sinnvoll, wenn sie anschließend qualifiziert werden und "mit nicht objektiv meßbaren Beobachtungen wie z.B. Mimik, Gestik der Schauspieler, Handlungsorten oder inhaltlichen Höhepunkten" 8 verbunden werden.
Um den genannten Punkten gerecht zu werden, gliedert sich die Arbeit in zwei Teile. Zunächst soll in Kapitel 2 und 3 der Kontext, der für die Entstehung des Filmes und der im Zusammenhang der eigentlichen Fragestellung der Untersuchung von Bedeutung war, erarbeitet werden. Da der Film sowohl durch seine Produktions- und Distributionsförderung, als auch durch seine Beurteilung in der Fachliteratur, eindeutig als Werk zu bezeichnen ist, das von propagandistischer Bedeutung für das Regime war, wird zuerst das Wesen von Propaganda allgemein untersucht. Auf die Begriffsdefinition und die Darstellung der Geschichte folgt dann die Erarbeitung der Propagandavorstellungen der Nationalsozialisten. Dabei soll festgestellt werden, welche Möglichkeiten ihr zugetraut wurden, welches Ziel sie verfolgte und welcher Stellenwert ihr zukam. Danach wird auf einzelne Propagandstrategien eingegangen, besonders auf die des Feindbildes und der sprachlichen Gestaltung und auf die Nutzung des Mediums Film für diese Zwecke.
Dabei stellt sich die Frage, ob Propaganda den Menschen zu einem willenlosen Werkzeug eines Regimes machen kann und wenn ja, welche Mechanismen hierfür notwendig sind. Oder wirkt Propaganda doch nur, wenn sie auf einen gewissen Boden fällt, d.h. der Wille zur Teilnahme bereits vorhanden ist? Dieser Punkt muß ebenso ausführlicher betrachtet werden. Anschließend müssen die Ergebnisse anhand ihrer Umsetzung bezüglich des Antisemitismus′ konkretisiert werden. Hierfür werden zunächst die Wurzeln der NS-Rassenideologie dargestellt und der Stellenwert, den der Antisemitismus innerhalb des nationalsozialistischen Weltbildes einnimmt sowie seine Gestaltung in der Propaganda. Hier soll aufgezeigt werden, daß dem Antisemitismus sowohl ideologisch als auch propagandistisch zentrale Bedeutung zukam. Der Antisemitismus war sowohl Mittel als auch Zweck bzw. Ziel des Nationalsozialismus.
Das Medium Film wurde auch hierbei intensiv genutzt. Der zweite Teil der Arbeit, der Kapitel 4 und 5 umfaßt, beinhaltet die eigentliche Analyse des Filmwerkes. Hier wird zunächst neben dem Entstehungszusammenhang des Films (Produktionsdaten, -beteiligte und Distribution) seine Behandlung durch die zeitgenössische Presse dargestellt sowie auf seine Besprechung in der Fachliteratur nach dem Krieg eingegangen. Zusätzliche Informationen bietet eine kurze Darstellung des medizinischen Weltbildes im Nationalsozialismus, dessen Niederschlag in Filmen sowie die propagandistische Verzerrung der historischen Personen des "Koch"-Spielfilms, sowohl im Film als auch in der Presse.
Der "Robert Koch"-Film wurde in der Produktanalyse zunächst quantitativ auf seine Strukturmerkmale untersucht, wobei sie der Akteinteilung von Syd Field 9 folgt. Demnach unterteilt sich ein Film in drei Akte (Exposition, Konfrontation, Auflösung). Da diese Einteilung sehr grob ist, erschien es notwendig, eine differenziertere Einteilung des Filmes vorzunehmen. Die Untereinheiten wurden in dieser Arbeit als Sequenzen und Subsequenzen bezeichnet. Nach welchen Gesichtspunkten diese Untergliederung vorgenommen wurde, soll in Kapitel 5.1. noch ausführlich geschildert werden.
Um den Film in seiner Gesamtgestaltung und auf seinen inhaltlichen Verlauf untersuchen zu können und um ihn zitierbar zu machen, wurde ein Verlaufsprotokoll auf der Basis der Sequenzen und Subsequenzen angefertigt. Ziel des Verlaufsprotokolls war es, den Film als Ganzes schriftlich zu fixieren, wobei der Hauptaugenmerk auf den Handlungsverlauf und die Dialoge gerichtet wurde. Gestalterische Mittel wurden an dieser Stelle weniger berücksichtigt, jedoch nicht ganz außer Acht gelassen. Sie befinden sich als Anmerkungen in dem Protokoll. Ziel dieses Analyseschrittes war es, die Struktur des Filmes und die Gestaltung der Einzelpersonen festzustellen und an ihnen manifeste propagandistische Aussagen ausfindig zu machen.
Die anschließende Feinanalyse untersucht ausgewählte Schlüsselszenen danach genauer auf das im Film aufgebaute Feindbild. Hierfür wurde ein quantifizierendes Verfahren angewendet, indem die einzelnen Einstellungen der verschiedenen Subsequenzen untersucht wurde. Dabei war es das Ziel, visuell-formale Gestaltungskriterien von den inhaltlich-auditiven zu trennen, um später deren qualitative Beziehung zueinander festzustellen und möglicherweise schon auf dieser Ebene tendenzgebende Gestaltungsmerkmale des Filmes - die rezeptionsleitenden Signale, nach Korte - ausfindig zu machen. Die Auswahlkriterien für die Schlüsselszenen sowie die genaue Kategorisierung der Einstellungsprotokolle wird in Kapitel 5.4.1. noch genauer dargestellt.
Anschließend werden die Ergebnisse der quantitativen Analyse mit den inhaltlichen Aussagen des Filmes verglichen und zu dem im ersten Teil erarbeiteten Kontext in Beziehung gesetzt. Hierdurch soll gewährleistet werden, daß sowohl interpretativ als auch assoziativ, bezüglich der Möglichkeiten zusätzlicher Bedeutungsinhalte einzelner Elemente argumentiert wird, und auf mögliche Parallelen in der Gestaltung von Feindbildern geachtet wird.
1 Hans Steinhoff (Rg.). Robert Koch - Der Bekämpfer des Todes . (nach dem Roman von Helmuth Unger.) Tobis, 1939
2 Marc Ferro. Der Film als ′Gegenanalyse′ der Gesellschaft. in: M. Bloch u.a.. Schrift und Materie der Geschichte, Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse . Claudia Honegger (Hrsg.),
Frankfurt /M., 1977, S. 254/255.
3 Im Zeitraum von Mai bis Oktober 1939 liegen überhaupt keine Eintragungen in den Tagebüchern vor. Neuerlich aufgetauchte Fragmente sind leider noch nicht zugänglich.
4 Helmut Korte (Hrsg.). Systematische Filmanalyse in der Praxis . Braunschweig, 1986, S. 13.
5 Werner Faulstich. Einführung in die Filmanalyse . 3., vollst. neu bearb. u. erhebl. erw. Aufl. - Tübingen, 1980, S. 117.
6 Michael Schaaf. Theorie und Praxis der Filmanalyse. in: Alphons Silbermann, Michael Schaaf und Adam; Gerhard. Filmanalyse - Grundlagen, Methodik, Didaktik . München, 1980, S. 103-109.
7 Helmut Korte, 1986, S. 16.
8 ebd. S. 12.
9 Syd Field. Das Drehbuch. in: Syd Field, Peter Märthesheimer, Wolfgang Längsfeld u.a..;Drehbuchschreiben für Fernsehen und Film . Andreas Meyer (Hrsg.), 4. aktual. Auflage, München, Leipzig,
1992, S. 12/13.
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