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Der altdeutsche Physiologus - Seine Tiersymbolik unter dem Aspekt des mehrfachen Schriftsinns und christlicher Allegorese.

Termpaper, 2004, 23 Pages
Author: Tim Brüning
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Category: Termpaper
Year: 2004
Pages: 23
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V22210
ISBN (E-book): 978-3-638-25616-2

File size: 101 KB
Notes :
Diese Arbeit untersucht den altdeutschen Physiologus schwerpunktmäßig unter der Aspekt seiner Tiersymbolik (und einer diesbezüglichen Abhängigkeit von der Lehre des mehrfachen Schriftsinns und christlicher Allegorese). Darüber hinaus werden jedoch auch allgemeine Informationen zu Verfasserschaft, Entstehungsgeschichte und dem belehrenden Anspruch der "Naturkundigen-Schrift" gegeben.



Excerpt (computer-generated)

Grundstudium
Mensch und Tier in vormoderner Literatur
SS 2003

Der altdeutsche Physiologus
Seine Tiersymbolik unter dem Aspekt des
mehrfachen Schriftsinns und christlicher Allegorese

Tim Brüning

 

 

Inhaltsübersicht

1. Einleitung Seite 3

2. Zur Charakteristik des Physiologus
2.1. Allgemeine Informationen und Entstehungsgeschichte Seite 4
2.2. Der altdeutsche Physiologus Seite 6

3. Der mehrfache Schriftsinn in der Bibelhermeneutik
3.1. Charakteristik und Funktionsweise der Schriftsinne Seite 7
3.2. Bedeutung der Schriftsinne für den Physiologus Seite 9

4. Tierbeschreibungen im altdeutschen Physiologus exemplifiziert an vier Darstellungen
4.1. Allgemeine Bemerkungen Seite 10
4.2. Der Löwe Seite 11
4.3. Die Schlange Seite 13
4.4. Der Elefant Seite 16
4.5. Der Ibis Seite 18

5. Belehrungsanspruch der „Naturkundigen-Schrift“ und kurze Gesamtbeurteilung des Physiologus Seite 19

6. Fußnoten Seite 20

7. Quellenverzeichnis Seite 23

 

 

1. Einleitung

„Gewiss eine der merkwürdigsten Erscheinungen der gesamten Literatur ist das Buch, das wir unter dem Namen »Physiologus« kennen […]“1 – das bemerkt schon Friedrich Lauchert über jenes Werk, das im Zentrum der folgenden Untersuchung steht. Tatsächlich wird man sich des Eindruckes nicht erwehren können, dass diese Schrift eine Sonderstellung in der Literaturgeschichte beansprucht, sobald das Augenmerk auf ihre Wirkungsgeschichte2, ihre über viele Jahrhunderte fortdauernde Tradierung sowie die zahlreichen handschriftlichen Sonderfassungen gerichtet wird. So ist um kaum ein anderes Werk hinsichtlich seiner Quellenfragen eine so umfassende und bisweilen kontroverse Diskussion geführt worden, ohne dass heute von einer wirklich gesicherten Erkenntnis über Entstehungszeit, Abfassungsort und Gestalt des Archetypus gesprochen werden kann. Obgleich die oftmals in der Forschungsliteratur für den Physiologus angewandte Diminutivkennzeichnung „Büchlein“3 verwunderlich anmuten mag, so kann es nicht über den unbestrittenen Autoritätsrang hinwegtäuschen, dessen es sich im Mittelalter rühmen konnte, denn neben der Bibel galt es als wesentliche Quelle der patristischen Dingexegese und besaß einen lang anhaltenden Vorbildeinfluss auf die Naturlehre des Mittelalters. Was genau sich hinter diesem Physiologus, dessen Bezeichnung aus dem griechischen Wort Fusiologoz (physiológos = Naturforscher, Naturkundiger)4 abgeleitet wird, verbirgt und von welcher Beschaffenheit das Buch ist, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden.

Die Arbeit soll zunächst über die Entstehungsgeschichte und die allgemeinen Charakteristika der unterschiedlichen Physiologus-Schriften informieren, bevor sie den altdeutschen Physiologus – vor allem die Millstätter Reimfassung in ihrer kritischen Transkription, in der sie von Friedrich Maurer herausgegeben wurde5, fokussiert. In einem weiteren Themenkomplex sind dann die Grundlagen über den geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter zu vermitteln, bevor ich mich der Millstätter Reimfassung in speziellem Bezug auf ihre Symbolik widmen werde. In Kapitel 5 sind schließlich in nuce der zu bestimmende Belehrungsanspruch des Physiologus im Mittelalter und eine kurze Zusammenfassung zu geben. Die Auflistung der Fußnoten erfolgt – der Übersichtlichkeit halber vor dem abschließenden Quellenverzeichnis.

2. Zur Charakteristik des Physiologus

2.1. Allgemeine Informationen und Entstehungsgeschichte

„Ir sult an disen stunden von wises mannes munde / eine rede suochen an disem buoche. / Phisiologus ist ez genennet, von der tiere nature ez uns zellet.“6 Die einführenden Worte im Physiologus der Millstätter Reimfassung lassen vermuten, dass es sich bei dem Physiologus um den Titel des Buches handelt. Betrachtet man hingegen die griechische Physiologus -Schrift, so gibt die präliminäre Formulierung „O Fusiologoz elexe“7, die mehrfach zu Beginn eines Abschnittes vorausgeschickt wird, den Verfasser selbst als Physiologus aus. Letzteres scheint sich durch intensive Forschungen von literaturwissenschaftlicher Seite aus bestätigt zu haben. So weisen sowohl Lauchert als auch Henkel sowie Seel darauf hin, dass der Name Physiologus nicht als Buchtitel zu verstehen ist, sondern als Synonym für eine naturwissenschaftliche Autorität gebraucht wird, der jene „Naturkundigen- Schrift“ zugeschrieben wird, die wir gemeinhin unter dem Namen Physiologus kennen. Dem Physiologus liegt zunächst ein rein naturwissenschaftliches Buch zu Grunde, dem er durch Bearbeitung eine christlich-symbolische Dimension beifügt. Sowohl der Verfasser des Naturbuches, als auch der christlich-allegorisierende Bearbeiter, welcher das Naturbuch zitiert, sind anonym oder zumindest nicht gesichert überliefert. Obgleich vereinzelte Physiologus-Versionen diverse Hinweise über einen Autor enthalten8, so scheinen sich jene Namensnennungen entweder aus reinen Missverständnissen in Folge der Tradierung oder erst in weitaus späteren Überlieferungen ergeben zu haben. Ferner bezeichnet Henkel die Frage nach der Verfasserschaft des naturkundlichen Buches als sekundär, wobei er jedoch bemerkt, dass sich „so einheitliche Bearbeitungstendenzen [zeigen], besonders bei den Tiergeschichten, daß man eine Bearbeiterpersönlichkeit unbedingt wird annehmen müssen.“9

So gelangen wir schließlich zu einem Buch, das sowohl lebende als auch tote Materie – nämlich Tiere, Pflanzen und Steine beschreibt und sie in einen bestimmten Zusammenhang stellt: Eine naturgeschichtliche Schilderung des betreffenden Wesens respektive des Gegenstands wird mit einer Bibelstelle verbunden, in der das Wesen bzw. das Ding erwähnt wird, an die sich nun eine typologische Deutung auf Christus, den Teufel oder den Gläubigen hin anschließt.

Trotz der Unsicherheiten, die hinsichtlich der Quellfragen bestehen, worauf bereits in der Einleitung hingewiesen wurde, sei nun doch auf weitgehend fundierte Datierungen hingewiesen.

Henkel rekapituliert in seinen Studien zum Physiologus im Mittelalter die neuere diesbezügliche Forschung und weist auf Datierungsdifferenzen unterschiedlicher Wissenschaftler hin; doch befürwortet er deutlich eine zeitliche Einordnung des Ur- Physiologus in das 2. Jahrhundert. Während Petersons Theorie, das Jahr 385 als terminus post quem anzusetzen, von Ursula Treu entschieden zurückgewiesen wurde, ist sie selbst der Auffassung, der Physiologus habe schon Origenes (185-254) vorgelegen. Somit sei ein Zeitpunkt gesetzt, zu dem er spätestens hat existieren müssen, was auch bei Henkel auf Zustimmung stößt. Lauchert will im Physiologus der Urform deutliche Tendenzen der häretischen Gnosis in ihren Anfängen erkennen, was für ihn zu einem noch früheren, aber durchaus gesicherten terminus ante quem führt: „Es weist aber also Alles darauf hin, dass die Entstehung des Buches vor 140 fällt […]“10 Für Henkel habe auch die Datierung Laucherts „viel für sich“11, so dass der Physiologus in jedem Fall auf das 2. Jahrhundert angesetzt werden kann. 

Bei der Lokalisierung der Physiologus-Entstehung, vor allem in Hinblick auf die Tiererzählungen, habe man nach Henkel das ägyptische Alexandria anzusehen:


Alexandria war seit dem Hellenismus das Zentrum der antiken Wissenschaft, aber auch zahlreicher mystischer Strömungen. Hier entstehen zahlreiche Kollektaneen von Wundergeschichten, deren Wirkung etwa bei Plinius und Aelian deutlich zu sehen ist. Zudem wurde es bereits in der Mitte des 2. Jhs. Zentrum des Christentums in Ägypten […]. Neben jüdischen, christlichen und heidnisch-mystischen Strömungen war hier auch ein Mittelpunkt antiker Naturwissenschaft und ägyptischer Götterverehrung.12

 

[....]


1 Lauchert, Friedrich: Geschichte des Physiologus. Straßburg: 1889. S.1

2 Über die „Unmöglichkeit“, eine umfassende Wirkungsgeschichte über den Physiologus zu schreiben, weist bereits Nikolaus Hinkel hin in: Henkel, Nikolaus: Studien zum Physiologus im Mittelalter. Tübingen: Niemeyer 1976. S.152

3 Von dem Physiologus als „Büchlein“ reden u.a. N. Henkel, F. Lauchert und O. Seel

4 Henkel, Nikolaus: Studien zum Physiologus im Mittelalter. Tübingen: Niemeyer 1976. S.12

5 Der altdeutsche Physiologus. Die Millstätter Reimfassung und die Wiener Prosa (nebst dem lateinischen Text und dem althochdeutschen Physiologus). Hrsg. von Friedrich Maurer. Tübingen: Niemeyer 1967.

6 ebd. S.3

7 Lauchert, Friedrich: Geschichte des Physiologus. Straßburg: 1889. S.229ff.

8 Henkel, Nikolaus: Studien zum Physiologus im Mittelalter. Tübingen: Niemeyer 1976. S.12ff.

9 ebd.

10 Lauchert, Friedrich: Geschichte des Physiologus. Straßburg: 1889. S.229ff.

11 Henkel, Nikolaus: Studien zum Physiologus im Mittelalter. Tübingen: Niemeyer 1976.

12 ebd.


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