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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 33 Pages
Author: Marcus Reiß
Subject: Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Details
Institution/College: Ruhr-University of Bochum (Philosophie)
Tags: Zwischen, Sympathetik, Technokratie, Aspekte, Magie, Technik, Denken, Arnold, Gehlens, Grundbegriffe, Anthropologie, Kultur
Year: 2003
Pages: 33
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-25815-9
File size: 139 KB
Der Institutionentheoretiker Arnold Gehlen lässt in seinem Werk hin und wieder Aspekte des Umgangs mit Technik oder künstlichen Hilfsmitteln im weiten Sinne einfließen und schließt dabei Verweise bzw. Hinweise auf die Magie ein, wenn auch nicht explizit. Diese Arbeit versucht sich dem Feld der Technik, die als anthropologisches Faktum aus den Mängeln des Menschen abgeleitet wird, insofern zu nähern als dass gezeigt wird, wie sie sich von ihren magischen Ursprüngen weit, aber nie ganz entfernt.
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Excerpt (computer-generated)
Zwischen Sympathetik und Technokratie
ASPEKTE VON MAGIE UND TECHNIK
im Denken Arnold Gehlens
Hausarbeit für das Hauptseminar „Grundbegriffe der
philosophischen Anthropologie II: Kultur“
im SoSe 2003
vorgelegt von
Marcus Reiß
Inhalt
1. Einleitung 2
2. Skizzen: „Elementare Anthropologie“ 4
2.1. Zur wissenschaftlichen Methode 4
2.2. Das biologische Mängelwesen 5
2.3. Handlung und Lebensführung 7
2.4. Institutionalisierte Entlastung 9
3. Magie ... „die kindlichste Technik“ 11
3.1. Der ´entleerte´ Ritus als Mittel 11
3.2. Der ´sympathetische´ Kosmos 12
3.3. Stabile Umwelten 14
3.4. Magie, Technik, Wissenschaft 15
4. Aspekte der Technik 18
4.1. Zweideutigkeiten 18
4.2. Organersatz – Ersatz des Organischen 20
4.3. Qualitative Übergänge: Die Superstruktur 22
4.3.1 Entsinnlichung 23
4.3.2 Primitivisierung 25
4.4. Machbarkeit 26
5. Ausblicke 28
„Gott und die Maschine haben die archaische Welt
überlebt und begegnen sich nun allein.“
A. Gehlen; Urmensch und Spätkultur
1. Einleitung
Manchesmal beängstigt und des öfteren fasziniert blicken wir auf jene Vielzahl technischer Konstrukte, die allein menschlicher Kreativität entstammen. Allzu bekannt und dennoch fremd, bieten sie uns gerade in ihren postmodernen Ausprägungen Bilder des Schreckens, der heimlichen Verzückung oder sie werden als notwendiges Übel stoisch hingenommen. Die Technik begleitet den Menschen seit jeher, hat Leben millionenfach zerstört und unzählige Male erhalten bzw. bereichert. Mögen die Abschätzungen ihrer Geltung variieren, eine Ambivalenz ihrer Vermögen bleibt bestehen.
Auf diese Zweideutigkeit weist auch der Anthropologe Arnold Gehlen hin1, dessen Ausführungen dieser Arbeit ihr Gerüst verleihen werden. Sein überaus differenzierter Zugang zur Technik, der von kulturkritischen Tönen bestimmt wird, eröffnet sich über ihre Aspekte als Institution, die Verhaltensentlastungen ermöglicht, indem sie Aufgaben übernimmt, erleichtert oder einspart. Thema sollen auch jene negativen Implikationen technischer Prozesse sein, die bei Gehlen in der Behauptung von Erfahrungsschwund, Primitivisierung und Entsinnlichung münden.
Als Superstruktur (siehe Kap. 4.3.) verstanden, zählt zur Technik auch die Wissenschaft bzw. ihr erkenntnistheoretisches fundamentum inconcussum, die neuzeitliche Rationalität. Letztere kann als ihren prominenten Vorläufer die Magie reklamieren, die rationalere Züge trägt, als gemeinhin angenommen werden könnte.
Nach ersten Hinweisen und Bemerkungen zur Methodologie Gehlens fungiert eine Skizze seiner Auffassung des Menschen als eines Mängelwesens als Ausgangspunkt und Überleitung zu den darauf folgenden Umrissen seiner Handlungstheorie. Da der Mensch und dessen Leben je in Institutionen eingelassen ist und von ihnen begleitet bzw. gelenkt wird, enden die Voruntersuchungen mit knappen, ausgesuchten Exkursen zur Institutionentheorie des Deutschen und dem Versuch einer Sondierung der Bedeutung entlastenden Verhaltens für die menschliche Lebensführung.
Anlass für die darauf folgenden Ausführungen über die Magie ist ein kurzer Abschnitt in „Die Seele im technischen Zeitalter“. Dort wird sie in ein nahes Verhältnis gesetzt zur Technik und auf den Spuren dieser Beziehung wird es uns zunächst um den historischen Aspekt der Magie gehen: Ihr `woher?` kann jedoch nur ausgehend von einer bestimmten kosmologischen Ordnung, der sympathetischen, verständlich gemacht werden die ihrerseits, wie zu zeigen sein wird, allein stabil gehalten werden kann durch rituelle Praktiken, deren landläufig bekannteste Form der Regenzauber sein dürfte. Mit Hilfe dieser Vorüberlegungen wird versucht, Verknotungen bzw. Differenzen von Magie und Technik ausfindig zu machen. Dies geschieht zum einen, um die knappen gehlenschen Ausführungen bezüglich des Themas in einen historischen Kontext einzubetten und zu erweitern. Zum anderen ist es sinnvoll, im Hinblick auf die Entstehung technischer Modelle bzw. rationalen Denkens auf deren geschichtlichen Werdegang hinzuweisen, der zumindest bis an den Beginn der Moderne unverkennbar mit magischen Verrichtungen verknüpft ist. Hauptanliegen dieser Arbeit ist jedoch eine bündige Darstellung dessen, was `Technik´ in gehlenscher Diktion bedeutet: Es erfolgt nach einigen allgemeinen Unterscheidungen der Versuch einer Darstellung ihrer Begründung aus der mangelhaften Organausstattung des Menschen. Ihre heutige ubiquitäre Ausprägung, die bei Gehlen als Superstruktur vorgestellt wird, hat das Selbstverständnis und das Zusammenleben des Menschen entscheidend beeinflusst: Auf welche Weise, wird in den Abschnitten zur `Primitivisierung´ und `Entsinnlichung´ entworfen. Besonders prekär scheint Technik zu sein, wenn sie scheinbar autonome Züge trägt und sich die ´Machbarkeit´ als das Telos der Wissenschaft erweist.
Abschließend werden die Ansätze Gehlens zum Umgang mit dem Phänomen Technik vor aktuellem Hintergrund diskutiert.
Ziel dieser Ausführungen soll keineswegs eine Versammlung aller Momente der Technik sein, dies leisten zu wollen, wäre vermessen. Überlegungen zur Kybernetik z.B., die in Gehlens Beschreibung des Handlungskreises als personalem Vollzug eine Rolle spielen, müssen aus Gründen des Umfanges und der Komplexität außen vor bleiben.
2. Skizzen: „Elementare Anthropologie“ 2
2.1. Zur wissenschaftlichen Methode
Das Bemühen Arnold Gehlens, eine exakte Methode zur Bestimmung wesentlicher Merkmale des Menschen anzuwenden, manifestiert sich zunächst in einer Abkehr, in einer „Enthaltung von der Metaphysik“ (DM, 11). Ihre Aussagen besäßen nur „bedingte Überzeugungskraft“ (DM, 10). Die von ihm erstrebte objektive Kategorialanalyse dürfe sich nicht auf unzureichende, unscharfe kulturphilosophische Begrifflichkeiten stützen: alles „Platonische“ (US, 11) habe in seiner wissenschaftlichen Philosophie keinen Platz.3 Klingt zunächst noch eine Nähe zur Phänomenologie an, deren Analysen ebenfalls „im Umkreis der Erfahrung“ (DM, 10) ansetzen und Erlebnisse untersuchen, die für „jedermann nachvollziehbar sind“ (ebd.), erweist sich Gehlens methodischer Zugriff letztlich als ein naturwissenschaftlich-empirischer, ohne jedoch gänzlich frei von normativen Bestimmungen zu sein.4
[....]
1 Zu den bekanntesten Schriften des Anthropologen, Philosophen und Sozialpsychologen zählen „Der Mensch“ (1940), „Urmensch und Spätkultur“ (1956) und auch „Die Seele im technischen Zeitalter“ (1957).
2 Gehlen, Arnold. 71962. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main, Athenäum Verlag, S. 14. (Textnachweise zu den Werken Arnold Gehlens werden fortan aufgrund ihrer Häufigkeit in einer Kurzform angeführt. Folgende Werke nebst den ihnen entsprechenden Abkürzungen wurden herangezogen: Der Mensch (DM); Urmensch und Spätkultur (US); Philosophische Anthropologie und Handlungslehre (PAH); Die Seele im technischen Zeitalter (StZ); Studien zur Anthropologie und Soziologie (SAZ). Diese Kürzel finden sich zudem hinter den ausführlichen bibliografischen Nachweisen im Anhang.)
3 Vgl. Urmensch..., S. 8. Friedrich Jonas zufolge sei Gehlen trotz seiner antimetaphysisch geprägten Wissenschaftsvorstellung ein „Idealist, ohne jedoch die Voraussetzungen des Idealismus, den Glauben an ein Absolutes zu teilen, zu dem sich der Mensch steigern könnte.“ (Jonas 1966, 97) Auf Gehlens metaphysische Wurzeln, seine Auseinandersetzung mit Kants Vernunftkonzept und seine in den Frühschriften enthaltene Beschäftigung mit existenzphilosophischen Strömungen sei nur am Rande hingewiesen.
4 Gehlen erwähnt die Einnahme einer Art epoché, einer Urteilsenthaltung im husserlschen Sinne, vermutlich, um seinen Untersuchungen wissenschaftliche Dignität zu verleihen: Von „sich anbietenden geläufigen Vorstellungen“ (DM, 16) sei abzusehen, diese seien „einzuklammern.“ (Ebd.) Das Verhältnis Gehlens zur phänomenologischen Tradition, insbesondere zu dem von ihm oft zitierten Max Scheler, bedürfte einer eigenen Untersuchung.
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