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Mündlichkeit und Schriftlichkeit im mittelalterlichen Literaturbetrieb

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 20 Pages
Author: Dirk Hein
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Event: HS Literaturbetrieb im Mittellalter
Institution/College: Technical University of Chemnitz (Germanistik)
Tags: Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Literaturbetrieb, Mittellalter
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 20
Grade: 1,7
Language: German
Archive No.: V22604
ISBN (E-book): 978-3-638-25892-0
ISBN (Book): 978-3-638-75965-6
File size: 416 KB

Abstract

Das Thema Mündlichkeit und Schriftlichkeit als solches ist zu komplex, um auf den folgenden 15 Seiten abgehandelt zu werden. Diese Arbeit will daher nur versuchen, geleitet von den folgenden Thesen, einige Aspekte des Themas zu beleuchten, die geeignet erscheinen in ihrer Gänze ein Bild der für unseren Betrachtungszeitraum besonders wichtigen Zeit um 1200 zu geben. Um das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Mittelalter näher zu bestimmen, ist es nötig einen nicht unbedeutenden Teil dieser Arbeit den Bildungsvoraussetzungen der Träger von Literatur im Mittelalter zu widmen. Die Kenntnis des Bildungsniveaus der für den Literaturbetrieb wichtigen Bevölkerungsschichten1 lässt logischerweise Rückschlüsse auf deren literarische Ambitionen und Möglichkeiten zu. Meine erste These lautet daher: Die Produktion von schriftlich tradierter Literatur im Mittelalter hängt eng mit dem Zugang zu Bildung zusammen. Des weiteren vollzieht sich der Literaturbetrieb, auch bereits im Mittelalter, in einem Spannungsfeld zwischen künstlerischen Ambitionen und gesellschaftlichen Vorgaben. Literatur reagiert auf gesellschaftliche Änderungen, so lautet meine zweite These. Zu klären bleibt noch die Frage, wie es zu dem Wechsel von einer scheinbar allgemein akzeptierten Mündlichkeit des Lebens und der Literatur zu einer zunehmenden Verschriftlichung vieler Bereiche der Lebenswirklichkeit kam und wie sich dieser Prozess vollzog. Diese Frage soll kurz angerissen und abschließend am Beispiel des Nibelungenliedes exemplifiziert werden.


Excerpt (computer-generated)

Mündlichkeit und Schriftlichkeit im
mittelalterlichen Literaturbetrieb


von: Dirk Hein

1. Einleitung  4

2. Bildungsgeschichtliche Bedingungen um 1200  4

2.1 Die Bildung der Frau 6
2.2 Litteratus – Illitteratus  6

3. Das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit im mittelalterlichem Literaturbetrieb 7

3.1 Literaturgeschichtliche Tendenzen 7
3.2 Mündliche Tradition 8
3.3 Schriftliche Tradition 10

4. Der Übergang von mündlich zu schriftlich tradierter Literatur am Beispiel des Nibelungenliedes  12

4.1 Die Oral Poetry Theorie bei Parry und Lord  14

4.1.1 Demonstration der Oral Poetry Theorie an zwei Beispielen 16

4.2 Literaturhistorische Analyse des Textes 17

5. Schlussbemerkungen 19

6. Literaturverzeichnis  20

6.1 Primärliteratur  20
6.1 Sekundärliteratur  20

 


 

 

 

1. Einleitung

Das Thema Mündlichkeit und Schriftlichkeit als solches ist zu komplex, um auf den folgenden 15 Seiten abgehandelt zu werden. Diese Arbeit will daher nur versuchen, geleitet von den folgenden Thesen, einige Aspekte des Themas zu beleuchten, die geeignet erscheinen in ihrer Gänze ein Bild der für unseren Betrachtungszeitraum besonders wichtigen Zeit um 1200 zu geben.

Um das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Mittelalter näher zu bestimmen, ist es nötig einen nicht unbedeutenden Teil dieser Arbeit den Bildungsvoraussetzungen der Träger von Literatur im Mittelalter zu widmen. Die Kenntnis des Bildungsniveaus der für den Literaturbetrieb wichtigen Bevölkerungsschichten1 lässt logischerweise Rückschlüsse auf deren literarische Ambitionen und Möglichkeiten zu. Meine erste These lautet daher: Die Produktion von schriftlich tradierter Literatur im Mittelalter hängt eng mit dem Zugang zu Bildung zusammen.

Des weiteren vollzieht sich der Literaturbetrieb, auch bereits im Mittelalter, in einem Spannungsfeld zwischen künstlerischen Ambitionen und gesellschaftlichen Vorgaben. Literatur reagiert auf gesellschaftliche Änderungen, so lautet meine zweite These. Zu klären bleibt noch die Frage, wie es zu dem Wechsel von einer scheinbar allgemein akzeptierten Mündlichkeit des Lebens und der Literatur zu einer zunehmenden Verschriftlichung vieler Bereiche der Lebenswirklichkeit kam und wie sich dieser Prozess vollzog. Diese Frage soll kurz angerissen und abschließend am Beispiel des Nibelungenliedes exemplifiziert werden.

2. Bildungsgeschichtliche Bedingungen um 1200

Für die Zeit um 1200 lässt sich für Deutschland 2 bildungsgeschichtlich das folgende Bild zeichnen. Wissen, und die damit verbundene Fähigkeit die lateinische Sprache zu lesen, sie zu verstehen und sie zu benutzen, war ein Privileg geistlich gebildeter Männer. Sie galten „jahrhundertelang [als, DH] Hüter der Schriftkultur“3. Außerhalb dieses eng gezogenen Kreises wurde die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben nur in sehr geringem Maße geschätzt4. Ein adliger Landesherr hatte sich in erster Linie um sein Land zu kümmern, das heißt es mit kriegerischen oder diplomatischen Mitteln zu sichern und zu erweitern. Die Bedeutung eines Herrschers wurde also danach gewertet, wie viel Land er gewonnen, wie viele Aufstände er niedergeschlagen, wie viele Bauten er für Kirche und Stadt errichten lassen hat, aber nicht danach ob er genügend Bücher gelesen habe5. Die Fähigkeit zum Schreiben war keine Voraussetzung für einen guten Herrscher und erst recht kein Grund für Minderwertigkeitskomplexe.6 Adlige Herrscher verfügten folgerichtig nur in den seltensten Fällen über eine entsprechende literarische Ausbildung. Dies war nur der Fall, wenn ein adliger Sohn als Zweitgeborener eigentlich für eine geistliche Tätigkeit ausgebildet wurde, sprich damit literarisch gebildet war, dann aber aus dynastischen Gründen das eigentlich dem ersten Sohn vorbehaltene Herrschersamt übernahm. 7 Selbst Kaiser und Könige waren noch um 1200 zu großen Teilen illitterat. Hier lässt sich aber laut Bumke zumindest der Trend feststellen, dass eine neu an die Macht gekommene Herrscherdynastie nicht zuletzt durch eine entsprechende Bildung der Nachkommen ihre eigene Position zu legitimieren und zu stärken suchte.8

[...]


1 Dabei ist es eigentlich unnötig zu erwähnen, dass Literatur bis zu den Anfängen der Neuzeit ein im hohen Maße privilegiertes Vergnügen war, von dem große Teile der Bevölkerung a priori ausgeschlossen waren. Für den hier zu behandelten Zeitraum kommen somit nur Vertreter des geistlichen Standes sowie hohe adlige Personen beiderlei Geschlechtes in Frage.
2 Die hier getroffenen Aussagen fassen die Situation ausschließlich in Deutschland zusammen. Zur Laienbildung in Frankreich vgl. u.A. Bumke, Joachim (1994): Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 7. Auflage. München: DTV. S.596 ff.
3 Grundmann, Herbert: Die Frauen und die Literatur des Mittelalters. In: Grundmann, Herbert: Ausgewählte Aufsätze. Teil 3. Bildung und Sprache. Stuttgart 1978. S. 76 – 95. Hier Seite 77.
4 „Fundamentale Tatsache ist, dass der Großteil der Bevölkerung Europas um 1200 weder lesen noch schreiben konnte. Und dies bezieht Mitglieder aller Gesellschaftsschichten mit ein.“ Bäuml, Franz: Zum Verständnis mittelalterlicher Mitteilungen. In: Masser, Achim (Hrsg.)(1981): Hohenemser Studien zum Nibelungenlied. S.290.
5 so beschwert sich beispielsweise Wipo (gestorben nach 1049), dass der deutsche Adel für seine Kinder literarische Ausbildung als unnütz ansah, Krohn: Kulturgeschichtliche Bedingungen. S. 30, vgl. dazu grundlegend: Bianchi, Giovanni (Hrsg.)(1980): Einhardus. Vita Karoli Magni.Salermo.
6 vgl. dazu den Ausspruch von Wipo (Kanzler Kaiser Konrad II, 1049 in Tetralogus): ... Solis Teutonicis vacuum vel turpe videtur, ut doceant aliquem, nisi clericus accipiatur. Zitiert nach Bumke: Höfische Kultur: S. 602. Bezeichnend dafür ebenso das Eingeständnis Wolfram von Eschenbachs „ine kan decheinen buochstap“ als Ausdruck eines ritterlich – kriegerischen Selbstverständnis“ ,vergleiche dazu aber den Abschnitt 3.3 über eine unterschiedliche Deutung.
7dazu kurz Rüdiger Krohn: Kulturgeschichtliche Bedingungen. S. 30.
8 dazu einleuchtend Bumke: Höfische Kultur: S. 603 f. und kurz Krohn: Kulturgeschichtliche Bedingungen. S. 30.


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