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Der Völkermord an den Armeniern in Romanen von Werfel, Hilsenrath, Mangelsen und Balakian

Magisterarbeit, 2002, 138 Seiten
Autor: Stefan Karsten
Fach: Kulturwissenschaft

Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2002
Seiten: 138
Note: 2,0
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V22881
ISBN (E-Book): 978-3-638-26115-9
ISBN (Buch): 978-3-638-70151-8
Dateigröße: 1126 KB
Anmerkungen :
Die Magisterarbeit hat die Rezeption des Völkermordes an den Armeniern in der Türkei (1915-1922) durch verschiedene historische Romane zum Thema. Im theoretischen Teil wird die Rolle von historischen Romanen als Teil der Erinnerungskultur thematisiert. Den vier Romananalysen ist ein ausführlicher historischer Teil vorangestellt, der die Geschichte der Armenier und den Ablauf des Völkermordes nachzeichnet. Im zweiten Teil werden die vier Romane ausführlich analysiert.


Zusammenfassung / Abstract

Die Magisterarbeit hat die Rezeption des Völkermordes an den Armeniern in der Türkei (1915-1922) durch verschiedene historische Romane zum Thema. Im theoretischen Teil wird die Rolle von historischen Romanen als Teil der Erinnerungskultur thematisiert. Den vier Romananalysen ist ein ausführlicher historischer Teil vorangestellt, der die Geschichte der Armenier und den Ablauf des Völkermordes nachzeichnet. Im zweiten Teil werden die vier Romane ausführlich analysiert.


Textauszug (computergeneriert)

Universität Lüneburg
Fachbereich III - Angewandte Kulturwissenschaften

Der Völkermord an den Armeniern
in Romanen von 
Werfel, Hilsenrath, Mangelsen und Balakian

Magisterarbeit
im Studiengebiet Sprache und Kommunikation

vorgelegt von

Stefan Karsten

Lüneburg, den 23.10.2002

Gliederung

1. Einleitung ... 1

2. Der historische Roman als Teil der Erinnerungskultur ... 3
2.1. Zum Begriff des historischen Romans ... 3
2.2. Zur Aufgabe des historischen Romans ... 4
2.3. Literatur und Erinnerung ... 7

3. Vorgehensweise ... 8

4. Geschichte des armenischen Volkes ... 10
4.1. Vorgeschichte und Nationenbildung ... 10
4.1.1. Frühgeschichte ... 10
4.1.2. Christianisierung ... 11
4.1.3. Behauptungsversuche und Unterwerfung ... 12
4.2. Armenien unter der Herrschaft der Osmanen ... 13
4.2.1. Kampf um die Vorherrschaft ... 13
4.2.2. Minderheit im eigenen Land ... 14
4.2.3. Die Stellung der Armenier im Osmanischen Sultanat ... 16
4.2.3.1. Rechtliche Stellung ... 16
4.2.3.2. Wirtschaftliche und soziale Stellung ... 18
4.2.4. Das Image der Armenier ... 19
4.2.5. Die Armenische Frage ... 21
4.2.5.1. Reformversuche im Osmanischen Reich ... 21
4.2.5.2. Nationales Erwachen und ethnische Spannungen ... 22
4.2.5.3. Wendepunkt Berliner Kongress ... 24
4.2.6. Die systematischen Armenierverfolgungen ab 1893 ... 27
4.2.6.1. Die Armenierpolitik Abdul Hamids ... 27
4.2.6.2. Exkurs: Kurden und Armenier ... 29
4.2.6.3. Die Massaker an der armenischen Bevölkerung ... 31
4.2.7. Armenier und Jungtürken ... 33

5. Der Völkermord ... 36
5.1. Einführung ... 36
5.2. Gründe des Völkermordes ... 37
5.3. Der Ablauf des Völkermordes ... 39
5.4. Der Völkermord und die Folgen ... 42

6. Franz Werfel: „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ ... 44
6.1. Zum Autor ... 44
6.2. Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von „Die 40 Tage des Musa Dagh“ ... 45
6.3. Zum historischen Hintergrund ... 49
6.4. Ästhetische Konzeption und literarische Adaption ... 51
6.5. Thematische Aspekte ... 56
6.5.1. Einführung ... 56
6.5.2. Darstellung der politischen Zusammenhänge des Völkermordes ... 57
6.5.3. Darstellung der Gräuel ... 61
6.5.4. Darstellung der Kultur und Menschen ... 64
6.6. Schlussbemerkung ... 67

7. Edgar Hilsenrath: „Das Märchen vom letzten Gedanken“ ... 69
7.1. Zum Autor ... 69
7.2. Motivation und Entstehungsgeschichte ... 70
7.3. Ästhetische Konzeption und literarische Adaption ... 71
7.4. Thematische Aspekte ... 76
7.4.1. Einführung ... 76
7.4.2. Darstellung der geschichtlichen und politischen Aspekte des Völkermords ... 76
7.4.3. Darstellung der Kultur und Menschen ... 78
7.4.4. Darstellung der Gräuel ... 80
7.5. Schlussbetrachtung ... 87

8. Jochen Mangelsen: „Ophelias lange Reise nach Berlin“ ... 89
8.1. Zum Autor ... 89
8.2. Motivation und Entstehungsgeschichte ... 89
8.3. Ästhetische Konzeption und literarische Adaption ... 91
8.4. Thematische Aspekte ... 94
8.4.1. Einführung ... 94
8.4.2. Darstellung der geschichtlichen und politischen Aspekte des Völkermords ... 95
8.4.3. Darstellung der Kultur und Menschen ... 98
8.4.4. Darstellung des Völkermordes und der Gräuel ... 100
8.5. Schlussbetrachtung ... 103

9. Peter Balakian: „Die Hunde vom Ararat“ ... 105
9.1. Einführung ... 105
9.2. Zum Autor und Motivation ... 105
9.3. Ästhetische Konzeption und literarische Adaption ... 106
9.4. Darstellung des Völkermordes ... 109
9.5. Exkurs: Armenische Diaspora zwischen Gedenken, türkischer Leugnung und kollektiven Bewusstsein ... 113
9.6. Schlussbetrachtung ... 116

10. Fazit ... 117

11. Literaturverzeichnis ... 123

12. Anhang ... 132
12.1. Glossar ... 132
12.2. Landkarte von Armenien ... 134

 

1. Einleitung
Thema der vorliegenden Magisterarbeit ist der Völkermord an den Armeniern 1915-1916 und seine Aufarbeitung in vier nicht-zeitgenössischen Romanen.


„La question armenienne n´existe plus.“1

Diese Feststellung traf Talaat Pascha, der osmanische Innenminister, am 31. August 1916 gegenüber dem deutschen Botschaftsvertreter Fürst Hohenlohe-Langenburg. Aus seiner Sicht, knapp 16 Monate nach Beginn der Armenierverfolgungen im Osmanischen Reich, eine durchaus richtige Einschätzung: War doch die armenische Bevölkerung fast vollständig deportiert und ausgerottet worden und die westarmenische Bevölkerungsgruppe im Osmanischen Reich faktisch nicht mehr existent. In den Augen vieler Nichttürken ist die armenische Frage keineswegs endgültig gelöst. Neben den Diaspora-Armeniern haben sich viele westliche Intellektuelle dieses Themas angenommen und daran gearbeitet, das an den Armeniern begangene Unrecht nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. In Deutschland versuchte schon während des Ersten Weltkrieges der evangelische Pfarrer Johannes Lepsius, behindert durch die Militärzensur, publizistisch auf das Morden und die Mitverantwortung Deutschlands aufmerksam zu machen. In der Bundesrepublik engagierte sich u.a. auch Ralph Giordano für die Sache der Armenier.

Die Monstrosität der Verfolgung und die bis dahin schier unglaubliche Opferzahl von bis zu 1,5 Millionen2 Menschen drängt aber nicht nur nach publizistischer bzw. historischer, sondern auch nach literarischer Aufarbeitung dieses Völkermordes. Insbesondere weil bis heute von türkischer Seite nicht nur der Genozid, sondern auch die Existenz einer armenischen Kultur auf türkischem Boden hartnäckig bestritten wird.

Gerade die Tatsache, dass dieses Verbrechen bis heute nicht wirklich in das Bewußtsein der breiten Weltöffentlichkeit gedrungen ist, und die sich aufdrängende Parallele zum jüdischen Holocaust machen diese Thematik so interessant. Wie ist es möglich, dass eines der grausamsten Menschheitsverbrechen so wenig Beachtung findet? Wie konnte es am Rande von Europa zu solch einem Völkermord kommen und wie ist es möglich, dass sich die türkische Regierung und dortige Öffentlichkeit dieser Tatsache vollständig verschließt?

Neben der traditionellen Historiographie gibt es auch für die Literatur die Möglichkeit, sich mit geschichtlichen Ereignissen in Form von historischen Romanen zu befassen. Im Rahmen dieser Arbeit werden daher vier Romane untersucht, die sich mit dem Thema „Völkermord an den Armeniern“ beschäftigen. Der Völkermord an den Armeniern ist bisher nur von relativ wenigen Romanciers bearbeitet worden.3 Den Anfang machte 1933 Franz Werfel mit „Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Dieser Roman ist bis heute wohl das bekannteste literarische Werk zu diesem Thema. Erst Ende der achtziger Jahre kam mit Edgar Hilsenraths „Das Märchen vom letzten Gedanken“ (1989) erneut ein Armenienroman auf den deutschen Buchmarkt. Im Zuge der in den letzten Jahren zunehmenden Erinnerungsliteratur erschienen fast zeitgleich Jochen Mangelsens „Ophelias lange Reise nach Berlin“ (2001) und Peter Balakians „Die Hunde vom Ararat“ (2000). Diese eben genannten Romane wurden ausgewählt, weil die vier Autoren jeweils eine eigene Herangehensweise an das historische Ereignis haben.

In der vorliegenden Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie die Autoren in ihren Romanen den Völkermord literarisch bewältigen. Des Weiteren soll geprüft werden, welchen Beitrag Literatur zur Aufarbeitung historischer Ereignisse und zur Bewahrung einer Erinnerungskultur leisten kann und ob das am Beispiel des Genozids im Osmanischen Reich gelingt. Oder sollte Winston Churchill mit seiner Prophezeiung „Die Geschichte wird dort vergeblich das Wort ,Armenien’ suchen.“4 Recht behalten? Was war das für ein Volk, dass Jahrhunderte lang dem schwersten Assimilierungsdruck standgehalten hat und dann ausgerottet wurde? Wie ist der Vernichtungswille der Türken zu erklären? Um die Ursachen des Genozids verstehen zu können, muss das geistig-kulturelle Klima im Osmanischen Reiches betrachtet werden. Daher wird in dieser Arbeit die ausführliche Beschreibung der historischen Zusammenhänge und Abläufe den Literaturanalysen vorangestellt. Danach wird die Darstellung armenischer Kultur und des armenischen Völkermordes in den Romanen untersucht.

Zunächst jedoch soll in dem nachfolgenden Kapitel der Frage nachgegangen werden, was für das Genre „Historischer Roman“ kennzeichnend ist. Im Rahmen dessen soll analysiert werden, was Romanliteratur innerhalb der Erinnerungskultur zu leisten vermag und ob sie für die Darstellung von Geschichte überhaupt geeignet ist.

2. Der historische Roman als Teil der Erinnerungskultur
2.1. Zum Begriff des historischen Romans
Das zentrale Problem jeder Gattungsbestimmung liegt darin, Merkmale zu finden, die den literarischen Werken unabhängig von ihrer sonstigen Heterogenität in gleicher Weise zugesprochen werden können.

[...]


1 Johannes Lepsius, Deutschland und Armenien 1914-1918. Sammlung diplomatischer Schriftstücke, (1919) Bremen 1986, S. 36

2 In fast jedem Werk findet man eine Diskussion über die Zahl der Opfer. Die Zahlen schwanken zwischen 200.000 (türkische Version) und 1,5 Millionen (armenische Version). Von neutraler Seite wird von mindestens 1,2 Millionen ausgegangen. Vgl. hierzu Johannes Lepsius, Der Todesgang des Armenischen Volkes, (1930) Heidelberg 1980, S. 312 und Yves Ternon, Der verbrecherische Staat, Hamburg 1996, S. 151

3 Zumeist handelte es sich dabei um Werke von armenischen Literaten, die jedoch nicht übersetzt wurden. Vgl. Medarus Brehl, Peter Balakian: Die Hunde vom Ararat. In: Zeitschrift für Genozidforschung, Vol. 2,2 / 2000, S. 135

4 Winston Churchill nach Abschluß des Friedensvertrags von Lausanne 1923. Vgl. Yves Ternon, Tabu Armenien, Frankfurt/M. 1981, S. 237


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