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Freundschaft und Sexualität bei Erwachsenen mit geistiger Behinderung unter den Bedingungen einer Großeinrichtung

Diplomarbeit, 2003, 92 Seiten
Autor: Julja Hufeisen
Fach: Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Details

Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 2003
Seiten: 92
Note: 2
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V23242
ISBN (E-Book): 978-3-638-26406-8

Dateigröße: 360 KB
Anmerkungen :




Textauszug (computergeneriert)

FACHHOCHSCHULE
BRAUNSCHWEIG/WOLFENBÜTTEL
Fachbereich Sozialwesen

Diplomarbeit

Freundschaft und Sexualität bei Erwachsenen mit geistiger Behinderung 
unter den Bedingungen einer Großeinrichtung

Verfasserin: Julja Hufeisen

WS 2002/2003

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1 Definition von Freundschaft
2.2 Definition von Sexualität
2.3 Definition von geistiger Behinderung

3. Die Entwicklung der menschlichen Sexualität
3.1 Sexuelle Entwicklung im Kindesalter
3.2 Entwicklung während der Pubertät
3.2.1 Allgemeiner Teil
3.2.1 Aspekte der psychosozialen Pubertätsentwicklung
3.2.2 Behinderungsspezifische Probleme während der Pubertät

4. Bedeutung von Freundschaft und Sexualität für Menschen mit geistiger Behinderung
4.1 Bedeutung von Freundschaft
4.2 Bedeutung von Sexualität

5 Sexualität und sexuelle Partnerschaft bei erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung
5.1 Sexualverhalten geistig behinderter Menschen
5.1.1 Sexualität als Kommunikationsmittel und im sogenannten Mittelbereich
5.1.2 Genitalsexualität
5.2 Störungen im Sexualbereich
5.4 Exkurs: Sexuelle Ausdrucksformen geistig schwerstbehinderter Menschen

6. Kinderwunsch und Elternschaft geistig behinderter Menschen
6.1 Allgemeiner Teil
6.2 Rechtliche und persönliche Lage von Eltern mit geistiger Behinderung

7. Empfängnisverhütung
7.1 Allgemeiner Teil
7.2 Reversible Methoden der Empfängnisverhütung
7.3 Sterilisation
7.3.1 Allgemeiner Teil
7.3.2 Historische Dimension der Sterilisation
7.3.3 Sterilisation nach dem Betreuungsgesetz von 1992

8. Institutionelle Einschränkungen der Sexualität geistig behinderter Menschen
8.1 Rechtlicher und konzeptioneller Anspruch auf ein normalisiertes (Sexual)Leben der Bewohner
8.2 Diskrepanz zwischen diesen Ansprüchen und der Heimrealität
8.2.1 Einschränkungen durch institutionelle Rahmenbedingungen
8.2.2 Einschränkungen durch das Verhalten der Mitarbeiter
8.2.3 Auswirkungen auf die Bewohner

9. Sexueller Mißbrauch in Einrichtungen der Behindertenhilfe
9.1 Allgemeiner Teil
9.2 Ursachen des erhöhten Mißbrauchsrisikos geistig behinderter Menschen in Großeinrichtungen
9.3 Präventions- und Interventionsmöglichkeiten

10. Exkurs: AIDS

11. Interventionsmöglichkeiten im Hinblick auf die Entwicklung eines selbstbestimmten Sexuallebens geistig behinderter Menschen
11.1 Ansatzpunkte bei den institutionellen Rahmenbedingungen
11.2 Ansatzpunkte bei den Mitarbeitern
11.3 Ansatzpunkte bei den Bewohnern

12. Mitarbeiterbefragung in einer Großeinrichtung zu dem Thema "Freundschaft und Sexualität geistig behinderter Menschen in einer Großeinrichtung."

13. Schlußbemerkungen

14. Literaturverzeichnis

15. Anhang

 

1. Einleitung
Freundschaft, Liebe und Sexualität sind untrennbar mit dem Menschsein verbunden. Gerade der Sexualität kommt im Zuge der sexuellen Liberalisierung der letzten Jahrzehnte ein gewichtiger Anteil bei der ganzheitlichen Erfassung des Menschen zu. Diese Ganzheitlichkeit muss auch für Menschen mit geistiger Behinderung von Gültigkeit sein. Dennoch ist es eine Tatsache, dass diesen Personen sowohl von Laien als auch vielfach noch von Professionellen unterstellt wird, das geistige Handicap bewirke stets eine behinderungsspezifische Modifikation des Sexualverhaltens, welches deshalb am besten gar nicht erst zu Tage treten sollte. Diese Haltung vehement kritisierend betont FEUSER dagegen, die Sexualität eines geistig behinderten Menschen und seine daran orientierten Wünsche seien "[...] so wirklich wie die unsrigen. Sie ihm derart abzusprechen ist in gleicher Weise ein Schritt seiner Entmündigung wie seiner Entmenschlichung."1 Schon hier wird deutlich, dass wir Menschen ohne geistige Behinderung es sind, welche die Geschlechtlichkeit von und zwischen geistig behinderten Erwachsenen als problematisch ansehen. In dieser Arbeit möchte ich aufzeigen, dass die Schwierigkeiten bezüglich der Sexualität dieser Personengruppe nicht primär in der Behinderung selbst liegen, sondern ihre Ursachen in den alltäglichen Einschränkungen, Abhängigkeiten und fremdbestimmten Lebensbedingungen dieser Menschen haben. Diese allgemeine Einschränkung der selbstbestimmten Lebensführung erhält oft noch eine zusätzliche Steigerung, wenn der Betreffende in einer stationären Großeinrichtung untergebracht ist. Im Hauptteil dieser Arbeit möchte ich deshalb insbesondere die institutionellen Einschränkungen des partnerschaftlichen und sexuellen Lebens der Bewohner solcher Einrichtungen diskutieren.
Meine Motivation für die Bearbeitung dieses Themas entwickelte sich während meiner Hospitation auf einer Wohngruppe für schwer geistig und mehrfach behinderte Männer in einer stationären Großeinrichtung. Einige der Bewohner zeigten sexuelle Ausdrucksweisen, wie beispielsweise das öffentliche Manipulieren an den eigenen Genitalien. Irritiert von diesem Verhalten traute ich mich dennoch nicht, dieses Thema anzusprechen und auch von Seiten der Mitarbeiter kam die Sexualität der Bewohner nie zur Sprache. Ähnliche Erfahrungen machte ich auch in anderen Bereichen dieser Einrichtung: Die sexuellen Bedürfnisse und Ausdrucksweisen der Bewohner waren nur selten Diskussionsgegenstand der Mitarbeiter. Aus diesem Grund möchte ich dieses Thema in meiner Arbeit aufgreifen und hoffe, den Leser zu sensibilisieren für eine Wahrnehmung und Unterstützung der Sexualität von in Großeinrichtungen lebenden Menschen mit geistiger Behinderung.
Mit der Arbeit möchte ich versuchen, folgende Fragestellungen zu beantworten:

  • Gibt es ein behinderungsspezifisches Sexualverhalten?
  • Inwieweit stimmen die Ansprüche der Einrichtungsbewohner auf ein normalisiertes (Sexual)Leben mit der Umsetzung im Heimalltag überein und inwieweit wird die Sexualität der geistig behinderten Menschen durch die Einstellungen und Verhaltensweisen der Mitarbeiter beeinflusst?
  • Was kann getan werden, bzw. was muss sich in der Realität des Einrichtungslebens ändern, um den Bewohnern ein selbstbestimmteres Sexualleben zu ermöglichen?

Hierauf basierend ergibt sich folgender Textaufbau:
Beginnen werde ich die Arbeit mit den kontextrelevanten Definitionen von Freundschaft, Sexualität und geistiger Behinderung, um im Folgenden die Entwicklung der menschlichen Sexualität im allgemeinen und unter behinderungsspezifischen Aspekten darzustellen. Im Hauptteil werde ich dann auf die Bedeutung von Freundschaft und Sexualität für Menschen mit geistiger Behinderung eingehen und anschließend mögliche sexuelle Verhaltensweisen dieser Klientel darstellen. In Folge daran beschäftige ich mich mit Kinderwunsch und Elternschaft geistig behinderter Menschen und diskutiere anschließend Methoden der Empfängnisverhütung einschließlich der Sterilisation. Daran anknüpfend möchte ich die rechtlichen und konzeptionellen Ansprüche der Bewohner auf ein normalisiertes Leben auch im sexuellen Bereich diskutieren und mögliche Einschränkungen ihrer Sexualität durch institutionelle Rahmenbedingungen sowie durch das Verhalten der Mitarbeiter beschreiben. Anschließend wird der Themenkomplex Sexueller Mißbrauch von Einrichtungsbewohnern erörtert. Das Problemfeld AIDS werde ich nur kurz im Rahmen eines Exkurses umreißen. Nachfolgend werde ich ausführlich auf (pädagogische) Interventionsmöglichkeiten im Hinblick auf die Entwicklung eines selbstbestimmten Sexuallebens geistig behinderter Menschen eingehen. Abschließend werden die Ergebnisse der zuvor behandelten Themenkomplexe verglichen mit einer von mir in … (einer stationären Großeinrichtung für behinderte Menschen) durchgeführten qualitativen Mitarbeiterbefragung zum Thema "Freundschaft und Sexualität geistig behinderter Menschen in einer Großeinrichtung."
Es sei darauf hingewiesen, dass ich auf Grund der besseren Lesbarkeit der Arbeit bei der Beschreibung von Bewohnern und Mitarbeitern die männlichen Formen verwende, es sei denn, ich beziehe mich explizit auf Menschen weiblichen Geschlechts. Hin und wieder verwende ich synonym zu dem Begriff Mitarbeiter das Wort Betreuer. Um hierbei Mißverständnisse zu vermeiden, werde ich im Hinblick auf die Sterilisation Einwilligungsunfähiger von rechtlichen Betreuern sprechen.

2. Begriffsbestimmungen

2.1 Definition von Freundschaft
Etymologisch steht der Begriff Freundschaft in einem Bedeutungszusammenhang mit Verwandtschaft und Liebe, aber auch mit Freiheit. Die scheinbare Vertrautheit mit dem Konstrukt Freundschaft legt die Annahme nahe, jeder benutze den Begriff in einem ähnlichen Kontext. Es ist aber so, dass der Ausdruck Freundschaft von den verschiedensten Fachrichtungen wie beispielsweise der Psychologie, Philosophie oder Soziologie unter je eigenen, fachspezifischen Aspekten definiert wurde. Da die Darstellung der verschiedenen Ansätze jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, werde ich mich hier beziehen auf die soziologische Definition von NÖTZOLDT-LINDEN. Hiernach ist

[...]


1 FEUSER in: Geistige Behinderung IV/1980, S. 201


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