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Hypertext - Eine textlinguistische Untersuchung

Thesis (M.A.), 1998, 124 Pages
Author: Oliver Huber
Subject: German Studies - Linguistics

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 1998
Pages: 124
Grade: 1.5
Bibliography: ~ 165  Entries
Language: German
Archive No.: V24
ISBN (E-book): 978-3-638-10011-3

File size: 453 KB
Notes :
Diese Arbeit ist im Bereich der textlinguistischen Grundlagenforschung zur Kommunikationsform.



Excerpt (computer-generated)

Magisterarbeit

in der Philosophischen Fakultät für
Sprach- und Literaturwissenschaft II
Institut für Deutsche Philologie der
Ludwig-Maximilians-Universität München

Hypertext - eine textlinguistische Untersuchung

vorgelegt von

Oliver Karl Josef Huber

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG ... 4

1.1 MOTIVATION UND PROBLEMSTELLUNG ... 4

1.2 ANGABEN ZUM KORPUS, METHODISCHE UND TECHNISCHE EINSCHRÄNKUNG DER UNTERSUCHUNG ... 8

1.3 ZUR LITERATURLAGE ... 10
1.3.1 Hypertext ... 10
1.3.2 Textlinguistik14
1.3.3 (Text-)Linguistik und Hypertext  ... 15


2 HYPERTEXT: GRUNDSÄTZLICHES ZUR ENTWICKLUNG UND STRUKTUR ... 16

2.1 UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND  ... 16
2.1.1 Herkunft des Terminus’ Hypertext  ... 17
2.1.2 Bedeutung von {hyper}  ... 19
2.1.3 Bedeutung von {text}  ... 21
2.1.4 Definition der Sekundärliteratur ... 24
2.1.5 Intension und Extension ... 30

2.2 KOMPONENTEN EINES HYPERTEXTES ... 33
2.2.1 Knoten ... 33
2.2.1.1 Struktur  ... 34
2.2.1.2 Inhalt und Größe ... 35
2.2.1.3 Darstellungsform der Knoten  ... 36
2.2.1.4 Knotenarten ... 37
2.2.2 Verweise  ... 38
2.2.2.1 Allgemeine Einführung ... 38
2.2.2.2 Formal: Beziehungsverhältnisse zwischen Ausgangs- und Zielpunkt  ... 40
2.2.2.3 Inhaltlich: Organisatorische Verweise vs. Referentielle Verweise ... 41
2.2.2.3.1 Unterscheidung der beiden Verweisklassen  ... 41
2.2.2.3.2 Referentielle Verweise  ... 42
2.2.2.3.3
Organisatorische Verweise  ... 42
2.2.2.4 Kritik der Verweise ... 44
2.2.3 Navigations- und Orientierungskomponenten  ... 47
2.2.3.1 Textsequenzierung, Navigation und Browsing ... 47
2.2.3.2 Orientierungsprobleme und kognitive Mehrbelastung ... 48
2.2.3.3 Traditionelle Orientierungshilfen  ... 51
2.2.3.3.1 Verzeichnisse  ... 51
2.2.3.3.2 Metainformationen  ... 52
2.2.3.3.3 Typographische Auszeichnungen  ... 52
2.2.3.4 Hypertextspezifische Orientierungs- und Navigationshilfen ... 53
2.2.3.4.1 Browsersoftware  ... 54
2.2.3.4.2 Backtracking, Historie, Lesezeichen, Verweismarkierung  ... 56
2.2.3.4.3 Grafische Übersichten: Browser und Fish-Eye-Views ... 57
2.2.3.4.4 Anfrage- bzw. Suchmechanismen: Information Retrieval ... 57
2.2.3.4.5 Guided Tours  ... 58

2.3 ZUSAMMENFASSUNG: DER BEGRIFF HYPERTEXT UND DIE EIGENSCHAFTEN EXISTIERENDER HYPERTEXTE ... 58


3 TEXTLINGUISTIK: GRUNDSÄTZLICHES ZUR METHODIK ... 60

3.1 UNTERSUCHUNGSGEBIETE DER TEXTLINGUISTIK, EIN ALLGEMEINER TEXTBEGRIFF ... 60

3.2 UNTERSUCHUNGSKRITERIEN  ... 63
3.2.1 Kriterien der Textualität  ... 63
3.2.2 Textthema: Makrostrukturanalyse ... 67
3.2.3 Textstruktur, Textfunktion und Textsorten  ... 68
3.2.3.1 Textstruktur ... 69
3.2.3.2 Textfunktion ... 70
3.2.3.3 Textsorten  ... 71
3.2.3.4 Exkurs: Textsorten als Prototypen für die Texterkennung ... 72
3.2.4 Referenzbeziehungen in Texten  ... 73

3.3 ZUSAMMENFASSUNG: ANALYSESTRATEGIE  ... 74


4 HYPERTEXT: EINE LINGUISTISCHE ANALYSE ... 76

4.1 KRITERIEN DER TEXTUALITÄT ... 77
4.1.1 Intertextualität: Text, Hypertext und Textgrenzen  ... 77
4.1.2 Lokale Kohäsion/Kohärenz vs. Kontext ... 84
4.1.3 Intentionalität, Informativität, Situationalität und Aktzeptabilität  ... 92

4.2 MAKROSTRUKTURANALYSE ... 93

4.3 TEXTFUNKTION UND TEXTSTRUKTUR ... 96
4.3.1 Kontextanalyse  ... 96
4.3.2 Analyse der Textfunktion  ... 97
4.3.3 Analyse der thematischen Textstruktur ... 100

4.4 REFERENZSTRUKTUREN IN HYPERTEXTEN ... 103
4.4.1 Modell der referentiellen Bewegung  ... 103
4.4.2 Referentielle Bewegung in Hypertexten  ... 104
4.4.3 Bedeutung der Quaestio für Kohärenzphänomene zwischen einzelnen Knoten  ... 108

4.5 HYPERTEXT ALS TEXTSORTE?  ... 110


5 INTERPRETATION DER ERGEBNISSE ... 112

6 TABELLE DER EINZELERGEBNISSE ... 115

7 LITERATURVERZEICHNIS ... 117

7.1 KORPUS ... 117

7.2 SEKUNDÄRLITERATUR ... 117


8 ERKLÄRUNG ... 122

 

 

1 Einleitung

1.1 Motivation und Problemstellung


„1990 entwickelten Robert Cailliau und Tim Bernes-Lee im europäischen Kernforschungszentrum bei Genf (CERN) das World Wide Web (WWW), ein auf der Sprache Hypertext basierendes Informations- und Quellensystem mit einer grafi-schen Benutzeroberfläche.“1 

Seit dem globalen Siegeszug des Internets 2 sind Begriffe wie Multimedia, Hypermedia, und Hypertext in aller Munde.3 Das obenstehende Zitat ist ein Beispiel von vielen für die Verbreitung falscher Vorstellungen und Definitionen von Hypertext: Es handelt sich bei dem Untersuchungsgegenstand weder um eine Sprache natürlicher oder formaler Art, noch um ein Software- bzw. Hardwareprodukt. Der Wortbestandteil {text} legt vielmehr die Vermutung nahe, daß es sich bei Hypertext in irgendeiner Art und Weise um ein textuelles Gebilde handle. Dem Nachgehen dieser Vermutung ist der Hauptteil der vor-liegenden Arbeit gewidmet.4 Dabei stellen sich aber teilweise gravierende Probleme:

(1) Die Beweisführung, daß es sich bei einem Hypertext um einen Text handelt, wird durch das Fehlen einer eindeutigen Textdefinition erschwert. So ist es nämlich grundsätzlich fraglich, ob es sich bei dem Begriff Text überhaupt um eine linguistische Größe - vergleichbar mit Morphem, Satz etc. - handelt oder nicht.5 Aber auch wenn man sich entschließt, Text als sprachliche Größe zu betrachten und daher mit linguistischen Mitteln zu untersuchen, muß man erkennen, daß ein einheitlicher sprachwissenschaftlicher Textbegriff nicht existiert. Es stehen sich vielmehr strukturelle und funktionale Ansätze konkurrierend gegenüber. Zwar wurde in neuerer Zeit versucht, diese beiden Richtungen zu einem integrativen Textbegriff zu vereinen (Brinker 1997), jedoch ist dieser Textbegriff sehr weit gefaßt („very general approach“ Ehlers/Preu 1998), erweist sich in vielen Situationen als zu vage und ist dadurch in seiner Aussagekraft beschnitten. Dennoch wird der Textbegriff von Brinker 1997 als Arbeitsdefinition für die vorliegende Untersuchung dienen. Die Verwendung erfolgt dabei aber unter bestimmten Prämissen und Einschränkungen: Die Ergebnisse der textlinguistischen Untersuchung von Hypertext dürfen nicht als absolut, sondern immer nur im Kontext mit dem verwendeten Arbeitsinstrumentarium gesehen werden. Man muß sich stets vor Augen halten, daß das jeweilige Textverständnis einen dominierenden Einfluß auf die Beantwortung der Frage hat, ob es sich bei einem speziellen Gebilde um einen Text handle oder nicht. Für bestimmte Teilfragen des Textbegriffes werden weiter Autoren herangezogen (van Dijk, Vater, de Beaugrande/Dressler): Der jeweils herausgegriffene Teilbereich des komplexen Phänomens Text wird in der erwähnten Literatur mit einem spezielleren - oft sehr formalen -Erklärungsmodell zu deuten versucht, welches zumeist für das entsprechende Teilgebiet durchaus wertvolle Aussagen liefert. Allerdings ist zu beobachten, daß diese Erklärungsmodelle oft den „Blick fürs Ganze“ zugunsten einer erhöhten Aussagekraft in Teilbereichen aufgeben. Aus diesem Grund verwendet die vorliegende Arbeit zum größten Teil die zwar allgemeinere, aber auch den Text als Ganzes besser beschreibende Definition von Brinker und greift nur bei gewissen Teilfragen auf speziellere Methoden anderer Autoren zurück.

(2) Das spezielle Gebilde, das auf seine Texthaftigkeit hin untersucht werden soll, wird Hypertext genannt. Während die Ausführungen in (1) die Probleme andeuten, die sich beim Bau des textlinguistischen Fundaments als Untersuchungsmethode ergeben, und die Abhängigkeit des erzielten Ergebnisses von der verwendeten Arbeitstheorie klarstellen, so befaßt sich dieser Abschnitt mit den Besonderheiten, die dem Untersuchungsgegenstand zu eigen sind. Hier ist als erstes anzumerken, daß es sich als schwierig erweist, Intension und Extension von Hypertext zu ermitteln. Daraus ergibt sich das Problem, den Untersuchungsbereich exakt abzustecken: Es ist offen, welche konstituierenden Elemente bzw. Eigenschaften ein Gebilde besitzen muß, um als Hypertext zu gelten. Da Hypertexte im WWW oft mit zahlreichen weiteren elekronischen Dokumenten verknüpft sind, gestaltet sich das exakte Festlegen von Textgrenzen als ebenfalls kompliziert. Auch ist fraglich, welche Erscheinungen ganz allgemein unter den Begriff Hypertext fallen. Es wird sich zwar im Laufe der Untersuchung erweisen, daß ein Hypertext zumeist über Knoten und Verweise verfügt, er im elektronischen Medium realisiert ist und zumeist über einen eher nichtlinearen Informationszugang verfügt; allerdings wird sich ebenso zeigen, daß nicht alle, auf den ersten Blick als hypertextuell erscheinenden Gebilde über sämtliche Komponenten und Eigenschaften eines Hypertextes verfügen: Es gibt elektronische Texte, deren Information nicht in Knoten aufgeteilt ist und in denen keine Verweise realisiert sind.6 Ferner existieren weitere Exemplare, deren Text in einem einzigen Knoten enthalten ist, der allerdings über zahlreiche „interne Verweise“ verfügt.7 Es wird sich zeigen, daß ein „Proto-Hypertext“ nicht existiert, sondern daß es vielmehr viele Varianten des Phänomens gibt. Eine allgemeine Hypertextdefinition steht noch aus. Daraus ergibt sich die Problematik, daß ein in Frage kommendes Untersuchungsobjekt zuerst auf seine Hypertexthaftigkeit hin untersucht werden muß, um festzustellen, ob es Gegenstand der folgenden Textanalyse ist.

(3) Wie oben erläutert, erweist es sich als schwierig, sowohl den Untersuchungsgegenstand konkret festzumachen als auch ein solides Fundament an Arbeitsinstrumenten zu schaffen. Diese Probleme allgemeiner Natur wurden durch den Hinweis auf die strenge Abhängigkeit der Ergebnisse von Methodik und Auswahlkriterien ein wenig entschärft. Allerdings existieren weitere Probleme, speziellerer Art: Einigen hypertext-spezifische Erscheinungen - insbesondere den Verweisen - ist mit vorhandenem textlinguistischen Instrumentarium nur schwer gerecht zu werden. Die Verweise sind neben den Knoten aber eine Hauptkomponente des Hypertextes und darüber hinaus dessen wohl auffälligstes Charakteristikum: Mittels Mausklick auf einen bestimmten Begriff eines am Bildschirm dargestellten Textes (Knoten) kann zu einem anderen Knoten gewechselt werden, der im Idealfall zusätzliche Information zu besagtem Begriff enthält. Durch das Benutzen der Verweise erschafft der Leser in gewisser Weise den Text zum Teil selbst: Aus einem einzigen Fundus von Knoten und Verweisen können durch individuelles Folgen einer bestimmten Verweissequenz verschiedene Texte generiert werden.8 Wo setzt nun die textlinguistische Untersuchung an? Wirft sie nur einen Blick auf die Struktur der einzelnen Knoten samt ihrer Verweise, oder verfolgt sie die möglichen Lesevarianten? Letzteres würde freilich schon bei wenigen Knoten und Verweismöglichkeiten eine Explosion des Arbeitsaufwandes mit sich bringen. In vorliegender Arbeit wird ein Mittelweg beschritten: Analysiert wird einerseits die Struktur der Knoten samt deren Verweise sowie andererseits eine geringe Anzahl exemplarischer Lesevarianten. Deutlich soll aber werden, daß ein Hypertext auf mehreren Ebenen untersucht werden muß, da bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher geklärt ist, ob denn die Struktur oder der vom Leser eingeschlagene Lektüreweg mit dem Begriff Hypertext zu bezeichnen  ist.

[...]


1 Aus dem Artikel Die Geschichte des Internets der Süddeutschen Zeitung vom 24.11.1997 (S. 9).

2 Wenn in den Medien vom globalen Siegeszug des Internets gesprochen wird, so ist der Begriff in den meisten Fällen mit dem World Wide Web (WWW) gleichzusetzen. Dabei handelt es sich bei besagtem WWW nur um einen Teil des Internets, nämlich um den multimedial-orientierten, der ein Hypertext-Informationssystem auf Client/Server-Architektur darstellt. Die in der Sprache HTML (Hypertext Markup Language) verfaßten Dokumente können Texte, Bilder, Animationen oder Klänge enthalten (Einen aktuellen Einstieg in die Programmiersprache HTML bieten Tolksdorf 1997 und Lemay 1997). Die Dokumentenbeschreibungssprache HTML sowie das Protokoll HTTP (Hyper Text Transfer Protokoll), welches den Transport der  HTML-Seiten regelt, sind weltweit genormt und stellen damit einen globalen und einheitlichen Informationsaustausch sicher. Neben besagtem WWW existieren noch weitere, zum Großteil ältere Dienste mit weltweit einheitlichem Übertragungsprotokoll im Internet: E-mail, FTP, Gopher, Telnet, WAIS. Da sich das WWW aber zunehmend durchsetzt, ist eine gewisse Integration dieser Dienste in die grafische Oberfläche des  WWW zu beobachten. Daher ist für den Benutzer in naher Zukunft möglicherweise doch das Internet mit dem WWW gleichzusetzen.

3 Eine umfassende Einführung in die Bereiche Multimedia und Hypermedia sowie eine Prognose über die Perspektiven multimedialer Kommunikation geben Glowalla und Schoop in einem von ihnen herausgegebenen Sammelband (Glowalla u. Schoop 1996).

4 Somit befindet sich die gesamte Untersuchung freilich in einer prekären Situation: Sie ist textlinguistisch ausgerichtet, beschäftigt sich also lediglich mit textuellen Gebilden. Sollte der Nachweis erbracht werden, daß Hypertexte keine Texte sind, macht sich die Arbeit selbst überflüssig. Vorausgreifend kann aber schon hier angedeutet werden, daß sich lediglich bestimmte hypertextuelle Besonderheiten einer textlinguistischen Analyse entziehen.

5 Zwar sind auch Erscheinungen, die eindeutig in den sprachwissenschaftlichen Bereich fallen - etwa Sätze - , in ihrer konkreten Definition umstritten. Allerdings verfügen sie zumeist über eindeutige Begrenzungsmerkmale und sind somit für eine Analyse greifbarer als Texte, die sich bezüglich ihres Umfangs oft erheblich voneinander unterscheiden können (etwa sogenannte Einsatztexte vs. Romane) und oft über keine besagten Begrenzungsmarkierungen verfügen. Wohl auch aufgrund dieser Probleme hat sich erst relativ spät eine explizite Textlinguistik entwickelt.

6 Ein Beispeil hierfür ist der Text Graduiertenkolleg „Pragmatisierung/Entpragmatisierung“ des Korpus’ .

7 Exemplarische für diese Sorte ist der Text Sandbothe 1995 in das Korpus aufgenommen worden.

8 Auch der Leser eines traditionellen Textes hat die Möglichkeit, die lineare Lektüre aufzugeben und in dem Text „zu springen“. Auf diese Weise können verschiedene Leser aus ein und derselben „Textbasis“ ebenfalls verschiedene konkrete Texte gestalten. Der Unterschied zwischen diesem „in einem Buch stöbern“ und „durch einen Hypertext navigieren“ liegt in der Explizitheit der Hypertext-Verweise: Ein Verweis fordert den Leser konkret auf, sich zu entscheiden, die lineare Lektüre entweder fortzusetzen oder aber zugunsten eines Wechsels zum Verweisziel aufzugeben. So wird dem Leser ein großes Angebot an Navigationsmöglichkeiten gemacht, aus dem er schließlich den konkreten Text generiert.


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