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Geschichte erinnern, Geschichten erzählen: Vergegenwärtigung und Reflexion in Hermann Lenz' "Neue Zeit" und Martin Walsers "Ein springender Brunnen"

Examination Thesis, 2003, 105 Pages
Author: Martin Andiel
Subject: German - Literature, Works

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2003
Pages: 105
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V24761
ISBN (E-book): 978-3-638-27556-9

File size: 473 KB
Notes :




Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität zu Berlin

Geschichte erinnern, Geschichten erzählen
Vergegenwärtigung und Reflexion in Hermann Lenz’
»Neue Zeit« und Martin Walsers »Ein springender Brunnen«

Wissenschaftliche Hausarbeit
für die Erste Staatsprüfung für das Amt des Studienrates im Fach Deutsch

eingereicht von

Martin Andiel

15.09.2003

Inhalt

1. Einleitung ... 1

2. Erinnern und Vergessen ... 6
2.1 »Kulturelles Gedächtnis« ... 9
2.2 Israel - »Wenn dich morgen dein Sohn fragt…« ... 15
2.3 Katastrophen des Vergessens ... 19
2.4 Ertrag: Erinnerung ... 25

3. Poetik des realistischen Romans ... 27
3.1 »…sagen, wie es wirklich ist« – Bedingungen und Gefahren: Adorno ... 30
3.2 Kategorien der Erzählsituation: Gérard Genette ... 33
3.2.1 Modus ... 34
3.2.2 Stimme ... 37
3.3 »Fabeln von der Zeit«: Paul Ric(?)ur ... 41
3.3.1 Mimesis ... 43
3.3.2 Spiele mit der Zeit I ... 45
3.3.3 Spiele mit der Zeit II ... 48
3.4 Ertrag: Roman ... 52

4. Hermann Lenz: »Neue Zeit« ... 54
4.1 »Neue Zeit« ... 55
4.1.1 Kontext: Der »Eugen Rapp«-Zyklus ... 57
4.1.2 Passive Distanz zur Zeit: »ohnmächtig sein und gelähmt bleiben« ... 59
4.1.3 Aktive Distanz zur Zeit: »Ich schieß doch auf keinen Verwundeten.« ... 63
4.2 Poetik ... 66
4.2.1 Erzählperspektive und Sprechsituation ... 67
4.2.2 Selbstvergewisserung ... 69
4.2.3 Sich dehnende Gegenwart ... 70
4.3 Interpretation ... 73
4.3.1 Fokussierung des Schreckens ... 73
4.3.2 Eugen Rapp als Resonanzraum von Geschichte ... 75
4.4 Zusammenfassung ... 76

5. Martin Walser: »Ein springender Brunnen« ... 78
5.1 »Ein springender Brunnen« ... 79
5.1.1 Kontext: Ein exzeptionelles Werk ... 79
5.1.2 Die Paradoxie des interessenlosen Interesses an der Vergangenheit ... 81
5.1.3 Landschaft, Geschichte, Sprache ... 84
5.2 Poetik ... 85
5.2.1 Präferenz des Erlebens ... 86
5.2.2 Sprache und Sprachkritik ... 88
5.2.3 Interne Fokalisierung ... 89
5.3 Interpretation ... 90
5.3.1 Bruchloses Erleben ... 90
5.3.2 Irritationsresistenz ... 91
5.3.3 Resonanzverweigerung ... 93
5.4 Zusammenfassung ... 95

6. Schluß – »Erinnerungsroman« ... 96

7. Literaturverzeichnis / Sigelliste ... III

 

1. Einleitung

Die Ausgangsfrage dieser Arbeit lautet, stark vereinfacht: Wie kommt die Geschichte – im Sinne von Historie – in die Erzählung, den Roman?

Die Frage ist literaturwissenschaftlich von einigem Belang, sie reflektiert auf die Logik der Rezeptionsästhetik und auf die Logik der ästhetischen Produktion von Literatur. Sie hat gewichtige Voraussetzungen. Wird eine literarische Erzählung in der Vergangenheit plaziert, dann muß diese Vergangenheit, soll sie nicht beliebige Staffage und Hintergrund bleiben, sondern ihrerseits eine ‚Rolle‘ spielen, korrekt und zutreffend eingeführt werden. Das heißt, sie muß erinnert werden. Das ist für den Fall solcher Fiktion, die sich zum Zeitpunkt ihrer Entstehung auf eine weiter entfernte Vergangenheit bezieht, ein Problem, das näherungsweise durch ein Quellen- und Geschichtsstudium gelöst werden kann. Erinnerung geschieht mittelbar. Wie aber verhält es sich mit fiktionalen Texten, die sich auf eine nähere, jüngere Vergangenheit beziehen? Auf eine Vergangenheit, die der Autor selbst erlebt hat und zu deren ‚Bild‘ er beiträgt? Welche Rolle spielt in diesem Fall das Erinnern, wenn es Konstituens der Fiktion wird?

In Deutschland ist mit der Diskussion dieser Frage gewissermaßen von der anderen Seite her begonnen worden: Was geschieht, wenn das Erinnern ausfällt oder mißlingt? W.G. Sebald kommt in seinen 1997 gehaltenen Vorlesungen über »Luftkrieg und Literatur« zu dem Befund, daß „das große deutsche Kriegs- und Nachkriegsepos bis heute ausgeblieben ist“1. Als Grund für diesen Befund führt er eine dreigliedrige Deformation des Erinnerungsvermögens an.


Der … deutsche Wiederaufbau, der, nach den von den Kriegsgegnern angerichteten Verwüstungen, einer in sukzessiven Phasen sich vollziehenden zweiten Liquidierung der eigenen Vorgeschichte gleichkam, unterband durch die geforderte Arbeitsleistung sowohl als durch die Schaffung einer neuen, gesichtslosen Wirklichkeit von vornherein jegliche Rückerinnerung, richtete die Bevölkerung ausnahmslos auf die Zukunft aus und verpflichtete sie zum Schweigen über das, was ihr widerfahren war.2

Arbeitsbelastung und neue Wirklichkeit, Ausrichtung auf die Zukunft, Verpflichtung zum Schweigen über das Erlebte. Das bedeutet genauer: Ein Bewußtsein des politisch und militärisch verlorenen Krieges hat sich als ein Identitätsbewußtsein deshalb nicht herausgebildet, weil es nach dem 8. Mai 1945 faktisch nicht zu einer nachhaltigen Reflexion der entstandenen Situation hatte kommen können. Die in jeder Hinsicht vollkommene Desavouierung des NS-Staates, die völlige militärische Niederlage von Heer, Luftwaffe und Marine, die Totalität des Bombenkrieges gegen deutsche Städte, die Vertreibung und der restlose Verlust aller Ostgebiete wurden zwar zu Erfahrungen, aber eben solchen, die unreflektiert blieben. Zum einen forcierte der überlebensnotwendige Zwang zum Aufbau neuer ziviler Strukturen einen handfesten instrumentellen Gebrauch der Vernunft: Nahrung, Kleidung, Wohnung und Verkehr waren die Gegenstände unmittelbarer Sorge. Zum anderen stand die moralische Diskreditierung Deutschlands und seiner Bevölkerung einer abgewogenen Unterscheidung von Täterschaft und Opferschicksal entgegen. Daß sich die Brutalität des Angriffskrieges, der von Deutschland ausgegangen war, auf dessen Bewohner zurückwendete, wurde als gerechte Wiederherstellung der sittlichen Ordnung empfunden:


Beim jüngsten britischen Raid über Hitlerland hat das alte Lübeck zu leiden gehabt. Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt. … lieb ist es mir nicht, zu denken, daß die Marienkirche, das herrliche Renaissance-Rathaus oder das Haus der Schiffer-Gesellschaft sollten Schaden gelitten haben. Aber ich denke an Coventry – und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, daß alles bezahlt werden muß.3

Unter der Maßgabe solcher Einstellungen war auf Seiten der Zivilbevölkerung und der heimkehrenden Soldaten an ein freies Sprechen bezüglich der eigenen Widerfährnisse kaum zu denken. Sebald meint denn auch, daß sich der „Wirklichkeitssinn“ der Literatur der Bundesrepublik Deutschland nach 1945


bei näherer Betrachtung als ein auf die individuelle und kollektive Amnesie bereits eingestimmtes, wahrscheinlich von vorbewußten Prozessen der Selbstzensur gesteuertes Instrument zur Verschleierung einer auf keinen Begriff zu bringenden Welt [erwiesen hat]. Der wahre Zustand der materiellen und moralischen Vernichtung, in welchem das ganze Land sich befand, durfte aufgrund einer stillschweigend eingegangenen und für alle gleichermaßen gültigen Vereinbarung nicht beschrieben werden.4

Um es klar zu sagen: Damit ist nicht gemeint, daß durch die politisch und militärisch als Gewinner des Krieges dastehenden Alliierten und der ihnen sich verbunden fühlenden Intellektuellen des »anderen Deutschland« eine Definitionshoheit bezüglich des Selbstverständnisses der Deutschen ausgeübt worden wäre, sondern es ist gemeint, daß unter der Wucht und Gewalt des Eindruckes der Niederlage eine »Abschaltung«5 des Selbsterlebens stattgefunden hat, die zum einen eine Entlastungsfunktion für das Überleben hatte und zum anderen zur Bedingung der Möglichkeit einer Rekonstruktion und Redefinition von Identität nach der Niederlage wurde. Die intellektuelle und moralische Annahme der trilemmatischen Situation, zugleich Tätervolk und Opfergruppe zu sein und beides ineins zu denken und öffentlich zu behaupten, wäre eine Überforderung gewesen, die möglicherweise jedes intellektuelle Begriffsvermögen überstiegen und blockiert haben würde, das zum »Wiederaufbau« so dringend gebraucht wurde. Die Unmöglichkeit der Distanz zum Geschehenen ist ein Grund dafür, der Schock über die grauenhaften Verbrechen des NS-Regimes, dem man – mehr oder weniger – gefolgt war, ein anderer. Die Proklamation einer »Stunde Null« scheint hier ein gangbarer (Aus-?) Weg gewesen zu sein, das Trilemma vorläufig aufzulösen. Der Befund Sebalds, für „die überwiegende Mehrzahl der während des Dritten Reichs in Deutschland gebliebenen Literaten war die Redefinition ihres Selbstverständnisses nach 1945 ein dringlicheres Geschäft als die Darstellung der realen Verhältnisse, die sie umgaben“, ist ja wahr.

Aber gleichzeitig setzt sein Befund Fragen an die Instanzen »Gedächtnis« und »Erinnerung« frei. Denn selbst wenn die Erfahrungen der Schriftsteller so traumatisch waren, daß sie nicht Literatur wurden, in der Erinnerung und im Gedächtnis sind sie gleichwohl. Sebalds These von Amnesie und Selbstzensur sowie seine Einschätzung der Funktionsweise der individuellen Psyche wie des kollektiven Bewußtseins unter Schriftstellern setzt voraus, a) daß es solche Prozesse wirklich gibt und b) daß es möglich ist, solche Funktionen und Prozesse systematisch zu reflektieren und auf den Begriff zu bringen.

Löst man diese Prozesse und ihre Voraussetzungen aus dem Kontext der literatur- und mentalitätsgeschichtlichen Reflexionen Sebalds, läßt sich als allgemeine Frage an den schriftstellerischen modus procedendi formulieren: Wie wird Geschichte erinnert? Wie wird sie in Geschichten erzählt? Wie wird aus Erinnerung Erzählen? Wie wechselwirken Erinnern und Erzählen miteinander? Und wie kommt beides beim Leser an?

Um diesen Fragen nachzugehen, untersucht die Arbeit zunächst den Zusammenhang von »Erinnern und Vergessen« (Kap. 2) in mentalitäts- und kulturhistorischer Beziehung. Da es um die Formulierung von Erinnerungen in Literatur, speziell im Roman geht, folgt dem eine poetologische Untersuchung zur Leistung und Struktur des realistischen Romans (Kap. 3). Gèrard Genettes strukturale Untersuchungen zur Narratologie und Paul Ric(?)urs hermeneutischer Begriff der mimetischen Konfiguration und der Refiguration werden wichtig, um den produktionsästhetischen Stellenwert von »Erinnerung« für die literarische Erzählung zu erheben.

Daran schließt sich die exemplarische Untersuchung zweier Romane an. Kapitel 4 behandelt Hermann Lenz’ Roman »Neue Zeit«, Kapitel 5 behandelt Martin Walsers »Ein springender Brunnen«. Diese beiden Romane lassen ihre Protagonisten im selben Zeitraum agieren: 1933 bis 1945, also in jener Zeit, für die Sebald »Amnesie« und »Selbstzensur« in bezug auf Kriegserfahrungen behauptet hat. Beide Romane gelten der Literaturkritik als autobiographische Romane.6 Ihre Erzählungen sind zwar unmittelbar an das Erinnerungsvermögen ihrer Autoren angeschlossen. Dennoch handelt es sich in erster Linie um Romane, nicht um Autobiographien.7 In diesem Sinne werden beide Romane poetologisch und narratologisch reflektiert und gedeutet.

Daß beide Romane »Erinnerungsromane« sind, ist die Behauptung, mit der die Arbeit schließt (Kap. 6). Dazu wird ein Versuch unternommen, den Begriff »Erinnerungsroman« zu definieren und ihn gegen die Begriffe vom »historischen« Roman und »Zeit«-Roman abzugrenzen.

2. Erinnern und Vergessen

Wenn W.G. Sebald davon spricht, daß sich der „Wirklichkeitssinn“ der bundes-deutschen Literatur bzw. der Literaten „bei näherer Betrachtung als ein auf die individuelle und kollektive Amnesie bereits eingestimmtes, wahrscheinlich von vorbewußten Prozessen der Selbstzensur gesteuertes Instrument zur Verschleierung einer auf keinen Begriff zu bringenden Welt“8 erwiesen habe, dann ist dies nicht nur eine Aussage über literaturgeschichtliche Verhältnisse. Er spricht von »individueller« und »kollektiver« Amnesie, also von einem Gedächtnisverlust, der wohl nicht nur Schriftsteller betrifft, sondern das gesamte Gemeinwesen. Der Begriff der »Verschleierung« insinuiert, daß diese Amnesie willkürlich herbeigeführt worden ist. Die Amnesie ereignet sich also nicht einfachhin, sie wird ins Werk gesetzt. Ob dies bewußt, billigend oder absichtlich und planvoll geschehen ist, sei dahingestellt.9 Entscheidend ist die Feststellung, daß es eine solche Amnesie gegeben hat. Und das ist ein erstaunliches Faktum.

Der »totale Krieg« (Goebbels), der in eine totale Niederlage und in schwerste Verwüstungen Deutschlands mündete, ist seinerseits ein Faktum, mit dem die Überlebenden des Krieges nach dem 8. Mai 1945 noch auf Jahre massiv konfrontiert gewesen sind. Die zu beerdigenden Toten, die den Hunger nur knapp mildernden Lebensmittelrationen, die allgegenwärtigen Ruinen der Städte waren mit Händen zu greifende Erinnerungsmale, denen auszuweichen gar nicht möglich gewesen ist. Gemessen am Stand des Niveaus, das städtische Architektur, Verkehrswegebau und das mit historischen Bedeutungen aufgeladene Traditionsverhältnis städtischen, dörflichen und ländlichen Selbstbezuges 1933 innehatte, bedeutet die materielle Zerstörung Deutschlands gegen Ende des Krieges einen massiven kulturellen Bruch mit allem, was bis dahin »Heimat« geheißen hatte.

[...]


1 Sebald (2002), 6.

2 Sebald (2002), 15f.

3 Mann (1990) XI, 1034: Deutsche Hörer, Fünfundfünfzig Radiosendungen nach Deutschland, Sondersendung April 1942. Dies dürfte der paradigmatische Text für dieses Empfinden sein.

4 Sebald (2002), 17.

5 Auf diesen Begriff komme ich im Zusammenhang mit dem Historiker Jörg Friedrich in Kapitel 2 noch eingehender zu sprechen.

6 Thorsten Jantschek spricht im Interview mit Hermann Lenz von der „Reihe der autobiographischen Eugen-Rapp-Romane“. Deutschlandradio, »Büchermarkt«, Sendung vom 12. Mai 1998. Zit. nach: http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-lit-buch/2159.html
Dirk Knipphals: „‚Ein springender Brunnen‘ ist ein kaum verhülltes, autobiografisches Erinnerungsbuch.“ Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 7. August 1998 Nr. 32/1998.
Hajo Steinert: „Endlich hat Martin Walser den lange von ihm erwarteten autobiographischen Roman veröffentlicht.“ Deutschlandradio, »Büchermarkt«, Sendung vom 9. August 1998. Zit. nach: http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-lit-buch/984.html

7 Carl Zuckmayers Als wär’s ein Stück von mir ist als Beispiel für eine explizit autobiographische Literatur zu nennen, die unter anderem ebenfalls die Zeit von 1933 bis 1945 behandelt.

8 Sebald (2002), 17.

9 Heinrich Böll etwa schlug 1977 „in einem wichtigen Interview mit Hermann Lenz, Born und Manthey … vor, zwar von einem ‚Nullpunkt‘ zu sprechen, ‚nur nicht so präzis datiert, wie die Geschichte datiert‘, stattdessen lieber 1933, das Datum der ‚Machtübernahme‘ oder ‚1943, Stalingrad [...], wo man also wirklich endgültig wußte, die Sache ist verloren, Gott sei Dank verloren‘ (Literaturmagazin 7, 1977, S. 32, S. 53).“ Wehdeking, Blamberger (1990), 201.


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