Der Begriff einer Lyrikwelle oder der sächsischen Dichterschule bezeichnet bestenfalls eine inhomogene Gruppe. H. Korte zum Beispiel nennt sie die „zweite Generation der DDR Lyrik“. Der Begriff der sächsischen Dichterschule jedoch hat schon eher seine Berechtigung, da die meisten der jungen Lyriker, welche auf einer Lesung von Stephan Hermlin am 11. Dezember 1962 im Plenarsaal der Akademie der Künste vorgestellt wurden, aus Sachsen kamen.
Während die 1. Generation bewusst den 2. Weltkrieg, meist als aktive Gegner des Nationalsozialismus miterlebt hatten und diese Eindrücke im kommunistischen Kontext reproduzierte, wurden die nachfolgenden Lyriker von 1930 bis 1945 geboren und grenzen sich somit thematisch, aber auch poetologisch von ihren Vorgängern ab. Die Trennlinie zwischen den beiden Generationen wird noch stärker, wenn man den Begriff des Sozialistischen Realismus einbringt: Die teilweise eng gezogenen formalen Grenzen der Nachkriegslyrik in den 50er Jahren, sowie ihr fest definierter gesellschaftlicher Auftrag lassen den Wechsel in den 60er Jahren deutlich sichtbar werden. Folglich lässt sich das Verhältnis zwischen den jungen Literaten und der SED Kulturpolitik keinesfalls als störungsfrei bezeichnen. Auf der einen Seite erlebten sie eine starke Repressionspolitik von Seiten der SED, während auf der anderen Seite viele kritische Impulse von den Kulturinstitutionen der DDR, wie der Akademie der Künste oder dem Literaturinstitut benannt nach dem ersten Kulturminister, J. Becher, ausgingen und diese somit Wegbereiter der neuen Literaturlandschaft waren.
Diese Arbeit soll der Frage nachgehen, wie die Literaten mit dieser zweischneidigen Situation in der DDR klar kamen, welche Wandlungen die SED Kulturpolitik erfahren musste, um diese teilweise experimentelle Lyrik zu erlauben, oder ob sie diese Wandlung überhaupt durchzogen hat, so dass zusammenhängend die Frage nach dem Verhältnis zwischen der Lyrikwelle und der Kulturpolitik der DDR beantwortet werden soll.
Im 1. Kapitel wird die kulturpolitische Ausgangsbasis bis zur Zeit des Mauerbaus beleuchtet. Die Mitte der 60er Jahre, jene Begeisterungsepoche für die Lyrik wurde flankiert von zwei Parteitagen der SED, mehreren Plenums des ZK und einigen kleineren Versammlungsinstanzen. Es wird versucht herauszufinden, in wieweit diese Veranstaltungen in der Zeit zwischen 1963 und 1967 in die Kulturlandschaft der DDR eingegriffen haben. Die weiteren Kapitel gehen um Darstellungsformen und Wolf Biermann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Kulturpolitische Ausgangsbasis zur Zeit des Mauerbaus 1961
3. Der Bitterfelder Gedanke
4. Kulturpolitische Entwicklungen zwischen dem 6. und 7. Parteitag der SED
5. Darstellungsformen der Lyrikwelle verbunden mit ihrem Einfluss auf die Bevölkerung
6. Der Fall Wolf Biermann und seine Auswirkungen auf die Kulturlandschaft der DDR
7. Schlusswort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht das spannungsreiche Verhältnis zwischen der sogenannten „Lyrikwelle“ (bzw. Sächsischen Dichterschule) und der Kulturpolitik der SED in der DDR während der 1960er und frühen 1970er Jahre. Das primäre Ziel besteht darin, die Wechselwirkungen zwischen experimenteller literarischer Praxis und staatlichen kulturpolitischen Reglementierungen sowie die daraus resultierenden Wandlungsprozesse zu analysieren.
- Die kulturpolitische Ausgangssituation zur Zeit des Mauerbaus 1961.
- Die Bedeutung und Umsetzung des „Bitterfelder Weges“ als kulturpolitisches Instrument.
- Kulturelle Darstellungsformen der Lyrikwelle wie „Jazz Lyrik Prosa“ und ihr gesellschaftlicher Einfluss.
- Der Fall Wolf Biermann als Wendepunkt der kulturpolitischen Kontrolle und gesellschaftlichen Entwicklung.
Auszug aus dem Buch
3. Der Bitterfelder Gedanke
Als Exkurs zwischen den beiden umliegenden Kapiteln sei die erste Bitterfelder Konferenz im April 1959 und die zweite 1964 erwähnt. Auf Initiative der SED wollte der Mitteldeutsche Verlag in Halle die Arbeiter der umliegenden Chemiekombinate dazu anhalten, die Entwicklung des Aufbaus literarisch zu untermauern. Aus dieser diskreten Idee ist kurze Zeit später eine große Literaturkonferenz mit 150 Berufs- und 300 Laienschriftstellern geworden. So sollten die Schriftsteller aufgrund der „sozialistischen Kulturrevolution“ in die Betriebe gehen, um die Realität des, in den Werken zu umschreibenden, neuen Arbeitertypus zu erfahren und gleichzeitig die Arbeiter zu Feder greifen, um die Fortschritte der Produktivität zu protokollieren, und das Niveau der Arbeiterkultur zu steigern.
Die Umsetzung dieses Unternehmens stellte sich als schwierig heraus: Es gab wenige Schriftsteller, die bereit waren, die geisteswissenschaftliche Arbeit, wenn auch nur zeitweise mit der körperlichen Arbeit der Produktion zu tauschen. Der oft unterstellte Vorwurf einer „Arroganz der Intelligenzija“ hatte zeitweise durchaus Berechtigung, während die umgedrehte Richtung eindrucksvoll funktionierte. Es entstanden hunderte von Zirkeln schreibender Arbeiter auf Betriebs- und später sogar auf Stadtteilsebene, an denen auch Schüler, Angestellte, Lehrer und Staatsdiener teilnahmen. Der Unterschied war die kollektive Arbeit, mit der sie aus ihrer passiven kulturaufnehmenden Position zur Kultur schaffenden Instanz wurden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Begriff der Lyrikwelle und Skizzierung der Problemstellung des Verhältnisses zwischen jungen Literaten und der SED-Kulturpolitik.
2. Die Kulturpolitische Ausgangsbasis zur Zeit des Mauerbaus 1961: Analyse des Konflikts zwischen idealisierter Aufbruchsstimmung und der harten Parteilinie des sozialistischen Realismus.
3. Der Bitterfelder Gedanke: Untersuchung der Zielsetzung und Umsetzung der Bitterfelder Konferenzen zur Integration der Literatur in den Produktionsalltag der DDR.
4. Kulturpolitische Entwicklungen zwischen dem 6. und 7. Parteitag der SED: Darstellung der wechselhaften kulturpolitischen Strategien und der zunehmenden ideologischen Kontrolle.
5. Darstellungsformen der Lyrikwelle verbunden mit ihrem Einfluss auf die Bevölkerung: Vorstellung kultureller Formate wie „Jazz Lyrik Prosa“ und Literaturzeitschriften als Foren für junge Autoren.
6. Der Fall Wolf Biermann und seine Auswirkungen auf die Kulturlandschaft der DDR: Analyse der Rolle Wolf Biermanns als Symbolfigur und die Folgen seiner Ausbürgerung für die DDR-Literatur.
7. Schlusswort: Fazit über das komplexe und spannungsgeladene Verhältnis zwischen Kulturpolitik und den Dichtern der Lyrikwelle.
Schlüsselwörter
Lyrikwelle, Sächsische Dichterschule, DDR-Kulturpolitik, SED, Bitterfelder Weg, Sozialistischer Realismus, Wolf Biermann, Jazz Lyrik Prosa, Literatur, Zensur, Parteitag, Arbeiterkultur, Literaturgeschichte, Intellektuelle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und dem staatlichen Umgang mit der „Lyrikwelle“ in der DDR in den 1960er und 70er Jahren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Kulturpolitik der SED, die Rolle der Literatur im Sozialismus und der Konflikt zwischen künstlerischer Freiheit und staatlicher Reglementierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Wandlungen der kulturpolitischen Strategien der SED und deren Auswirkungen auf die experimentelle Lyrik der Epoche aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgeschichtliche Analyse, die auf Sekundärliteratur und historischen Quellen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Bitterfelder Weg, die verschiedenen Veranstaltungsformen der Lyrikwelle sowie den Fall Wolf Biermann als Zäsur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Lyrikwelle, SED, Kulturpolitik, Sozialistischer Realismus und Wolf Biermann.
Warum wird der „Bitterfelder Weg“ als Exkurs betrachtet?
Da er als ein zentrales kulturpolitisches Instrument der SED die Rahmenbedingungen für die spätere Entwicklung der Lyrikwelle maßgeblich beeinflusste.
Welche Bedeutung hatte der Fall Wolf Biermann für die DDR-Literatur?
Biermanns Ausbürgerung wird als Wendepunkt analysiert, der zu einem Exodus kritischer Lyriker führte und das Ende des gesellschaftlichen Rückhalts des Staates in der Kulturszene einläutete.
- Citar trabajo
- Matthias Widner (Autor), 2004, Das Verhältnis zwischen der Lyrikwelle/Sächsische Dichterschule und der Kulturpolitik der SED in den 60er und frühen 70er Jahren, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24806