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Aggression und Gewalt unter geschlechtsspezifischem Aspekt

Examination Thesis, 2002, 120 Pages
Author: Christine Töltsch
Subject: Psychology - Social Psychology

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2002
Pages: 120
Grade: 1+
Language: German
Archive No.: V25247
ISBN (E-book): 978-3-638-27927-7
ISBN (Book): 978-3-638-70211-9
File size: 512 KB
Notes :
Umfassende Zulassungsarbeit, die vor allem das "weibliche Aggressionsverhalten" darstellt und unter geschlechtsspezifischen Aspekten näher beleuchtet!!!


Abstract

Gewalt unter geschlechtsspezifischen Aspekten zu betrachten ist nach wie vor also eher die Ausnahme. In vielen Untersuchungen zur „Jugendgewalt“ wird einseitig vom Phänomen der „Jungengewalt“ gesprochen – aggressives Verhalten von Mädchen findet dagegen kaum Berücksichtigung. Das zentrale Anliegen meiner Arbeit besteht darin das Gewalthandeln des weiblichen Geschlechts näher zu beleuchten, geschlechtstypische Unterschiede aufzuzeigen und mögliche Erklärungen zum gewaltförmigen Verhalten der Geschlechter darzustellen. Im Folgenden soll nun ein kurzer Überblick über den Aufbau der Arbeit erfolgen. Im ersten Kapitel werden die Begriffe „Aggression“ und „Gewalt“ näher erläutert, um dann zu einer - für diese Arbeit - gültigen Begriffsklärung zu kommen. Im Anschluss wird ein sozialkonstruktivistisches Verständnis von Geschlecht vorgestellt und Geschlecht als soziale Strukturkategorie in einem hierarchischen Geschlechterverhältnis beschrieben. Ansätze zur Erklärung der weiblichen und männlichen Identitätsbildung sowie Ergebnisse der geschlechtsspezifischen Sozialisationsforschung sollen vor diesem theoretischen Hintergrund näher erläutert werden. Inzwischen wird ein Wandel des Geschlechterverhältnisses konstatiert, der allerdings an strukturellen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern wenig geändert hat. Daher wird an dieser Stelle ebenso auf Individualisierungsprozesse und daraus resultierende Probleme im Jugendalter eingegangen. Der Aspekt der geschlechtstypischen Lebensbewältigung unter dem Zwang zur Individualisierung soll dabei ebenfalls näher zur Sprache kommen. Im folgenden Kapitel der Arbeit wird die Bedeutung verschiedener Sozialisationsinstanzen in Hinblick auf Gewaltphänomene Jugendlicher näher betrachtet. Beispielsweise wird, wenn es um die Erklärung der Entwicklung zur Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen geht, die Bedeutung der Familie immer wieder hervorgehoben. Als weitere wichtige Sozialisationsbereiche, die die Entwicklung gewaltbereiter Orientierungen begünstigen können, werden die Gleichaltrigengruppe, die Medien sowie die Schule näher beleuchtet. Anschließend wird sowohl auf die moralische Verurteilung „weiblicher Gewalt“ als auch auf Konstruktionsprozesse „abweichender“ und „normaler Weiblichkeit“ näher eingegangen. Im nächsten Abschnitt werden zunächst einige traditionellere Erklärungen zur „Frauenkriminalität“ vorgestellt, sowie neuere feministische Erklärungsansätze der kritischen Kriminologie zu diesem Thema.


Excerpt (computer-generated)

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Institut für Psychologie II

Schriftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Grundschulen (nach LPO I)

Thema:
Aggression und Gewalt
unter geschlechtsspezifischem Aspekt

vorgelegt durch

Christine Töltsch

Frühjahr 2002

VORWORT

„Jugendgewalt“ ist ein Thema, das in regelmäßigen Abständen medienwirksam in Szene gesetzt wird. Bislang standen meist männliche Gewalttäter im Mittelpunkt der Diskussionen. Neu in der Debatte ist nun, dass Jugendgewalt zunehmend auch als Mädchengewalt thematisiert wird. Parallel zu der Zunahme weiblicher Gewaltkriminalität, wie sie die Kriminalitätsstatistiken nachweisen, mehren sich Schilderungen von Pädagogen und Pädagoginnen aus der Praxis, die sich in ihrer Arbeit vermehrt mit gewalttätigen Mädchen konfrontiert sehen.

Im Rahmen einer Tagung des Staatlichen Schulamts Wetzlar zum Thema „Gewalt an Schulen“ im September 2000 wurde ich zum ersten Mal auf diese Problematik aufmerksam. In den Berichten der Pädagogen stand immer wieder die eigene Hilflosigkeit und Handlungsunsicherheit im Vordergrund. Sie schilderten verschiedene Fälle aus dem Schulalltag, die das Bild der „friedfertigen Frau“ nachhaltig in Frage stellen. Die Palette an gewaltförmigen Handlungen zog sich von Intrigen und Mobbing über verbale Anfeindungen bis hin zu brutalen körperlichen Schlägereien. Mit ihren Ausführungen strebten die anwesenden Pädagogen vor allem nach Aufklärung eines Ausschnitts mädchenspezifischer Realität, damit Mädchengewalt nicht länger tabuisiert oder ignoriert wird.

Nachdem mir der Bedarf an Klärung zum Gewaltpotenzial der Mädchen so sichtbar vor Augen geführt wurde stand für mich fest, dieses „Phänomen“ näher zu beleuchten. Der anfängliche Ergeiz wurde jäh gebremst, da ich bei der Auswertung der Gewalt- und Aggressionsliteratur feststellen musste, dass Mädchen meist nur in einem Satz erwähnt werden: „Sie neigen eher dazu psychische Gewalt auszuüben“. Bei der Suche im Internet hatte ich jedoch größeren Erfolg und konnte verschieden Wissenschaftlerinnen ausfindig machen, die sich bereits mit geschlechtsspezifischen Aspekten der Gewalt beschäftigten. Mein besonderer Dank gilt somit Kirsten Bruhns vom Deutschen Jugendinstitut sowie Mechthild Schäfer vom Lehrstuhl für Psychologie in München, die mich mit reichlich Literatur versorgten.

 

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT ... II

1 Einleitung ... 1

2 Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung ... 3
2.1 Arten der Aggression ... 3
2.2 Verschiedene Formen der Gewalt ... 8

3 Geschlecht als soziale Kategorie ... 13
3.1 Konstruktion von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ im Geschlechterverhältnis ... 13
3.2 Aspekte der Geschlechtersozialisation und der „weiblichen“ und „männlichen“ Identitätsbildung ... 25
3.3 Hindernisse und Möglichkeiten im Leben weiblicher und männlicher Jugendlicher ... 36

4 Soziale Determinanten und ihr Einfluss auf die Entwicklung gewaltförmigen Verhaltens ... 46
4.1 Gewalterfahrung in erster Instanz – die Familie ... 46
4.2 Schule - Szenerie der Gewalt? ... 52
4.3 Effekte des Konsums - Die Medien als Sozialisatoren ... 59
4.4 Im Bann der Gleichaltrigengruppe ... 65

5 Erklärungsansätze zum abweichenden Verhalten von weiblichen und männlichen Jugendlichen ... 70
5.1 Aspekte weiblicher Kriminalität und ihre Deutungsversuche ... 71
5.2 Weibliche Gewalt – kurios, befremdlich, widernatürlich ... 82
5.3 Gewalt als Schattenseite der Individualisierung ... 88
5.4 Geschlechtstypische Unterschiede – gleiches Aggressionspotenzial der Geschlechter ... 92
5.5 Wechselwirkung von Gewalt und der Konstruktion des Geschlechts ... 99

6 Zusammenfassung ... 108

LITERATURVERZEICHNIS ... V

 

1 Einleitung

Gewalt unter geschlechtsspezifischen Aspekten zu betrachten ist nach wie vor eher die Ausnahme. In vielen Untersuchungen zur „Jugendgewalt“ wird einseitig vom Phänomen der „Jungengewalt“ gesprochen – aggressives Verhalten von Mädchen findet dagegen kaum Berücksichtigung. Das zentrale Anliegen meiner Arbeit besteht darin das Gewalthandeln des weiblichen Geschlechts näher zu beleuchten, geschlechtstypische Unterschiede aufzuzeigen und mögliche Erklärungen zum gewaltförmigen Verhalten der Geschlechter darzustellen.

Im Folgenden soll nun ein kurzer Überblick über den Aufbau der Arbeit erfolgen.
Im ersten Kapitel werden die Begriffe „Aggression“ und „Gewalt“ näher erläutert, um dann zu einer - für diese Arbeit - gültigen Begriffsklärung zu kommen.

Im Anschluss wird ein sozialkonstruktivistisches Verständnis von Geschlecht vorgestellt und Geschlecht als soziale Strukturkategorie in einem hierarchischen Geschlechterverhältnis beschrieben. Ansätze zur Erklärung der weiblichen und männlichen Identitätsbildung sowie Ergebnisse der geschlechtsspezifischen Sozialisationsforschung sollen vor diesem theoretischen Hintergrund näher erläutert werden. Inzwischen wird ein Wandel des Geschlechterverhältnisses konstatiert, der allerdings an strukturellen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern wenig geändert hat. Daher wird an dieser Stelle ebenso auf Individualisierungsprozesse und daraus resultierende Probleme im Jugendalter eingegangen. Der Aspekt der geschlechtstypischen Lebensbewältigung unter dem Zwang zur Individualisierung soll dabei ebenfalls näher zur Sprache kommen.

Im folgenden Kapitel der Arbeit wird die Bedeutung verschiedener Sozialisationsinstanzen in Hinblick auf Gewaltphänomene Jugendlicher näher betrachtet. Beispielsweise wird, wenn es um die Erklärung der Entwicklung zur Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen geht, die Bedeutung der Familie immer wieder hervorgehoben. Als weitere wichtige Sozialisationsbereiche, die die Entwicklung gewaltbereiter Orientierungen begünstigen können, werden die Gleichaltrigengruppe, die Medien sowie die Schule näher beleuchtet.

Im nächsten Abschnitt werden zunächst einige traditionellere Erklärungen zur „Frauenkriminalität“ vorgestellt, sowie neuere feministische Erklärungsansätze der kritischen Kriminologie zu diesem Thema. Einige der älteren Ansätze finden sich in theoretischen Darstellungen zur „weiblichen“ und „männlichen“ Aggression wieder, die z.B. geschlechtsrollentypisches Verhalten als eine Erklärung für das geringere Maß an (physischem) gewalttätigem Verhalten von Frauen heranziehen. Sanktions- und Reaktionsweisen auf abweichendes und delinquentes Verhalten sind ebenso in eine geschlechtstypische Struktur eingebunden. Anschließend wird sowohl auf die moralische Verurteilung „weiblicher Gewalt“ als auch auf Konstruktionsprozesse „abweichender“ und „normaler Weiblichkeit“ näher eingegangen. Frauen werden in der Öffentlichkeit als das friedliche Geschlecht gesehen, davon abweichendes Verhalten wird meist als anormal verurteilt.

Danach werden verschiedene theoretische Ansätze vorgestellt, die sich auf Jugendgewalt beziehen und die Kategorie Geschlecht berücksichtigen. Darauf folgend werden theoretische Ansätze erläutert, die von einem gleichen Aggressionspotenzial der Geschlechter ausgehen, aber geschlechtstypische Äußerungsformen berücksichtigen. Zur Erklärung wird in diesen Ansätzen häufig auf geschlechtstypische Sozialisationsprozesse verwiesen. Die Bedeutung geschlechtstypischer sozialer Repräsentationen von Aggression und Gewalt wird in diesem Zusammenhang ebenfalls näher erläutert. Zuletzt wird ein Erklärungsansatz der Aspekte des „doing gender“ im Hinblick auf Gewalt betrachtet. Am Beispiel von Jugendlichen in gewaltbereiten Cliquen lassen sich u.a. vielfältige Entwürfe von Weiblichkeit und Männlichkeit finden, die vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Verhältnisse interpretiert und als situative Bewerkstelligung von Geschlecht begriffen werden können.

2 Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung

Das Thema Gewalt und vorrangig das gewalttätige Handeln Jugendlicher spielt in dieser Arbeit eine zentrale Rolle, daher erscheint es mir wichtig, einige allgemeine Überlegungen zu den Begriffen Aggression und Gewalt näher zu erläutern. Eine solche Begriffsklärung ist notwendig, da es sehr unterschiedlich gerichtete Definitionen und Schwerpunktsetzungen in der sozialwissenschaftlichen Literatur gibt. Im weiteren Verlauf wird ebenso deutlich, welches Verständnis von Gewalt, dieser Arbeit zu Grunde liegt.

2.1 Arten der Aggression

Der Begriff Aggression ist zum Teil sehr weit gefasst, wodurch eine Verständigung über den Phänomenbereich erschwert wird. Weder im Alltagsverständnis noch in der Psychologie gibt es einen allgemein akzeptierten Aggressionsbegriff, denn auch die Grenze zwischen aggressiven und nicht-aggressiven Verhaltensweisen ist fließend. Doch kann zunächst festgehalten werden, dass Aggression ein Begriff ist, welcher einem anthropologisch-psychologischen Kontext entstammt und dort vornehmlich Verwendung findet.

In Definitionen wird häufig der lateinische Ursprung des Wortes aggredi (= herangehen) verwendet, vor allem in solchen, in denen Aggression äußerst weit gefasst wird. Die gerichtete Aktivität wird hier zunächst nicht negativ bewertet, sondern als positive und notwendige Lebensäußerung betrachtet. Nach LEHNER (1992) sind Wut oder Aggression universale menschliche Reaktionen, die verbunden sind mit Wärme und Lebhaftigkeit, daher zeigen diese stets eine Handlungsbereitschaft an. Dieser Definitionstyp findet meist in der triebtheoretisch ausgerichteten Literatur seine Verwendung. An dieser Stelle muss jedoch kritisch angemerkt werden, dass Aggression in dieser weiten Definition im Wesentlichen dasselbe wie Tatkraft meint und demnach jegliches Verhalten aggressiv zu nennen wäre. Zur Präzisierung und um das Thema abzugrenzen soll Aggression hier nicht in diesem allgemeinen Sinne verstanden werden, sondern eingegrenzt werden.

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