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Narrative Theorie und Praxis in der Wiener Moderne - Hermann Bahrs Essay 'Die neue Psychologie' und Arthur Schnitzlers Erzählung 'Fräulein Else'

Termpaper, 2002, 18 Pages
Author: Judith Blum
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Termpaper
Year: 2002
Pages: 18
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V25289
ISBN (E-book): 978-3-638-27962-8
ISBN (Book): 978-3-638-92076-6
File size: 253 KB

Abstract

Hermann Bahr engagierte sich zunächst als Verfechter des Naturalismus, proklamierte jedoch später in seinem Aufsatz "Zur Überwindung des Naturalismus" dessen Überwindung. In der Folgezeit wurde er für die Literaten der Wiener Moderne zu einem wichtigen Ort der Information und der Orientierung. Bahrs Essay "Die neue Psychologie" (1890 wird in der vorliegenden Arbeit in Bezug gesetzt zu Arthur Schnitzlers Erzählung "Fräulein Else", um so Erkenntnisse über das Verhältnis von narrativer Theorie und Praxis in der Wiener Moderne zu erlangen. Analysiert werden soll, inwiefern die von Hermann Bahr in dem eben genannten Aufsatz erhobene Forderung nach einer neuen Methode des Erzählens Niederschlag in Schnitzlers "Fräulein Else" findet, in welchen Punkten der hier verwendete vollständige innere Monolog einem „dekompositiven“ Vorgehen in der Literatur entspricht bzw. wo sich Differenzen feststellen lassen.


Excerpt (computer-generated)

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br.
Deutsches Seminar II
Seminar: Poetologie der Klassischen Moderne
Sommersemester 2002

Narrative Theorie und Praxis in der Wiener Moderne -
Hermann Bahrs Essay ′Die neue Psychologie′ und
Arthur Schnitzlers Erzählung ′Fräulein Else′

von: Judith Blum

 


Inhalt

Einleitung 1

Hauptteil 2

I. Bahrs Essay Die neue Psychologie 3
II. Schnitzlers Erzählung Fräulein Else – dekompositiv im Sinne Bahrs? 7

Schluss 14

Literatur 15

 


 

Einleitung

Hermann Bahr engagierte sich zunächst als Verfechter des Naturalismus, proklamierte jedoch später in seinem Aufsatz Zur Überwindung des Naturalismus in der gleichnamigen, 1891 erschienenen Essaysammlung dessen Überwindung. In der Folgezeit wurde er für die Literaten der Wiener Moderne zu einem wichtigen Ort der Information und der Orientierung.1 Dagmar Lorenz vertritt die Auffassung, dass die Katalysatoren-Funktion von Bahrs literaturkritischen Arbeiten für das Selbstbewusstsein der Wiener Moderne kaum überschätzt werden kann. 2 Iris Paetzke betont, dass die herausragende Leistung Bahrs nicht nur darin zu sehen ist, die Wiener Schriftsteller mit den neusten Tendenzen in der Literatur bekannt gemacht zu haben. Die Bedeutung seiner Essays sieht sie in der „Reflexion auf die notwendige Vermittlung von neuen Inhalten mit neu zu entwickelnden Verfahren und die an einzelnen Aufsätzen zu beobachtende Entfaltung eines dialektischen Verhältnisses zu Literatur und Theorie des Naturalismus, anstelle bloß polemischer Ablehnung, [...] weil sie zu innovativen Erkenntnissen über die Erzählkunst führen.“3 Beide genannten Aspekte sind in Bahrs Essay Die neue Psychologie von 1890 zu finden. Dieser Aufsatz wird in der vorliegenden Hausarbeit in Bezug gesetzt zu Schnitzlers Erzählung Fräulein Else, um so Erkenntnisse über das Verhältnis von narrativer Theorie und Praxis in der Wiener Moderne zu erlangen. Analysiert werden soll, inwiefern die von Hermann Bahr in dem eben genannten Aufsatz erhobene Forderung nach einer neuen Methode des Erzählens Niederschlag in Schnitzlers Fräulein Else findet, in welchen Punkten der hier verwendete vollständige innere Monolog einem „dekompositiven“4 Vorgehen in der Literatur entspricht bzw. wo sich Differenzen feststellen lassen. Allerdings kann im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht werden, ob mögliche erzähltechnische Übereinstimmungen zwischen narrativer Theorie und Praxis wirklich als Umsetzung der bahrschen Postulate durch Schnitzler zu sehen sind. Als problematisch ist sicherlich auch der große zeitliche Abstand zwischen der Entstehung des Essays (1890) und der Erzählung (1924) anzusehen.

Hinsichtlich des Forschungsstandes ist mir keine Literatur bekannt, die detailliert Bezüge zwischen theoretischen Schriften Bahrs und Werken Schnitzlers aufzuzeigen sucht. In der beim Verfassen der vorliegenden Arbeit verwendeten Literatur wird vor allem der Frage nachgegangen, welche genaue Ausprägung des personalen Erzählens der von Bahr intendierten Methode entspricht und ob es ihm selbst gelungen ist, diese in seinen literarischen Werken zu realisieren. Einen Bezug zwischen dem Essay Die neue Psychologie und Schnitzler stellt Michael Worbs her, indem er die Auffassung vertritt, die narrative Methode, für die Bahr in seinem Essay plädiert, sei erst zehn Jahre später durch Schnitzler in Form des vollständigen inneren Monologs des Leutnant Gustl (1900) in die deutsche Literatur eingeführt worden. 5 Allerdings bin ich der Ansicht, dass hier weniger pauschal argumentiert werden sollte: Auch wenn die Technik des inneren Monologs es erlaubt, das tiefste Innere der Perspektivfigur sprachlich wiederzugeben, ohne dass ein Erzähler zwischen der literarischen Figur und dem Leser vermittelnd eingreift, finden sich sicherlich auch in vollständigen Monologerzählungen wie Fräulein Else Elemente, die Bahrs Postulat eines dekompositiven Vorgehens zuwiderlaufen. In der vorliegenden Arbeit soll zunächst Bahrs Essay Die neue Psychologie vorgestellt werden, um dann auf dieser Grundlage im zweiten Kapitel eine solche differenzierte Analyse des inneren Monologs in Fräulein Else vorzunehmen.

I. Hermann Bahr und die neue Psychologie

[...]


1 Vgl. hierzu Walter FÄHNDERS, Avantgarde und Moderne 1890-1933. Stuttgart, Weimar 1998, 86 ff. In dieser wie auch in späteren Revidierungen literaturtheoretischer Positionen zugunsten modernerer wird Bahrs unbedingte Suche nach ästhetischer Innovation deutlich, von Maximilian Harden in die Formulierung gefasst, Bahr hätte „immer in der Zukunft [ge]lebt, in der Temperatur des übernächsten Tages“ (Hermann BAHR, Das junge Österreich. In: Das Junge Wien. Österreichische Literatur- und Kunstkritik 1887-1902. Ausgewählt, eingeleitet und hrsg. von Gotthart Wunberg. Bd. 1: 1887-1896. Tübingen 1976, 363-378, hier 377.).

2 Vgl. hierzu Dagmar LORENZ, Wiener Moderne. Stuttgart, Weimar 1995, 37.

3 Iris PAETZKE, Erzählen in der Wiener Moderne. Tübingen 1992, 17.

4 Hermann BAHR, Die neue Psychologie. In: Das Junge Wien. Österreichische Literatur- und Kunstkritik 1887- 1902. Ausgewählt, eingeleitet und hrsg. von Gotthart Wunberg. Bd. 1: 1887-1896. Tübingen 1976, 92-101, hier 95. Im Folgenden wird das Essay abgekürzt mit der Sigle NP.

5 Vgl. hierzu Michael WORBS, Nervenkunst. Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende. Frankfurt a. M. 1988, 83.


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