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"...dass keiner mehr mit ihnen rede." Die Berichterstattung Schweizer Zeitungen über Schweizer Kommunisten während und nach dem Ungarnaufstand 1956

Forschungsarbeit, 2002, 82 Seiten
Autor: Michael Vetsch
Fach: Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Details

Kategorie: Forschungsarbeit
Jahr: 2002
Seiten: 82
Note: 6 (CH) = 1 (D)
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V25572
ISBN (E-Book): 978-3-638-28145-4
ISBN (Buch): 978-3-638-69697-5
Dateigröße: 496 KB
Anmerkungen :
Als 1956 die Rote Armee den ungarischen Aufstand niederwalzte, war die ganze westliche Welt empört. Auch in der Schweiz war der Zorn über Moskau gross. Zu spüren bekamen dies bekennende Kommunisten im Land, gegen sie begann die Presse eine wüste Hetzkampagne. Diese Arbeit untersucht nach einem umfassenden historischen Rückblick und theoretischen Ausführungen zur medialen Krisenkommunikation Schweizer Leitblätter auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Berichterstattung.


Zusammenfassung / Abstract

Im Sommer 2000 waren einige britische Pädophile Opfer einer medialen Hetzkampagne. Verschiedene Zeitungen veröffentlichten Fotos, Namen und vermutlichen Aufenthaltsort straffällig gewordener Personen. Mit der Forderung nach drakonischer Bestrafung der Delinquenten und immer lauterem Ruf nach Vergeltung heizten die Blätter die Atmosphäre an. Die Folge war ein Lynchjustiz-Klima in Grossbritannien. Diese hysterischen Szenen muten aus schweizerischer Perspektive auf den ersten Blick befremdend an, scheinen doch solche Hetzjagden gegenüber Minderheiten in der Schweiz undenkbar. Allerdings genügt ein Blick in die jüngere Geschichte des Landes, um zu erkennen, dass auch Personen in der Schweiz schon auf ähnliche Art und Weise ins mediale und öffentliche Fadenkreuz geraten sind. Im Herbst 1956 schlugen sowjetische Truppen die ungarischen Aufständischen nieder, die sich gegen das stalinistische System aufgelehnt hatten. Die Schweizer Regierung, die Parteien und die Medien reagierten einerseits mit riesigen Solidaritäts- und Sympathiebekundungen für das gebeutelte ungarische Volk und andererseits mit einer Welle der Empörung gegen den Kommunismus. Die Wut und den Zorn bekamen besonders jene im Land zu spüren, die sich trotz der blutigen Ereignisse in Ungarn weiter zur kommunistischen Ideologie bekannten und der kommunistischen Partei der Arbeit treu blieben. Eine massgebliche Rolle spielten bei der Anheizung des antikommunistischen Klimas die damals noch viel stärker an politische Parteien gebundenen Medien. Diese Arbeit hat daher zum Ziel, die Berichterstattung von Schweizer Zeitungen über Schweizer Kommunisten, beziehungsweise über die kommunistische Partei der Arbeit, während und kurze Zeit nach der Niederschlagung des Ungarnaufstandes genauer zu untersuchen. Es stellt sich dabei unter anderem die Frage, ob, und wenn ja inwiefern, sich die sozialdemokratische Presse in der Berichterstattung über den Kommunismus und kommunistische Personen von der bürgerlichen Presse unterschieden hat. Im Hintergrund steht die vom Soziologen Kurt Imhof vertretene Ansicht, dass der Antikommunismus in der heissen Phase des Kalten Krieges – analog dem Antifaschismus der 30er Jahre – das entscheidende, einende Element zwischen den vier grossen Schweizer Parteien war und zu einem Burgfrieden zwischen Sozialdemokratie und Bürgertum sowie zwischen Katholisch-Konservativen und Freisinnigen führte.


Textauszug (computergeneriert)

Universität Bern
Medienwissenschaftliches Institut

...dass keiner mehr mit ihnen rede...,
die Berichterstattung Schweizer Zeitungen über Schweizer Kommunisten
während und nach dem Ungarnaufstand 1956

Forschungsarbeit

von

Michael Vetsch

Juli 2002

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 7

2. Die Schweiz und der Ungarnaufstand im Kontext der Zeit ... 9
2.1 Politische Folgen der faschistischen Bedrohung ... 9
2.2 Die Gründung der Partei der Arbeit ... 10
2.3 Renaissance der „geistigen Landesverteidigung“ ... 11
2.4 Der Antikommunismus in den 50er Jahren ... 13
2.5 Der Ungarnaufstand und die Hetzjagd auf Kommunisten ... 14

3. Besonderheiten medialer Krisenkommunikation ... 19
3.1 Verzerrte Berichterstattung in den Massenmedien ... 19
3.2 Medien in Krisenzeiten ... 20
3.3 Der Kalte Krieg und die Medien ... 22
3.4 Ungarn, die Schweizer Medien und der Aufbau des Ost-Instituts ... 24

4. Empirische Analyse der Berichterstattung im Herbst 1956 ... 26
4.1 Methodisches Vorgehen ... 26
4.1.1 Hypothesenbildung ... 26
4.1.1.1 Zentrale Hypothesen für die bürgerlich-sozialdemokratische Presse ... 26
4.1.1.2 Unterhypothesen für die bürgerlich-sozialdemokratische Presse ... 27
4.1.1.3 Zentrale Hypothesen für die kommunistische Presse ... 29
4.1.1.4 Unterhypothesen für die kommunistische Presse ... 30
4.1.2 Untersuchungsgegenstand ... 30
4.1.3 Untersuchungszeitraum ... 31
4.1.4 Auswahl des Untersuchungsmaterials ... 32
4.1.5 Analyseeinheit ... 34
4.1.6 Kategoriensystem ... 34
4.1.7 Reliabilität ... 35
4.2 Ergebnis Hypothese 1: Kampagnenjournalismus gegen die PdA ... 35
4.2.1 Schwarz-Weiss-Malerei in NZZ und BT ... 35
4.2.1.1 Darstellung des Kapitalismus und des Kommunismus ... 36
4.2.1.2 Darstellung der Parteien in der NZZ und BT ... 37
4.2.1.3 Wenig differenzierte Berichterstattung ... 38
4.2.2 Emotionalisierung in NZZ und BT ... 38
4.2.2.1 Emotionalisierung in Artikeln der NZZ und BT ... 39
4.2.2.2 Emotionalisierung in Bildern der NZZ und BT ... 40
4.2.2.3 Emotionale Berichterstattung ... 41
4.2.3 Diffamierungen in NZZ und BT ... 41
4.2.4 Propagandistisch und diffamierend ... 42
4.3 Ergebnis Hypothese 2: Intensität der antikommunistischen Angriffe ... 43
4.3.1 Diffamierungen in NZZ und BT ... 43
4.3.2 Grad der Emotionalisierung in NZZ und BT ... 45
4.3.3 Grad der Personalisierung in NZZ und BT ... 46
4.3.4 Aufmachung der Artikel in NZZ und BT ... 47
4.3.5 NZZ-Kampagne war emotionaler und besser aufgemacht ... 48
4.4 Ergebnis Hypothese 3: Selektive antikommunistische Artikulation ... 49
4.4.1 Artikulationsmöglichkeiten in BT und NZZ ... 49
4.4.2 Berner Tagwacht vernachlässigte die Bürgerlichen ... 51
4.5 Ergebnis Hypothese 4: Kampagnenjournalismus gegen das Establishment ... 52
4.5.1 Schwarz-Weiss-Malerei im Vorwärts ... 52
4.5.1.1 Darstellung des Kapitalismus und des Kommunismus ... 53
4.5.1.2 Darstellung der Parteien im Vorwärts ... 54
4.5.1.3 Medien kamen schlecht weg ... 54
4.5.1.4 Sozialdemokraten und die sozialdemokratisch-liberale Presse im Visier ... 55
4.5.2 Emotionalisierung im Vorwärts ... 56
4.5.4 Diffamierungen im Vorwärts ... 57
4.5.5 Der Vorwärts setzte sich zur Wehr ... 58
4.6 Ergebnis Hypothese 5: Intensität der kommunistischen Angriffe ... 58
4.6.1 Diffamierungen in Vorwärts und NZZ/BT ... 58
4.6.2 Grad der Emotionalisierung in Vorwärts und NZZ/BT ... 60
4.6.3 Grad der Personalisierung in Vorwärts und NZZ/BT ... 61
4.6.4 Aufmachung der Artikel in Vorwärts und NZZ/BT ... 62
4.6.5 Keine grossen Unterschiede ... 63
4.7 Ergebnis Hypothese 6: Selektive kommunistische Artikulation ... 63
4.7.1 Artikulationsmöglichkeiten im Vorwärts ... 64
4.7.2 Das Sprachrohr der PdA ... 64

5. Fazit ... 66

6. Literaturverzeichnis ... 69

7. Anhang ... 73
7.1 Kategoriensystem ... 73

 

Grafikverzeichnis

[...]

Tabellenverzeichnis

[...]

 

1. Einleitung
Im Sommer 2000 waren einige britische Pädophile Opfer einer medialen Hetzkampagne. Verschiedene Zeitungen veröffentlichten Fotos, Namen und vermutlichen Aufenthaltsort straffällig gewordener Personen. Mit der Forderung nach drakonischer Bestrafung der Delinquenten und immer lauterem Ruf nach Vergeltung heizten die Blätter die Atmosphäre an. Die Folge war ein Lynchjustiz-Klima in Grossbritannien. Es wurden mehrere brutale Gewaltdelikte gegen verurteilte Sexualstraftäter verübt. Auch nur unter Verdacht stehende oder unschuldige Personen waren Opfer von Attacken. Das ganze Treiben auf der Insel nahm Züge einer mittelalterlichen Hexenjagd an (NZZ 2000: 5).
Diese hysterischen Szenen muten aus schweizerischer Perspektive auf den ersten Blick befremdend an, scheinen doch solche Hetzjagden gegenüber Minderheiten in der Schweiz undenkbar. Allerdings genügt ein Blick in die jüngere Geschichte des Landes, um zu erkennen, dass auch Personen in der Schweiz schon auf ähnliche Art und Weise ins mediale und öffentliche Fadenkreuz geraten sind. Im Herbst 1956 schlugen sowjetische Truppen die ungarischen Aufständischen nieder, die sich gegen das stalinistische System aufgelehnt hatten. Die Schweizer Regierung, die Parteien und die Medien reagierten einerseits mit riesigen Solidaritäts- und Sympathiebekundungen für das gebeutelte ungarische Volk und andererseits mit einer Welle der Empörung gegen den Kommunismus. Die Wut und den Zorn bekamen besonders jene im Land zu spüren, die sich trotz der blutigen Ereignisse in Ungarn weiter zur kommunistischen Ideologie bekannten und der kommunistischen Partei der Arbeit treu blieben. Eingang in die Geschichtsbücher hat vor allem der Fall um den Thalwiler Kunsthistoriker Konrad Farner gefunden, der von der Neuen Zürcher Zeitung denunziert und darauf von einem versammelten Mob vor seinem Haus bedroht wurde. Viele andere Personen waren ebenso Repressalien, Drohungen oder gar physischer Gewalt ausgesetzt.
Eine massgebliche Rolle spielten bei der Anheizung des antikommunistischen Klimas die damals noch viel stärker an politische Parteien gebundenen Medien. Diese Arbeit hat daher zum Ziel, die Berichterstattung von Schweizer Zeitungen über Schweizer Kommunisten, beziehungsweise über die kommunistische Partei der Arbeit, während und kurze Zeit nach der Niederschlagung des Ungarnaufstandes genauer zu untersuchen. Es stellt sich dabei unter anderem die Frage, ob, und wenn ja inwiefern, sich die sozialdemokratische Presse in der Berichterstattung über den Kommunismus und kommunistische Personen von der bürgerlichen Presse unterschieden hat. Im Hintergrund steht die vom Soziologen Kurt Imhof vertretene Ansicht, dass der Antikommunismus in der heissen Phase des Kalten Krieges – analog dem Antifaschismus der 30er Jahre – das entscheidende, einende Element zwischen den vier grossen Schweizer Parteien war und zu einem Burgfrieden zwischen Sozialdemokratie und Bürgertum sowie zwischen Katholisch-Konservativen und Freisinnigen führte. Dies müsste sich in der Medienberichterstattung niedergeschlagen haben. Darüber hinaus ist von Interesse, wie die kommunistische Presse auf die medialen Angriffe und die antikommunistische Stimmungsmache reagierte.
Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: In einem ersten historischen Theorieteil (Kapitel 2) soll ein Blick auf gewisse politisch-gesellschaftliche Begebenheiten der 40er und 50er Jahre in der Schweiz geworfen werden. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere die Geschichte der Gründung der Partei der Arbeit und ihre programmatische Ausrichtung sowie die Reaktionen der grossen Parteien auf den Kommunismus und seine Schweizer Repräsentanten unter dem Blickwinkel der bipolaren Weltordnung. Geschildert werden danach die Ereignisse im Herbst des Jahres 1956 in Ungarn und die innenpolitischen Folgen für die Schweiz nach der Niederschlagung des Aufstandes.
Ein darauf folgender medientheoretischer Teil (Kapitel 3) befasst sich hauptsächlich mit der Medienberichterstattung in Krisenzeiten, unter anderem auch während des Kalten Krieges. Der ungarische Aufstand und die gleichzeitige Eskalation am Suez brachten die Welt damals an den Rand eines atomaren Konflikts. Konkret geht es darum, ob die Berichterstattung der Medien in solchen Krisenlagen spezielle Züge oder Eigenarten aufweist und wo allenfalls die Unterschiede zur Berichterstattung in Friedenszeiten liegen. Kurz angesprochen werden auch noch einige Auswirkungen des Ungarnaufstandes auf das Schweizer Mediensystem sowie die mit Ungarn indirekt in Verbindung stehende Geschichte um den Aufbau des Ost-Instituts.
Kapitel 4 umfasst den Hauptteil dieser Arbeit, die Überprüfung und Auswertung von verschiedenen Hypothesen mittels einer quantitativen Inhaltsanalyse, welche am Anfang des entsprechenden Kapitels genauer erläutert wird. Ein Fazit und abschliessende Bemerkungen folgen in Kapitel 5.

2. Die Schweiz und der Ungarnaufstand im Kontext der Zeit
Für ein besseres Verständnis der antikommunistischen Politik in der Nachkriegszeit folgen einige historisch geprägte Unterkapitel. Sie beschreiben die Situation und Politik der etablierten Parteien der Schweiz am Ende des Zweiten Weltkriegs und mit Beginn des Kalten Krieges sowie deren Reaktion auf die neu gegründete kommunistische Partei der Arbeit. Schliesslich folgt eine ausführliche Schilderung der Ereignisse im Herbst 1956.

2.1 Politische Folgen der faschistischen Bedrohung
Die Krisenlage der 30er Jahre und die Bedrohung durch den Nationalsozialismus und Faschismus hatte die Schweiz in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg zusammengeschweisst. Die ökonomischen Schwierigkeiten sowie die bedrohlichen Veränderungen in den Nachbarländern hatten dazu geführt, dass die Schweiz sich als „Schicksalsgemeinschaft und Willensnation“ neu entdeckte. Die politischen Folgen waren einschneidend. Die Ablehnung autoritärer Regime oder rassistischer Ideologien war begleitet von einem Aufbruch des erstarrten Klassenantagonismus, der Auflösung des Bürgerblockregimes, der Integration der Sozialdemokratie, der Erweiterung des Korporatismus und einer Skizzierung einer zukünftigen, von den grossen Parteien mitgetragenen Agrar-, Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die so genannte „geistige Landesverteidigung“ führte zu einer Konkordanzdemokratie, aus welcher die wesentlichen institutionellen Veränderungen im Hinblick auf eine soziale Marktwirtschaft hervorgingen. Sie zementierte aber auch das wiederentdeckte Bild des „Sonderfalls“ Schweiz (Imhof 1996a: 35f.).

[...]


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