Please wait
Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.
Thesis (M.A.), 2004, 132 Pages
Author: Jan Jansen
Subject: History - Empire, Imperialism
Details
Tags: Aufstände, Herero, Nama, Deutsch-Südwestafrika, Kolonialkritik, Kaiserreich
Year: 2004
Pages: 132
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-28238-3
ISBN (Book): 978-3-638-71753-3
File size: 551 KB
Die Arbeit skizziert und analysiert die Kritik von SPD und Zentrumspartei an der deutschen Kolonisation Namibias und an der genozidalen Kriegsführung gegen die indigene Bevölkerung von 1904 bis 1907.
Other users also were interested in the following titles:
Abstract
Mit den Aufständen von Herero und Nama in „Deutsch-Südwestafrika“ begann 1904 der längste Krieg, den das Kaiserreich gegen indigene Bevölkerungsgruppen seiner Kolonien führte. Bis 1907 wurden 14.000 Soldaten in das Gebiet des heutigen Namibia geschickt, von denen knapp 2.350 getötet, vermisst oder verwundet wurden. Erklärtes Ziel der Militärführung war über Monate die „Vernichtung“ der Afrikaner. Männer und Frauen, Kinder und Alte sollten erschossen oder in die Wüste getrieben werden und dort den Tod durch Verdursten erleiden. Tausende wurden in Lagern interniert und starben infolge von katastrophalen Haftbedingungen, Zwangsarbeit und Prügel. Auf Seiten der Herero und Nama kamen zwischen 30.000 und 75.000 Menschen zu Tode – weit mehr als die Hälfte, eventuell sogar zwei Drittel der Bevölkerung. Ihre „Stammesverbände“ wurden nach dem Ende der Kämpfe aufgelöst, der Besitz an Land und Vieh enteignet. Die Überlebenden wurden zu nahezu rechtlosen Arbeitskräften degradiert, die umfassend kontrolliert und jederzeit verfügbar sein sollten. Der Kolonialkrieg markierte damit eine tiefe Zäsur in der Entwicklung des Landes. Zur deutschen Kolonialvergangenheit in Namibia und besonders auch zum Krieg gegen Herero und Nama ist eine Fülle von Literatur verfügbar. Nahezu einhellig und mit überzeugenden Argumenten wird die Kriegsführung gegen die Afrikaner heute als Genozid qualifiziert. Weitgehend unbeachtet blieb aber bisher die Frage, inwiefern Kriegsführung und Kolonisationsmethoden in „Südwestafrika“ seinerzeit im Deutschen Reich kritisch diskutiert wurden. Die vorliegende Arbeit schließt diese Lücke. Sie skizziert zunächst die Ereignisse in der Kolonie auf der Basis des aktuellen Forschungsstands. Im Hauptteil beschreibt und analysiert sie ausführlich die Rezeption des Kriegs durch die kolonialkritischen Parteien SPD und Zentrum, widmet sich ihren Zielen und Argumentationen, ihren Strategien und Erfolgen in Bezug auf den Konflikt. Die öffentliche Anteilnahme war immens! Es wird deutlich, wie die heftigen Kontroversen über die Aufstände und ihre Bekämpfung einerseits zu einer Reform der offiziellen Kolonialpolitik, andererseits zu folgeschweren innenpolitischen Kräfteverschiebungen führten.
Excerpt (computer-generated)
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Geschichtswissenschaften
Die Aufstände von Herero und Nama in „Deutsch-Südwestafrika“
und die Kolonialkritik im Kaiserreich
Magisterarbeit
vorgelegt von Jan Jansen
Studiengang: Neuere und Neueste Geschichte
Studienfächer:
Neuere + Neueste Geschichte (HF, 17. FS)
Politikwissenschaft (1. NF, 17. FS)
Publizistik (2. NF, 16. FS)
09.02.2004
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung ... 4
II. Die Aufstände von Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika: Ursachen, Verlauf und Konsequenzen der Ereignisse in der Kolonie ... 10
1. Vorbemerkungen: Das Territorium Deutsch-Südwestafrikas, seine Bevölkerung und Entwicklung vor 1893 ... 10
2. Ursachen: Grundzüge und Konsequenzen des „Systems Leutwein“ ... 14
3. Verlauf: Die Aufstände von 1904 bis 1907 und ihre Niederschlagung ... 19
3.1. Der Herero-Aufstand ... 19
3.2. Der Nama-Aufstand ... 25
4. Konsequenzen: Die Situation von Herero und Nama nach dem Ende der Kämpfe ... 28
III. Die Kritik an Kolonisation und Kriegsführung im Kaiserreich ... 31
1. Kolonialpolitische Kompetenzen und die Möglichkeiten der Kolonialkritik ... 31
2. Die Kritik der SPD an Kolonisation und Kriegsführung ... 35
2.1. Vorbemerkungen ... 35
2.2. Erste Reaktionen: Die Kontroversen um die Stimmenthaltung im Reichstag ... 37
2.3. Die Frage nach den Ursachen des Herero-Aufstands: Der Blick auf die Akteure in der Kolonie ... 42
2.3.1. Probleme der Informationsbeschaffung ... 42
2.3.2. Das allgemeine Bild von den Kolonisten ... 43
2.3.3. Die Händler ... 45
2.3.4. Die Misshandlungen an den Afrikanern und das Gerichtswesen in der Kolonie ... 46
2.3.5. Die Mängel der Verwaltung in der Kolonie ... 49
2.3.6. Die Landfrage ... 53
2.3.7. Quintessenz: Die deutsche Kolonialpolitik und der „nationale Befreiungskampf“ der Herero ... 56
2.4. Die Kritik an der deutschen Kriegsführung gegen Herero und Nama ... 59
2.4.1. Die ethisch-moralische Argumentation ... 60
2.4.2. Die ökonomische Argumentation ... 71
3. Die Entwicklung der Zentrums-Positionen zu Kolonisation und Kriegsführung ... 76
3.1 Vorbemerkungen ... 76
3.2. Erste Reaktionen: Loyalität zu Siedlern und Regierung ... 78
3.3. Etappen der Distanzierung von der Kolonialpolitik ... 82
3.3.1. Die Entschädigungsdebatte ... 82
3.3.2. Die ersten Kritikpunkte Peter Spahns an der Kolonialverwaltung ... 91
3.3.3. Matthias Erzberger zu den Aufständen von Herero und Nama ... 94
3.3.3.1. Erzberger zur Vernichtungsstrategie des Generals von Trotha ... 95
3.3.3.2. Grundsätzliches zu Erzbergers Kampagne gegen die bisherige Kolonialpolitik ... 98
3.3.3.3. Deutsch-Südwestafrika in Erzbergers Kolonialkritik ... 102
4. Dernburg, die „Hottentotten-Wahlen“ und die Folgen ... 111
IV. Fazit ... 121
Quellen- und Literaturverzeichnis ... 127
I. Einleitung
Die deutsche Kolonialgeschichte, im Bewusstsein der bundesdeutschen Öffentlichkeit eigentlich kaum verankert, erfährt dieser Tage eine besondere Aufmerksamkeit in der Medienberichterstattung: Hundert Jahre sind vergangen, seitdem im Januar 1904 mit den Angriffen der Herero auf deutsche Kolonisten der längste Kolonialkrieg begann, den das Kaiserreich gegen indigene Bevölkerungsgruppen seiner Territorien in Übersee führte1. Über 14.000 Soldaten wurden bis Ende 1906 in das Gebiet des heutigen Namibia, der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, geschickt. Die „Vernichtung“ der gegnerischen „Stämme“2 war dabei monatelang die erklärte Zielsetzung der deutschen Militärführung3. Die Herero waren nach den Gefechten am Waterberg im August 1904 militärisch geschlagen, der Großteil der Überlebenden war in die Wüste Omaheke an der Ostgrenze der Kolonie geflohen4. General Lothar von Trotha, der Oberbefehlshaber der deutschen Kampfverbände, verfügte die Abriegelung der Wüste, damit die Herero dort zu Tode kommen sollten. Im Oktober erließ er seine berühmtberüchtigte Proklamation, mit der er den Angehörigen dieser Ethnie jegliches Lebensrecht innerhalb der Grenzen Deutsch-Südwestafrikas absprach. „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen“5. Dieser Erlass wurde zwar aus strategischen Erwägungen zwei Monate später durch kaiserliche Weisung zurückgenommen, faktisch wurde die Vernichtungsstrategie gegen die Afrikaner jedoch fortgeführt6. Sogenannte „Konzentrationslager“ wurden im ganzen Land errichtet, in denen Tausende Gefangene durch die katastrophalen Haftbedingungen und die Härte der zu leistenden Zwangsarbeit zu Tode kamen7. Im Oktober 1904 hatten auch die Nama im Süden der Kolonie den Kampf gegen die Deutschen begonnen. Gegen ihre Guerillastrategie hatten die zeitgenössisch als „Schutztruppen“ bezeichneten Militärabteilungen noch größere Probleme als zuvor gegen die Herero. Zuletzt standen einige Tausend deutsche Soldaten nur wenigen Hundert Nama gegenüber. Erst am 31. März 1907 wurde der Kriegszustand offiziell aufgehoben, wobei vereinzelte Kämpfe in den Randregionen der Kolonie noch länger andauerten. Zu „Kaisers Geburtstag“ am 27. Januar 1908 wurden die letzten überlebenden Herero und Nama aus der Kriegsgefangenschaft entlassen8.
Auf Seiten der deutschen Truppen gab es knapp 2.350 Tote, Vermisste und Verwundete9; die Gesamtkosten des Kolonialkriegs beliefen sich auf ca. 600 Millionen Mark10. Über die Anzahl der Opfer auf Seiten der Afrikaner lassen sich keine genauen Angaben machen, da die Schätzungen zu ihrer Bevölkerungsstärke vor dem Kolonialkrieg zum Teil erheblich auseinandergehen11. Doch auch unter Einbezug dieser Schwankungen ist „davon auszugehen, daß weit mehr als die Hälfte, eventuell sogar zwei Drittel der Herero, Orlam und Nama dem Krieg, der Verfolgung und der Gefangenschaft zum Opfer fielen. Je nach angenommener eingeborener Bevölkerungsstärke dürften demnach zwischen 30.000 und 75.000 Eingeborene umgekommen sein“12. Während die afrikanischen Gegner in ihrem Kampf gegen die Deutschen Frauen, Kinder, Missionare und Angehöriger anderer europäischer Nationalitäten weitgehend verschonten, richtete sich die deutsche Kriegsführung gegen die gesamte Herero- und Nama-Bevölkerung13. Die „Stammesverbände“ wurden infolge der Aufstände aufgelöst, ihr Besitz an Land und Vieh wurde enteignet. Die überlebenden Herero und Nama wurden zu nahezu rechtlosen Arbeitskräften degradiert, die umfassend kontrolliert werden und jederzeit verfügbar sein sollten14. Der Krieg von 1904 bis 1908 bildete damit eine tiefe Zäsur in der Entwicklung der Kolonie.
Im Großteil der Forschungsliteratur zum Thema wird das deutsche Vorgehen gegen die aufständischen Afrikaner als der erste von Deutschen verübte Genozid qualifiziert15. Auf dieser Einschätzung beruht auch die Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland, die Deutsche Bank und zwei weitere Firmen, mit welcher der Herero-Chief Riruako und weitere Herero seit 2001 in den USA zwei Milliarden Dollar Entschädigung für ihre Ethnie erstreiten wollen16. In Anlehnung an die Prozesse um die Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter wurden die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Kaiserreichs, die deutschen Unternehmen als Hauptprofiteure wegen Völkermord und Zwangsarbeit verklagt. Bundesaußenminister Joschka Fischer entschuldigte sich zwar auf der UN-Antirassismuskonferenz in Durban erstmalig für geschehenes Unrecht; eine finanzielle Entschädigung lehnt die Bundesregierung jedoch ebenso wie die beklagten Unternehmen ab.17
Die Ereignisse in Deutsch-Südwestafrika, ihre Ursachen und Konsequenzen vor Ort können als relativ detailliert und umfassend dargestellt und erforscht gelten18. Gerade in den letzten Jahren hat die Anzahl der Monographien und Aufsätze zum Thema weiter zugenommen; im Zusammenhang mit den jüngst verstrichenen und demnächst anstehenden Jahrestagen ist mit weiteren Veröffentlichungen zu rechnen19. Die vorliegende Arbeit richtet ihren Blick auf einen Aspekt, der bisher jedoch weitgehend vernachlässigt wurde. Sie widmet sich den Diskussionen, die im Deutschen Reich über die Aufstände und deren Niederschlagung stattgefunden haben, genauer: sie fragt nach den politischen Kräften, die sich seinerzeit kritisch zur deutschen Vorgehensweise gegen Herero und Nama positioniert haben.
Im Reichstag wurde von einigen Abgeordneten scharfe Kritik an den bisherigen Methoden der Kolonisation und an der Militärstrategie gegen die afrikanischen Gegner formuliert. Insbesondere Sozialdemokraten traten über den gesamten Zeitraum des Konflikts als Ankläger der deutschen Kolonialherrschaft und Kriegsführung in Erscheinung. Die linksliberalen Parteien setzten sich zunächst ebenfalls für die Belange der indigenen Bevölkerung ein, schwenkten aber im Verlauf der Kämpfe auf Regierungslinie ein. Umgekehrt verlief die Entwicklung beim Zentrum: Die Partei des politischen Katholizismus hatte seit den 1890er Jahren die Regierung auch im Bereich der Kolonialpolitik unterstützt. Unter dem Eindruck der Ereignisse seit den Aufständen von Herero und Nama positionierte sie sich zunehmend kritischer und lehnte schließlich – zumindest was ihre Außendarstellung angeht – die bisherige Kolonialpolitik insgesamt als fehlgeleitet und kontraproduktiv ab. Der Kolonialkrieg im heutigen Namibia war nicht das einzige Problem, das seinerzeit auf Missstände der bisherigen Herrschaftspraxis in Übersee verwies: Der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika und die Unruhen in Kamerun im gleichen Zeitraum führten allgemein zu der Wahrnehmung, dass das deutsche Kolonialreich in seiner bisher schwersten Krise steckte20. Zwei Mal wurde der Kolonialdirektor ausgewechselt; im Dezember 1906 wurde der Reichstag im Zusammenhang mit Kontroversen über die Kriegsführung in Deutsch-Südwestafrika aufgelöst. Bei den sogenannten „Hottentottenwahlen“ Anfang 1907 waren die Aufstände von Herero und Nama und die Kolonialpolitik insgesamt zentrale Wahlkampfthemen21. SPD und Zentrumspartei wurden scharf für ihre kritische Haltung zur Kriegsführung in Deutsch-Südwestafrika angegriffen, und der Wahlausgang zog wesentliche innenpolitische Kräfteverschiebungen nach sich. Die Sozialdemokraten verloren fast die Hälfte ihrer Reichstagsmandate. Das Zentrum konnte die Zahl seiner Abgeordneten zwar um fünf erhöhen, sah sich jedoch fortan von der Zusammenarbeit mit der Regierung ausgeschlossen. Die Linksliberalen waren hingegen gestärkt und lieferten seit der Wahl gemeinsam mit Nationalliberalen und Konservativen parlamentarische Mehrheiten für Reichskanzler Bülow („Bülow-Block“). Bernhard Dernburg, seit September 1906 Kolonialdirektor im Auswärtigen Amt, wurde im Mai 1907 leitender Staatssekretär des neugeschaffenen Reichskolonialamtes. Er gilt als der Reformer der deutschen Kolonialpolitik – er setzte zahlreiche Änderungen durch, die insbesondere vom Zentrum wiederholt eingefordert worden waren22.
Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Rezeption der Aufstände von Herero und Nama und die diesbezügliche Argumentation von Seiten der SPD und der Zentrumspartei. Die linksliberalen Parteien werden außen vor gelassen – eine Analyse der Implikationen und Dimensionen ihres Positionswechsels zugunsten der Regierungspolitik würde den Rahmen der Arbeit sprengen23. Mit Eugen Richter verstarb 1906 eine linksliberale Führungspersönlichkeit, die als Garant einer kolonialkritischen Haltung anzusehen war. Mit den National-Sozialen um Friedrich Naumann hielten Kräfte bei den Linksliberalen Einzug, welche eine deutsche Kolonialpolitik ausdrücklich befürworteten. Die Annäherung an Bülow trug zudem einem verstärkten Verlangen nach Zusammenarbeit der liberalen Parteien Rechnung. Der kolonialpolitische Positionswechsel wirkte hier eher als Katalysator zugunsten einer innenpolitischen Zusammenarbeit mit den Nationalliberalen und der Regierung24. Da während des Wahlkampfes von 1906/07 insbesondere die SPD und das Zentrum für ihre kolonialkritischen Positionen angefeindet wurden, erscheint es gerechtfertigt, die folgende Darstellung und Analyse auf diese beiden Parteien zu beschränken.
Welche Aspekte der deutschen Kolonisation im heutigen Namibia und des Kriegs gegen Herero und Nama wurden von Sozialdemokraten und Zentrumspolitikern aufgegriffen? Wie wurden diese dargestellt, was genau wurde daran kritisiert? Wurden die Bedeutung der Ereignisse und ihre potenziellen Folgen realistisch eingeschätzt? Wie positionierte man sich zu den unterschiedlichen Akteuren in der Kolonie? Welche politischen Ziele und Strategien wurden verfolgt, welche Mittel eingesetzt? Inwiefern konnten Erfolge erzielt werden? Gab es parteiinterne Differenzen zum Thema? Veränderten sich die Positionen und Vorgehensweisen? Inwiefern unterschieden sich die Einschätzungen und Schlussfolgerungen von SPD und Zentrum, welche Gemeinsamkeiten sind festzustellen?
Die Arbeit gliedert sich zur Klärung dieser Fragen in zwei Blöcke. Der erste Block widmet sich den Vorgängen in Deutsch-Südwestafrika. Ursachen, Verlauf und Konsequenzen des Kriegs zwischen Herero und Nama und der deutschen Kolonialmacht werden auf der Basis des aktuellen Forschungsstands umrissen; ohne diese Vorkenntnisse erscheint ein Verständnis und eine Bewertung der Kritik im Deutschen Reich unmöglich. Der zweite Block widmet sich den Möglichkeiten, den Positionen und den Auswirkungen der Kritik am deutschen Vorgehen durch SPD und Zentrum. Zunächst werden das Kompetenzgefüge bei Kolonisation und Kriegsführung und die Möglichkeiten der parlamentarischen Einflussnahme umrissen. Es folgt die detaillierte Darstellung und Analyse der Rezeption der Ereignisse durch SPD und Zentrum, der Argumente, Ziele und Strategien ihrer Kritik. Anmerkungen zu Kolonialdirektor Bernhard Dernburg, den „Hottentottenwahlen“ und ihren Folgen schließen sich an, bevor zuletzt ein Fazit der Erörterungen gezogen wird.
Die Rezeption des Kolonialkriegs durch die deutschen Parteien und die konkreten innen- und kolonialpolitischen Folgen sind bisher nicht zusammenhängend bearbeitet worden. Die Literatur zur kolonialpolitischen Haltung der Parteien im Kaiserreich ist insgesamt als dürftig zu beurteilen. Zwei Arbeiten mit klar prokolonialer Tendenz erschienen in den 1930er Jahren: „Deutsche Kolonialpolitik im Reichstag“ von Hans Spellmeyer sowie „Die deutsche Kolonialpolitik und das Zentrum“ von Hans Pehl. Zu den kolonialpolitischen Positionen der SPD legte Hans-Christoph Schröder 1968 eine Untersuchung mit dem Titel „Sozialismus und Imperialismus“ vor, die zur Information über die grundsätzliche Haltung der Sozialdemokraten sehr hilfreich ist. Die Dissertation von Maria-Theresia Schwarz zur deutschen Kolonialkritik, die 1999 erschien, widmet sich lediglich der Zeit bis zur Jahrhundertwende. Etwas mehr Literatur ist zu einzelnen Problemen und Akteuren des abgesteckten Themas verfügbar. Mehrere Autoren haben sich den prokolonialen Kräften innerhalb der SPD gewidmet25. Beim Zentrum war es der 1921 einem Attentat zum Opfer gefallene zeitweilige Finanzminister der Weimarer Republik, Matthias Erzberger, der als junger Reichstagsabgeordneter die Partei auf einen deutlich kolonialkritischen Kurs drängte. In den genutzten Erzberger-Biographien wird daher auch auf die kolonialpolitischen Positionen des Zentrums und deren Wandlung durch Erzberger eingegangen26. Karl Bachem widmet sich in seiner umfangreichen Zentrumsgeschichte ebenfalls ausführlicher diesem Thema27. Schließlich sind die Biographie des Kolonialdirektors Dernburg von Werner Schiefel zu erwähnen sowie zwei Arbeiten zu den Wahlen von 1907: Die Monographie „The German Elections of 1907“ von George Dunlap Crothers, die immer noch als Standardwerk genannt wird (obwohl schon 1941 erschienen), und der Aufsatz von Wolfgang Reinhardt, der speziell den Zusammenhang von Kolonialkrise und „Hottentottenwahlen“ umreißt.
Als wichtigste Quelle für den Hauptteil der Arbeit sind die Stenographischen Berichte über die Verhandlungen des deutschen Reichstages hervorzuheben. Hier wurde die Kritik an der deutschen Kriegsführung und Kolonisation ausführlich und differenziert, aber auch pointiert und öffentlichkeitswirksam vorgetragen. Die Berichte verzeichnen zudem auch die Reaktionen der Abgeordneten und die Interaktion zwischen Fürsprechern und Gegnern des deutschen Kolonialengagements. Die Zentralorgane von SPD und Zentrum, der „Vorwärts“ und die „Germania“, wurden außerdem zu Rate gezogen. Bei den Sozialdemokraten waren Protokolle der Fraktionssitzungen und Parteitage zum Teil hilfreich28. Für das Zentrum lagen derartige Protokolle leider nicht vor, dafür jedoch einige Broschüren zur Kolonialpolitik, die von Matthias Erzberger verfasst wurden. Da er der Protagonist der Kolonialkritik des Zentrums war und rege Öffentlichkeitsarbeit für seine Interventionen und Initiativen betrieb, sind diese Schriften ebenfalls von besonderem Interesse.
Was sagt uns schließlich heute die Kritik, die im Kaiserreich vor hundert Jahren an der deutschen Kriegsführung gegen Herero und Nama formuliert wurde? Die Intention dieser Arbeit ist es keineswegs, von der zunehmenden Diskussion um deutsche Verantwortung für koloniale Gewalt und Unterdrückung abzulenken, indem auf inländische Kritiker verwiesen wird. Die Klage der Herero-Vertreter wegen Völkermord und Zwangsarbeit sowie der hundertste Jahrestag des Herero-Aufstands haben der Thematik eine stärkere öffentliche Aufmerksamkeit eingebracht, die zugunsten einer Aufarbeitung nur zu begrüßen ist. Dennoch erscheint es von Interesse, wie der Kolonialkrieg und dessen katastrophalen Folgen für die afrikanischen Gegner im Kaiserreich selbst diskutiert wurden. Eine Untersuchung der kolonialkritischen Positionen in diesem Zusammenhang fehlt bisher – die folgende Arbeit versucht, diese Lücke zu schließen.
[...]
1 Nahezu alle überregionalen Tageszeitungen und Magazine berichteten in den letzten Wochen über das Thema. Siehe FAZ 12. 01. 2004, 19. 01. 2004, 20. 01. 2004, 23. 01. 2004; FR 12. 01. 2004; SZ 10. 01. 2004; taz 10. 01. 2004; Welt 12. 01. 2004, 14. 01. 2004; Spiegel 12. 01. 2004; Focus 12. 01. 2004. Der Norddeutsche Rundfunk zeigte am 10. 01. 2004 eine mehrstündige „Nacht der deutschen Kolonien“.
2 Zur Problematik des Begriffs „Stämme“ sei auf eine Anmerkung von Werner Hillebrecht zu seinem Aufsatz über „Die Nama und der Krieg im Süden“ verwiesen. Sie ist ebenso für die Organisation der Herero zutreffend und gilt auch für die vorliegende Arbeit: „In diesem Aufsatz wird der Kürze halber der Begriff ‚Stamm‘ gebraucht, wohl wissend, dass er unpassend ist und falsche Assoziationen hervorruft. Die Nama-‚Stämme‘ waren soziale Formationen, die sich um einen Kern von Familienclans herum als staatliche Einheiten bildeten, aber der Herkunft nach durchaus heterogen waren“ (Zimmerer/Zeller, S. 251, Anm. 10). Zur Auflösung der Abkürzungen für die verwendete Literatur siehe das Literaturverzeichnis im Anhang.
3 Der Oberkommandierende der Truppenabteilungen in der Kolonie, General Lothar von Trotha, bekannte sich mehrfach offen zu dieser Zielsetzung und wurde darin vom Großen Generalstab und Kaiser Wilhelm II. unterstützt. Vgl. Bley, S. 203-208; Drechsler, S. 179-197; Krüger, Kriegsbewältigung, S. 49-53; Zimmerer, Herrschaft, S. 37-44; Zimmerer, KZ und Völkermord, S. 49-55. Der Behauptung einiger Autoren, dass Trotha mit seinen Ausführungen zur angestrebten „Vernichtung“ lediglich die militärische Niederlage des Gegners meinte (in Anlehnung an Clausewitz), widerspricht überzeugend Krüger, Kriegsbewältigung, S. 65 f.
4 Zur Lokalisierung der genannten Orte siehe die Karte am Ende der Arbeit.
5 Zitiert nach Zimmerer, KZ und Völkermord, S. 51.
6 Vgl. den Aufsatz Zimmerer, KZ und Völkermord, besonders S. 55-63.
7 Zu den Gefangenenlagern siehe insbesondere die Aufsätze von Zeller und Erichsen.
8 Zimmerer, KZ und Völkermord, S. 58.
9 Kaulich, S. 265, Anm. 287, gibt folgende Zahlen an: „676 gefallene, 689 an Krankheit gestorbene, 76 vermißte und 907 verwundete (hiervon 50 später gestorbene) Soldaten“.
10 Nuhn, Sturm, S. 315.
11 Siehe S. 11 f.
12 Kaulich, S. 266. Bei den Orlam handelt es sich um eine indigene Bevölkerungsgruppe, die den Nama sehr nahe stand und hier wie auch im Großteil der Literatur unter den Nama subsummiert wird.
13 Hierzu sei erneut auf den Aufsatz Zimmerer, KZ und Völkermord, verwiesen.
14 Vgl. Zimmerer, Musterstaat, besonders S. 31-41.
15 Von den Autoren, deren Untersuchungen für diese Arbeit genutzt wurden, beurteilen Helmut Bley, Horst Drechsler, Casper W. Erichsen, Jan Bart Gewald, Werner Hillebrecht, Gesine Krüger, Henning Melber, Joachim Zeller und Jürgen Zimmerer die deutsche Kriegsführung klar als Genozid. Ausdrücklich gegen diese Einschätzung wenden sich lediglich Gerd Sudholt und August Wilhelm Steffan. Einen aktuellen Überblick über die Genozid-Debatte liefert Krüger, Kriegsbewältigung, S. 62-68.
16 Die Klage ist im Original und in deutscher Übersetzung abgedruckt bei Steffan. Die Publikation behandelt die Anklageerhebung der Herero aus der Perspektive deutschstämmiger Namibier polemisch als „Verrücktheit, Akt der Verzweiflung, Versuch der Erpressung oder juristisches Kuriosum“ (Steffan, S. 1).
17 Zur rechtlichen Problematik der Entschädigungsklage siehe den Artikel „Das vergessene Leiden der Herero“ von Norman Paech in der „Frankfurter Rundschau“ vom 12. 01. 2004. Zu den Besonderheiten der deutsch-namibischen Beziehungen infolge der Kolonialvergangenheit siehe Melber.
18 Vgl. die Arbeiten von Bley, Drechsler, Eckert, Erichsen, Gewald, Hillebrecht, Kaulich, Krüger, Nuhn, Sud-holt, Zimmerer und Zeller.
19 So erscheint dieser Tage Böhlke-Itzen, Janntje (Hg.): Kolonialschuld und Entschädigung – Der deutsche Völ-kermord an den Hereros 1904-1907. Frankfurt a. M. 2004.
20 Siehe insbesondere den Aufsatz von Reinhardt.
21 Vgl. Crothers, S. 105-119; Reinhardt, S. 412-415; van der Heyden.
22 Vgl. Erzberger, Wahrheit.
23 Der linksliberalen Kolonialkritik bis zur Jahrhundertwende widmet sich ausführlich Schwarz, S. 43-204. All-gemein zum Verhältnis der liberalen Parteien Deutschlands zu Imperialismus und Kolonialpolitik siehe Holl/List.
24 Spellmeyer, S. 91 f.
25 Hyrkkänen; Park; Schröder, Noske; Schröder, Sozialismus, S. 183-198.
26 Epstein, Dilemma, S. 70-78; Leitzbach, S. 293-398; Ruge, S. 29-35; Wilhelm, S. 71-151.
27 Bachem, S. 330-419.
28 Die Protokolle der SPD-Fraktionssitzungen finden sich bei Matthias/Pikart.
Comments
No comments yet
Other users also were interested in the following titles:
Der Marshall-Plan. Amerika und Sowjetunion: Zwei Sichtweisen und ihre Ursprünge. Betrachtet an Hand zweier Quellen.
Author: Marie-Ann GeißlerHistory - Postwar Period, Cold War, 2003 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Aspasia und Perikles
Author: M.A. Diana BeusterHistory - Early and Ancient History, 1995 Download as PDF-file for 3,49 EUR
Multiperspektivischer Geschichtsunterricht
Author: Claudia BrunschHistory - Didactics, 2008 Download as PDF-file for 19,99 EUR
Lernsoftware im Geschichtsunterricht
Author: Stefan WeheHistory - Didactics, 2007 Download as PDF-file for 7,99 EUR
Bilder im Geschichtsunterricht
Author: Gabriele DammersHistory - Didactics, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
DIE SWING KIDS - Getanzte Freiheit (Wahre Rebellion gegen das NS Regime oder nur eine gewöhnliche Jugendkultur?)
Author: Christoph ZehetleitnerAmerican Studies - Culture and Applied Geography, 2003 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Neue Medien im Geschichtsunterricht – Chance oder Weg in die Geschichtslosigkeit?
Author: Heike ThomitzekHistory - Didactics, 2006 Download as PDF-file for 7,99 EUR
This text can be quoted and accessed from this url: