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"... aus dunklen Gärten klingt Musik". Zu romantischen Implikationen in Arno Holz Weltgedicht Phantasus

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 30 Pages
Author: Philipp Maurer
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 30
Grade: sehr gut
Language: German
Archive No.: V25805
ISBN (E-book): 978-3-638-28328-1

File size: 264 KB
Notes :
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand. Entspricht bei normaler Formatierung etwa 45 Seiten.



Excerpt (computer-generated)

Technische Universität Dresden
Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften
Seminar (III) Neuere Deutsche Literatur: Literatur des Naturalismus
3. Semester

"... aus dunklen Gärten klingt Musik". Zu romantischen
Implikationen in Arno Holz Weltgedicht Phantasus

von: Philipp Maurer

 


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung 2

A. Arno Holz und der psychophysische Monismus

1. Die Fixierung des Irrationalen. Sinnenwelt und ‚Weltseele’ im psychophysischen Monismus 3
2. Arno Holz‘ Weltbild 4

2.1 Die geistesgeschichtliche Position von Arno Holz 5

2.1.1 Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren in der Natur. Zur induktiven Metaphysik in der Philosophie Eduard von Hartmanns 6
2.1.2 Schellings Idee einer spekulativen Naturphilosophie 7

2.2 Arno Holz’ Natur-Begriff 9

B. Der Phantasus

1. Die Phantasus-Existenz als Ausdruck universalen Welterlebens 10
2. Das romantische Künstlerbild im Phantasus 13
3. Entgrenzung im Traum. Die Auflösung der Phantasus-Erscheinung und ihr romantisches Potenzial 17

C. Der Phantasus im Kontext der historischen Moderne 21

Quellen- und Literaturverzeichnis 25

1. Primärliteratur
2. Germanistische Fachliteratur

Fußnotenverzeichnis 28

 


 

I. Vorwort

Mit seinem Lyrik-Epos Phantasus legt uns Arno Holz sein umfangreichstes Textgebilde vor, das zweifellos als sein Hauptwerk gelten darf. Die ersten zwei Hefte mit jeweils fünfzig Gedichten, erschienen 1898/99, wurden Arno Holz` Vorstellungen eines „naturwissenschaftlichen Weltgedichtes“, etwa in der Art Dantes „Divina Comedia“, noch nicht gerecht. Das Phantasus-Projekt beschäftigte den Dichter daher weiter bis zu seinem Tod 1939, und trotz der intensiven Arbeit und des beträchtlichen Umfanges (in der endgültigen Textedition fasst es drei Bände mit zusammen ca. 1600 Seiten) blieb das Epos ein Fragment. Arno Holz verfolgte die Absicht mit dem Phantasus seine entwickelte naturalistische Programmatik in der Lyrik formerneuernd anzusetzen. Dabei verzichtete er darauf, ein Weltbild in kontinuierlichem Handlungsablauf zu entwickeln. Vielmehr handelt es sich um eine Aneinanderreihung von Sinneseindrücken und Wahrnehmungen, eine Bildersuada in der Traumhaft-Phantastisches sich mischt mit einer schal gewordenen, objektiv-rationalen Wirklichkeit, der Dachkammerexistenz des Dichters. Im Phantasus entwickelt Arno Holz in Anbindung an die Theorien Haeckels und Darwins einen pantheistisch-proteischen Verwandlungsmythos, der das Phantasus-Phänomen als solches konstituiert. Hierbei handelt es sich um die Erscheinung einer sich ewig proteushaft verwandelnden Gestalt, die in zahllosen Metamorphosen evolutionsbiologische Momente und historische Situationen durchläuft und so eine Vielfalt an historischen Perspektiven entstehen lässt.

Diese Arbeit will sich den romantischen Implikationen im Phantasus widmen. Über das Vorhandensein solcher romantisch anmutenden Wesenselemente herrscht in der Forschung Einhelligkeit – so, um nur zwei Fachautoren zu zitieren, spricht Karl Geisendörfer vom „Durchbruch einer tieferen romantischen Wesenseigenart“1 und auch Gerhard Schulz ermittelt „eine eigentümliche Romantik, die hier unter dem Feldzeichen einer naturalistischen Revolution der Lyrik heraufzieht“2. Diese romantische Wesenseigenart soll in ihren Erscheinungsformen herausgearbeitet, analysiert und in den literarhistorischen Kontext eingeordnet werden. Ich habe mich dabei auf einige Aspekte dieser Erscheinungen des Romantischen im Phantasus beschränkt (Teil B.): Die Phantasus-Existenz als Ausdruck universalen Welterlebens soll den Gedanken eines romantischen Universalismus im Phantasus nachweisen, im Weiteren werden das Künstlerbild und die Apotheose bzw. Entgrenzung des Künstler- Ichs am Ende des Epos, in den Kontext romantischer Literatur gestellt. Im Teil A soll der Versuch unternommen werden, die geistesgeschichtlichen bzw. kulturgeschichtlichen Tendenzen der Jahrhundertwende zu skizzieren, vor deren Hintergrund der Phantasus steht, und somit ein Grundverständnis zu schaffen. Hierbei spielt vor allem der Gedanke des psychophysischen Monismus eine große Rolle und die philosophiegeschichtlichen Beziehungen in der Philosophie Eduart von Hartmanns und seinen Wurzeln im Deutschen Idealismus. Dies wird es ermöglichen, den individuellen, autorenspezifischen Wandlungsprozess Arno Holz` nachvollziehbar zu machen. Die Anbindung an zeitgenössische Strömungen der Literatur der Jahrhundertwende erfolgt im letzten Teil (Teil C.) der Arbeit. Hier sollen die in Teil A einleitend skizzierten geistesgeschichtlichen Aspekte aufgegriffen und die in Teil B nachgewiesenen und herausgearbeiteten romantischen Motive, in einem weiteren literarischen Kontext gestellt werden. Im Mittelpunkt steht dabei das Romantikverständnis der Moderne v.a. bei Ricarda Huch. Teil C wird so in einer zusammenfassenden Funktion die entwickelten Gedankengänge aufgreifen und zu einer schließlichen Bewertung formen. Verschiedene Fachliteraturen waren mir immer wieder Bezugspunkt: so die große Phantasus-Analyse von Karl Geisendörfer, Monika Ficks Untersuchungen zum psychophysischen Monismus, Walter Gebhards Analyse des Totalitätsbewusstseins im 19. Jh. und die Überblickswerke von Detlef Kremer zur Romantik und Walter Fähnders zur Avantgarde und Moderne, beide erschienen bei Metzler in der Reihe ‚Lehrbuch Germanistik’. An dieser Stelle sei, wenngleich mit großer Wahrscheinlichkeit sie diese Arbeit nicht lesen wird, Frau Prof. Dr. Monika Fick gedankt für ihre sehr hilfreichen Hinweise in Bezug auf die geistige Verwandtschaft von Monismus und Idealismus, sowie der empfohlenen Literatur, die diese Arbeit zweifellos bereichert haben.

A. Arno Holz und der psychophysische Monismus

1. Die Fixierung des Irrationalen. Sinnenwelt und ‚Weltseele’ im psychophysischen Monismus

„ Die Herrschaft des Naturalismus ist vorüber, seine Rolle ist ausgespielt, sein Zauber ist gebrochen.“3 – so beginnt ein Aufsatz des österreichischen Schriftstellers Hermann Bahr mit dem Titel: „Die Überwindung des Naturalismus“. Erschienen ist die Schrift bereits 1891, und man staunt über die feinfühligen Wahrnehmungen des Autors im Hinblick auf jene literarischen Strömungen, die aus literarhistorischer Perspektive dem Naturalismus folgen und die Bahr bereits zu diesem Zeitpunkt erkannte. Er spricht uns von der Hinwendung zur Psychologie: „Die Bilder der äußeren Welt zu verlassen um lieber die Rätsel der einsamen Seele aufzusuchen – dieses wurde die Losung...“4. Die Hinwendung zum Subjektiven, die Deutung des Menschen von seiner Sinnlichkeit, seiner Wahrnehmungsfähigkeit her, scheint in krassem Widerspruch zu einer naturalistischen Programmatik zu stehen und es stellt sich die Frage, wie sich eine Entwicklung solchen Ausmaßes erklären lässt. Die Geburtsstunde des Monismus und gleichsam eine Antwort auf jene Frage fällt in den Bereich einer neuen Wissenschaftskultur, die sich um die Jahrhundertwende entfaltet. Auf dem Sektor der Naturwissenschaft und Physiologie wirken die evolutionsbiologischen Theorien von Charles Darwin und Ernst Haeckel revolutionär. In der Physik wird, mit der Bestimmung der Materie als Erscheinungsform der Energie, der Mensch buchstäblich aller festen Anhaltspunkte, einer sinnlichen Basis zur geistigen Orientierung beraubt.5 Die Psychoanalyse des Siegmund Freud öffnet den Blick in die Abgründe des Innen – das Triebleben eines jeden – und daran geknüpft die Vorstellung, das Bild, des „in viele Personen zersplitterten Ich“.6 So zerfällt ‚Wirklichkeit’, verflüchtigt sich die von Positivismus und Naturalismus so emphatisch postulierte und analysierte ‚Natur’ in einzelne Empfindungsmöglichkeiten, die an das jeweilige Subjekt gebunden sind und eine Ich-Konstituierung unmöglich machen – „Das Ich ist unrettbar.“, folgert der Philosoph Ernst Mach.7 Dies alles kommt einer Erschütterung gleich. Monika Fick schreibt: „Mit der Öffnung der Horizonte und dem Einbruch des Bedrohlichen werden Energien entbunden, die - entweder in der Verarbeitung des Befremdenden oder in der Flucht vor ihm – auf die Schöpfung neuer Sicherheiten zielen.“8 Der Monismus ist, mit seinen literarischen Erscheinungsformen, der Versuch dieses ‚Bedrohliche’ zu verarbeiten, neue Formen der Weltsicht und Welterklärung zu entwickeln und damit neue Sicherheiten und Orientierungsmöglichkeiten zu schaffen. Beispielhaft erscheint in diesem Zusammenhang die Entdeckung des ‚Unbewussten’. Indem das ‚Wesen’ der Welt nicht länger als ‚Geist’, sondern als Irrationales, Bewusstseinsfeindliches, bestimmt wurde, entwickelte man im Gegenzug Strategien zu dessen Erkenntnis und Beherrschung. In der physischen Welt sah man nun die Offenbarung und Inkarnation des ‚Absoluten’.9 Diese neue ‚Unio mystica’ sollte jedoch nicht das Resultat einer Offenbarung sein, sondern die Frucht der Wissenschaft.10 Die monistische Mystik verlässt sich auf die moderne Naturerkenntnis, insbesondere die Evolutionstheorie.

[...]


1 Geisendörfer S.12.

2 Schulz 1968 S.135.

3 Bahr S. 85

4 ebd. S 86.

5 Fick S. 1.

6 Ebd. S. 2.

7 Zit. n. Fähnders S. 85

8 Fick S. 3

9 ebd.

10 Bayertz S. 102.


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